Nachruf auf Gorrh

der Zorn der Spirituose, ein Kleid aus Feuchtigkeit
den Anstand in der Hose und in der Hand das Leid
das Überschwappen der Seele, Illusionen in Moll
den Krebs tief in der Kehle, klar und stimmungsvoll

barfuß hinterm Ofen, im Anzug unterm Tisch
selbstbewußt beim Schwoofen und wendig wie ein Fisch
zum Frühstück gabs Gottes Eier, zu Mittag gab es Gin
Geld floß den Rhein hinunter, er aber suchte nach Sinn

das Leben wahnsinnig einsam, dann und wann ein Komet
Gebete, ersterbend auf Leinwand, Wut in Glut gesät
in deren stetem Erlöschen schwingt ein Kirchglockenschlag
bittet den zu glauben, der vielleicht glauben mag

(Gorrh starb an Heiligabend 2011 in einem für Monstergötter schwer einschätzbaren Alter von 108 Jahren an Vernachlässigung.)

Schergenteufel (6)

(…) Als ich fragte, ob auch Arme in der Hölle zu finden seien? und der Teufel erwiderte, was ich denn unter dem Wort Arme verstünde, und ich antwortete: Ich meine denjenigen, welcher nichts hat noch besitzt von dem, was die Welt hat und hoch hält, – da rief der Geist: „O du ungelehrter Tropf, hast du denn niemals gelesen, was eurer vornehmsten Väter einer sagt: die Armuth ist ein Wegweiser auf der Straße, die zum Himmel führt? Und wenn er schon etwas zuweit greift, so heißt es doch: wer in der Noth sündigt, ist weniger schuldig. Es wäre auch unbillig, daß die Armen sollten verdammt werden, die doch nichts haben von alledem, das den Reichen die Verdammnis bringt. Daher sind die Armen nicht in unserm Staatenbuch eingeschrieben, und laß dich das nicht Wunder nehmen. Denn meiner Treu! wie könnte ein Teufel ärger sein als ein Ohrenbläser und Neidhund? Als ein falscher, untreuer Freund, den du aus Noth und Tod erlöst hast und der dich unterdrückt, wie ein gleißnerischer, scheinheiliger Schelm im Herzen? Als ein treuloser Lügner, der der einen Partei dient, damit er der andern dienen möchte? Was ist ärger, als böse, verführerische Gesellschaft, als ein ungerathenes Kind, Bruder oder Verwandter, der nichts anderes wünscht, als daß du todt seist und er dein Gut besitze, der sich stellt, deine Krankheit sei ihm leid, und dabei im Herzen wünscht, der Teufel hätte dich schon geholt? Das Alles ficht einen armen Mann nicht an; er hat keine Ohrenbläser oder Schmeichler, keinen, der ihm könnte etwas mißgönnen; er hat keine Freunde, weder böse noch gute, keine Fürsprecher, denn bei den Armen redet ein jeder für sich selbst, weil er kein Geld hat, nach dem Waidspruch der Armen: wer nichts hat, kann nichts geben. Er hat auch keine Gesellschaft; seine Kinder und Freunde haben seinen Tod weder zu wünschen noch haben sie davon zu reden: es sind Leute, die wohl leben und noch besser sterben. Einige sind in ihrem Stand so genügsam, daß sie ihr Leben, Handel und Wandel nicht gegen ein Königreich austauschen möchten, denn sie sind ein freies Volk, betteln, wo sie wollen, gehen hin, wo sie wollen zu Kriegs- und Friedenszeiten; sind frei von allen Auflagen und Zöllen, keiner Gerichtsbarkeit und Botmäßigkeit unterworfen, ohne Zank und Prozeß, kurz unangreiflich und unergreifbar. Sie sorgen nicht für den morgenden Tag und folgen darin den Geboten Gottes, wissen sich in die zukünftige Zeit zu schicken und von ihr alles zu erhoffen, die gegenwärtige gebrauchen sie, die vergangene haben sie vergessen. Wahr zwar ist es, daß die Armen ihre Hölle genugsam auf Erden haben; denn es ist so bei euch Menschen, jeder ist des andern Teufel oft mehr als der Teufel selbst.

Damit ihr nun nicht zu befürchten habt, was das Sprichwort sagt: wenn der Teufel predigen muß, so wird gewiß die Welt untergehen, so bitte ich, Herr Pater, erlöset mich von dem Schergen, in dem ich geplagt werde; dafür sollt Ihr Dank haben.“

Darauf wandte sich der Pater zu uns und sprach: „Nun kann man wohl sagen, daß auch Gott hierin seine Macht erweist; denn du böser Geist bist von Anfang ein Vater der Lüge und alles Betrugs, und nichtsdestoweniger hast du jetzt solche wahrhaften Dinge erzählt, daß wohl ein steinern Herz sich davon bewegen, erweichen und bekehren sollte.“

„O, meinet nicht, daß das zu eurem Besten und Heil geschehen ist, sprach der Teufel nochmals; sondern es ist nur zu dem Zwecke geschehen, daß, wenn es zum Treffen kommen soll, sich eure Strafen umsomehr häufen: denn nun könnt ihr euch nicht mehr durch Unwissenheit entschuldigen, als ob es euch niemand gesagt hätte; eher müßten euch die Steine predigen, ja die Teufel selbst. Denn der Knecht, der des Herren Willen weiß, ihn aber nicht thut, der ist doppelter Streiche werth. Ihr alle aber, die ihr Zuseher und Hörer seid, seid rechte Heuchler; da stehet ihr, die meisten mit weinenden Augen, nicht weil ihr durch eure Sünde Gott erzürnt habt, sondern weil es euch Leid erweckt, daß ihr einmal aus der Welt hinweg müßt; und wenn es bisweilen auch geschieht, daß euch eure Sünden gereuen, so geschieht dies einzig und allein deswegen, weil ihr aus Mangel an Leibeskraft und in Folge des durch viele Jahre verbrauchten Leibes nicht mehr sündigen könnt oder mögt; es fehlt euch deswegen nicht an bösem Willen, den wir ebenfalls nicht ungestraft lassen, insonderheit an denen, die andere lehren und unterweisen sollten.“

„Du bist ein Betrüger! rief der Pater; zweifle nicht, es werden sich hier viele fromme Seelen an deinen Reden und deinem Thun spiegeln und sich vor dir durch den Beistand Gottes zu hüten wissen. Aber ich sehe wohl, du meinst durch dein Geschwätz Zeit zu gewinnen, um den armen Menschen desto länger zu plagen. Darum beschwöre ich dich durch die Kraft und Allmacht Gottes und durch den heiligen Namen Jesus, daß du verstummest und diesen armseligen Menschen verlassest.“

Da fuhr der Böse mit einem großen Brausen aus, und darauf wandte sich der Pater um und sagte zu uns:

„Ihr Herren Freunde und Christen, wenn es auch das Ansehen hat, als habe der Teufel durch diesen armselig geplagten Menschen wie durch ein Werkzeug zu unserm Besten geredet, so ist doch gewiß, daß aus seinem Gespräch ein nachsinnender Christ vielen und merklichen Nutzen haben kann. Darum bitte ich euch Umstehende alle, daß ihr aus gerechtem Haß wider den bösen Geist und seine Wohnung diese Rede darum nicht verachten noch in den Wind schlagen wollt. Bedenket, daß ein gottloser König einstmals die Wahrheit geredet und prophezeiet hat: denn auch Speise genug ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken.

