Gorrh (18)

Fällt Schnee? Schnee fällt. Vor und hinter, über und unter sinkenden Flocken sinkende Flocken. Auch diagonal oder digital: zwischen den Flocken: Flocken. Heute dicke Flocken. Und jeder Flocke wohnt eine kleine Kälte inne, sozusagen das Gegenstück zu schwach aufgedrehter Heizung. Im Verbund gelingt den kleinen Kälten eine umfassende Netzwerkkälte, dh, die Kältestrahlen der einzelnen Flocken vereinen sich zu einer sirrenden Gesamtkälte – oder anders ausgedrückt: Schnee durch Schnee ist gleich Schnee. Eine wunderbare Winterlandschaft, gegeben im Schaufenster der Galeria Kaufhof. Eine kleine, zerzauselte, gegen den Strich gebürstete Gorrhpuppe in knitterfreier Martinsmantelhälfte hockt mittendrin, spielt E-Gitarre, singt: „isch glaub, isch bin so happig“, schlägt rhythmisch mit der Faust in die Luft, rebellische Geste, bangt head, kickt ass, fällt mit Batterieschaden aus. Vor dem Schaufenster Gorrh, der echte, als unscheinbare Bettlerin verkleidet, ein Glas Ahrschwärmer, ehemals Glühwein, nun mit einer Haube aus Zuckerguß, dh Schnee, denn auch draußen fällt Schnee, wenngleich nicht ganz so viel und gar so hübsch wie drinnen, in der Linken festgefroren. Vereinzelt Passanten, die sich ihre bibbernden Gebisse zeigen. Arbeitslose Jugendliche natürlich, die sich über die vermeintliche Bettlerin im Schnee lustig machen: „die letzte totale Mondcoolness is bei der aber auch schon paar zig`n`zwanzig Jährchen her“; Gorrh grinst undeutbar, putzt sich demonstrativ die Zähne mit Remoulade und sinniert über Hirnweichheit im Verhältnis zu demoskopischen Strukturen. Es sieht nicht gut aus für die Gesellschaft. Es sah mal gut aus für die Gesellschaft, es wird für die Gesellschaft auch mal wieder gut aussehen, aber im Präsens ist das nicht zu schaffen. Plötzlich steht etwas still. Die Schneeflocken bremsen, die Erdrotation kommt ans Ruckeln, ein Riß geht durch das gefrorene Glas Ahrschwärmer in Gorrhs linker Hand. Es ist Gorrhs mentale Stärke, die diesen Moment ausgelöst hat. Die Menschen reißt es erst leicht nach hinten, dann prallen sie, durch den Rückschlag des totalen Stillstands, heftig nach vorne in ihr weiteres Leben. „Wat war dat denn noch?“ Der Stillstand, so absolut Gorrh ihn auch inszenierte, hielt nur für Sekundenbruchteile, ein kleiner Warnschuß, Gelegenheit zum Innehalten, mehr nicht, vielleicht ein Scherz unter arbeitslosen Jugendlichen. Die nun auf Gorrh eintraten, der als Bettlerin verkleidet irre verkrümmt auf dem Boden lag. Anderntags die Zeitungstitel: „Gesellschaftliche Kälte im Schnee“, „Rheinland polar“ und „Hurra! Der Wahnsinn hat Methode!“ – ein einziger Aufschrei! Darunter Fotos von Fleisch- und Knochenresten arbeitsloser Jugendlicher mitten auf der Königsallee. Gut sichtbar im Schnee: Skalps mit CR7-Frisuren. Die Mordkommission ermittelt. Gorrh lehnt jede Stellungnahme ab. Der Präsident hält seine berühmte Rede vom Ruck, der durch das Land zu gehen habe.

