Über Marcel Crépon

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. In einer weiteren Vernissagenrede näherten wir uns der Person Marcel Crépon anhand der raren privaten Einlassungen in seinen Texten und unserer Korrespondenz der vergangenen Jahre, sowie mit Hilfe einer Netzrecherche:

“An einem Sommertag vor fünf Jahren meldete sich Marcel Crépon bei rheinsein, per E-Mail, mit einem fotografisch illustrierten Bericht über seinen Besuch in Andernach. Umgehend fielen mir sein eigenwilliges Interesse für Nebensächlichkeiten und die hochgradig originelle Sprache auf. Damals habe ich seinen Text auf ein paar wesentliche Informationen gekürzt und ins Netz gestellt, im Glauben, dass es sich, was häufig vorkommt, um eine einmalige Einsendung handeln würde. In Abständen von mehreren Monaten langten jedoch weitere, ähnlich geartete und schließlich immer ausführlichere Berichte von Monsieur Crépon bei rheinsein ein. Nach und nach bemerkte ich, dass in Frankreich ein Autor der Randseitigkeiten sich meinem Rheinprojekt verbunden fühlte. Denn an keiner anderen Stelle hat Crépon bisher veröffentlicht. Auffällig auch, dass die zeitlich, geografisch und inhaltlich sprunghaften, nur auf den ersten Blick desorganisiert erscheinenden Beiträge perfekt mit Idee und Anlage des rheinsein-Projekts korrespondieren, das in ähnlicher Weise mit Chaos und Verdichtung arbeitet. Zunehmend kam es mir in den vergangenen Jahren vor, als würde Marcel Crépon seine Reisen an den Rhein eigens für rheinsein unternehmen, auch wenn keiner seiner Sätze direkt darauf hindeutet und ich ihn auch nicht – wie im Falle anderer Autoren geschehen – darum ersucht hatte. Was mir anfangs befremdlich vorkam – nämlich, dass ein derart für rheinsein engagierter und investigativ arbeitender Beobachter in der Korrespondenz persönliche Rückfragen konsequent ignorierte – habe ich nach dem zweiten vergeblichen Versuch einfach akzeptiert; die eigenwilligen Berichte sind eigentlich beredt genug, sich den Charakter dahinter vorzustellen: jemand, den das Abseitige, Spleenige anzieht, der zumindest ein ausgesprochenes Talent besitzt, schräge Bekanntschaften zu machen, der darüber hinaus eine nihilistische Ader zu verfolgen und gern hinter den Dingen und Fänomenen zurückzutreten scheint, vielleicht aus Scheu oder weil sie ihm absolut oder auch nur fragwürdig genug erscheinen, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten und vielleicht auch, um in diesem Abseits, paradoxerweise, selbst zum Fänomen zu werden. Jemand, dem Kommunikation offenbar vor allem dazu dient, Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln. Jedenfalls bin ich für diese Ausstellung, und das habe ich Marcel Crépon auch mitgeteilt, auf eigenständige Spurensuche gegangen, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Weder eine fysische Adresse, noch seine Telefonnummer hat Marcel Crépon mir jemals mitgeteilt. Die Ausstellungsstücke erreichten mich in unausgesprochener, leicht erkennbarer Absicht in Verpackungen ohne Absender. Eine Ausnahme gibt es: die hier zu sehenden Fotos lagen in einer Versandrolle mit der Absenderadresse „Rue des Degrés“. Ein Scherz offenbar, denn in dieser sehr kurzen Straße im 2. Pariser Arrondissement, die eigentlich eine Treppe ist, gibt es weder Hausnummern noch Wohnungen. Sie erlangte sogar Ruhm, als Hauptschauplatz des Films „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Persönliche Informationen, die sich aus Crépons Texten ergeben, sind spärlich und stets vage. Auch wenn es sich dabei um reine Fiktion handeln könnte, selbst der Name könnte ein Pseudonym vorstellen, verleitet mich mein Instinkt, den meisten davon zu trauen. Nur helfen ein paar grobe zeitgeschichtliche Erwähnungen und die an einer Stelle angeführte Behauptung, er bereise keinen Ort der Welt je ein zweites Mal, in Hinsicht auf ein Personenprofil nicht sonderlich weiter.
Marcel Crépon bewahrt, wo er sich schon öffentlich äußert, definitiv, und das ist alles andere als selbstverständlich in unserer Enthüllungsgesellschaft, mit Geschick und leisem Witz die Würde der Privatheit.
Also habe ich mich, beginnend mit der in imposante Ferne zurückreichenden Herkunft des Familiennamens, auf eine Basisrecherche verlegt, die wenigstens sein Umfeld beleuchten könnte, um auf diese Weise vielleicht einen Schattenwurf zu fixieren:

