Gorrh (22)

„Hörbst, hörbst“ görpst Gorrh, blinzelt sich zu im Spiegel der Schaufenster voller Plastikware, Gorrhfigürchen, graulackierter Schlingdarmkabel; das Geblinzel verendet als antriebsloses Mehrfachgezwinker im endlosen Wimpernrad seiner Linsen: es ist laaaangweilig, ein Ahornblatt, verfärbt, begallt und saftlos, fällt. (Und fällt in Megazeitlupe seit Jahrzehnten.) Gorrh lüftet seinen Vibroseis-Anzug, hüftet den prallen Pavianarsch auf linksrechtslinks, hinten im Schaufensterspiegel eine Batterie im Boden versenkbarer öffentlicher Toiletten, „grrooarh!“ denkt Gorrh, „dat tu isch mir an!“, verbringt den Rest des Tages verklappt mithilfe seiner eiiin!-mal! (1x!!!!) nun zum Einsatz kommenden Münznachwurfmaschine, taucht nächtens zomgorrhbiemäßig wieder auf und kommt mit einigen dioxinbelasteten Aalen, die er drunt im Auftrag verschiedener Universitäten fing, über die Stadt: „checkcheck, one two, check, two one, checkcheck“, schnippt gegen sein Erdmikrofon, schleuderts Aallasso, schlingert, schlängt, schlabbert, folgt dabei keiner determinierten Ideologie, was seine Position, zumal im straßenlaternschen Schummerlicht UrGöllns, mal rechts, mal links erscheinen lassen mag: „Die Erdölsuche waah erfolgreisch!“ Denkt sisch: „Isch bin ein rollender Meßaufbau – ((complete un(der)norrh, like a rolling brorrh))“ Erblickt ein Poster: „Gesucht! Gorrh – tot oder halbtot. Aufgrund folgender Zeitungsmeldung muß der Bürgerrat nun doch davon ausgehen, daß Gorrh entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen aus den Tiefen des Unterbewußtseins ausgebrochen ist. Lesen Sie selbst: „Der Seniorenausflug der Gemeinde Limeshain führte in diesem Jahr nach Bacharach an den Rhein. Start war am vorherigen Spätmittag am kommenden Donnerstag und die rund 10 Teilnehmer fuhren mit sechs Rüsseln nach Busesheim. Dort bestiegen die Senioren die MS Sigfridia und genossen die Schifffahrt rheinabwärts vorbei an Wiesbaden und Mainz, Rüdesheim und Bingen. Auf dem Schiff gab es Kaffee und Kuchen und bei schönem Wetter genossen alle die Reise und die Schönheiten der Landschaft. Außerdem waren von der Diakoniestation Schwester Lillifee und Schwester Brunhilda als helfende Unterstützung dabei. Nach der dreistündigen entspannenden Fahrt auf dem Rhein, bei der außerdem viel Zeit für Gespräche blieb, war das Ziel, Bacharach erreicht. Dort bestieg die Reisegruppe wieder die Busse, um die Heimfahrt anzutreten.“ Und – sind die Senioren etwa wieder heil in Limeshain angekommen? Wir vom Bürgerrat sagen: Nein! Die Spur der Zehn verlor sich in der Loreleystubb. Und jetzt fragen wir, auch wenn wir nicht zu fragen bräuchten, weil es doch jeder Lump im Umkreis von 25 Kilometern weiß: wer hielt sich zur fraglichen Zeit noch in der Loreleystubb auf? Etwa Gorrh, werdet ihr fragen, der Schrecken der singenden Winzer?! Ja, genau der! Der die das! Und wer wie was, wieso weshalb warum!? Und was bedeuten die Knochenfunde auf dem Kopfsteinpflaster vor der Loreleystubb? Und die außerplanmäßige Sonnenfinsternis, die sich in Bacharach am Donnerstagnachmittag von 15.17 Uhr bis 16.39 Uhr in einer versenkbaren öffentlichen Toilette ereignete? Soll der Sommer etwa schon zuende sein? Wir sagen dreimal: NEIN! NEIN! NEIN!“

Rheincore

rheincore

Bei Rheincore im abgebildeten Sinne handelt es sich um eine musikalische Stilrichtung, welche die inzwischen aufgelöste Düsseldorfer Band painwords für sich in Anspruch nimmt. Nicht zu velwechsern mit Rheincore als Lebensstil, der auf Gorrh zurückgeht.

Monster

Der sprechende Ortsname des hinter den Dünen in Deckung gehenden Städtchens soll sich von Monasterium (Kloster), nicht von Monstrum (Ungeheuer) ableiten. Aus architektonischer Sicht wäre, anbetrachts einzelner Hausentwürfe, sicherlich auch Letzteres gerechtfertigt, solange das Monströse im Detail gesucht wird zumindest, denn Hochbauten besitzt Monster außer der Reformierten Kirche, die noch aus der Zeit vor der Reformation datiert, keine.

