Rheingedichte im Blumenfresser

Sechs lektorierte Rheingedichte (Am Hinterrhein; Die Ballade von Heidi als erwachsener Frau; Rheinseitenaufnahme; Rheinstring; Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen; Rheinprobe (bei Köln)), deren Rohversionen teils auf Rheinsein zu finden sind, enthält das äußerst ansprechend gestaltete Literaturmagazin Blumenfresser aus Nürnberg, das mit einem überzeugenden Geleitwort zu Wahnsinn und Nutzen von eben Literaturzeitschriften beginnt, welches somit allen möglichen (von uns aus gern auch den unmöglichen) Lesern wärmstens ans Herz gelegt sein soll. Natürlich enthält der Blumenfresser auf seinen 112 Seiten weit mehr als nur die angesprochenen Rheingedichte, unser Link führt direkt zu Autorenliste und Bestellmöglichkeit. Noch hatten wir keine Gelegenheit, das heute eingetroffene Konvolut zur Gänze zu lesen, doch stach uns sofort die Voodoo-Serie von Frank Ruf ins Auge, dessen Hexer mit Rheinseins Gorrh in Verwandtschaft oder Kumpanei zu stehen scheint: während Gorrh die Rheinschiene beackert, kümmert der Hexer sich, offenbar in respektvoller Revieraufteilung, lieber um Berlin. (Wir werden Gorrh selber danach befragen, sobald er/sie/es Audienz zu gewähren geruht.)

Gorrh (12)

Gorrh vor Gericht, hofft auf mildernde Umstände, bedeutet der bekittelten Bagage: „hömma, isch öffne dat Fenntil mejner subfiskularen Rakeetendrüse un in zwanzisch Kilometer Umkreis findse für die Zukunnf vorwiejend Feuerzauber Texas.“ Vor Gericht, mein Gott, vor Gericht! Es war umständehalber möglich, dorthinzugelangen. Die Wesenlosen aus den seelischen Bedingungen hatten Gelder für neue Alptraumtunnel zusammengetangelt, hatten die Werkstoffe („du sachs mir sofott aus wat Zement besteht, zackzack, sonns wirsse zur Regierungsstatue umjemodelt“), besaßen das Wissen, das Fachwissen und die wissenschaftlichen Gutachten, kurzum: sie hatten die Zeugen im Sack. Gorrh trägt Gewerkschaftskäppi „Solidarität“ mit Nelkenbrei-Applikationen. Hebt zur Rede an („Gorrh, sie sind nicht gefragt!“), die kleinen Männchen auf der Pressebank schleudern Blitze aus ihren Kameras. Nervende Blitze. Gorrh: „ihr Waxfiguurn happ dat doch eh allet in Fotoschopp!“ (Sieht so aus, als könnt er heut erneut ausflippen, dann aber Gnade den Anwesenden.) Gorrh: „achja, wesweenggng ich hier bin… Es gäb da einiges zu regeln, was soooo (Gorrh macht ein bisher unbekanntes Fingerzeichen, Anm. d. Red.) einfach nicht mehr weitergehen kann. Also bitte.“ Das Publikum atemlos gespannt. Natürlich braucht Gorrh nichts anzudeuten, jeder im Saal und an den angeschlossenen Bildschirmen weiß, daß es in Gorrhs Macht stünde, die riesigen Stechmücken zu entfesseln, den gesamten Geldverkehr der Lächerlichkeit preiszugeben, die Autobahnen aufzurollen etc, sieben mal sieben Plagen, und das wäre nur eine Zahl, willkürlich aus einem willkürlichen Zahlensystem gegriffen, über das Gorrh unsagbar erhaben andere Systeme aus Zahlen oder auch Nichtzahlen stülpen könnte, um zu beweisen: nicht um Zahlen geht es, es geht um Plagen. Kleinere Gerangel mit Ellbogenchecks zwischen Anklägern und Verteidigern, Hitlergrüße und Kommunistenfäuste von der Richterbank: „Ohne ideologische Hintergründe ist jede Verhandlung zwecklos.“ Gorrhs Augen rotieren in ihren Höhlen, sowas wie Kassensturz rumpelt hinter seiner Stirn und zwischen den Ohren, es macht plinky-planky und schradderradatsch.
An dieser Stelle bitten wir den Leser einen Zeitsprung von rund einer halben Million Jahren zu vollziehen. Was glauben Sie, in welche Richtung sich unsere Zivilisation entwickelt hat? Auf der Erde ist nicht mehr allzuviel Bekanntes, aber es trägt unsere Wurzeln. Menschliche Bienen fliegen summend einher und stacheln sinnlos in die Lüfte. In der geografischen Mitte der Erde, in der Nähe von Kassel, ist ein kastenförmiger Wasserspeier zu entdecken. Der Wasserspeier trägt Gorrhs Gesichtszüge und erinnert daran, wie nach den sogenannten „Prozessen“ aus Gorrhs ungläubigem („ich faß es nich, ich faß es einfach nich!“) Sabber der Rhein entstand. Die Menschen und Bienen der Zukunft kennen nämlich unseren Rhein nicht. Sie haben ihren eigenen, der in der Nähe von Kassel verläuft und nach Gorrh benannt ist. Das ist die Wahrheit über die Zukunft: die Menschen haben, um ihren eigenen Charakter zu überleben, sich den Insekten assimiliert – genau wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat; bzw (und wie rum man es betrachtet, ist in diesem Szenario völlig egal) haben die Insekten (wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat) ein paar menschliche Züge angenommen, eine Art Mimikry um des Mimikry willen. Nun wollen Sie aber wissen, was unterdessen mit Gorrh geschehen ist. Oder lieber doch nicht? So oder so – die nächste Folge (Gorrh (13)) liefert Aufklärung.