Gorrh (17)

„Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt, Gorrhus gorrhus (das Männchen heißt vom September an auch G. musculus, das Weibchen G.a schizopulcherrima), ist ein höchst sonderbarer Wandergott, halb Wald-, halb Stadttier, halb aus reinem Nichts gesponnen, Dividende des Unnatürlichen, Nenner der Menschheit, Elektrospacke, manche sagen: Befall aus dem All. Aus dem Asfalt, wo er besonders entlang der Rheinschiene hinstreicht, steigt er oft im April schon, oft später, in langsamen Zügen in spitzwinkeligen Linien, die schwersten Gedanken voran, alle Flüsse Deutschlands hinauf, kommt im Mai bei Basel durch den Rhein her, schnellt sich mit kräftigem Schwanzschlag die Laufenburger Stromschnelle hinan, schwimmt im August in die kleinern Flüsse, zieht ohne Aufenthalt durch die Länge der Seen nach deren Zufluß, fährt diesen aufwärts, überspringt leicht Wehre und Rechen, verteilt sich in alle großen Seitenbäche, die schnellen Lauf und kiesigen Boden haben, und gelangt so in die Bergregion auf wunderbarer Irrfahrt. Hier laicht er vom Oktober bis Dezember und zieht dann wieder in großen Reihen flußabwärts, dorthin, wo er herkam, zurück. Es sind dies die Monate unter den Monaten, an denen er unsichtbar bleibt, wie auch zu anderen Monaten im Jahr. Seine dreißigtausendfache Vervielfältigung kann nur durch einen ebenso schweren Gedanken aufgehoben werden. Ein Gedankensprengsatz, gehalten von untereinander verkabelten, intelligent gesetzten Plastiksprengstoffkommata, ein eiliges, wuchtiges Gewebe, das den Riß in der Luft, den sein Erscheinen verursacht, zum Loch umreißt, dessen Rand zerfetzt, bis von allem Nichts nichts mehr übrig bleibt als die reine Vollkommenheit und Fülle, eine antimaterielle Überfülle, das nonmaterielle Megamaterial. „Süperendesüpere“, summt Gorrh zu Lichtmeß, knocht und wobbelt, protzt und schlorcht, Gorrh, unser Größter, jung Görrhling, erwachsen vom Frühling bis August Grrhoarrh, dann bis zu Neujahr Gorrh genannt.“

(Obiges fanden wir in Strondtners Notizen. Der Text ist im Original s-förmig durchgestrichen. Oder markiert. Serpentiert? Wo zur Hölle ist Strondtner eigentlich abgeblieben?)

Gorrh (16)