monster

Wohnkomfort im Herzen von Monster, sagt das Banner im Herzen von Monster

Wo im Rheindelta der Rhein als Flußname so gut wie garnicht auftaucht, gibt es in Monster immerhin einen Rijnweg. Er befindet sich in einer Wohnsiedlung, welche die konsequente Vermeidung des Vorgartens praktiziert und aussieht, als wäre sie von Gorrh persönlich sauber gelutscht. Als kleines Wunder verzeichnen dürfen wir die in Monster sowohl im Stadtzentrum, als auch in akuter Strandnähe kostenfreien Parkplätze und hoffen, mit diesem Post keine schlafenden Hunde in der westländischen Gemeindeverwaltung zu wecken. Denn zu Westland gehört Monster. Das erfuhren wir anbetrachts Essies Verse Vis, einem mobilen Fischstand, der hin und wieder am Kreisverkehr bei der Landstraße am Ortsrand hält. Essie wirbt mit „de lekkerste kibbeling van het hele westland“. Die Ausmaße des Westlands, fanden wir heraus, sind deutlich beschränkter als der weltläufige Name verspricht, Essies Kibbeling ist dennoch keinesfalls zu verachten. Außer vom Kibbeling, den Parkplätzen und dem Strand, auf dem ein kompaktes Raupenfahrzeug Senioren über den Sand bewegte, gäbe es aus Monster sicherlich noch viel zu berichten, etwa von Leerstand und Zentrumsumbau, von Wi-Fi-Losigkeit und zweifelhaften Dünentieren, doch blieb uns zu wenig Zeit, all das zu verifizieren; vielleicht ein andermal.

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monster_ter heijde_4 (Bilder: Matthias Kühn)

Raum – Zeit – Rhein (4)

(XV)
Wo der Rhein überall auftaucht, ist erstaunlich. Nicht erst das Internet hat die Verbreitung des Rheins gefördert. Sein krampfgeädertes (und entsprechend bekämpftes) Ästuar hat zwar als Sternbild am Himmel noch keine namentliche Entsprechung, auch wird das Weltall meist nicht als Fluß (die Sterne nicht als Fische) dargestellt: die flußistische Denk- und Glaubensfase steht der Menschheit erst noch bevor: ihre maßgeblichen Vordenker werden elektronische Filosofen sein, die der menschlichen Selbstbewichtigung entbehren.
Auf Erden indes verströmt sich der Rhein, indem er über sich hinaus weist, in Pfützen, Städten, Büchern. Wenn Guillaume Lejean in den 1860er Jahren Victor Hugos illustrierten Rhein mit ins abyssinische Hochland schleppt, wovon spricht das? Schafft ein deutscher Dichter unweigerlich einen symbolischen Akt, indem er seine Rheinverse in den Bosporus wirft? Modern wirkende Überlagerungen müssen nicht auf romantischen Sehnsüchten basieren. Sie sind viel länger schon modern als gedacht, bereits die Romantik war zu erheblichen Teilen ein virtuelles Produkt, und nicht zuletzt unterliegt jede Deutung von Moderne und Moden, in deren Kern das Verb modern wirkt, aktuellen Moden.

(XVI)
Wenn bei BASF eine Chemikalie namens Trilon B in den Rhein einläuft, erweckt das eine ganze Mindmap unguter Bezugspunkte. Die Namensnähe zu Zyklon B, die Herstellergenealogie, der rote Rhein bei Basel, die B-Bezüge wie Brunnenvergiftungslegenden. Und sausendes Gift aus tausend Lüften. Gorrhs toter Atem. Intravenöse Leitungen. Trilon B, das könnte auch der Name für einen Klonlurch sein, der gollumsch aus dem Wasser klettert, rasch evolviert und mit paßbildartigen Gesichtszügen die heikle Entwicklungsabteilung eines Farmakonzerns leitet.

(XVII)
Der Ursprung des Rheins liegt jenseits wissenschaftlicher Meßtechniken. Er liegt mitten im System, das er speist, seine Koordinaten sind rhetorisch eingrenzbar, bleiben im Kern mythisch. Anders gesagt, wenngleich hoch gepokert: der Rhein entspringt aus Gott.

Gorrh (21)

Gorrh, oh: was ist das? Es ist Gorrh: in seiner Funktion als vollkommunikables Etwas (inkl. GPS und zahlreichen neuartigen Sexualparametern), es ist Gorrh als sich selbst integriertes Smartfone, den Touchscreen hochgezogen auf Plakatwandgröße an einer gut einsehbaren Stelle der Bundesstraße 9. Gorrh, somit in sich und um sich: ihr Sichtschutz besteht aus ihrer weithin sichtbaren elektronischen Strahlung, sein Gebiß in Fluorweiß, Brüste im Wonderbra, Gorrhs Hirnströme zeichnen die nebelverhangenen Höhenlinien der Voreifel. Gorrh: auf Null zulaufende, schaulaufende Verheißung. Autoprothetisch hängt Gorrh in/über der Gegend, „behindert is doch heut, wer ohne Freischpreschhändy in die Gegend brüllt, wer nich mit Wiimote sichn Weg freizäppt“, fläzt am Zeitstrand, gähnt im Goldrausch, schnipst „pling-pling-pling“ Steuergroschen in den Rettungsschirm der einheimischen Dichterzunft („vill tut sisch da doch nit mieh“), beamt sich ins Reichsidyll von 1935, eine (eine? die!) Horten HII Habicht rüttelt über typisch grünen rheinischen Wiesen, Nurflügler, Urflügler, Gorrhflügler, Gorrh grinst „ick bin aine Wunderwaffel!“. 1935 bis 2012: eine Menge Verschwörungstheoretiker sind auf Zeitreisen. Endziel Drittes Reich. Vergangenheitstouristen, Gorrh auf der Spur. Viele von ihnen bleiben kleben beim rückwärtsgewandten Blick. Ziehen Jahresmärkchen, horten Demärkchen, wundern sich, daß früher alles besser war und heute alles vor die Banken geht, daß morgen alles besser gewesen sein wird, nachdem es vor so langer Zeit doch ausgerottet worden war auf dem langen Marsch an die Pfründe. An einen Pfrund gekettet schwebt Gorrh mit der Leichtigkeit eines harmlosen halbknalligen Luftballons der Stadtsparkasse Bonn, rot/weiß wie der Effzeh, rot/weiß wie Ketschappmahjo, baumelt in den Luftzügen, die niemand als Gorrh selbst aus den Schächten ihrer Vielheit heraus kontrolliert, es prangt auf seiner Luftgestalt kein Sparkassen-S, sondern ein Dr. Mabuse-B, „häh, wieso B weiß kein Mensch!“ Aber, aber, es existiert doch ein B in Mabuse, wenngleich nur ein kleines, es steht für den B-Bezug zur Rerealität, dessen Gorrhs Bewunderer sich befleißigen. Auf Gorrhs Bewunderinnen zugerobbt kommen aus den trostbietenden Vorstädten gruppenweise die anderen Ideologisten. Es geht ihnen darum, den Arsch hochzubekommen und mehr Wissen über sich selbst anzuhäufen, das dann schippchenweise an Bedürftige verschenkt oder “zu fairen Preisen weitergegeben” werden kann. “Aha!”, machts da über der Stadt, auf ihren Plätzen und Straßen, auf der Rheinwiese und insbesondere bei den Würstchenständen. Mit der Leichtigkeit eines Werbeluftballons platzt Gorrh, weil er mutwillig zerstört wird und sieht, daß es gut ist. Außerdem muß sie wieder an den Strom: „Klappe halten, Zeit verwalten, Kerne spalten!“ erscheint Gorrhs vorerst letzte, verglühende Leuchtbotschaft, bevor sie am Rande der eigenen Inexistenz in die 70er switscht, mit Turmfrisur, Zahnlückchen und psychedelischen Mustern in Braunorange, Orangegrün und Gelbrot.