Nun bewahre euch alle Gott, in dessen Namen ich euch segne, demüthig seine Allmacht bittend, daß diese traurige, schreckliche Geschichte zu eurer Besserung und Bekehrung gereichen möge!“

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Schergenteufel (3)

Während ich nun den verdammten Geist mit Verwunderung also reden hörte, fuhr indessen der Pater mit seinen Beschwörungen fort, und um den Teufel vermeintlich stumm zu machen, besprengte er den Menschen oftmals mit Weihwasser, worüber der Besessene heftig tobte, mit den Zähnen ein solches Klappern und mit den Augen eine so scheußliche Gestalt hervorbrachte, daß den Umstehenden recht angst und bange wurde und die Wände davon zitterten. “Meinet nicht,” sprach der Geist, “daß solche Kraft dem Weihwasser zuzuschreiben ist, daß ich so tobe und wüthe; das geschieht allein wegen der Natur des bloßen, puren Wassers; denn nichts fliehen die Schergen ihrer Gewohnheit nach mehr als das Wasser, so daß, wenn uns die Schergen in der Hölle nütze wären, wir sie mit Darreichung eines einzigen Glases Wein im Sprunge zu uns bringen würden. Und damit ihr ja sehet, wie die Schergen so gar nichts nach heiligen und geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genannt hat, welchen Namen sie nach ihrem Handwerk in Häscher verwandelt haben, weil sie die Leute haschen, schieren und scheeren, daß sie oft verzweifeln müssen.”

Als der Pater, sich bekreuzigend, das hörte, sagte er zu mir, daß ich mich durch des Bösewichts Spottreden nicht beirren lassen möchte, da er tausend Schelt- und Schmähworte wider die heilsame Gerichtsbarkeit und deren Diener ausstieß, weil sie die Gottlosen straft und sie dadurch auf den rechten Weg und zu ihrer Bekehrung leiten wollte, so daß viele Seelen aus des Feindes Banden, darin sie gefangen lägen, könnten erlöst werden.

“Untersteht euch nicht, euch mit mir in Disputationen einzulassen!” rief der Teufel; “ich habe mehr erfahren und gelernt als ein Pater. Machet nur, daß ich von diesem Schergen erlöst werde, ich bitte darum; denn so ein stattlicher Teufel, wie ich bin, sollte sich billig schämen, in eines Schergen Leibe länger zu wohnen.” “Das soll, sprach der Pater, so Gott will, bald geschehen, damit der arme Mensch von dir befreit werde. Warum, möchte ich wissen, plagst du den armen Leib so?” “Darum, sprach der Geist, weil seine Seele und ich miteinander in Streit gerathen sind, wer der ärgste Teufel von uns beiden sei, der Scherge oder ich.”

Das Geschwätz wurde dem Pater überdrüssig; ich aber bat ihn, mir zu erlauben, daß ich den Besessenen etwas fragen dürfte, vielleicht könnte es mir, dachte ich, nützlich sein, ob es schon des Teufels Meinung nicht war. Er erlaubte es mir. (…)

Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich.

“Ja freilich,” antwortete der Teufel, “es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen. Allda ist zu sehen, wie, wenn ein neuer Schwärmer von ihnen ankommt, er seine Begrüßungsschreiben einhändigt in der Hoffnung, die erhabenen Gottheiten, die die Dichter begeistern, wie Charon, Cerberus, Minos, Pasiphan, Megära, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptun, Bacchus, Juno, Venus, Kupido, Mercur, Jupiter, Apollo, Diana und andere zu finden und zu begrüßen.” Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten? Da antwortete der Geist: “Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.” Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten. Darüber tobte der Geist und sprach: “Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören: und so geschieht es auch bei den Musikanten. Etliche haben ihre Belohnung darin, daß sie nach vielen hundert und tausend Jahren nicht aushören können, ihre Verse zu revidiren und zu corrigiren. Einer giebt sich mit der Faust einen Stoß vor die Stirne; ein anderer kratzt sich hinter den Ohren; einer krabbelt sich in der Nase; ein anderer läuft neun Meilen Wegs in seinen Pantoffeln und weiß nicht, daß er aus seiner Studierstube gekommen ist; ein anderer hat keine Ader (das heißt, die Grillen wollen ihm nicht steigen), er habe denn getrunken. Ein anderer seufzt; ein anderer summt und brummt wie eine Hummel in der Trommel; ein anderer verkehrt die Augen wie eine Geiß, die geschlagen oder gestochen wird, und dennoch können sie noch heut zu Tage nicht finden und errathen, ob man sagen solle vultus oder facies, scripsit oder scribsit, sumptus oder sumtus, optimé oder óptime, sollicitus oder solicitus, und ob diese oder jene Silbe lang oder kurz ist. Einige, um ja nicht neben die Schnur zu hauen, gehen, rennen auf und ab, nagen sich die Nägel an den Fingern ab bis aufs Blut, wie Unsinnige, und bei diesem tiefen Nachsinnen fallen sie in verdeckte Gruben, daraus man sie nur mit großer Mühe bekommen kann. Die komischen Dichter aber sind die ärgsten und haben gerechte Strafe zu erwarten, weil sie so manche Königin, Prinzessin und Göttin ihrer Ehre beraubt, so viele ungleiche Heirathen gekuppelt und so viele rechtschaffene Cavaliere – bei diesem Worte forschte ich von dem Geist, ob es einen Edelmann, einen Soldaten, einen Junker oder Knecht benamsete? Worauf er antwortete: “Wir haben in der Hölle schon manchmal deswegen Rath gehalten, aber kein Teufel hat noch das Richtige finden können” – ihrem Vorgeben nach so schimpflich und treulos angeführt haben, wie es im Amadis, den Schäferspielen, der Diana des Monte Major, im Löwenritter, Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln und andern gleichen Geschichten zu sehen ist. Und diese Poeten sind ärger als die andern, weil sie so viel List und Ränke, so viele Künste und Schelmenstückchen erdacht haben, weswegen man ihnen in der Hölle ihr Quartier bei den gewissenlosen Procuratoren und Prozeßmachern angewiesen hat, als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren sind.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Schergenteufel (2)