Nach seiner Hochhausbestattung schattete Gorrh erstmal flappend durchs Erdreich: zu den guten Stunden, zu den schlechten Stunden. (Die Stunden flocht er zu Minuten, die Minuten zu Sekunden, dann, zwei Jahre zuvor, verwarf er jegliche Zeit, samt ihrer irritierenden Einheiten.) Wenige wußten das, doch klar sprach es sich rum. Seine selbstklebende Seele, gelöst in Eau de Cologne, ein Badesee für Gothics, Lokalpolitiker und Reptilien, bekannt geworden als „gorrhsische Tinktur“, eine Art Einreibemittel für den Sport der Nibelungen. (Zur Erinnerung: die Erdlinge hatten nach langen Kämpfen, bei denen es fürchterlich auf die Fresse gab, den Rhein ausgetrocknet, um Gorrh, der zum Entseelen Unmengen Hazweioh benötigte, posthum zu wässern.) Eine Originalstimme: „Ich habe diesen ferngesteuerten Gorrhokopter aus der Produktionsreihe „Remagen“ hinten oben in einem geplünderten Supermarkt gefunden. Die Bedienungsanleitung ist noch ganz frisch. Ich demonstriere Ihnen nun den Freßflug.“ (Es klappert, schnurrt und zischt auch ein bißchen.) „So müssen Sie sich sein Rediving vorstellen. Er kam aus dem Innern des Hochhauses. Wie eine platzende Wurst. Ich habe das mal nachgerechnet. Das war anfangs eine etwa fünfhundertfache Sonnenfensternis, als er aus den scherbenden Scheiben, die von tiefstehenden Sonnen überlaufenen Scheiben waren ja die zentralen Schleusen für Gorrhs Wiedereintritt, wenngleich zunächst kaum mehr als ein psychisch gefüllter Lichtreflex, denn die Scheiben platzten gemeinsam mit Gorrhs leerer Hülle und multiplizierten sich flugs zu gänzlich unvorstellbaren Zahlenwerten, also Geschossen, geschossen von Gorrhs Energie, über die wir, denke ich, kein Wort zu verlieren brauchen. Es war in dieser Transplosionsschmelze einiges an Landschaft mit eingefaßt, menschliches Leben, tierisches Leben, also diverse Wohnviertel, auch Industrieflächen, bedenken Sie nur, was da alles rumläuft, um den Tag mit Sinn zu füllen. Das, was da war, schmolz mit Gorrhs Rückverbrüderung zusammen in einem universumsstiftenden Liebesakt in klein, sozusagen. Also hier in der Gegend und auch für die Gegend, aus der Gorrh ja ursprünglich stammt.“ Es schattete und schneit aus den Himmeln. Immer mehr Menschen drängten auf jene Linie zu, an der sie bis heute ihre Erlebnisse mit Gorrh in öffentlichen Spoken Word-Performances mitteilen. Erstunkenes. Erlogenes ebenfalls: „Sie kennen doch dieses Filmbaby aus Eraserhead von David Lynch. So ähnlich sah Gorrh aus, nur verwarzter und viel horniger. Er quiekt ganz erbärmlich. Ich werde ihn in das Körbchen meines verstorbenen Dackels stecken, das ich aus Sentimentalität aufbewahrt hatte und päppelte ihn mit Grafschafter Goldsaft auf.“ „Sie können sich vorstellen, daß es selbst für Gorrh nicht leicht sein wird, mitten im rheinischen Jänner zurückzukehren. Insbesondere der Autoverkehr ging ihm an die Nieren.“ Unter „Gorrh fliegt wieder!“-Plakaten werden die Menschen stehen und haben gesprochen. Sie müssen ihre Erlebnisse bewältigen, auf den Punkt kommen, ihre Spiritualität updaten. Sie rufen mit lauter Stimme: „Wie lange zögerst du noch, Gorrh, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.

Nachruf auf Gorrh

der Zorn der Spirituose, ein Kleid aus Feuchtigkeit
den Anstand in der Hose und in der Hand das Leid
das Überschwappen der Seele, Illusionen in Moll
den Krebs tief in der Kehle, klar und stimmungsvoll

barfuß hinterm Ofen, im Anzug unterm Tisch
selbstbewußt beim Schwoofen und wendig wie ein Fisch
zum Frühstück gabs Gottes Eier, zu Mittag gab es Gin
Geld floß den Rhein hinunter, er aber suchte nach Sinn

das Leben wahnsinnig einsam, dann und wann ein Komet
Gebete, ersterbend auf Leinwand, Wut in Glut gesät
in deren stetem Erlöschen schwingt ein Kirchglockenschlag
bittet den zu glauben, der vielleicht glauben mag

(Gorrh starb an Heiligabend 2011 in einem für Monstergötter schwer einschätzbaren Alter von 108 Jahren an Vernachlässigung.)