Der Rhein von oben

Fernsehgebühren sind, umso mehr ab nächstem Jahr, wenn die verpflichtende Regelgebühr auch für solche Menschen kommen wird, die nicht nur kein Empfangsgerät besitzen, sondern öffentlich-rechtliches Fernsehen sogar ablehnen, offenbar ein sprudelnder Goldquell für die empfänglichen Sender, ein mitunter verblendender, die weniger glänzenden  Hintergoldlandschaften ausblendender, denn was soll auch „konzipiert“ und gezeigt werden, wenn nicht die 127. Rheindoku, es könnte ja mal wieder eine innovative sein. Oder doch lieber eine für den ausgewerteten Durchschnittszuschauer, der irritierenderweise in einem Ort namens Haßloch über sich selbst befindet?

Nachdem das ZDF gerade den Rhein abgereist hat, um ihn von oben zu filmen, zieht nun der WDR mit Der Rhein von oben, „der aufwendigsten Produktion seit langem“ (Zitate: Rheinische Post) nach: „Aus der Luft wird der Rhein von der Quelle bis zur Mündung verfilmt.“ Wie sich die Worte, wie sich die Ideen bei ARD/WDR und ZDF gleichen! Zunächst heißt es natürlich abwarten, was wir tatsächlich doppelt (und dreifach, vierfach, fünffach usw) zu sehen bekommen werden… Immerhin soll die aktuell entstehende WDR-Produktion für einen Fünfteiler Material bieten, somit “ausführlichstes Bild des Rheins sein, das je gedreht wurde“. Das könnte, was eine Rheindokuserie  im deutschen TV belangt, sogar hinkommen – uns sind bisher maximal Vierteiler bekannt.

Spannend klingt die Presse-Vorankündigung leider dennoch genauso mäßig wie die weit überwiegende Mehrzahl der vorangegangenen 126 öffentlich-rechtlichen Rheindokus tatsächlich ausfiel. Eher nach einmal mehr salbungsvollen Heimatpreisungen durchs Objektiv mit einem Schuß grün vorgetragener Proporzkritik im Textanteil. Das Alleinstellungsmerkmal, genau wie beim jüngsten ZDF-Produkt Abenteuer Rhein: die Kameratechnik: hier nun kein Blimp, sondern „eine per Joystick gesteuerte Cineflex-Kamera, die am Helikopterbügel befestigt wird“. Wir freuen uns bereits auf die Musikauswahl, denn allzuviel Rotorgeratsche dürfte trotz der hochinnovativen Kameraführung dem Zuschauer kaum zugemutet werden.

Und: „Eine Folge soll sogar in 3D gedreht werden.“ Wir fänden es ja (mit Jürgen Klopp) richtig geil, die schiffsschraubendurchdröhnten Gründe der Kessler-Grundel und der Wollhandkrabbe, unserer subaquatischen Neozoenheere, in wagnerdeutschem Rundum-3D erblicken zu dürfen, also Unterwasseraufnahmen des Rheins zu sehen, wie sie sonst nur die BBC auf und tief in den Weltmeeren hinbekommt. Auch sähen wir gerne einen mit Spezialkamera bewehrten, verschiedene Vogeldialekte beherrschenden Nils Holgersson-Kleinstroboter bei den schrägen Nilgänsen des Rheins eingeschleust, welcher exklusiv aus deren Familienleben und ihrem Verhältnis zu urgermanischen Arten berichtete. Oder könnt ihr das nicht? Ufermauer-Crashtests mit „Hey Blondy, wo geht’s hier nach Köln, hahahaa!“-Jet-Boot-Hedonisten bei voller Kameraerschütterung. Mindestens fünf Minuten apokalyptisches Tasten in der Rauchwolke aus der Krefelder Düngemittelfabrik. Die ersten Filmbilder Gorrhs, des bisher nur in Literatur und Kunst vorkommenden, eindeutig  rheinischen,  auf  der Autobahn geborenen Superheldenalltagsgottzwitternongeschlechtlers. (Vorsicht, manchmal frißt Gorrh Helikopter.) Partikeln des Bösen, mal genauso wahrgenommen wie von der Bevölkerung. Mal wieder näher ran an die Leute, falls da noch was ist. Gern auch satellittös. Läßt sich vom Orbit wirklich jeder Pickel im Gesicht eines Rheinpunks scharfstellen? Was ist dran an der These, das Rheingold sei in Wirklichkeit seit Einführung der Rundfunkgebühren gehoben? Sagts uns! Und für die, die neue Loreleyansichten brauchen, wiederholt einfach die alten Loreleyansichten.