Gorrh (11)

Schädeldecke ragt aus der Entengrütze, klappert skalphaft n afrikanischen Takt: krokodilesk, betont echsig, rammt Gorrh seinen gepanzerten Körper an Land, Schlick im Gemüt, Schlick untern Achseln, algenbewachsene Waden, verschlacktes Bauchfell. Raus ausm Tümpel. Umschalten von Kiemen- auf Lungenatmung. Gebißrevision. Neoprenanzug aus, Radlerhose an. Einen Kuemmerling auf ex. Aus den Unterwasserträumen hallen Melodien nach. Die Fahrräder warten in langen Reihen. Das ist Triathlon, denkt Gorrh, was ich erlebt hab, das kann nur ich erleben, meine Welt ist bunt, ich glotz TV. Gorrh wirft sich ein paar Lysergs ein, verspeist am Kontrollposten eine glatte Banane: schaunsema, wievielstemmpel, ichschonnab. Kommt dann ans Laufen, mit Beethovenkraft in Fünfteauftaktsstärke, läuft, joggt (wemmerdesmalsojovialsagederf), dh, Gorrh winkelt Schenkel gleichschenklig und rechtwinklig zum Zwecke des Laufens, Beschleunigens, kommt in Schwung, läuft in die Küche, stiehlt dem Koch ein Ei, sanft wellt sich sein kastanienfarbenes Haar im selbst verursachten Gegenwind, Gorrh kommt auf Touren, karmannghiat und mercedesbenzt, beemwet sogar, rudert mit seinen Armen, lang wie die Donau, erarbeitet sich einen Vorsprung, dem er kaum gewachsen scheint, trotz seiner jugendlichen Kraft und all der Aufputschmittel. Gleich einer tanzenden Lassoschlinge umfängt und umrundet ihn sein Vorsprung, öffnet vexierende Löcher zu Ewigkeit und Verdammnis. Durchschlupflöcher. Durch die Gorrh schlüpft, Teile seiner selbst vergessend, als sei die Welt ein überreich gesegnetes Ersatzteillager. Gorrhs dynamischer Lauf geht über in Schliddern, Gleiten, Davondriften, sein Vorsprung hat ihn von hinten überholt, sie stürmen jetzt im Gleichschritt, Brust an Brust. Wohin das alles führen soll? Gorrh denkt nichtmal drüber nach, das Ende ist ohnehin gesetzt, diese Überzeugung ist in Gorrh gewachsen, hat ihn überwuchert, gewissermaßen. Gorrh als Rosenstock, als rennender, brennender Rosenstock auf dem Pilgertriathlon „Fluß ohne Ufer“, rund um Kleve, Ufer ohne Fluß, denkt Gorrh, sich schneuzend.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (3)