In der Normandie existiert im Département Calvados ein 200-Seelendorf namens Crépon. Viele Indizien in seinen Texten, aber auch seine in Frankreich registrierte Mail-Adresse, deuten darauf hin, dass Marcel Crépon, obgleich er sich trittsicher im Deutschen bewegt, Franzose ist und in Frankreich lebt. Aus diesem Dorf dürften also seine Vorfahren bzw. Familie ursprünglich stammen, wobei die Toponymie den Namen als „Anhöhe“ deklariert. Crépon selber äußert sich an keiner Stelle zu seiner Herkunft.

Die normannischen Crépons sollen skandinavischen Linien entstammen, was eine Hinwendung nach Deutschland allenfalls mäßig erklären würde. Sie gehen zurück auf Roricon de Crépon, geboren ungefähr 870 n. Chr. Mit Guillaume de Crépon (besser bekannt als William FitzOsbern) starb im Jahre 1071 in der Schlacht von Cassel ein früher prominenter Namensvetter und möglicher Verwandter. Der (vermeintliche) Hinweis auf einen ersten Crépon mit Deutschland-Neigungen geht allerdings fehl, da diese Schlacht nicht im hessischen Kassel, sondern bei einem französischen Ort gleichen Namens in der Nähe von Dunkerque geschlagen wurde.

Danach klafft eine Jahrhunderte währende Lücke bezüglich öffentlich aufgetretener Familien- bzw. Stammesmitglieder. Laut Internet existierte im 19. Jahrhundert ein Illustrator namens L. Crépon, der mit Holzstichen wie „Fuchsteufelssabbath“ oder „Sportdarbietung in Kyoto“ in Erscheinung trat.

Ein Crépon mit gänzlich unbekanntem Vornamen arbeitete im Schlachthof von Diego Suárez, dem heutigen Antsiranana, auf Madagaskar, bis er 1895, offenbar fristlos, entlassen wurde. Die entsprechende Meldung ist zu finden im Journal Officiel de la République Francaise, das, Zufall oder nicht, auch Marcel Crépon in seinen Ausführungen zu Victor Hugo auf rheinsein erwähnt, weil er es liebe, auf der Suche nach journalistischen Perlen durch alte Magazine zu blättern. Die kurze Meldung ist der erste und einzige Link zwischen Marcel Crépon und einem seiner möglichen Vorfahren, der allerdings, wie alle anderen Hinweise auch, letztlich ins Leere, zumindest ins Ungewisse führt.

Besonders auffällig ist Marcel Crépons namentliche Nähe zu Marc Crépon, einem zeitgenössischen französischen Filosofen, der, ähnlich wie Marcel Crépon, des Deutschen mächtig ist, der mit Jahrgang 1962 in etwa im gleichen Alter – wenngleich wohl doch etwas jünger – sein dürfte und sich, eine interessante Koinzidenz, auf Aspekte des deutschen Denkens spezialisiert hat. Marc Crépon hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen. Außerdem ist er Vorsitzender des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und leitet die Filosofie-Abteilung der École normale supérieure. Leider konnte ich Marc Crépon nicht rechtzeitig vor dieser Ausstellung für ein Statement gewinnen.

Außerdem existiert in Saint-Maurice-de-Lignon im Département Haute-Loire eine Rue Marcel Crépon, was unserem Crépon bekannt ist, wie sich seinen Tagebucheinträgen entnehmen lässt, in denen er die Existenz einer Straße mit seinem Namen in einer eleganten Denkkurve, weil Straßen eben nicht nach lebenden Personen benannt würden, als erfreuliche Garantie für seine Anonymität deutet. Was einmal mehr bestätigt, wie sehr ihm letztere am Herzen liegt.

Erstaunlich bei aller Toponymie und Ahnenkunde: das französische Wort „crépon“ bedeutet auf Deutsch: „Krepp“ oder „Trauerflor“. Marcel Crépon zählt in seinem Tagebuch eine ansehnliche Reihe von französischen Wortspielen, Witzen, Hänseleien und Verballhornungen auf, denen er als Kind wegen seines Nachnamens ausgesetzt war. Er selbst identifiziert sich mit der Übersetzungsvariante „Trauerflor“.

