Einkehr unterhalb des Rheinfalls

Da rauscht das grüne Wogenband
Des Rheines Wald und Au entlang:
Jenseits mein lieb Badenserland,
Und hier schon Schweizer Felsenhang!

Da zieht er hin, aus tiefer Brust
Mit langsam stolzem Odemzug;
Und über ihm spielt Sonnenlust
Und Eichenrauschen, Falkenflug!

Kein Schloß, kein Dom ist in der Näh,
Nur Wälder schauen in die Flut;
Von Deutschland schwimmt ein zitternd Reh
Herüber, wo es – auch nicht ruht!

Und in der Stromeseinsamkeit
Vergeß ich all den alten Span,
Versenke den verjährten Streit
Und hebe hell zu singen an:

“Wohl mir, daß ich dich endlich fand,
Du stiller Ort am alten Rhein,
Wo ungestört und ungekannt
Ich Schweizer darf und Deutscher sein!

Wo ich hinüber rufen mag,
Was freudig mir das Herz bewegt,
Und wo der klare Wellenschlag
Den Widerhall zurück mir trägt!

O steigt zum Himmel, Lied und Wort!
Schwebt jubelnd ob dem tiefen Rhein!
Hier ist ein stiller Freiheitsport,
Hier sind wir mit dem Rhein allein!”

Da raschelt`s drüben, und der Scherg
Lauscht zweigefärbt durchs dunkle Grün –
Ich fliehe schnell hinan den Berg:
Du stiller Ort am Rhein – fahr hin!

(aus: Gottfried Keller – Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961; gefunden bei und zitiert nach zeno.org)