Wir steigen aus auf der Baar, um einherzuwandeln. Der Bordkaffee (1 Euro!) hat uns gepusht, es hält uns nicht länger auf dem Sitze. Allmählich zeigt sich die Nacht zur schwarzen Gänze und spendet feinen Niesel. Gorrh reibt die Straßenbeläge damit ab. Das gibt einen eigenartigen Geruch. Der Glanz des Tristen, an frischer Luft. Out of Bräunlingen. Aus der Dunkelheit heulen, plunksen, grummeln Wesen. Künden die Stunde der Landgaschthöf und Moschtschöpfle. In deren geräumigen Innern trachtentragende Serviertöchter überdimensionierte Wurstsalat-Portionen jonglieren. Deren geräumige Innere bauchige Fiolen bergen, in denen wiederum der Mirabellenbrand auf genauer Zimmertemperatur seine weitreichendsten Effekte heranalchimisiert. Deren geräumige Innere so geräumig sein müssen, weil die von den Wänden prangenden Trofäen sonst versehentlich die besten Gäste aufspießen würden: solch mächtiges Gehörn und Geweih trägt weit und breit einzig das sagenumwobene Schwarzwaldwild. Der Geist der Mirabelle schärft den unsern, wenngleich bisweilen attackiert vom Geist der Zibarte. Als das geräumige Gasthofinnere sich gegen alle Raumgesetze durch eine wabernde Tür verengt, betreten wir den kühlen glatten Abendhimmel, an dessen Ende der Mond in Form und Farbe einer wunderbaren Mirabelle lockt. Gorrh hat ihn dorthin geschnalzt, als letzten Tagesakt. Wir folgen dem Mond, er führt uns im Kreis, das geht ein paarmal gut, dann steigen wir wieder ein, wo wir niemals ausgestiegen sind, entlang der jungen Donau gleitet die Schwarzwaldbahn Richtung Immendingen, 658 Meter über dem Meer. So steht es am Bahnhof angeschrieben und wird seit geraumer Zeit nicht mehr korrigiert worden sein. Nun sind aber Meeresspiegel eine bewegliche Sache und 658 Meter zwar ein ordentliches Stück, aber nicht die Welt, in Klimafasen- und Tiefseedimensionen gedacht. Das künftige Immendinger Unterwasserbahnhofsschild wird 23 Meter unter dem Meer anzeigen. Wir fahren weiter nach Engen. Das seinen Namen verdientermaßen zu tragen und aus lauter Einfamilienhäusern zu bestehen scheint, eine Art dicht beieinanderstehende Herde Familienglücker, fürimmerisiert in traulichem Beton. Da wohnen Lackabs neben Lustigs, da wohnen aber auch noch ganz andere. Die freistehenden Vulkankegel des Hegaus wissen das schon länger. An Singen verwundert uns die Schinderhannes Bar. Ist Johannes Bückler damals tatsächlich soweit in den Süden ausgewichen, oder existiert am Ort eine zeitversetzte Sympathisantenszene unter Maggi- und Schiesser-Mitarbeitern? In Radolfzell schließlich das Anschwappen des Bodensees, begleitet von einem neobeckettschen Dialog unter Mittelstuflern: „Kennsch n Panker namens John?“ „Sein Koffer isch schon da.“ Die Wasservögel am Ufer sind teils wohl Skulpturen. Allensbach: das mit dem Institut? Jedenfalls das mit einigem Fachwerk. In neobeckettschem Stumpfsinn: „Kennsch n Panker namens Allen?“ „Sein Bach isch schon da.“ Einfahrt nach Konstanz, Queren des Seerheins. Die Stadt ist voller Dichter. Das kann ja noch was werden!

Gorrh (10)