Gorrh (15)

schenkt Deutschland ein Tier aus gleißendem Nichts und zwar so: es war ein sonniger Sommersonntag. Gorrh trug, nach der vorangegangenen Nacht, ein Trägerkleid aus Paracetamol, zusammengehalten nur von zierlichen Petitessenflanschen. Alles war Baggersee und Pommesbude. Die Kirchglocken tönten: BAMM-BAMM-BAMM!!! An den Stehtischen lehnten welche, die aufgestützten Ellbogen um die Senf- und Ketchupspuren herum. Gott zum Gruße an seinem allerschönsten Tag! Kebab-Karlheinz pries sein Halbwaisengulasch mit supersoften Ehrenknödeln in der Kanone. Wie ein Spielfilm floß der Rhein dahin und glitzerte ein wenig zwischen den Pappeln. Auch Kebab-Karlheinz` Frikadellen gab es in Technicolor als Sinnbild für einen zufriedenen Magen und Menschen. Eine Friedenstaube flatterte. Schlaff im Wind begab sich ein Gesicht ohne Ritze hinter Zellophan wie eine böse Vorahnung von FDP und Grünen. Rundherum gab es Ringelpietz. Den hatten sie taleinwärts gedreht und so stach er jetzt aus dem Bildschirm heraus, auf dem Fußball lief. „Mönsch, die werden noch Märchenweltmeister!“ Beide Kanzler drückten die Daumen. Sie hatten Ersatzköpfe auf. Auch repräsentativ genug. Doch alle Fotografen postierten sich vor Gorrh: „Isch happ getz Antrach jestellt, bin Aufstocker, 60 Stunden die Woche, macht 800 Euro im Monat, 100 davon darf ich behalten, die Hälfte spend ich den Banken!“ Jubel auf den Tribünen für soviel Berechnung und Großzügigkeit. Gorrh holte die Martinsfräse raus und zeppte zwei Personen weg. „Is doch geil der Vertrach! Isch unterschreibe!“ Zum Besiegeln zupfte Gorrh ein noch nie gesehenes Tier aus gleißendem Nichts aus der rückwärtigen Tasche. Es grenzte an Zauberei. „Fördern und Fordern, sar`isch! Deutschland, dieses wertvolle Tier gehört von getz an dir!“

Rheinhessens Bevölkerung im Miozän (inkl. Gastauftritt)

Fossilienfunde erzählen von früheren Rheinanwohnern. So lebten am Ur-Rhein, welcher in der heute rheinhessischen Gegend deutlich westlicher verlaufen sein soll, fünf verschiedene Rüsseltierarten, darunter der massive Rheinelefant Deinotherium giganteum (auch: Schreckenstier, Hauerelefant). Bekannteste Fundstelle ist Eppelsheim im Alzeyer Raum, dort wurde auch erstmals ein Knochen des Menschenaffen Paidopithex rhenanus entdeckt. Ein weiterer Menschenaffe, Dryopithecus, trägt in seinem Namen (Eichenwaldaffe) bereits prädeutsche Eigenschaften. Weitere frühe und längst ausgestorbene Uferbewohner waren die löwengroße Säbelzahnkatze Machairodus, das bizarre krallenfüßige Huftier Chalicotherium goldfussi, die Bärenhunde Agnotherium und Amphicyon, die Hyäne Ictitherium, sowie der Katzenbär Simocyon. Gorrh hätte sich in solcher Nachbarschaft (weil sie grob war, ehrlich, direkt und dem Tode geweiht) wohlgefühlt, verstandener gefühlt jedenfalls als in der Postmoderne, doch so unwahrscheinlich das angesichts seiner prähistorischen Eigenschaften klingen mag: Gorrh konnte nur als kollektivvorgestellte Geburt im Medienzeitalter auf die Welt kommen. Daß er sich die terrestrische Geschichte (und wer weiß, vielleicht nicht nur die?) in irrem Tempo rückwärts anverwandelte, daß er die Wandel der vergangenen Jahrmillionen und Abermillionen mittels übermenschlicher Konzentration in seinen Gencode einschrieb, vermag unsere gegenwartsversessene Spezies im besten Fall intellektuell zu fassen, in der Praxis aber nicht umzusetzen. So sagen wir denn auch: Eppelsheim, Alzeyer Raum, Rheinhessen, als wären dort schon immer Eppelsheim, Alzeyer Raum und Rheinhessen gewesen. Gorrh, der Umgebung, also dies Gespinst aus Raum und Zeit, von Grund auf wesentlich flexibler faßt, dem bei jedem Blick die Gegenwart ins Kontraktiv-Extensive zerfließt, dessen Basisspiritualität ihm jedoch nichts als Unverständnis und Ablehnung einbringt, hören wir ein Basisgeheul anstimmen, welches den Rhein bergauf fließen läßt, die Zeiten aufrollt, Städte, Dörfer, Wehrsiedlungen, Sandsteinhöhlen, Baumnester verzwirbelt in einem rachitischen Ton mit Noten von Meteoriteneinschlag, Sonnenverbranntheit, Mondrückseitenkälte und dem Sogknirschen eines Schwarzen Lochs beim sondierenden Hervortänzeln aus dem eigenen materieschweren Nichts.