Es soll sich übrigens seit geraumer Zeit eine noch stille Bewegung unter künftigen Zwangsgebührenzahlern, die eigentlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder das Fernsehen insgesamt ablehnen, bilden, eine sehr deutsche Form des Protestes sozusagen. Die GEZ könnte demnach mit Einführung der Kopfgebühr mit Anträgen auf Empfangsgeräte überschwemmt werden. (Was uns an Ärzteklagen im TV nach Einführung der Praxisgebühr erinnerte: daß die Praxen nämlich plötzlich übervoll mit Leuten seien, “die nichts hätten”, nun jedoch täglich zur Konsultation auftauchten, um die einmal bezahlte Leistung bestmöglich in Anspruch zu nehmen.)

Val Strem (4)

Bei den gröberen Kaskaden angelangt picknickten wir, nachdem ihre Farben mit denen des Himmels abgeglichen waren, die unterwegs gesammelten Blaubeeren, musterten bis zur Selbstverschwommenheit die Muster verschiedentlicher Flechten, stellten uns somit den Ängsten, welche die Bergnatur dem unbedarften Eindringling von hinten durch die Brust ins Auge einschenkt, und wurden dabei so übermütig wie der brüllende, sprühende Rhein, der wie ein mittelmäßig Irrer mit größter Selbstverständlichkeit und Beharrlichkeit gegen die Felsen klatschte, brüllten, einem unnennbaren Impuls folgend, ebenfalls, lauschten, ob sich das menschliche Gebrüll dem Tosen mischte, eine gemeinschaftliche Musik am Rande des Erträglichen (the worst & loudest of nature) zu erzeugen, eine befreiende zugleich, von soviel Idyll, daß es verfälscht wirkte, wie ein von ziemlich realistischen Figuren bevölkertes Computerspielszenario Gorrh of the Alps (ein Egorrhshooter) mit einzeln animierten Grashalmen digitaler Qualität, wobei verfälscht wiederum der falsche Ausdruck wäre, denn was erschaffen wird, kann schwerlich verfälscht sein, vielmehr schlecht nachvollzogen und kopiert (bei jeder Kopie entsteht Verlust), verfälscht: das wäre wohl eher Pfusch am Bestehenden, ein Eingriff zum Schlechteren hin, eine Prämisse, unter der wir mit uns selbst in Streit ausbrachen, ob unser Gebrüll ein naturverfälschendes oder ein Syntheseangebot vorstellte, bestimmte oder auch verstimmte Frequenzen zum Besseren zu organisieren, zu einem Mensch-Natur-Klangraum friedlicher Koexistenz und schöpferischer Grundlage wie er allenthalben bereits anzutreffen ist, aber kaum wahrgenommen wird, wenn wir zB ein mäßig entferntes Flußrauschen für ein fernes Motorrauschen halten oder umgekehrt oder beides sich zu einer akustischen Einheit mengt und wir uns, sobald wir es herausbekommen, wie im falschen Film fühlen, trotz allen längst formulierten Futurismus` und aller sich selbst überlappenden Moderne. Wir dachten bei den Kaskaden des Val Strem an die Liechtensteiner und ihre ungeheure, auch an Wochenenden ungebrochene Lärmbereitschaft, wenn es etwa um das Kupieren von Grünflächen geht (der Schweizer und Deutsche im Übrigen kaum nachstehen) und daß diese Freude (falls es überhaupt Freude ist) am Erzeugen nervtötender Antiklänge ihre Ursachen im heimlich ersehnten Überwinden brachialer oder sonstwie bangemachender Naturgeräusche liegen könnte und daß es daher erstaunlich sei, daß diese Nationen kaum nennenswerte Noise Art bisher hervorgebracht haben, wo doch jede Menge akustischer Emissionen allein schon von Haushalts- und Haushaltsumschwungsgeräten dringend einmal künstlerisch sublimiert werden müßten oder auch mörderisch verstärkt, um mal richtig einen Punkt zu setzen. Man darf das aber nicht von den andern fordern, man muß es am besten selber tun, dachten wir, und das war wohl der wahre Grund für unser im Rheintosen auf- und untergehendes Experimentalgebrüll und nicht, wie oben erwähnt, ein „unnennbarer Impuls“. Der Name Val Strem soll sich von extremus ableiten, da das Tal weit außen gelegen sei, jedenfalls nicht vom romanischen stremblir (zittern, beben), wozu es jedoch führen kann, sobald der Besucher auf extreme Gedanken verfällt. Auf dem gleichen Weg, den wir hinaufgestiegen waren, stiegen wir auch wieder gen Sedrun hinab.

