Rainkawa no yūrei

Dafür, daß der Rhein von unzähligen Japanern besucht wurde und wird, fanden wir bisher extrem wenige Zeugnisse für eine Beschäftigung mit dem Strom in japanischer Kunst und Literatur. Umso erfreuter waren wir über die Einsendung eines Mangafilen, der einige Blätter des Zeichners Aka Midori für rheinsein scannte. Aka Midori pflegt einen eher unkonventionellen Stil – in Japan gilt er als Großmeister der Mangasparte. Ob Midori selber am Rheinfall war oder Bildvorlagen für seine Arbeit benutzt hat, ließ sich bisher nicht herausfinden.

mishima2_cant-swim_2Die Geschichte, in deren Kontext Midoris Rheinfall-Blätter stehen, ist in gebotener Kürze kaum widerzugeben: sie spielt mit dem Geist von Flüssen, auch mit Flußgeistern und dem Geist der japanischen Geschichte, die sich ebenfalls als Fluß betrachten ließe. Der Samurai vor dem Rheinfall ist Yukio Mishima. Das

mishima3_lets-fightGodzilla verwandte Monster entstammt einer japanischen Fernsehserie aus den 60ern namens Ultraman. Mishima hatte Ultraman häufig als seine Lieblingsserie bezeichnet.  Das geflügelte Mädchen bleibt rätselhaft.

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Expedition zur Rheinquelle

rheinseins Basis für den Aufstieg zum Tomasee war das sympathische Straßenhotel Rheinquelle in Tschamut, der letzten (bzw ersten) kleinen Ortschaft in der Surselva, dem langgestreckten Tal des Vorderrheins unterhalb des Oberalppasses. Dorthin zu gelangen, mußten diverse Dörfer mit archaisch-wilden romanischen Namen wie Schluein, Rueun, Trun, Vuorz, Rabius, Sumvitg, Zarcuns oder Schnaus passiert werden. (Zarcuns gegen Schnaus, klänge das nicht beinahe noch rabiater als Godzilla gegen Frankenstein Junior?) Gaststätten wie Liug da Fiug und Zimmer für Passanten-Aushänge gingen unterwegs ins rheinsein-Notizbuch ein. Durch die mit teils serpentinischer Rasanz immer tiefer ins Tal vorstoßende Windschutzscheibe ließen sich trefflich Vergleiche zwischen der aktuellen hochsommerlich-grün-kiesgrubigen Talstimmung und der spätherbstneblig-gespenstisch-kiesgrubigen unseres Kurzaufenthalts vor zweieinhalb Jahren anstellen. Es wäre allerdings ungerecht zu behaupten, Kiesgruben beherrschten das Tal. Die Surselva bietet dem Auge nicht minder viele idyllische Winkel.

Am Vortag zum historischen Aufstieg rheinseins zur Quelle am Vormittag des 24. Julis 2012 stand zunächst die Visitation der näheren asfaltierten Umgebung an: Wanderweg-Einstiegschecks, Geissen-Pierres sehenswert antiquierter Straßenrand-Selbstzahlerkühlschrank mit Ziegenhartkäse und Salsiz, ein Schweizer Café Crème direkt an der Paßhöhe, deren Töffli-Sound zu sortieren und den Leuchtturmnachbau aus Rotterdam zu bestaunen, der in einem noch laufenden Projekt in himmelsnahe Höhen verfrachtet wurde, um am Rheinursprung an den Rheinverlauf und das Rheinende zu gemahnen. (Zusätzlich zum Leuchtturm soll noch ein Rheinfrachter auf den Berg gehievt werden.) Am Gestade des Oberalpsees verstreut lagen Fischeingeweide und in seinen kleinen Buchten lungerten fingergroße Fischlein, welche sich sofort auf die Eingeweide stürzten, die wir ins Wasser schnipsten. Ob es sich um einen kannibalischen Akt unter verschiedenen Forellengenerationen oder bei den Fischlein um die legendären Bammelin aus der Einfalten Delineation handelte, ließ sich nicht feststellen.

Als wir genug von der leuchtturmbestandenen Paßhöhe mit ihrer rätselhaften Fischwelt und den ächzenden Radsportlern hatten, die sich in der Säumergastronomie gruppenweise ihre Lungenpäuschen gönnten, verließen wir die Asfaltwelt und stiegen guten Mutes in die ewig-flockig-bockig lockenden Berge der Berge hinan. Plätscherte nicht unweit ein paradiesisch-pluomenumstandenes Pächlein und hörten wir nicht aus sonnigen Fernen die feurigen Fiffe der Chrüter und Munken? Sprang nicht dort droben edles schwerbehörntes Steinwild olympisch von Wolke zu Wolke, während Wolke für Wolke aus schaumigstem Willen und seidigster Flachländer-Vorstellung bestand? Dort wollten wir hin, solang die Beine trügen und das Wetter mitspielte.

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Und wie es gelang: “Camutsch, camutsch” klangs unsichtbar klar aus der Umgebung, die Stergbelze stupfte und zupfte am Wiesenmikro, blau (blau: blau) blühte der Enzian, freche Flatter falteten sich fleißig um unser flackerndes Haupt, um sich heimlich-hinterrücks erfrischt zu entfalten, das Nacktbad im weltverlassenen Steintrog einer wildbachgespeisten Viehtränke kühlte unser Mütchen mit mineralhaltigem Kaltwasser treulich alpinen Geschmacks, das Pater Spescha-Arnikaorchester begleitete unser gumpendes Wandergestiefel mit Yellow as we are, der würzigen Melodie aus den Anfangstagen des Bergfreizeitgedankens und die letzten Schneefelder gaben romantische Metafern wie “`s Häsle wo in Himmel flügt” oder “i bi mi`s Ütr gwöhnt” preis – Momente für die Ewigkeit.

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(Fortsetzung folgt)