Mme de Staël über den Rhein

Mit dem deutschen Wald greift Gorrh ein deutsches Urthema auf, das von Tacitus an zu den Beschreibungsriten unserer heimatlichen Landstriche gehört. Zu Zeiten Mme de Staëls waren die deutschen Urwälder bereits beträchtlich dezimiert, weshalb sie in ihren Ausführungen “De l`Allemagne” auch schnell zu den Flüssen übergeht:

“(…) L`Allemagne offre encore quelques traces d`une nature non habitée. Depuis les Alpes jusqu`à la mer, entre le Rhin et le Danube, vous voyez un pays couvert de chênes et de sapins, traversé par des fleuves d`une imposante beauté, et coupé par des montagnes dont l`aspect est très pittoresque; mais de vastes bruyères, des sables, des routes souvent négligées, un climat sévère, remplissent d`abord l`âme de tristesse; et ce n`est qu`à la longue qu`on découvre ce qui peut attacher à ce séjour. (…)
Néanmoins, quand on a surmonté ces sensations irréfléchies, le pays et les habitants offrent à l`observation quelque chose d`intéressant et de poétique: vous sentez que des âmes et des imaginations douces ont embelli ces campagnes. Les grands chemins sont plantés d`arbres fruitiers, placés là pour rafraîchir le voyageur. Les paysages dont le Rhin est entouré sont superbes presque partout; on dirait que ce fleuve est le génie tutélaire de l`Allemagne; ses flots sont purs, rapides, et majestueux comme la vie d`un ancien héros: le Danube se divise en plusieurs branches; les ondes de l`Elbe et de la Sprée se troublent facilement par l`orage; le Rhin seul est presque inaltérable. Les contrées qu`il traverse paraissent tout à la fois si sérieuses et si variées, si fertiles et si solitaires, qu`on serait tenté de croire que c`est lui-même qui les a cultivées, et que les hommes d`à présent n`y sont pour rien. Ce fleuve raconte, en passant, les hauts faits des temps jadis, et l`ombre d`Arminius semble errer encore sur ces rivages escarpés. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Première partie. De l`Allemagne et des moeurs des Allemands. Chapitre premier. De l`aspect de l`Allemagne.)

Gorrh (14)

Gorrh, nach Totalverlust aller Gewißheiten, zwangsbejackt, unter Einfluß oral zugeführten Felgenreinigers, vollführt einen radikalen Therapieschritt zur Wiederaneignung verlorener Deutungsverfahren, läßt Licht durch seine Pupillen einbrechen und auf den Netzhäuten tentakeln. Kitzelt bißchen in der abgestorbnen, polymer erneuerten Hirnrinde: gewiß, da war einst was und jetzt ist es fort. Also: ungewiß. Düster und voller geheimer Märchenfächer. Dräuend geradezu, wenn nicht pulsend. Falls überhaupt. Als beugten sich bereits Generationen von Regalbrettern unter deponiertem Beschreibungsmaterial, welches ebenfalls auf Produkten aus verstümmelten, gemetzelten Bäumen gespeichert läge, wölbten sich freundlich über Gorrh, während Buchstaben wie Staub aus ihnen herausfielen, und mit den Staubstaben der Sinn, und mit dem Sinn der Unsinn, und mit dem Unsinn die Rückkehr ins Statthafte. Aber sicher ist Gorrh sich darüber bei weitem nicht. Buchstaben, denkt Gorrh, soso!  Ganz zufällig saugt Gorrh einen von den Filzstiften an, die ihm der Doktor überlassen hat. “Getz probier ich ma wat.” Mit gelbem Filzer zwischen den Lippen kritzelt Gorrh aufn Behandlungstisch:

das ist unser Grün! so wertfrei, total funktionslos
im Gegensatz zur wahren Erfahrung, der Einnahme
von Grün, dem Grün(Überstrich), der moosigen
Kokoloratur von Wochenendnennern. da hockt
Roman Bünzel im Geweihfarn! die Rübe platt
vom konzentrischen Geschrei der Baumringe

KAMPF dem Zurschaustellen unserer Wälder als
innere Tapete! ((eichendorffsche Einsprengsel
nicht zwingend von seitwärts: hörst nicht du
x-same Totholzschalmeien?)) EH; WIR KENNN
UNS: AUSsa BandbREITenbranche. kuckuck,
kuckuck!
geht’s (mit Anfassen, Abschneiden,
Ausbluten lassen) im Galeriewäldchen der er-

weiterten Innenstadt: so gehts! wir haben doch
damals so gut wie alles eingenommen beim kuck-
uckschlucken!  das is der TOTALE WALD, UNSER
DEUTSCHER! (dann Massenentspannungsszenen;
schallgedämpfte Förster mit schnellen eleganten
Bewegungen, die Gamsbärte ham sie voll im Sack

Gorrh bricht nach langem Nachdenken ab: “Geilomat, mein erstes gutes Gedicht!: mythisch, klar, aber nicht zu eindeutig, reichlich historische Bezüge, jede Menge moderne Klangfarben, zureichend Interpunktion, Titel fehlt noch; daß das nur virtuelle Förster sind, mal schaun, die offene Klammer, der versteckte Clou am Schluß, obs jemand merkt?; reich ich jedenfalls demnächst ein.”

Gorrh (13)

