Lemchen

Ein Gedichtband, Epigrammaton libri duo, verhagelte Simon Lemnius nachhaltig die Karriere. Wofür er sich, zumal ersterer weitgehend eingezogen und verbrannt wurde, mit einem weiteren rächte, der bis heute so wenig ausgegraben, so sehr sich jedenfalls in der Kantonsbibliothek Graubünden wohl zu fühlen scheint – und einen Haufen Derbheiten enthält, die Lessing veranlaßten, sie zu verteidigen und somit den “Schand-Poetaster” teilzurehabilitieren. Die Ungnade rührte vom großen Vorzeigedeutschen Martin Luther selbst, der sich (und weil das allein nicht gereicht hätte, auch jede Menge weiterer „wichtiger“ Persönlichkeiten) darin unvorteilhaft aufs Korn genommen witterte. Also drangsalierte er den jungen Bündner, der in den 1530ern bei Melanchthon in Wittenberg zum hoffnungsvollen Neulateiner ausgebildet wurde, nach seinen Möglichkeiten, dh schließlich per Hausarrest und Prozeßandrohung so zureichend, daß Lemchen mit dem zarten Namen und dem starren Sinn, sein Habe zurücklassend, die Flucht ergriff, die ihn durch die ostdeutsche Provinz und schließlich den Rhein entlang in seine Heimatgegend nach Chur verschlug, wo er nebst einer metrisch gelungenen Darstellung des Triesener Gemetzels im Schwabenkrieg von 1499 (also dem Krieg zwischen Schweizern und Deutschen, samt einer frühen lyrischen Erwähnung der liechtensteinischen Lande) in Die Raeteis ein obszönitätsbasiertes und -triefendes Schmähwerk gegen Luther, die Monachopornomachia (den Mönchs-Huren-Krieg), verfaßte, in dem er die ehelich-unehelichen Beziehungsgeflechte in Wittenberg ausweidet und den großen Reformator als gehässigen, dauernotgeilen Sachsenpapst, als „moguntinus satan, diabolissimus diabolus, merdosus pfaffius“ auflaufen läßt.

Ettlingen

Ettlingen ist Karlsruhes kleine Nachbarstadt, vor allem bekannt aus dem Rundfunk („am Autobahndreieck Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen stockender bis zähflüssiger Verkehr“) und für seine Schloßfestspiele. Minna von Barnhelm im Ettlinger Schloßhof, die Zuschauer unter Plastikcapes, auf die strömender Regen prasselt und die Silben der Schauspieler in tausend Stücke schießt – ein einmaliges Erlebnis, das mich seinerzeit erstmals bewußt auf die Nanoebene der Sprache verleitet hat, Lessing vs. Natur, was blieb, war differenziertes Rauschen, eine Musik aus tropfenartigen Hackstückchen, reduzierten Klangperlen, Sprach-DNS, gelöste Helix, frei im Universum schwebender Wille zum Ausdruck, das menschliche Hirn suchende Energie, unter hunderten Schädeln hat es sich ausgerechnet den meinen als Wirt erwählt. Ettlingen im Regen. Ich starre auf die Alb, wie sie von gleichmäßigem Tropfenschlag getroffen kleine, bereits im Anwachsen verfallende Wasserkreise wie angenehmen Ausschlag produziert und über groben Schotter hüpfend, in gedankenloser Kamikaze, dem Rhein zustrebt. Unter den Brücken stehen wie an Knastwänden abgestrichene Tage die Forellen, kaum mehr als fingergroß. Das Wasser ist dunkel und klar und es führt heraus aus dieser Gegend. Ettlingen im Regen. Das unfaßbarste DFB-Fußballmatch aller Zeiten. Der Platz im Ettlinger Stadtteil Spessart, oben im Schwarzwald, weist von Tor zu Tor im Durchschnitt fünf Prozent Gefälle aus. Von Strafraum zu Strafraum hat sich eine Flußrinne gebildet, deren Ausläufer im Grau der Niederschläge verschwimmen. Im Niemandsland des Mittelfelds schlammige Lachen, die an Wildschweinsuhlen erinnern. Wir spielen in der ersten Halbzeit bergab und mit dem Wind, der den Ball davonträgt, am gegnerischen Tor vorüberhuschen läßt, ein ums andere Mal. Das Spiel kann hier nur in eine Richtung gehen, wenn wir gewinnen wollen (so sicher sind wir uns dessen nicht, der enorme Regen beschäftigt uns aktuell deutlich stärker als unsere Tabellensituation), ist dies einzig mit Treffern in der ersten Halbzeit möglich. Denn in der zweiten geht es bergan, gegen den mittlerweile zum Sturm ausgewachsenen Wind, der den dichten Regen diagonal, also parallel zum Hang, direkt durch die Trikots auf die Haut treibt. In der zweiten steht unser Strafraum komplett unter Wasser, ein natürlicher Schutz gegen die Spessarter Angriffe. Einsam kreist der Ball in den Lachen, als hätte ihn jemand weit hinaus auf einen See geschossen. Die Spieler waten hangauf und hangab, dreschen das Leder in die Luft, um ihm etwas Atem zu verschaffen, es hat sich mit Wasser vollgesogen und platscht dumpf zurück in irgendeine Pfütze, die letzten Streifen trockenen Landes gehen bedrohlich zurück, die ersten von uns versinken bereits wadentief im Morast, da pfeift der Schiedsrichter, mit kulanter Miene, plötzlich ab, zehn Minuten vor der Zeit, das Spiel können wir werten, sagt er, es endet null zu null. Ettlingen im Regen. Nachts stapft ein einsamer Mann auf den Bohlen der Straßenbahnschienen das Albtal entlang. Die Richtungen drehen sich um ihn herum wie in wilder Kamerafahrt. Er sucht den zentralen Einstieg in den Schwarzwald. Neben dem lästigen Kreisen nimmt ihm auch ein verwirrender, äußerst unregelmäßiger Regen die Sicht. Der Mann hat eine Portion Spitzkegeliger Kahlköpfe zu sich genommen und die Situation selbst heraufbeschworen. Aus dem Schotter kriechen Blutegel hervor und haften sich sanft an seine Waden. Der Mann kämpft, gekitzelt von schwarzen Tannenspitzen, mit der weltuntergangshaften Schönheit der Umgebung. Irgendwo dort im Dunkel plätschert, von Regen gelabt, die Alb. Aus dem Strömen der Dinge erklingt eine Zeile von Tocotronic: „Alles was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag.“