in Baden-Baden, als piekfeiner Herr, nur mit Fliege bekleidet, die Scham pyramidal ausrasiert nach Stil der Zeitschriftenmode, über Monate hin mithilfe leichten Essens verschlankt, die rückwärtige Körperbehaarung gestriegelt, gleichgeschaltet, bündelweise mit Geldscheinen wedelnd, das schönste Monster, das kompletteste Frollein, Heldin und Held aller Heldinnen und Helden, die Nackenrunzeln mit Botox geglättet, zum Zusammenbrechen, ja: zum Filmen schön, unbeschreiblich elegant, umwerfend sogar (wie die KlatschreporterInnen konstatieren), Erektionen hervorrufend im Publikum und Ohnmachten, das Casino vibriert, Gorrhs insektuöses Benehmen, sein unglaublicher närrischer Saugstiel (ein Gesichtswegmacher), ironisch als Accessoir getragen, unter kunstvoll aufgetragenen Schichten Gesellschaftsrelevanz schrummelt nurmehr ganz halb-, eher viertel- oder besser: sechzehntelherzig Gorrhs Impertinenz, spielt Minigolf gegen sich selbst, im Kronleuchtersaal die kosmetischen Klänge des Claudia Schlüpper Unterhaltungsorchesters, rauchiger Jazzgesang in Nichtraucherambiente, substanzlose Refrains, Jetonklimpern, auf dem Filz der Spieltische bilden sich Altrheinauen, gentechnisch manipulierte Insekten („Impfmücken“) kreuzen die Klingen, Wetteinsätze fallen, Gorrh tänzelt robertredfordesk um die Hüften der von der Spielbank aufgestellten Glücksdamen, zeigt einen Eckzahn beim Lächeln, highfivet Fozzie Bear, der aus Las Vegas eingeflogen Gorrh (in seinen wilden Tagen) imitierend, den Schlangentanz vollführend, die selfmade people rockt, Gorrh ist angekommen, krak-krak geht der Riß in seinem Hirn, „wenn ich ich wäre, reiste ich durchs Leben und verstünde von Allem bestenfalls die Hälfte“ rememoriert Gorrh das neue Mantra, das per Rohrpost an seinen Chefsessel geplumpert kam. Faites vos jeux, hustet der Croupier, ein Mann im Stile (und somit nach dem Geschmack) Gorrhs, wie auch den übrigen Spielern in Gorrhs Dunst mit einmal starke Körperbehaarung erwächst. Die Spieler, sie leben in einem veralgten Meer. In schlingernden Tangwäldern. Aalbecken. (Haarige Aale in wässrigem Wind.) Ihre Gewinne versteuern sie einzig vor Gott. Ihre Verluste sind Legion: entselbste Gestalten, Hüllenführer, Schmierbeutel. Im stumpfen Spiegel des Silbergelds erkennt sich Gorrh jäh als gorrhloser Gesell. Tritt ans Mikro, salbadert, radebrecht, glossolalaliert. Gorrh muß schon für verrückt gehalten werden. Gorrh gibt die Sprechversuche auf, setzt sich ans Klavier. „Gehmse dem Tier am Klavier nochn Bier!“ Gorrh improvisiert. Die Spieltische brechen ein und auf in unbekannte Welten. Rien ne va plus.

Gorrh (9)

im Sekundenschlaf, beim Rübernicken in den Winterschlaf, in den Rübenäckern, den entrübten, der oberrheinischen Tiefebene, im Wein hängend, selbstrebend, raschelnd im Einheitsmais, schickt er den Schnellzügen mit kunstfertigen Handbewegungen günstige Winde, knickt und errichtet Baukräne, Überlandleitungen, Handymasten, gründet die für die 10er Jahre des begonnenen Jahrtausends so maßgebliche Zeitschrift “BAU:LÄRM” (mit CD- und Hologrammbeilage), betrachtet entzückt das Flattern der Flaggen vor Firmengebäuden, speist Graureiher und Maiszünsler als notwendige Diät in Vorbereitung auf seinen Kampf mit dem Greif und dem Wolpertinger, den Dreiershowdown am Kinzigufer, tarnt sich als freistehende Weide, als Weindorf, als Ablage, rast mit seinem roller suit (von Jean-Yves Blondeau) die Schwarzwald-Bahnstrecken auf und ab, nachts, umwickelt seine Pfoten und Tatzen mit Tabak, raucht seine Pfoten und Tatzen, wirft mit Oktobergold als wärs Blattgold, sägt Bretter zurecht, erwirbt auf diese Weise sein langersehntes Zertifikat “Freund der EU-Norm”, streift durch dialektsichere Siedlungsblöcke, raut seine Haut am Waschbeton, läßt Scheiben klirren und Balkone brechen, grollt, kickt mit den Fersen gegen die Berge, reißt Laternenpfähle mit den Zähnen aus der Erde, wirbelt Lichter, frißt die Nacht, schnallt sich den selbstgebauten Badisch-Vocoder um, hält e paar Schwätzle in de Schreebergärde, kickt kurz für de Offeburger Efffau, macht sogar e Törle, wird ausgewechselt, reißt dem Trainer den Kopf ab, setzt den Zuschauern die Köpfe zwischen die Ohren, wird ausgebuht, metzelt sich den Weg zum Bahnhof frei, hinterläßt eine Blutspur, gespickt mit Gliedmaßen. “Wir kannten Gorrh nur als freundlichen, zuvorkommenden, hilfsbereiten Nachbarn, seine Brille war etwas komisch, aber sonst… Eine solche Tat hätte ihm niemand hier zugetraut. Wir stehen alle unter Schock.” Gorrh reißt sich die Zunge aus dem Rachen, verbindet sich damit die Augen, verknotet das Zungenstück nach Seemannsart doppelt und dreifach gesichert am Eisenring an seinem Hinterkopf. Ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Noch ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Zur Sicherheit erschießen mehrere weitere Sondereinsatzkommandos Gorrh. Die Erschießung wurde nötig, nachdem Gorrh auf dem Marktplatz ein Kind verspeist hatte. Gorrhs Knochen klappern. Archaischer Klappertakt. Technoid. Die Winde, die Gorrh gehorchen, agieren als scharfe Streicher. Die SEK-Beamten feuern auf den Wind. Die Landschaft beugt sich auf und nieder. Die Landesschau berichtet.