Gorrh, nach einer langwierigen Fase psychischen und fysischen Niedergangs etwas ausgefranst, flämmt das Mittelrheintal ab, verübt Brandrodung, rupft die Kraftwerke von Biblis und Mülheim-Kärlich aus ihren Verankerungen und löst in einem beiläufigen Arbeitsgang (als zünde er sich ne Fluppe an, als Nichtraucher!) die Kernschmelze aus, verharrt dann, nachhaltig zufriedengestellt, an einer Flußschlinge, bis das Gebiet wieder bewohnbar wird. Nicht auch nur ansatzweise erahnbare Zeiträume vergehen. Gorrh meditiert, während sich über ihm das Universum in weiterhin kaum ergründlicher Motivation dehnt, spannt und krampft. Dann aber, eines schönen Morgens: klettern nach und nach die Wilden aus den Wäldern, verlassen ihre unbeschreiblich neu- und fortevolvierte Pflanzenwelt und beginnen einen Kult um das einsame Wesen (sie nennen es „Große Kröte“), das schon immer dort am Ufer hockte. Gorrh, der lange keine Menschen mehr aushalten mußte und die Zwischenzeit zum Nachdenken reichlich genossen hatte, entschließt sich zur Gastfreundschaft, insbesondere gegenüber den Rheinschiffern auf ihren primitiven Plankenbooten, da diese ihn dauern. Gorrh hält Symposien mit enormem Zulauf. Spricht von den Dingen der Vorzeit, von Zyklik, Treu und Glauben. Serviert ein feines Tröpfchen dazu, welches die Geister der Wilden aus den Wäldern bis in den Weltraum erhebt. Natürlich schafft das Neider. Bald muß sich Gorrh vor dem Bischof von Trier für seine angeblichen Ausschweifungen verantworten, findet aber Gnade, als er im Empfangsbereich zerstreut Hut und Mantel an einem Sonnenstrahl aufhängt. Der Ruf seiner Wundertätigkeit weitet sich aus, es kursieren Gerüchte, d.h. Bestrebungen, denen zufolge Gorrh das Bischofsamt angetragen werden soll (was ihn entsetzt). Auf seinem Rückweg durch die Wälder (Gorrh pfeift, die Sorglosigkeit in Person, alte deutsche Schnulzen) wird er von wohltätig gesinnten Räubern überfallen, die ihn den Armen zum Fraß vorwerfen wollen. Gorrh disputiert, wiegelt ab, läßt die Schinderhanseln am Leben und ruft drei Heimathirsche herbei, die mittels Milchgaben und anschließender Selbstentleibung einen Butter- und Fleischberg schaffen, den die Politik jedoch kurz darauf seiner Bestimmung, die Armen zu speisen, entbindet. Gorrh weiß all das, nebst seiner persönlichen Lebenserfahrung hat er den gesamten Homer gelesen, es geht ihm darum, dem allgemeinen Hang zu Unverstand und Resignation immer wieder kleine Nadelstiche zu versetzen. Den Wein der Räuber verwandelt Gorrh in guten Wein, dergleichen Gesten mehr – kurzum das übliche Hastenichgesehn. Es sammeln sich Geschichten („wie Gorrh gegen die Strömung trieb“) und um diese Geschichten herum Agglomerationen. Doppelstädte mit Industrien entstehen längs des Stroms. Gorrh heilt, seiner angeborenen Überdrüssigkeit offenbar ledig, die Frauen der Mächtigen und verwaltet das Wetter. Diverse Ehrenämter erfüllen ihn mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, auch mit Stolz. Doch die Traurigkeit ist dem Tier nicht auszutreiben (wußte bereits der Physiologus). Nach einem langen Abend in der Schenke „Zum Kürassier“ verliert Gorrh völlig den Bezug zu seiner Umgebung. Er grubbert und drillbohrt sich ins Erdreich, Ziel unbekannt. So kommt die Große Kröte einem ganzen Zeitalter abhanden. (An der Stelle aber, an der Gorrh verschwand, pulsiert heute der Geysir von Andernach.)

Rheingedichte im Blumenfresser

Sechs lektorierte Rheingedichte (Am Hinterrhein; Die Ballade von Heidi als erwachsener Frau; Rheinseitenaufnahme; Rheinstring; Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen; Rheinprobe (bei Köln)), deren Rohversionen teils auf Rheinsein zu finden sind, enthält das äußerst ansprechend gestaltete Literaturmagazin Blumenfresser aus Nürnberg, das mit einem überzeugenden Geleitwort zu Wahnsinn und Nutzen von eben Literaturzeitschriften beginnt, welches somit allen möglichen (von uns aus gern auch den unmöglichen) Lesern wärmstens ans Herz gelegt sein soll. Natürlich enthält der Blumenfresser auf seinen 112 Seiten weit mehr als nur die angesprochenen Rheingedichte, unser Link führt direkt zu Autorenliste und Bestellmöglichkeit. Noch hatten wir keine Gelegenheit, das heute eingetroffene Konvolut zur Gänze zu lesen, doch stach uns sofort die Voodoo-Serie von Frank Ruf ins Auge, dessen Hexer mit Rheinseins Gorrh in Verwandtschaft oder Kumpanei zu stehen scheint: während Gorrh die Rheinschiene beackert, kümmert der Hexer sich, offenbar in respektvoller Revieraufteilung, lieber um Berlin. (Wir werden Gorrh selber danach befragen, sobald er/sie/es Audienz zu gewähren geruht.)