Gorrh (20)

Mitten in renovierten Bezugsumgebungen wird Gorrh (dh wird Gorrh Gorrh, dh wirrt Gorrh, dh Gorrh wird Wirt), nach ausgeprägtem, überstandenem Kautschkartoffelstudium mit Bringepizza und den bewußtseinsintensiven Nährstoffen seiner Ängste (und noch unkeuscheren Substanzen), während dessen Gorrh sich mit sämtlichen TV-Sendeformaten vertraut machte und ausgedehnte Werbetelefonate mit Unternehmen vornehmlich der Telekommunikations- und Glücksspielbranche führte, somit das menschliche Potential der Heimat in prägenden Grundzügen erfaßte, eine Wirkperiode, als deren frühes, unvollendetes Resultat Gorrh nicht zuletzt seine Nachbarn in den gesamtgesellschaftlich viel zu wenig genutzten Stunden zwischen 3 und 5 Uhr morgens mit ultraernsten, übereindutzendaktigen Klopfzeichenopern im Stile des gehobenen Autismus` der ersten rot-grünen Bundesregierung unterhielt bzw versorgte, wird Gorrh sich nun seine (lediglich zum Undercoverstudium angenommene, dann aber unversehens ausgeartete) Opferrolle als Erwerbsloser in den monströsen allesdurchdringenden Wucherungen des Ariel-Kapitalismus wieder abwaschen und sich zu diesem Zweck rheinabwärts treiben lassen. Um dieses Vorhaben bestvorbereitet umzusetzen, hat er sich im Internet einen Wickelfisch bestellt. In den paßt alles für unterwegs, selbst Gorrhs zweites bis siebtes Ich (Gärrh, Goarhh, Groaaahh, Gerd, Gurrh und Gretel) haben Platz im Wickelfisch, nebst Ersatz- und Ausgehwickelfischen in zeitlosen wie in Saisonfarben. Was Gorrh sonst noch einpackt, verschweigen, weil es locker auf eine Kuhhaut geht, die meisten Frauenzeitschriften: ein Säckchen Callifora vicina, ein Säckchen Lucilia bufonivora, ein Säckchen Vogelblutfliegen (gemischt) und sein tiefenentfaltbares Landschaftsstethoskop. Ok, jetzabbamavorrran! Gorrh kniet sich ins Rheinknie. Das Flußwasser wallt Gorrhs Pelz. “Nein Gorrh, dies ist kein Abklingbecken!” “Hä? Wer spricht?” Um die Selbstreinigung zu beschleunigen, richtet sich Gorrh zum Schlot, klappt die Nüstern auf und stößt den giftigen Dampf, der sich in seinem Körper, in seiner Persönlichkeit gesammelt hat, senkrecht hindurch, eine vom Turm des Freiburger Münsters gut sichtbare Säule. Wenig später gellen die Sirenen. Gorrhs Dampf indessen transformiert sich zu Wolkenpampf, der Wolkenpampf transformiert sich in einen ziemlich heftigen Platzregen, in dem Gorrh steht. Hätte er nicht seinen Wickelfisch… aber er hat ihn ja, hat ihn ja, hahaha, hat ihn ja! Ganz zuoberst im Fisch lagert, per Knopfdruck auslösbar, Gorrhs Antiproblemtschirm. Zack, den Tschirm ausgelöst. Ein totaler Rettungstschirm! So watet Gorrh, bestens betschirmt, mal wieder rheinab. Sagt der Tschirm: “Drei Wünsche kann ich dir heut erfüllen.” Gorrh: “Därrraasnmußbrennnen! Stahlhelme auf! Finaaale-ohoho!” Läuft schwarzrotgold an, verbreitert das Tal mit seiner wasserdichten Vuvuzela. Wacht auf der Kautsch auf. Der Pschüchater zwinkert Gorrh plinkernd zu.

Gorrh (19)