(…) Es giebt Leute, die man für die Frömmsten und Heiligsten hält: die dem Glauben sehr ergeben, die nicht straucheln auf der Bahn des Rechts, tief erfahren in der Heilkunst, voll wissenschaftlichen Ernstes, von gradem Lebenswandel, kurz, reich an mannichfachen Titeln. Aber wenn ich das Herz recht auskundschaftete, so kam ich allemal zu dem unwidersprechlichen Schluß: diese Leute sind wahrhaftig nicht so, wie sie sich stellen; es ist Schminke, Falschheit und Heuchelei dahinter. Es stellen sich viele, als wollten sie etwas sein und sind es doch nicht; viele stellen sich nicht also, sind es aber doch. Daher sagt der Spanier: der Spanier stellt sich weise und ist närrisch; der Franzmann stellt sich weise und ist närrisch; der Italiener stellt sich närrisch und ist weise; der Deutsche stellt sich närrisch und ist weise.

Viele wissen sich mit Worten vor den Leuten nicht gering genug zu machen und zu demüthigen, nur damit sie mehr vorgezogen, mit großen Namen geehrt, geziert und gelobt werden, während sie anderswo ihre Pfauenfedern gewaltig hervorthun, die sie doch in christlicher Demuth sinken oder gar ausreißen lassen sollten. Solche scheinbare Sanftmuth ist der ärgste Stolz und die ärgste Ehrsucht: es ist Heuchelei, Schmeichelei, Liebkosen, heimliche Bosheit, heimliche Arglist, heimlicher Geiz, heimlicher Neid, heimliche Mißgunst, heimliches Irgendwas. Bei dem gemeinen Manne findet es einigen Schein, von verständigen Leuten wird es gemerkt und endlich verlacht; der gemeine Mann läßt sich überreden, wenn man sich nur nach seiner Noth und seinem Anliegen zu stellen weiß, er denkt nicht daran, was für Geschmink und Falschheit dahinter steckt. Nimmermehr aber kann es da etwas Redliches sein, wo man so sehr hinter dem Berge hält, wenn man Brei im Munde hat und dem Kinde nicht will den rechten Namen geben.

Viele können schwerlich leiden, daß von ihrem Nächsten irgendetwas Löbliches geredet und gerühmt werde, es verdrießt sie das im Herzen, als ob ihnen dadurch etwas an ihren Ehren genommen würde; sie schmälern auch selbst, wo nicht durch öffentliches Afterreden, so doch durch heimliches Einhauen, heimliches Ohrenblasen, wie sie ihrem Nächsten möchten eins auswischen, ihm möchten eine Klette anhängen, ihn durch die Hechel ziehen, an seinem Glück und seiner Wohlfahrt hindern, insonderheit mit dem verkleinernden Aber. Sie stellen sich mitleidig, thun als wollten sie dich loben: jedoch mit einem schändlichen Aber stoßen sie alles, auch dich selbst, wieder zu Boden, bringen dich von Ehren, von Hab und Gut und mit Weib und Kind unbarmherzig in Elend und Verderben.

Das ist der Welt Sitte: wir spiegeln uns und kitzeln uns mit fremder Thorheit und bedürfen doch selbst alle wohl, daß uns einer die Hand reicht.

In solchem Welthandel dachte ich: nun helf dir Gott, Philander! Mußt du dich in diese Weltköpfe alle schicken, was wird es dann noch für Angst und Arbeit kosten! Welche Drangsal und Verfolgung wirst du noch von Schelmen, von Dieben, von Zauberern leiden müssen? Heuchelst du nicht mit, sondern wirst wie ein redlicher deutscher Michel frei durchgehen und aus gutem Herzen alles meinen, reden und thun wollen? Dann wird man deiner wenig achten. Heuchelst du aber und thust also, welche Gefahr dann deiner Seele! weil Gott keine falschen Leute, die aus Furcht oder Heuchelei ein Ding thun oder lassen, sondern nur redliche Leute will im Himmel haben. Ich beschloß also, obschon durch böse Zungen gar oft ein frommer Mann, der alles dulden kann, aus seinem Ort gedrängt ist, doch lieber zu leiden als zu lügen, lieber Esel zu sein als ein falscher Hund: Offenheit ist besser als List. Dabei dachte ich aber, es möchte vielleicht nur in meinem Vaterlande so beschaffen sein, anderswo aber redlichere Arbeit und bessere Belohnung geben. Um das recht eigentlich zu erforschen, nahm ich mir alsbald in unschuldiger Einfalt vor, über den blauen Berg in ein anderes Land und Reich zu ziehen und zu sehen, ob daselbst Treu und Glauben, Religion und Redlichkeit auch so vermummt wären, oder besser zu finden, ehrlicher gehalten und belohnt würden.

Zu diesem Ende zog ich im Frühling in Gottes Namen davon und nahm meinen Weg über Nancy in Lothringen auf Paris zu… Als ich Abends daselbst ankam und in der Herberge zum heiligen Nicolaus einkehrte, begab es sich, daß zwei Priester mit zu Tische saßen, Namens Louis von Ainuille und Karl Foussat von Alsdorf; dieselben sagten mir, daß man morgenden Tags einen Besessenen unfern von da in Notre Dame de Bon-Secours, vor St. Nicolaus Pforte, beschwören wollte; wenn ich nun Willens wäre, selbiges mit anzusehen, so wollten sie mir dabei behilflich sein. Ich nahm ihr Anerbieten mit Dank an; dann schlief ich nach geschehenem Nachtwunsch in Gottes Namen ein. Früh Morgens fand ich mich mit meinem Wirth an dem bestimmten Orte ein; da trieb mich denn mein Vorwitz, wie auch die andern, so daß ich gar sehr ins Gedränge gerieth, dem einen hier, dem andern da einen Stoß versetzte, weil jeder der Vorderste sein wollte.