Zusammengefasst: Dem Tagebuch und zeitlichen Ereignissen zufolge, die er in seinen Berichten erwähnt, lässt sich Monsieur Crépons Alter auf „ungefähr Anfang 60“ einordnen. Der Wohnsitz ist höchstwahrscheinlich Paris, darauf lassen mehrere, aber nicht alle Poststempel und einzelne Textpassagen schließen. Crépon reist, auch wenn die Reisen nur zu einem geringen Teil von eindeutigen Zeugnissen belegt sind und er den Sinn des Reisens in seinen Texten infrage stellt. Seine Reiseberichte klingen gerade aufgrund ihrer abstrusen und trotz einiger nachweislich fiktionalisierter Passagen großteils glaubhaft – zumindest für jemanden wie mich, der ähnliche Reisen unternommen und einen Gutteil der beschriebenen Orte mit eigenen Augen gesehen hat. Erwähnenswert sind exzellente Deutschkenntnisse, wobei Grammatik und Wortwahl gelegentlich den Franzosen verraten. Seine Texte spielen bisweilen mit Elementen aus beiden Sprachen. Unser Mann ist definitiv gebildet, zitiert aus Gewohnheit Werke der Weltliteratur und hegt ein besonderes Interesse für Randzonen der Kulturgeschichte. In einer kurzen Labilitätsfase offenbart er eine gewisse Zugänglichkeit für Traumdeutung und esoterische Praktiken, denen er sonst kühl gegenübersteht. Crépon gesteht in einem Text, dass er sich gerne in Warteräumen (wie Bahnhöfen, Arztpraxen oder Krankenhaus-Caféterien) aufhält. Er raucht oder war früher einmal Raucher.

Seine Rheinaffinität erklärt Crépon mit keinem Wort, wodurch sie eine, für mich nur halb verwunderliche, Selbstverständlichkeit erlangt. Sie korrespondiert mit dem Begriff „Grenzforscher“, den Crépon, nebst der Alternative „Sammler von Momenten“, angab, als ich ihn fragte, mit welcher Bezeichnung ich ihn vorstellen solle. Nach meinem Verständnis stellt der Rhein für Marcel Crépon ein Symbol dar, mit dem er als junger Mann per Zufall konfrontiert wurde und über das nachzudenken ihn seither antreibt: den schmalen Grat, die „dünne rote Linie“, die für jeden Menschen existiert, entlang derer das Leben in seiner ungleichmäßigen Gleichmäßigkeit und Zerbrechlichkeit verläuft. Seine Rheinbegehungen sind Balanceakte, auf dem Hochseil der experimentellen Erkundung entzieht sich der schwanke Blick der Diktatur der Norm.

Bevor ich kurz auf zwei Exponate eingehe, sollte Marcel Crépons Faszination für ein bestimmtes Objekt Erwähnung finden: den Eimer. In den Ankündigungen für diese Ausstellung war von einer fetischfreien Berührung mit diskreten Objekten und Texten die Rede. Auffallend ist aber doch das ständige Vorkommen von bzw. die häufige Beschäftigung Crépons mit Eimern in Text und Bild, sowie als Objekt.
Womöglich aus einer fehlerhaften Übersetzung Epiktets an einer Stelle bei James Joyce abgeleitet, empfindet Marcel Crépon, so schrieb er mir in einer Mail, das Wasser als Symbol für die Seele und den Eimer entsprechend als Seelenbehälter. Wahrscheinlich bei keinem anderen Autor (und Crépons Schriften sind bisher noch übersichtlich) häufen sich in vergleichbarem Maße Gedanken, die das Gebilde eines Eimers bzw. den Eimer-an-sich zum Ausgangspunkt nehmen.
Z.B. notiert Crépon in seinem Tagebuch eine Äußerung des Taikonauten Yang Liwei, der während der Weltraummission des Shuttles Shenzhou 5 nicht ortbare Klopfgeräusche „wie mit einem Holzhammer, der gegen einen Eimer schlägt“ wahrgenommen habe. Spätere Missionen bestätigten das mysteriöse Geräusch. Bei Laurence Sterne findet Crépon eine Stelle, die ihn zu poetisch-pragmatischen Analogien zwischen einem Wassereimer und dem Ozean anregt. Ob einen Eimer voller Farbe auf eine Leinwand zu werfen nicht die Essenz von Malerei bedeute, stellt er eine unbeantwortet bleibende, dringliche Frage. Plastikeimer bringt Crépon in einem gewagten Gedankensprung mit der schamlosen Enthüllung der Identität Godots in Verbindung, dieweil Zinkeimer sein Vertrauen erweckten. So geht das immer weiter. Eine Stelle des Tagebuchs fasst sein gesamtes Vorgehen, womöglich sein Weltbild, in einem mystischen, zugleich glasklaren Eimer-Aforismus zusammen: „Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.“

Zum Exponat der fotografierten Nebellandschaft
Das Bild einer Nebellandschaft passt sowohl zum Ausstellungstitel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss, als auch exemplarisch auf den Beginn der Beziehung rheinsein – Crépon, als ich seine Berichte noch in indirekte Rede gesetzt in den rheinsein-Textdschungel entließ. Monsieur Crépon beschreibt zu diesem Bild extensiv sein gespenstisches Irren durch den mit märchenhaften Täuschungsmanövern aufwartenden Novembernebel – den Fluss, sein eigentliches Ziel, für das er mit dem Auto aus Frankreich angereist war, konnte er an diesem Tag, so behauptet er zumindest, trotz Mitführens moderner Navigationstechnik nicht entdecken. Ein wenig erinnert die Beschreibung an die Verlorenheit des Monsieur Hulot in den Filmen von Jacques Tati, aber auch an einen Jäger auf falscher Spur, der vor der plötzlichen Erkenntnis erschrickt, dass so etwas wie eine richtige Spur womöglich gar nicht existiert und er selber die Beute sein könnte. (Natürlich schwingt im Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss auch eine zutiefst rheinische Metafer für die Unlösbarkeit der Frage nach dem Sinn mit.)

Zum Exponat der in einer Vitrine befindlichen Papierkugeln
„Was ist das für ein Mensch, der sucht, und nichts findet?“ fragt eine seiner Bekanntschaften Crépon ausgerechnet in einem Baumarkt, ausgerechnet während eines Gesprächs über Heidegger. Marcel Crépon gibt sich selbst zur Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich habe wahrlich schon genug gefunden, ohne es gesucht zu haben.“ Auch so lässt sich Marcel Crépon leicht vorstellen: als jemand, der hinnimmt und dokumentiert, was ihm im Leben begegnet, weil das als Herausforderung mehr als genügt. Doch kann dies bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn sobald ihn ein Thema, und sei es noch so abseitig, gepackt hat, geht Marcel Crépon ihm auf den Grund, recherchiert und nutzt dabei in auffälliger Weise einen Filter für getriebene Personen, Spinner, Lebenskünstler. Über Stunden und Tage setzt Crépon sich deren Manien, Ideen und Produktionen aus, um sie minutiös zu protokollieren. Zur Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Vorgehens gesellen sich Hintergründigkeit und abrupte Brüche, sobald ein Gedanke sich abgenutzt hat.
heideggerkugeln
Exemplarisch für die Absurdität einiger seiner Fundstücke stehen die durchgekauten und zu Kugeln geformten Buchseiten, hinter denen eine lange Geschichte steckt: es soll sich um besonders zähe Passagen aus dem Werk Martin Heideggers handeln. Der typische Künstlerhumor, das Wortspiel zum Objekt zu transformieren, greift hier nur bedingt, denn eine künstlerische Absicht war ursprünglich nicht gegeben.

Hinter diesem wie allen anderen Exponaten stehen meist schräge, oft auch verwirrende Geschichten, die den ausgestellten Stücken nicht ohne weiteres anzusehen sind. Auf rheinsein hat Marcel Crépon sie alle erzählt, ein paar habe ich kurz angerissen, an unserem Ausstellungsrechner, in einem Buchunikat und natürlich auch zu Hause oder sonstwo können sie bei Interesse im Netz genau nachgelesen werden.

Ein letztes noch: Meine Bitte, seine Sammelstücke in Burgbrohl ausstellen zu dürfen, beschied Monsieur Crépon in einer für unsere Korrespondenz typischen Art mit insgesamt drei lakonischen Sätzen: „Machen Sie, was Sie für richtig halten.“ „Schreiben Sie mir, was Sie brauchen.“ Und, auf die Frage, wie er angekündigt werden wolle: „Das ist mir gleich.“ Eine Haltung, die, was Ausstellungen betrifft, ihresgleichen sucht.”

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).