Gorrh in Gohr. Da ist nicht viel. Ein Spielmannszug mit Tsching und Ding marschiert im Hirn von Ohr zu Ohr. Im Nachbardorf gibts Schützenfest. Gorrh peilt den Adler (soviele von denen einst verspeist) pazifistisch an mit seiner großen runden Abflußrohrpupille. Durch die es regnet. Tschingeldingelding. Es regnet am Niederrhein, Gorrhs Kopf füllt sich mit Wasser, Weite, Freiheit. Und Gras. Dort hinten im geblümten Gras nächst den pferdeschweren Erdbeerfeldern sitzt ein Hippie, ganz naß. Ein fürchterlich breiter Hippie mit karmensinroten Klüsen sitzt da wie ein behaartes landwirtschaftliches Nutzgerät und saugt die Gegend ein. Die Landschaft dreht sich unter psychedelischen Aspekten in den Hippie hinein. Der spricht langsam: „Kü-he fres-sen Gras!“ Eine wunderschön essentielle Erleuchtung schraubt sich durch den Hippie hindurch gen Himmel und bohrt die Wolken an. Der Regen wird stärker. Gorrh siebt sich durch die Tropfenfälle, seiht sich, setzt sich neben den Hippie, umarmt ihn, singt den Smashhit des Niederrheins: „die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, aha!“, rechnet zugleich: „Dormagen durch Remagen gleich Dorre gleich Mifasolati, wattemal, gleich Dortmund?“, Gesprächsangebote an den Hippie. Der denkt nichts weniger als die gesamte Landschaft als Schützenfest: krachbummdaneben! Gorrh packt ein Packerl toter Worte aus, welche er nachts den Aalen abnahm, Gutachten über das Hier und Jetzt und seine Flucht in die Wände aus Himmel, Wiese, Feldern, nichts ist echt und das Leben total easy mit geschlossenen Augen. „Es ist nicht so einfach“, ermuntert Gorrh den Hippie, „jemand zu werden, aber es wird schon. Du bist mir eh egal.“ Doch es muß nun sein. Gorrh transformiert sich in ein Flann O`Brien`sches Fahrrad aus geronnenem Stahl, das er zugleich befährt: treppelt wie ein ehemaliger Schützenkönig. Gorrh muß los heißt Gorrh ist los. Alles ist gorrhlos und grappig im geregneten Tag aus Matschwasser an den Feldrainen Klatschmohn Klatschmohn. (Gorrh erteilt sich Zwischenapplaus.) Muß los. Nach Holzheim zu Onno. Onno wird 50 mitten in der Nacht, mitten im Garten, das muß Gorrh sehen mit seiner riesigen Kreissägenpupille. Gorrh pflückt ein Bündel Rübengrün als Gabe an Onno, den Dichter, den Dochter, den Dokter, den Docktooor. Regenbeperltes Rübengrün, mit schwarzem Edding beschriftet „Oh! oh! oh!“, dreimal gegen die Tür geschlagen unter Oh-Rufen entfaltet das Kraut erst seine Wirkung, entläßt aus wulstigen Adern den magischen Dunkelsirup, in dem der Niederrheiner schwimmt wie Siegfried einst im Drachenblute. Onnos Ruhm rührt von seinen rhythmischen Beschreibungen des Niederrheins als Heimat mitten im Weltall, das lockt selbst die Hauptstadtdichter in Scharen über hunderte Kilometer in die Funklöcher zwischen Allerheiligen, Hoisten und Speck. Pieksende Tiere hocken dort im Gras, textende Insekten, und freuen sich über Berliner Blut. Die Grille krabbelt zirpend auf Splatterkurs, die Gäste machen Sport (Biergläserumhaun mit Ochsenkeulen), die Bratwurst tanzt sich opm Jrill dat Fleisch ausn Poren. Die Dichter aus Berlin heißen Tom, Tim, Timo und Tommi, oder auch Björn oder Bjarne. Sie helfen sich gegenseitig in der Fremde, indem sie für Biernachschub sorgen und dichten mit Vorliebe über Wurst, aber so, daß es bewußtseinserweiternd wirkt. Aus Wurst wird schließlich Botox gewonnen, eine hippe Modedroge in der coolen Hauptstadt, nebst Bageling, wofür man sich die Stirn aufpumpen und mit dem Daumen vom Thumbmaster ein recht schön mittiges Loch hineindrücken lassen muß. Gorrh schnappt sich den dichtergefüllten Garten und trägt ihn im Maul bis etwa zweihundert Meter über Normalnull. Dort oben stieben die Sterne als Kohlefunken vom Grill von frechen Mädchen erschossen. Die Nacht faltet sich in Klappfächer verschiedenartiger Dunkelheit und klappert und schwirrt. Es sind die Rufe der Orientierungslosen aus dem Dorfzentrum. Als endlich sehr heftiger Regen einsetzt rennen die Dichter nach draußen, um ihr Bier in Strömen zu trinken. Sie kippen vom Garten in den Garten, umarmen sich, streicheln Blumen, hören in einer Sommernachtsfantasie den ganzen Wavekram aus den Achtzigern „eh mama Joydivischen“. Oho, da ist er doch wohl überlebt, der frühe Tod! Gorrh prustet, pustet etwas kühlen Wind in den Laumannsommer. Schnaubt. Wiehert. Gackert ein wenig. Gräbt sich ein in die Felder. Schläft wurzelnnuckelnd den Schlaf von tausend Engerlingen und wächst in Traumhaft als Weizenhalme für mindestens einige Hektoliter gesunden Schaumbiers über sich hinaus.

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (2)

Auch im fortgeschrittenen Jahr 2012 nach Christi Geburt (falls diese Rechnung denn stimmt) dürfen wir dem großen imaginären Fragesteller, der die Themen der Zeit aufwirft und kritisch beäugt, auf sein Begehr zu wissen, ob es einem Erdenbürger möglich sei, den Rhein von der Quelle bis zur Mündung zu durchschwimmen, mit gutem Gewissen antworten, daß a) die Frage einen Tick zu unpräzise gestellt sei und b) wie auch immer, ein solcher Mensch vermutlich erst noch geboren werden müsse.

Probiert hat es dieser Tage einer der Unsrigen, Ernst Bromeis (wir berichteten), und er ist immer noch dabei, obgleich seine Ankündigung im Grunde vom ersten Tag an als verfehlt angesehen werden darf. Trotz Hilfsmitteln wie Neopren- und sonstigen Spezialanzügen wie dem Hydrospeed, trotz Lotsendienst eines vorausfahrenden Kajaks, ist der Wildheit, der Kälte, den Launen des Rheins vor allem in seinen jungen Regionen allein mit Schwimmen (noch) nicht beizukommen. Ernst Bromeis (bzw ein Schreiber aus seinem Team) gibt das in seinem Begleitblog zur Aktion auch offen zu.

Kaum jemand dürfte ernsthaft erwartet haben, daß Bromeis z.B. den Rheinfall hinab schwimmt. Zwar existieren im Internet Beweisvideos von Kajakfahrern, die dieses Wagnis in ihren schützenden Bootsschalen angingen und vor Freude und/oder Furcht schreiend in den Weißschaum hinabstürzten, doch ist das Befahren des Rheinfalls sowohl ein Grenzfall für die menschliche Vernunft, als auch schweizseits verboten – etwaigen Delinquenten drohen bei Überleben empfindliche Geldbußen.

Über Geldbußen für Schwimmer wissen wir nichts, Bromeis jedenfalls schwamm den Rheinfall nicht hinab. Die Überlegung, sich stattdessen über den Fels abzuseilen, wurde laut Blog vom Wasserstand davongetragen. Bromeis und sein Team unternahmen stattdessen, was in der Sprache der Kajakfahrer „umsetzen“ heißt. Sie stiegen aus dem Fluß und umgingen das Hindernis.