Als mir aber die Zeit zu lang wurde, und ich eben wieder zur Stadt zurückkehren wollte, da begegneten mir zu gutem Glück die obengedachten Priester und redeten mir zu, wieder mit umzukehren und mich weder Zeit noch Mühe deswegen verdrießen zu lassen, und führten mich durch eine kleine Thür hinein zum Altar. Alsbald sah ich einen Menschen von scheußlichem, schrecklichem Angesicht, mit zerrissenen Kleidern, dem standen die Haare auf dein Haupte wie Igelstacheln, seine Stirn war gefalten wie ein Rock, die Augenbrauen gekrümmt wie ein Bogen, die Augen glänzend wie eine Fackel, mit schäumendem Maule wie ein Roß; der fing an jämmerlich zu schreien und greulich zu zittern: er zischte wie eine Schlange, knirschte mit den Zähnen wie ein Eber, blähte den Mund auf wie ein Blasebalg, sperrte die Kehle auf wie ein Schlauch, zerkratzte mit den Händen sein Angesicht und zerschlug sich die Brust und zuletzt, als ob er gestorben wäre, sank er zu Boden und gaffte mit wüsten Gebärden gen Himmel. – O Gott! sprach ich und schlug ein Kreuz, was ist das! und ein Geistlicher, der bei ihm stand und ihn beschwören wollte, sagte zu mir: “Da seht Ihr den elenden Menschen, der vom bösen Geiste besessen ist.” Alsbald hob der böse Geist an in ihm zu reden und rief: “Du Pfaff’ hast’s erlogen, denn nicht ein Mensch ist von einem bösen Geiste besessen, sondern ein böser Geist ist von einem Menschen geplagt. So wisset nun, daß wir Geister, wider unsern Willen gezwungen, bisweilen in den Menschen, insonderheit in den Schergen wohnen. Darum, wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt, so sagt nicht, dieser ist ein besessener Mensch, sondern es ist ein verteufelter Scherge, ein verschergter Teufel, ein Teufelsscherge, ein beschergter Teufel; denn die Menschen können sich insgemein viel besser vor dem Teufel durch das heilige Kreuz segnen und hüten, als vor einem Schergen, daher sie auch Allerwelthaß genannt werden. Auch wenn man unser Wesen und der Schergen Thun gegen einander stellt, so ist es gleichförmig in allen Stücken; denn gleich wie sich die Teufel abarbeiten und geschäftig umherlaufen, damit die Menschen gestraft und verdammt werden möchten, so thun es auch die Schergen und warten mit Verlangen, wo der Richter ihnen einen Angriff zu machen befiehlt. Die Teufel wünschen, daß die Welt nur voll böser Buben wäre; dasselbe wünschen auch die Schergen, damit sie immer zu jagen, zu klagen und zu nagen haben, und sie thun es viel eifriger noch, weil sie ihres Lebens Nahrung in dieser Gestalt suchen und erhalten. Darin sind denn die Schergen noch ärger als die Teufel, denn sie thun demjenigen Böses an, der doch ein Mensch ihres Wesens und Geschlechts ist und ihnen oftmals Gutes erwiesen hat; das thun die Teufel, obschon sie aller Gnaden beraubte Engel sind, aber nicht. Darum höre auf, Pater, denn es ist alles vergebens mit deinen Gaukeleien und Beschwörungen; wenn der Teufel einen Menschen einmal in seine Schlinge bekommen hat, so ist er, wenn ihn Gott nicht erlösen wird, nicht wieder zu retten.

So war es besonders mit diesem Schergen, dieweil ja die Schergen und Teufel eines Handwerks sind, nur darin unterschieden, daß jene verkleidete und vermummte Teufel sind, diese aber unbeleibte, unsichtbare Teufel und ein verdammtes Leben in der Hölle führen, grade wie die Schergen auf Erden.”

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Schergenteufel

Nachdem ich in meiner Jugend von meinen Eltern im Christentum einfältig unterwiesen und im elften Jahre auf die nächstgelegene hohe Schule an der Ill, zwei Stunden Wegs von Wilstädt, geschickt war, um Kunst und Tugend allda zu lernen, und etliche Jahre hintereinander dort ausgehalten hatte: da fand ich schließlich, als ich die Schule verließ, daß mir alles, was ich daselbst in den Büchern von der Welt und ihrem Wesen gelesen und aus dem Thun und Leben, dem Handel und Wandel der Menschen abgesehen und gemerkt hatte, dergestalt vorkam, daß ich mich schlechterdings danach nicht richten könnte.

Ich las die Weltgeschichte: aber ich hörte es doch anders, als da geschrieben stand. Ich hörte die Leute in ihrem Wesen reden: aber ich sah es anders, als sie redeten. Ich sah die Leute an: aber ich sah sie anders, als sie schienen und aussahen. Jedem Ding gab man zwar seinen Namen und seine Gestalt: aber es war bloßer Name und Gestalt, denn das Innere war anders; von außen war alles herrlich, aber sobald man danach griff, war es ein Schatten und verlor sich unter den Händen. Es gleißte über die Maßen, aber es war darum kein Gold, sondern gefährliches Operment und Antimon. Ich wußte nimmer, wie ich das verstehen oder mich in die gefärbten und versteckten Dinge schicken sollte; mit einem Worte: es däuchte mir aller Menschen Wesen nur eine angenommene Weise, eine eitle Heuchelei zu sein, und das fast ohne Unterschied bei allen Ständen.

Ich hatte gelesen, daß die Staatsmänner heutiges Tages solche Leute wären, welche durch große Erfahrung, durch Studium, durch Reisen, durch an den Höfen erworbene, sanftmüthige Beredtsamkeit und anmuthige Leutseligkeit alle Städte und Stände in erwünschtem Wohlstande regieren könnten.

Ich fand aber in Wahrheit, daß sie meist heimtückische, falsche, eigensinnige, eigennützige, theils auch unchristliche Leute und Tyrannen waren, die durch erlernte, welsche Künsteleien alles Wasser allein auf ihre Mühle zu leiten wußten, die allen gelehrten, redlichen Leuten spinnefeind, allen gerechten, gottliebenden Menschen gehässig und hinderlich waren; die ihre vertrautesten Freunde und Brüder mit den allerzierlichsten Worten und höflichsten Erbietungen, auch mit besonderen Liebeserweisungen über ein Bein zu Boden warfen; die durch gleißnerische Sanftmuth die Einfältigen zu hintergehen, die Aufrichtigen durch scharfsinnige Arglist umzuwerfen und zu verderben, die Städte und Stände, Herrschaften und Unterthanen mit erdichteten Auflagen in Mißtrauen zu setzen, gegen einander zu hetzen, zu trennen und zu plagen, mit großen Versprechungen zu gewinnen, durch kostspielige Aufzüge in Zerrüttung und gänzlichen Untergang zu stürzen gelehrt waren.

Ich hatte gelesen, daß die Philosophen die weisesten Leute sein sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie oft die größten Narren waren. Ich hatte gelesen, daß die Aerzte die Kranken heilen und gesund machen sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie, ebenso gut wie andere, an denselben Krankheiten selber sterben mußten.

Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befördern sollten: befand aber in Wahrheit, daß niemand dem Recht mehr hinderlich und schädlich war als eben die Juristen. Ich hatte gelesen, daß die Theologen heilige, unsträfliche Leute sein und das heilige Wort Gottes getreulich lehren sollten: befand aber in Wahrheit, daß grade viele derselben in unversöhnlichem Haß und Neid, in Ehrgeiz und Geldgier und andern Sünden und heimlichen Lastern lebten, ja daß sie das hochheilige Wort Gottes durch selbstausersonnene Beredtsamkeit und durch verdammliche philosophische Erklärungen schändeten und kraftlos machten.