Kurze Gedanken über den Rheinverlauf bei Sargans

Sind nur wenige Meter Bodenerhebung, heißts, die den Rheinlauf Richtung Bodensee bestimmen, bei Sargans (im von Donhauser so fein besungenen Sarganserland), wenn er da von Bad Ragaz herkommt als kräftiger Schuß alpenkaltes Rauschewasser, könnte nämlich genausogut Richtung Walensee abfließen (der davon etwas überlaufen dürfte, (das zu Quarten gehörige) Quinten wär in Gefahr, während der Bodensee etwas absaufen dürfte, wodurch seine Strände Raum gewönnen), die Linth überlinthen, Richtung Zürichsee, Limmat und Aare (selbige namenstechnisch eliminierend) und schließlich in sich selbst, den Rhein, der aber nicht dort wär, wo er jetzt herkommt, sondern als deutscher Rhein erst begönne, während man in Liechtenstein (das dann eine andere Nationalhymne bräuchte) und im St. Galler Rheintal (das dann anders hieße) nur unbedeutende Rinnsale vorfände. Oder aber der Rhein ginge auf in der Aare und es wär nichts mehr mit „deutschem Rhein“. Dafür bräuchten bloß die Schweizer einen Anfall kriegen und einen Durchstich probieren, bei den Tunneln sind sie ja auch nicht zimperlich und mit Volksentscheiden, über die notfalls, je nach Interessenlage, eh hinwegentschieden wird, bzw: die solang wiederholt werden, bis sie passen. Und so schau ich mir die Szenerie an, solang sie noch auf altehrwürdige Art vorhanden ist, von der Anhöhe Schloß Sargans mit seiner weiteren Aussicht aufn Gonzen (mit seinen einst erzfördernden, nun zu Hightech-Ingenieuren ausgebildeten Zwergen) und aufs Heidiland (mit seinen mangaäugigen Bewohnern beim Zvieri an der Gourmet-Autobahnraststätte): ganz und gar vorstellbar so ein Durchstich und bestimmt existieren bereits Geheimpläne, auch darüber, wie man einen solchen Durchstich schnell mal ganz perfide nachts vollführt außerhalb jeder öffentlichen Debatte, die dann gern danach stattfinden darf. Oder tagsüber im Stile Kasimir Blaumilchs. Jedenfalls ist es auch ein Ausblick auf eine Naturlaune. Hinweg über eine 7,5 cm Gebirgskanone mit Halbautomatik, hergestellt von der eidgenössischen Konstruktions-Werkstätte Thun, mit Ausrüstung fast eine Tonne schwer, mit konstantem Rechtsdrall, Schußauslösung mechanisch von Hand, die Geschosse wiegen 5,7 bis 6,4 Kilogramm, die Anfangsgeschwindigkeit liegt 180 bis 404 Meter pro Sekunde, die Schußdistanz beträgt maximal 8,5 bis 10 Kilometer (was locker ausreichen würde), mit hydraulischer Rohrrücklaufbremse, die letzte Dienstleistung datiert auf 1981, dh, das Gerät dürfte erneut in Schuß zu bekommen sein. Gorrh, übernehmen Sie!