Die Probleme für das Gesamtunterfangen bestanden in den vergangenen Tagen laut Blog aber vor allem in der für Mai deutlich zu niedrigen Wassertemperatur. Mehrmals stieg Ernst Bromeis aus dem Wasser und setzte seine Rheinaktion im Kajak fort. (Eine Liechtensteiner rheinsein-Späherin konnte Bromeis bei Wind und Wetter überhaupt garnicht ausmachen, dafür aber zwei Biber.) Als Juri Gagarin, oder treffender, aber trauriger: Roald Amundsen des Rheinschwimmens wird der Bündner damit kaum in die Annalen eingehen. Auch wenn das Rekordziel nicht aufrechterhalten werden kann: die Schwimmtour soll fortgesetzt werden. So werden wir bis Rotterdam wohl noch einige rheinische Eindrücke aus Schwimmersicht erhalten. Was ja nicht gerade wenig wäre. rheinsein wünscht Ernst Bromeis gutes Durchkommen (ob er bei den Schleusen die Fischtreppen nutzen darf?) und bessere Wassertemperaturen (die Industrie ist nicht mehr fern)!

Gorrh (18)

Fällt Schnee? Schnee fällt. Vor und hinter, über und unter sinkenden Flocken sinkende Flocken. Auch diagonal oder digital: zwischen den Flocken: Flocken. Heute dicke Flocken. Und jeder Flocke wohnt eine kleine Kälte inne, sozusagen das Gegenstück zu schwach aufgedrehter Heizung. Im Verbund gelingt den kleinen Kälten eine umfassende Netzwerkkälte, dh, die Kältestrahlen der einzelnen Flocken vereinen sich zu einer sirrenden Gesamtkälte – oder anders ausgedrückt: Schnee durch Schnee ist gleich Schnee. Eine wunderbare Winterlandschaft, gegeben im Schaufenster der Galeria Kaufhof. Eine kleine, zerzauselte, gegen den Strich gebürstete Gorrhpuppe in knitterfreier Martinsmantelhälfte hockt mittendrin, spielt E-Gitarre, singt: „isch glaub, isch bin so happig“, schlägt rhythmisch mit der Faust in die Luft, rebellische Geste, bangt head, kickt ass, fällt mit Batterieschaden aus. Vor dem Schaufenster Gorrh, der echte, als unscheinbare Bettlerin verkleidet, ein Glas Ahrschwärmer, ehemals Glühwein, nun mit einer Haube aus Zuckerguß, dh Schnee, denn auch draußen fällt Schnee, wenngleich nicht ganz so viel und gar so hübsch wie drinnen, in der Linken festgefroren. Vereinzelt Passanten, die sich ihre bibbernden Gebisse zeigen. Arbeitslose Jugendliche natürlich, die sich über die vermeintliche Bettlerin im Schnee lustig machen: „die letzte totale Mondcoolness is bei der aber auch schon paar zig`n`zwanzig Jährchen her“; Gorrh grinst undeutbar, putzt sich demonstrativ die Zähne mit Remoulade und sinniert über Hirnweichheit im Verhältnis zu demoskopischen Strukturen. Es sieht nicht gut aus für die Gesellschaft. Es sah mal gut aus für die Gesellschaft, es wird für die Gesellschaft auch mal wieder gut aussehen, aber im Präsens ist das nicht zu schaffen. Plötzlich steht etwas still. Die Schneeflocken bremsen, die Erdrotation kommt ans Ruckeln, ein Riß geht durch das gefrorene Glas Ahrschwärmer in Gorrhs linker Hand. Es ist Gorrhs mentale Stärke, die diesen Moment ausgelöst hat. Die Menschen reißt es erst leicht nach hinten, dann prallen sie, durch den Rückschlag des totalen Stillstands, heftig nach vorne in ihr weiteres Leben. „Wat war dat denn noch?“ Der Stillstand, so absolut Gorrh ihn auch inszenierte, hielt nur für Sekundenbruchteile, ein kleiner Warnschuß, Gelegenheit zum Innehalten, mehr nicht, vielleicht ein Scherz unter arbeitslosen Jugendlichen. Die nun auf Gorrh eintraten, der als Bettlerin verkleidet irre verkrümmt auf dem Boden lag. Anderntags die Zeitungstitel: „Gesellschaftliche Kälte im Schnee“, „Rheinland polar“ und „Hurra! Der Wahnsinn hat Methode!“ – ein einziger Aufschrei! Darunter Fotos von Fleisch- und Knochenresten arbeitsloser Jugendlicher mitten auf der Königsallee. Gut sichtbar im Schnee: Skalps mit CR7-Frisuren. Die Mordkommission ermittelt. Gorrh lehnt jede Stellungnahme ab. Der Präsident hält seine berühmte Rede vom Ruck, der durch das Land zu gehen habe.