Demnach schloß ich: es ist wahrlich unsere Welt ein lauteres Spiel und all unser Wesen eine Spiegelfechterei.

Und o wehe uns armen Menschen, die wir also weise, also gesund, also gerecht und selig werden sollen! Die wir unser Elend sogar nicht erkennen, noch uns daraus helfen können! Wehe unserm liebwerthen Vaterlande, das durch die Reisen in fremde Länder mit fremden Lastern so angefüllt wird, daß zu besorgen ist, Gott könne diesem Greuel länger nicht zusehen, sondern werde uns wie Israel zu nichte machen. Was das Schicksal will, kann durch keine Rathschläge, keine Künste, keine Mittel der Klugheit gemieden oder gebessert werden.

Zu Gott kommt man durch Frömmigkeit allein,
Gott will in Frömmigkeit nur angebetet sein.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Der Mönch von Heisterbach

Ein junger Mönch des Klosters Heisterbach
Lustwandelt an des Gartens fernstem Ort.
Der Ewigkeit sinnt still und tief er nach
Und forscht dabei in Gottes heil’gem Wort.

Er liest, was Petrus der Apostel sprach:
Dem Herren ist ein Tag wie tausend Jahr
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.
Doch wie er sinnt, es wird ihm nimmer klar.

Und er verliert sich zweifelnd in den Wald.
Was um ihn vorgeht, hört und sieht er nicht.
Erst wie die fromme Vesperglocke schallt,
Gemahnt es ihn der ernsten Klosterpflicht.

Im Lauf erreichet er den Garten schnell;
Ein Unbekannter öffnet ihm das Tor.
Er stutzt – doch sieh, schon ist die Kirche hell
Und draus ertönt der Brüder lauter Chor.

Nach seinem Stuhle eilend tritt er ein.
Doch wunderbar, ein andrer sitzet dort,
Er überblickt der Mönche lange Reih’n:
Nur Unbekannte findet er am Ort.

Der Staunende wird angestaunt ringsum,
Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr,
Er sagt’s, da murmelt man durchs Heiligtum:
Dreihundert Jahre hieß so niemand mehr.

Der letzte dieses Namens, tönt es laut,
Er war ein Zweifler und verschwand im Wald;
Man hat den Namen keinem mehr vertraut,
Er hört das Wort, es überläuft ihn kalt.

Er nennt den Abt und nennt das Jahr.
Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand,
Da wird ein großes Gotteswunder klar:
Er ist’s, der drei Jahrhunderte verschwand.

Der Schrecken lähmt ihn, plötzlich graut sein Haar.
Er sinket hin, ihn tötet dieses Leid.
Und sterbend mahnt er seiner Brüder Schar:
Gott ist erhaben über Ort und Zeit.

Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar.
Drum grübelt nicht, denkt meinem Schicksal nach.
Ich weiß, ihm ist ein Tag wie tausend Jahr,
Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.

(von Wolfgang Müller)

Hick (2)

Es war noch heller Tag, als er in Cöln ankam. Er verkaufte seine Kuhhaut, aber er erhielt nur weniges dafür, nicht mehr als er in Liebershausen auch würde bekommen haben, wenn dort Geld gewesen wäre. Seinen Vogel wollte ihm Niemand abkaufen. Ziemlich mißmüthig kehrte Hick in einem Wirthshause am Heumarkte ein, um sich durch ein Glas Bier zur Rückreise zu stärken, – Man hat ein altes Sprichwort: Wo der liebe Gott eine Kirche hat, da hat der Teufel eine Kapelle nebenan! Ist dieses Sprichwort ein Wahrwort, so muß der Teufel in Cöln viele Kapellen haben. Dem Hick schien das Wirthshaus in dem er eingekehrt war, wirklich eine solche Teufelskapelle zu seyn; denn, während der Mann nicht zu Hause war, sah er die hübsche junge Wirthin in einem Kammerchen neben der Wirtsstube einen glatten, vollgenährten Mönch mit Wein und Schinken und Wursten tracktiren und dabey die Beyden allerley Kurzweil treiben, die sie vor dem Manne wohl schwerlich hätten mögen sehen lassen. Hick stellte sich jedoch, als bemerke er nichts, und trank ruhig sein Glas Bier, indem er seinen Raben streichelte.

Auf einmal sah die Wirthin über den Heumarkt her ihren Mann ankommen. Darüber gerieth sie in große Angst, denn er war schon zu nahe, als daß sie den Mönch unbemerkt hätte aus dem Kämmerchen schaffen können, und eine Hinterthür hatte dieses nicht. Sie versteckte daher, so gut es angehen wollte, den Mönch unter der Treppe, und warf den Schinken unter eine Kiste, und die Weinflasche in das Bette. Dann trat sie, wie die Weiber wohl zu thun pflegen, gar freundlich und zärtlich ihrem hereinkommenden Manne entgegen. Doch als dieser ihr glühendes Gesicht bemerkte, und sie darüber etwas verwundert ansah, ging sie verwirrt hinaus.

Der Wirth sah ihr eine Weile sinnend nach; dann aber fiel ihm der Fremde mit dem Raben auf, und nachdem er Beyde eine Zeitlang gemustert, fragte er den Hick: Uemchen wat haad he do för en Dier?

Da bekam der listige Hick einen sonderbaren Gedanken. Einen Wahrsager! antwortete er. Einen Wahrsager: wiederholte der Wirth, stutzte, warf einen zweifelhaften Blick auf die Thüre, aus der seine Frau gegangen war, rieb die Stirne, und bat den Hick, den Vogel etwas wahrsagen zu lassen.

Recht gerne! meinte Hick, aber nur nicht umsonst!

Der Wirth zog Geld hervor, ein ganzes Quärtchen, und gab es dem Hick. Und dieser kniff seinen Raben in den Schwanz, und der Rabe schrie mit lauter Stimme: Quak! quak!

Wat haad he gesagt? fragte eifrig der neugierige Wirth.

Er hat gesagt, antwortete Hick, in dem Kammerlein dort liege eine Flasche Wein im Bette!

Schnell eilte der Wirth in das Kämmerchen, suchte im Bette und fand die Flasche Wein, die nur noch zum dritten Theile voll war. Er wurde glühend roth im Gesichte, und rieb sich heftig vor der Stirne. Dann aber ging er zum Hick zurück, und verlangte, der Vogel solle noch mehr wahrsagen.

Recht gerne! meinte Hick wieder; aber ich muß auch mehr Geld haben!