Gorrh (8)

Aus Gorrhs raren Aufzeichnungen ein Tagebucheintrag (undatiert, keine Ortsangabe). Der Text fand sich im Besitz eines seiner Opfer und wird aktuell für die Gorrh-Archive präpariert:

Ich lag auf der Straße – im Computerspiel Rhenish Dreams – und ließ, Blick in den Himmel, mein Leben Revue passieren; als nahezu nahtlose Ergänzung zweier quarkfarbener Mittelstreifen lag ich da, dichter Verkehr, wie er uns immer schon vorausgesagt war. Es gab ja mehrere Leben: zu verbrauchen, mit Verdienstpunkten anzuschwellen, ich hatte mich in diesem zum Abliegen entschlossen (zumindest hatte ich davon auszugehen, daß es meine Entscheidung war, denn derjenige, der mich als Spielfigur betätigte, war mir scheints seit längerem abhanden gekommen und hätte, als schwäbisch-protestantischer Ingenieur, eine solche Meditationsfase auch kaum zugelassen). Das Asfaltband zog sich, von Jugend an gewöhnt: dünne gleichgültige Spur, deren Atome, kaum je erregt, in Austausch und Binden begriffen – während die Landschaft jenseits der Seitenstreifen hügelte, grünte, bleichte, flachte und touristische Mätzchen anstellte. Fahrzeuge rasten dadurch, aus den Fahrzeugen brachen, winzige Pünktchen, Menschen hervor und schossen in die Koordinatennetze, die ich aus meinen Spinndrüsen über sie warf. Während ich an den Rändern auspixelte, spürte ich meine unsägliche Erdverbundenheit. Den Blutdurst. Machtwillen. Meine priesterlichen Ambitionen. Orgasmische Energien durchströmten mein zweidimensionales Inneres, das zugleich mein Äußeres war, die Schwerkraft der Szene ließ nach, ich begann (in mir selbst, aber auch in Wahrheit) zu levitieren: zunächst schlugen Fersen (derer ich ziemlich viele besaß), Handballen (ebenfalls einige), Hinterbacken (dito) einen komplexen undeutschen Rhythmus auf die Straße, schon befand ich mich in Höhe der Beeren einer krautig gelösten Böschung, einem ginsterartig gestalteten Gebüsch voller versteckter Würmer und Viren. Ich mußte das alles zerstören oder mich tarnen: meine Superfähigkeiten transformierten mich automatisch in einen Wachtelkönig – aussterbend krexte ich unter den Leitplanken, bis Linie und Gewißheit zurückkehrten. Der Himmel, den ich so lange aus Rückenlage betrachtet hatte, bis sich die gesamte Welt darin wiederfand, befleißigte sich nun leidlich blauend der Wolkenbäusche aus den Kraftwerkschloten und einiger schwarzer Vögel, spielte sozusagen sich selbst in aller verfügbaren Reinheit (über deren relative Verfügbarkeit keinerlei Diskussion aufkam), es galt offenbar, den Sinn des Ganzen zu knacken, „Sinn“: drei Buchstaben auf ein Vierbuchstabenwort verteilt, klanglich ließ sich noch „ins“ assoziieren, aber ins was? Inszenierung? Sicherlich. Hm, mal ein Weilchen drüber nachdenken. Es liegt in meiner Hand. Ich werde die Sprachen wieder abschaffen. G.

Gorrh (7)

Postkarnevalistischer Vorfrühling scharwenzelt über Hof und Balkon, noch gefiederloses Amselgethrashe, erwachende („wrrrr-wwrrrr!“) Motoren in Nachbars Garagen, Kinder bewerfen einander mit Dreck, die Winterschlieren am Fenster geraten in suizidale Tendenzen, mein Schreibtisch fließt über von (Auftrags)Oden an und noch (und womöglich bis in alle Ewigkeit) rumpelnden kleinen Sonetten über das pumpelnde kleine Fürstentum Liechtenstein, dazwischen geraten hinterkopf-hinterrheinische Geräuschfolgen aus den Letztjahresspeichern, entlarvt, ihre staubigen Lungenflügel spreizend, fratzen in die Gegend, während übern Schreibtisch breit und frei ein kölscher Rhein hinwegfließt (ab Pegelstand 6 Meter demnächst auch in die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, dann wird geflutet, du klitten Hera, weißte schon!) und der Screen in psychedelischer Konzentrik vor sich hin-, aus sich heraus-, in sich hinein-, doch nie über sich hinausprojiziert: die scheinbare Gegenläufigkeit strömender Zyklik, ihr mit Normspin, Nuspeln und Waspeln bedachtes Wummern, Schummern, Kreisen, Strahlen, eine winzigkleine echsenlederne Gorrhfigur zieht blank am jenseitigen Ufer (welches immer auch das diesseitige reflektiert), und an einem einst so statisch wirkenden, mittlerweile von einem unsichtbaren  ortsansässigen Künstler atomisierten handlichen Individuum von Stein vorbei zieht fenakistiskopisch die Panta Rhei mit verschlepptem zweiten N wie eine brustschwimmende Göttin des Kohle-Stahl-Zeitalters, geht pixelweich auf im Rahmenschwarz eines meiner rotierenden Weltausschnitte und während ich mich anstelle, das Video per Zeitregler zu scratchen, umfängt mich ein an- und abbrechendes Rauschen (mit Untertönen von Plätschern, Blütschern, Glucksen, Placksen und Plockern), the sound of rhinesense, bleibt nur noch: den Text zu schlürfen und den bösen blauen Bleiglasfenstern gegenüber mir nichts anmerken zu lassen, die sehen nämlich schwer bezahnt aus, vermitteln bürokratische Aggressivität, Gorrh scheint tatsächlich zurück mit seinen Froschaugen und Giftstacheln, zurück aus unsern zensierten Träumen, in denen er den Rhein noch packte, zwirbelte und in die Lüfte schleuderte wie so ein Band bei der rhythmischen Sportgymnastik, doch davon wissen wir nichts, davon wissen wir nix, wissen wir nix, nix, nix, garnix (und das ist wohl auch besser so).

Neues aus Hinterschellenberg (4) / Gorrh (6)

Von Beklemmung zu Euforie, Gorrhs Zustände wechseln wie das Tageslicht, während er, zur Außenhaut der Hinterschellenberger Häuser verwandelt, deren Atmung er kontrolliert, auf seine eigentliche Aufgabe wartet, das nächtliche Streunen. Und runter hechelt er durchs Riet und wieder hinauf, säuft einen gewaltigen Schluck Rheinwasser zwischen diesen Läufen, die er auf allen Vieren bewältigt, wie ein jagender Hase, der kaum den Boden berührt, kaum einen Halm knickt, mit zugekniffenen Augen voran, damit kein Blitzen und kein noch so fahler Leuchtschimmer seiner Blutrubin- und Infrarotaugen ihn verrät. Gorrh rupft die Rüben aus den Gärten und zieht denjenigen Maulwürfen, die nicht spuren, das Fell über die Ohren. Er lockert die Beete und nimmt sich sein Zehntel. Wölfisch wird er erst im Wald. Die Käuzchenrufe: ebenfalls Gorrh. Er verwächst mit den Bäumen, zerkratzt sich die Rinden, schwankt und nadelt, saugt den Winter ein und den Föhn, Gorrh nimmt es wie`s kommt und es kommt wie es kommen muß. Wenn der Mond wieder mal so verbeult aussieht, dann hat Gorrh in einem Wutanfall auf ihn eingedroschen. Er jagt auch die kleinen Moosfeen und stellt schlimme Dinge mit ihnen an. In Gorrhs Bart wachsen Eicheln. Er ballt die Hand zur Faust und entkrampft sie wieder – das sind die leichteren Erdbeben, solche, die nach Fichtennadeln riechen, Erschütterungen, als stünde man in einem Ameisenhaufen: ein langsames Abtragen der Welt, ihr steter Neuaufbau, mit Maß, Kondition, Geduld und der nötigen Portion Wahnsinn. Unter Gorrhs Zunge rollt schon die Sonne nach vorn, entwickelt einiges Glühen, doch er will sie noch nicht ausspeien, umschlingt sie, versucht, sie runterzuschlucken. All das bemerken die Hinterschellenberger höchstens am Rande ihrer Träume. Plötzlich ist da ein gleißender Tag voller Geländewagen, und, sobald diese verschwunden sind, Ruhe zwischen den Wipfeln der Lebensbäume, kaum ein Hauch mehr zu spüren, nur ein befremdliches Kalenderblatt in der Küche, seit einem Jahr nicht abgerupft, aus schwer verständlichen Gründen.