Gorrh (17)

„Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt, Gorrhus gorrhus (das Männchen heißt vom September an auch G. musculus, das Weibchen G.a schizopulcherrima), ist ein höchst sonderbarer Wandergott, halb Wald-, halb Stadttier, halb aus reinem Nichts gesponnen, Dividende des Unnatürlichen, Nenner der Menschheit, Elektrospacke, manche sagen: Befall aus dem All. Aus dem Asfalt, wo er besonders entlang der Rheinschiene hinstreicht, steigt er oft im April schon, oft später, in langsamen Zügen in spitzwinkeligen Linien, die schwersten Gedanken voran, alle Flüsse Deutschlands hinauf, kommt im Mai bei Basel durch den Rhein her, schnellt sich mit kräftigem Schwanzschlag die Laufenburger Stromschnelle hinan, schwimmt im August in die kleinern Flüsse, zieht ohne Aufenthalt durch die Länge der Seen nach deren Zufluß, fährt diesen aufwärts, überspringt leicht Wehre und Rechen, verteilt sich in alle großen Seitenbäche, die schnellen Lauf und kiesigen Boden haben, und gelangt so in die Bergregion auf wunderbarer Irrfahrt. Hier laicht er vom Oktober bis Dezember und zieht dann wieder in großen Reihen flußabwärts, dorthin, wo er herkam, zurück. Es sind dies die Monate unter den Monaten, an denen er unsichtbar bleibt, wie auch zu anderen Monaten im Jahr. Seine dreißigtausendfache Vervielfältigung kann nur durch einen ebenso schweren Gedanken aufgehoben werden. Ein Gedankensprengsatz, gehalten von untereinander verkabelten, intelligent gesetzten Plastiksprengstoffkommata, ein eiliges, wuchtiges Gewebe, das den Riß in der Luft, den sein Erscheinen verursacht, zum Loch umreißt, dessen Rand zerfetzt, bis von allem Nichts nichts mehr übrig bleibt als die reine Vollkommenheit und Fülle, eine antimaterielle Überfülle, das nonmaterielle Megamaterial. „Süperendesüpere“, summt Gorrh zu Lichtmeß, knocht und wobbelt, protzt und schlorcht, Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt.“

(Obiges fanden wir in Strondtners Notizen. Der Text ist im Original s-förmig durchgestrichen. Oder markiert. Serpentiert? Wo zur Hölle ist Strondtner eigentlich abgeblieben?)

Gorrh (16)

Nach seiner Hochhausbestattung schattete Gorrh erstmal flappend durchs Erdreich: zu den guten Stunden, zu den schlechten Stunden. (Die Stunden flocht er zu Minuten, die Minuten zu Sekunden, dann, zwei Jahre zuvor, verwarf er jegliche Zeit, samt ihrer irritierenden Einheiten.) Wenige wußten das, doch klar sprach es sich rum. Seine selbstklebende Seele, gelöst in Eau de Cologne, ein Badesee für Gothics, Lokalpolitiker und Reptilien, bekannt geworden als „gorrhsische Tinktur“, eine Art Einreibemittel für den Sport der Nibelungen. (Zur Erinnerung: die Erdlinge hatten nach langen Kämpfen, bei denen es fürchterlich auf die Fresse gab, den Rhein ausgetrocknet, um Gorrh, der zum Entseelen Unmengen Hazweioh benötigte, posthum zu wässern.) Eine Originalstimme: „Ich habe diesen ferngesteuerten Gorrhokopter aus der Produktionsreihe „Remagen“ hinten oben in einem geplünderten Supermarkt gefunden. Die Bedienungsanleitung ist noch ganz frisch. Ich demonstriere Ihnen nun den Freßflug.“ (Es klappert, schnurrt und zischt auch ein bißchen.) „So müssen Sie sich sein Rediving vorstellen. Er kam aus dem Innern des Hochhauses. Wie eine platzende Wurst. Ich habe das mal nachgerechnet. Das war anfangs eine etwa fünfhundertfache Sonnenfensternis, als er aus den scherbenden Scheiben, die von tiefstehenden Sonnen überlaufenen Scheiben waren ja die zentralen Schleusen für Gorrhs Wiedereintritt, wenngleich zunächst kaum mehr als ein psychisch gefüllter Lichtreflex, denn die Scheiben platzten gemeinsam mit Gorrhs leerer Hülle und multiplizierten sich flugs zu gänzlich unvorstellbaren Zahlenwerten, also Geschossen, geschossen von Gorrhs Energie, über die wir, denke ich, kein Wort zu verlieren brauchen. Es war in dieser Transplosionsschmelze einiges an Landschaft mit eingefaßt, menschliches Leben, tierisches Leben, also diverse Wohnviertel, auch Industrieflächen, bedenken Sie nur, was da alles rumläuft, um den Tag mit Sinn zu füllen. Das, was da war, schmolz mit Gorrhs Rückverbrüderung zusammen in einem universumsstiftenden Liebesakt in klein, sozusagen. Also hier in der Gegend und auch für die Gegend, aus der Gorrh ja ursprünglich stammt.“ Es schattete und schneit aus den Himmeln. Immer mehr Menschen drängten auf jene Linie zu, an der sie bis heute ihre Erlebnisse mit Gorrh in öffentlichen Spoken Word-Performances mitteilen. Erstunkenes. Erlogenes ebenfalls: „Sie kennen doch dieses Filmbaby aus Eraserhead von David Lynch. So ähnlich sah Gorrh aus, nur verwarzter und viel horniger. Er quiekt ganz erbärmlich. Ich werde ihn in das Körbchen meines verstorbenen Dackels stecken, das ich aus Sentimentalität aufbewahrt hatte und päppelte ihn mit Grafschafter Goldsaft auf.“ „Sie können sich vorstellen, daß es selbst für Gorrh nicht leicht sein wird, mitten im rheinischen Jänner zurückzukehren. Insbesondere der Autoverkehr ging ihm an die Nieren.“ Unter „Gorrh fliegt wieder!“-Plakaten werden die Menschen stehen und haben gesprochen. Sie müssen ihre Erlebnisse bewältigen, auf den Punkt kommen, ihre Spiritualität updaten. Sie rufen mit lauter Stimme: „Wie lange zögerst du noch, Gorrh, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.