Der Wirth zog noch ein Quärtchen hervor, und dann noch eins, und ein drittes und viertes, weil Hick immer den Kopf schüttelte. Als aber nun der Kronthaler voll war, kniff Hick seinen Raben wieder in den Schwanz, und dieser schrie wieder: Quak! quak! – Und der Wirth fragte wieder eifrig, was er gesagt habe?

Er hat gesagt, antwortete Hick ruhig, unter der Kiste dort stehe ein Schinken.

Auch den Schinken fand der Wirth, und glühete stärker und rieb seine zuckende Stirne immer heftiger, und verlangte doch noch eifriger von Hick, der Vogel solle ihm noch mehr wahrsagen. Allein Hick war klug. Heute nicht! antwortete er; es schmerzt den Vogel zu sehr, wie auch sein Schreyen Euch kund gibt. Wartet bis morgen!

Aber der Wirth konnte keinen Augenblick mehr warten. Nein, gleich! rief er, auf der Stelle muß er wahrsagen! und er warf all sein Geld auf den Tisch, das er bey sich trug; drey, vier, fünf Kronthaler. Dem Hick lachte sein Herz im Leibe über den Anblick des schönen Geldes, aber er hielt sich doch standhaft; da wurde der Wirth fast wüthend, und schloß einen Schrank auf und nahm ein blankes Goldstück daraus und legte das zu den Kronthalern. Da konnte denn auch Hick nicht länger mehr an sich halten, er kniff das Thier zum drittenmale in den Schwanz, dieses schrie wieder laut sein: Quak, quak, und der listige Lieberhäuser offenbarte nun: Unter der Treppe stecke ein Mönch!

Bebend vor Zorn stürzte der Wirth in das Kammerchen, zu der Treppe, zog mit gewaltiger Faust das bleiche Mönchlein hervor, und – die Szene, in der jetzt Eins der zehn Gebote mit kraftigem Arme ausgelegt wurde, bedarf wohl keiner Beschreibung.

Hick, im Besitze seiner Reichthümer, sah unterdeß sehr ruhig und zufrieden zu, ließ sich noch ein Glas Bier geben, und wollte sich dann zur Rückreise anschicken. Doch der eifersüchtige Wirth wollte ihn mit dem Vogel nicht ziehen lassen. Den Wahrsager, rief er, lasse ich nicht wieder aus dem Hause; Ihr müßt ihn mir verkaufen!

Hick aber schüttelte listiger Weise gewaltig den Kopf. Das Thier ist mir nicht feil! erwiederte er, aber desto wohlgefälliger lächelte er, als der Wirth wieder den Geldschrank aufschloß, und den Beutel hervorzog, in dem die Goldstücke waren.

Drey zählte er davon auf, blank und glänzend, und verlangte den Vogel dafür; noch drey legte er dazu, als Hick noch nicht ja sagen wollte. Da strich dieser das Geld ein, gab den Vogel ab, und lief, was er laufen konnte, aus Cölns Mauern heraus.

Arm war Hick aus Lieberhausen gegangen, der ärmste des Dorfes; als ein reicher Mann kam er zurück. Nicht blos er, kein Mensch in ganz Lieberhausen hatte je so viel Geld beysammen gesehen. Mit Gewalt wollten die Lieberhausen daher wissen, wie Hick dazu gekommen sey. Tag und Nacht bestürmten sie die Hütte als Beneidenswerthen, der jetzt jeden Abend seine Kinder satt futtern konnte, und fragten ihn, woher er die Reichthümer bekomme habe?

Ich will es Euch sagen, antwortete Hick zuletzt, für meine Kuhhaut; das Zeug ist dort entsetzlich theuer!

Da frohlockten die Lieberhäuser, und schlachteten auf der Stelle all ihr Vieh, daß am andern Morgen keine lebendige Kuh mehr in Lieberhausen war. Die Häute luden sie auf und wanderten damit nach Cöln und sangen und jubelten vor Freude. Aber wie fanden sie sich betrogen, als in Cöln die Kuhhäute nicht theuerer waren, als in Lieberhausen auch! Der Verdruß und der Aerger des gefoppten Volkes war unglaublich; aufs höchste erbittert gegen Hick kehrten sie heim, und beschlossen einmuthig, ihn, als die alleinige Ursache ihrer Schmach und ihres Unglücks, zu tödten. Lange gingen sie zu Rathe, auf welche Art sie dieß ins Werk stellen sollten, zuletzt schlug Einer vor, man solle eine große Tonne kaufen, in dieser den Hick einsperren, und ihn so zum Rheine wälzen, um ihn dafür seine hinterlistige Lüge büßen zu lassen, wohin dieser sie gefoppt habe. Mit Freuden wurde dieser Vorschlag angenommen. Man kaufte in der Stille eine große, starke Tonne, überfiel dann eines Morgens den Hick, als dieser eben mit seinen Kindern bey dem wohlschmeckenden Frühstücke saß, warf ihn in die Tonne, schlug den Boden derselben hinter ihm zu, und rollte ihn dann unter wildem Gejauchze zum Rheine. Das ganze Dorf ging mit.

Tandernaken, al op den Rijn

Tandernaken, al op den Rijn,
daer vant ic twee maechdekens spelen gaen;
die eene dochte mi, aen haer aenschyn,
haer ooghen waren met tranen ombevaen:
“nu segt mi, lieve ghespele goet,
hoe sweert u herte, hoe truert uwen moet,
waer om ist, dat woudys mi maken vroet?”
- “Ic en cans u niet gesagen;
tis die moeder diet mi doet,
si wil mijn boel veriagen, veriagen.”

- “Och lieve ghespele, daer en leyt niet an,
den mey die sal noch bloeyen;
so wie zijn liefken niet spreken en can,
die minne mach hem niet vermoeyen.”
- “Och, lieve ghespeelken, dats quaet sanck,
den mey te verbeyden valt mi te lanc;
het soude mi maken van sinnen also cranc,
ic soude van rouwe sterven.
Ic en weets mijnder moeder geenen danc,
si wil mijn boel verderven, verderven.”

- “Och, lieve ghespele, daer en leyt niet an,
nu schict u herteken al in vreden.”
- “Mijn moeder plach te spinnen, des en doet si niet,
den tijt en is niet lange gheleden;
nu schelt si mi hier, nu vloect si mi daer,
mijn boelken en dorf niet comen naer,
daer om is mijn herteken dus swaer;
ist wonder dat ic truere?
ende ic en mach niet gaen van haer,
ter veynster, noch ter duere, noch ter duere.”

- “Och, lieve ghespele, dat waer wel quaet,
wilt sulker tale begheven,
hadde ic ghedaen mijns moeders raet,
ic waer wel maecht ghebleven.
Nu hebbe ic sinen wille ghedaen,
mijn buycken is mi opghegaen,
ende nu so is hi mi ontgaen
ende gaet elwaerts spelen.
Des moet ic laten so menighen traen,
ic en cans u niet gehelen, gehelen.”

- “Ghespele, wel lieve ghespele goet,
en sidy dan gheen maecht?”
- “Och neen ic, lieve ghespele goet,
ende dat si ons heer God gheclaecht.”
- “God danck, dat ic noch maghet si;
spiegelt u, lieve gespeelken, aen mi
ende wacht u, oft ghi en zijt niet vrij,
ten sal u niet berouwen;
coemt hem nemmermeer niet na bi
oft ghi wort gheloont met trouwen, met trouwen.”

- “Ghespele, hi seyt dat hi mi mint.”
- “Dis minne plach mi te lieghen;
en ghelooft die clappaerts niet en twint,
si staen al na bedrieghen.”
Doen loech si nen groten schach;
dat was die maghet die op mi sach.
Ic boot haer minnelic goeden dach,
ic groetese hoghelike.
God gheve dat icse vinden mach
bi mi, in hemelrijcke, in hemelrijcke!

(Aus dem Antwerpener Liederbuch, 1544)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt (2)

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen. (Beschluß.)

Nicht fern von dem Falle erweitert sich das Bette des Stroms etwas; ich habe vergessen, zu fragen, wie breit er hier ist, kann mich auch nicht erinnern, irgendwo eine Angabe gelesen zu haben, und finde das sehr natürlich. Welcher Kleinigkeitsgeist, welcher phlegmatische Zahlensinn gehört dazu, in den Augenblicken, wo man ein Naturwunder anstaunt, an Welten und an den Schöpfer aller Welten denkt, nach Fußlängen sich zu erkundigen! Bei der Rückerinnerung dünket mich, daß der Rhein hier etwa halb oder zwei Drittel so breit seyn mag, wie bei Basel. Die dasige Brücke über denselben hat 715 rheinische Fuß, und der Fluß ist bei höherm Wasserstande im Sommer, nur etwa 50 bis 60 Fuß schmäler.

Je reißender der Strom nicht fern vom Falle noch ist, je mehr Felsenblicke in seinem Bette liegen, um so größer muß der Bogen werden, um so mehr müssen der besondern Krümmungen seyn, wodurch die Ueberfahrt verlängert wird. Wir brauchten ungefähr 5 Minuten. Keiner von uns dreien dachte daran, die Dauer der Ueberfahrt nach der Uhr genau zu messen, ohne Zweifel aus derselben Ursache, warum wir vergaßen, nach der Breite des Flusses zu fragen. Ich wünschte hierdurch einen Reisenden aufmerksam zu machen, um beides zu bestimmen.

Nach dem Landen auf dem linken Ufer stiegen wir eine nicht kleine Anhöhe hinauf, zu dem Schlosse Lauffen; dann, ohne uns für jetzt zu verweilen, einen, durch Stufen bequem, durch ein Geländer gefahrlos gemachten Weg an den Rhein hinunter, wo eine Gallerie über den Strom hinein gebaut ist, und bis unter das äußerste linke Ende des Falles hinläuft. Hier wird das Brausen der Wellen ein mächtiges Donnern. Vom Arme der Allmacht unter einander geschleudert, vom Kampfe gegen die Felsen zu einem mit sich selbst übergehend, löst ein Theil sich in Staub auf, welcher dicht vor dem Wasserfalle herschwebt, sich zu einem immer feiner werdenden Nebel verdünnt, bis er in einer Entfernung von 6 bis 700 Fuß verschwindet. Regenbogen in diesem dichtern Nebel und in den Fluten des Falles selbst müssen einen prachtvollen Anblick gewähren. Uns wurde diese Erhöhung des großen Naturzaubers nicht; nur Momente blickte die Abendsonne unter Wolken hervor.

Auf dem äußersten Ende der Gallerie steht man beständig wie in einem sanften Sprühregen, indeß die herabstürzenden Fluten hart neben, zum Theil über einen wegfallen. Zuweilen, wenn der Wind sie ergreift, wird man derb davon benetzt. Dreimal vertrieben sie mich, und dreimal trat ich wieder hin; hätte nicht der Abend sich bereits genähert, ich würde Stundenlang gestanden haben auf dieser Stelle, gewiß eine der schönsten und erhabensten auf der ganzen weiten Erde. Bald blickt man über sich in die in Absätzen herunterstürzenden Fluten, bis zu deren Anfange das Auge nicht emporschauen kann, bald auf den Fall über die andern Felsen im Strombette, welche man, so stehend, links hat, dann wieder rückwärts in das Toben der furchtbar beunruhigten Wogen. Man sieht, empfindet, staunt, bewundert, fühlt den Schöpfer solcher Zauber größer und sich näher, und betet an im reinern Geiste, denn in irgend einem Tempel. Beschreiben, malen zu wollen, fällt einem nicht ein. An dieser Natur scheitert alle Kunst; dieses Bild mit allen seinen wechselnden, dennoch zu einem großen Ganzen sich einigenden Wirkungen auf Seele und Sinne kann auch keine Dunkelkammer auffangen — nur der Geist, die Phantasie.

Ein Lebensmüder aus Schaffhausen stürzte sich vor 3 oder 4 Jahren von der Gallerie in die schäumenden Wogen. Wie war es möglich, daß an diesem erhabenen Altare der Allmacht und Güte Gottes eines seiner Geschöpfe verzweifeln konnte!

Mit uns zugleich standen zwei Damen aus Schaffhausen auf der Gallerie, und trotzten dem Benetzen des bewegten Wassers. Sie wurden mir achtungswerth, weil sie, was sie ohne Zweifel schon öfters sahen, von neuem mit hohem, innigem Gefühl bewunderten. Gewiß muß aber auch für jeden Menschen von Gefühl dieses Schauspiel immer neu und hinreißend bleiben. Wohnte ich in Schaffhausen, ich würde oft, wenn andere Menschen in die winzigen Tempel in der Stadt gingen, nach dem erhabenen Naturtempel am Rheinfalle wallfahrten.

Gejagt von der Zeit, stieg ich mit meinem Gefährten wieder zum Schlosse Lauffen hinauf. In einem Pavillon, wo man dem Fremden ein Buch zu Einzeichnung des Namens reicht, sahen wir hinab in die Fluten, unter welchen wir vor wenig Minuten standen. Ein neuer, prachtvoller Anblick, doch minder groß. Hier sieht man deutlich, wie des Wassers Gewalt in den am meisten rechts stehenden Felsen, eine weite 4 bis 5 Fuß hohe Oeffnung gerissen hat. Bricht auch er dereinst, so wird der Rheinfall noch mehr von seiner Schönheit verlieren. Wahrscheinlich kämpft er aber noch mehrere Menschenalter lang gegen den Andrang der ihn rastlos bestürmenden Wogen.

Gern wäre ich noch oben am linken Ufer möglichst nahe an den nächststehenden Felsen gegangen, über welchen des Falles höchster und schönster Theil gehet. Die Zeit verstattete es nicht.

Vom Schlosse Lauffen ist es nach Schaffhausen um vieles weiter, wie vom entgegengesetzten rechten Ufer. Theils darum ließen wir uns noch einmal überfahren, theils und besonders aber deshalb, um in einiger Entfernung hinter dem Falle, bei der Tobaksmühle, zu sehen, wie sich der Strom gegen die ihn hemmenden Felsen hindrängt. Bekanntlich fließt er schon vor der schönen bedeckten Schaffhauser Brücke an, in einem Felsenbette. Wild rauscht er über die ihn immer mehr hindernden Felsen, bis die weithervorragenden seinen Lauf zu stören versuchen, im Kampfe gegen sie die Wogen den höchsten Grad der Wuth erreichen, aber nach dem Siege bald sich austoben, und in geringer Entfernung wieder so ruhig dahingleiten, daß ein schwacher Nachen sich ihnen gefahrlos anvertrauen kann. Strom des Lebens, beruhigtest du dich doch nach dem heftigsten Toben der Leidenschaften auch so bald wieder! Heinse.

(Welcher der zahlreichen Heinses der unterzeichnende Heinse war, konnten wir noch nicht bestimmen. Jedenfalls lohnt ein Abgleich des Textes mit diesem hier in rheinseins Tiefen.)

Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Der Staar und das Badwännelein
(in der Spinnstube eines hessischen Dorfs aufgeschrieben.)

Herr Konrad war ein müder Mann,
Er band sein Roß am Wirtshaus an.

Das Mägdlein sprach, steig ab, steig ab,
Ihre Aeuglein schwankten auf und ab.

Ach Jungfer liebste Jungfrau mein,
Schenk mir ein Becher kühlen Wein ein.

Ach Herre, lieber Herre mein!
Ich bring ein Becher kühlen Wein.

Trink ab, trink ab du rother Mund,
Trink aus den Becher auf den Grund.

Frau Wirthin, liebe Frau Wirthin mein,
Ist dies fürwahr euer Töchterlein?

Mein Töchterlein ist sie nicht fürwahr,
Sie ist mein Magd für immerdar.

Wollt ihr mir sie leihen auf eine Nacht?
So will ich euch geben des Goldes Macht.

Wollt ihr mir geben des Goldes Macht,
Will ich sie euch leihen für eine Nacht.

Nun richt dem Herrn ein Fußbad an,
Mit Rosmarin und Majoran.

Sie ging in den Garten und brach das Kraut,
Da sprach der Staar, „o weh du Braut,

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da trug sie das Badwännelein,
Wohl in des Herrn Schlafkämmerlein.

Sie fühlt hinein, obs nit zu warm,
Und weint dazu, das Gott erbarm!

Ach meine Braut was weinst du dann?
Bin ich dir nicht gut für einen Mann.

Du bist mir gut für einen Mann,
Ich wein über, was der Staar mir sang.

Ich war im Garten und brach das Kraut,
Da sang der Staar: “o weh du Braut!

In dem Badwännelein ist sie hergetragen,
Darin muß sie ihm die Füße zwagen,

Der Vater starb in Leid und Noth,
Die Mutter grämt sich schier zu todt.

O weh du Braut! Du Findelkind,
Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.“

Da sah der Herr das Badwännelein an,
Da war das burgundische Wappen dran.

Das ist meines Herrn Vaters Schild allein,
Wie kommt dies Wännlein ins Wirtshaus herein?

Da sang der Vogel am Fensterladen:
„In dem Badwännelein ist sie hergetragen

O weh du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wo Vater und Mutter sind.“

Herr Konrad sah an ihren Hals,
Da hatte sie ein Muttermahl.

Grüß Gott, grüß Gott mein Schwesterlein.
Dein Vater ist König an dem Rhein.

Christina heißt deine Mutter,
Konrad dein Zwillingsbruder.

Da knieten sie nieder auf ihre Knie,
Und dankten Gott bis morgens früh.

Daß er sie hielt von Sünden rein,
Durch den Staar und das Badwännelein.

Und als zu morgen kräht der Hahn,
Frau Wirthin fängt zu rufen an.

Steh auf, steh auf du junge Braut
Kehr deiner Frau die Stube aus.

Sie ist fürwahr keine junge Braut,
Sie kehrt der Wirthin die Stube nicht aus.

Herein Frau Wirthin nur herein,
Nun bringt uns einen Morgenwein.

Und als die Wirthin zur Stube eintrat,
Herr Konrad sie gefraget hat:

Woher habt ihr das Jungfräulein?
Sie ist eines Königs Töchterlein.

Die Wirthin ward bleich als die Wand,
Der Staar verrieth da ihre Schand.

In einem Lustgarten im grünen Gras
Das Kind in dem Badwännelein saß.

Da hat die bös` Zigeunerin
Gestohlen das zarte Kindelein.

Herr Konrad war so gar entrüst
Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.

Er bat sein Schwesterlein um einen Kuß,
Ihr Mündelein reicht sie ihm mit Lust.

Er führt sie bey der schneeweißen Hand
Und hob sie auf den Sattel bald.

Das Wännelein trug sie auf dem Schooß,
Da ritt er vor der Frau Mutter Schloß.

Und als er in das Thor eintritt,
Die Mutter ihm entgegen schritt.

Ach Sohne, lieber Sohne mein,
Was bringst du für eine Braut herein.

Sie führt das Wännelein ja zur Hand,
Als ob sie mit einem Kinde gang.

Es ist fürwahr keine junge Braut.
Es ist euer Tochter Gertraut

Und als sie von dem Sattel sprang,
Die Mutter in ein Ohnmacht sank

Und als sie wieder zu Sinnen kam
Ihr Tochter sie in die Arme nahm.

Laß sie sichs eine Freude sein,
Ich bin Gertraut ihr Töchterlein.

Heute sind es fürwahr 18 Jahr,
Daß ich der Frau Mutter gestohlen war.

Und ward getragen über den Rhein
In diesem kleinen Badwännelein.

Und als sie sprach, da kam der Staar,
Und sang die Sach ganz offenbar.

Und sang: „O weh mein Ohr thut weh,
Ich will keine Kinder stehlen mehr.“-

„Ach Goldschmidt lieber Goldschmidt mein,
Nun schmiede mir ein Gitterlein,

Schmied mirs wohl vor das Badwännelein,
Das soll des Staaren Wohnung seyn.“

(aus: Achim von Arnim/Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn)