Presserückschau (Mai 2017)

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Bodennebel
“Am Rhein in Götterswickerhamm hat sich eine Gruppe aus etwa 20 Menschen versammelt. Angeführt von Bürgermeister Dirk Haarmann soll es vom Rhein aus in Richtung des neuen Voerder Marktplatzes gehen. (…) Dort wartet bereits eine größere Menschenmenge auf die Eröffnung des Platzes. (…) “Mit dem Umbau des Marktplatzes soll die Attraktivität des Kernbereichs unserer Stadt erhöht werden (…). Besser konnte die Lage unserer Stadt am Rhein nicht sichtbar gemacht werden”, erklärte der Bürgermeister (…). Mit dem Pegel, der den Wasserstand im Rhein sichtbar macht, der großen 800 zur Markierung des Rheinkilometers in Götterswickerhamm und einer Webcam, die Bilder live vom Rheinufer auf eine Projektionsfläche auf dem Platz überträgt, habe man sich den Fluss in die Stadt geholt. Ebenso mit dem Bodennebel, der den Rheinverlauf darstellt.” (Rheinische Post)

2
Giraffe auf dem Rhein
“Im Rahmen der Literaturtage (…) hat die Mediathek die Straßburger Autorin Ronja Erb eingeladen (…) ihr Kinderbuch “Die Giraffe auf dem Rhein – La girafe sur le Rhin” vor(zu)stellen. Fara, eine Giraffe im Zoo von Rotterdam, soll fortan in einem Zoo in der Schweiz leben. Ein Schiff wird sie dorthin bringen. Auf dieser Reise den Rhein hinauf entdeckt Fara viel Neues und das anfängliche Unbehagen weicht rasch einer freudigen Neugier auf das, was sie erwarten wird. Als das Schiff im Hafen von Kehl anlegt, begibt sich Fara voller Abenteuerlust auf eine Erkundungstour durch Straßburg und Kehl.” (Badische Zeitung)

3
Rheinpromenade Emmerich
“Zahlreiche Besucher kamen (…) zur Eröffnung der Bilderausstellung “Die Promenade von Emmerich am Rhein”. Die Rheinpromenade sei früher nur eine Rheinuferstraße gewesen, an der vor allem gearbeitet wurde. Dort wurden Schiffe ein- und ausgeladen. “Es gab viele Kneipen, auch welche, an denen die Schiffer ihre Post abholen konnten”, sagte Herbert Kleipaß in seiner Einführungsrede. In den 1960er Jahren schaffte man dann den ersten Schritt zu einem Freizeitraum. “Im Juni 1967 wurde die Rheinpromenade nach dem Umbau eröffnet mit Blick auf die längste Hängebrücke Deutschlands. Der Rheinuferweg lud zum Prominieren ein, die Gastronomie veränderte sich von Kneipen zu Speiselokalen.” Die Speditionen wurden immer weniger und von den zehn Zollbooten, die 1980 noch im Einsatz waren, wurden viele für Grenzflüsse in den Osten verkauft.” (Rheinische Post)

4
Reisen im Plastiksitz
“Die Feuerwehr ist (…) zu einem Einsatz auf dem Rhein nach Niederdollendorf ausgerückt. Dort war ein Mann mit einem aufblasbaren Schwimmsitz auf dem Fluss unterwegs. Wie die Feuerwehr (…) mitteilte, hatten Passanten (…) die Feuerwehr alarmiert, weil sie den Mann auf einem Plastiksitz auf dem Rhein treiben sahen. Die Feuerwehr sei daraufhin mit dem Boot ausgerückt und habe den Mann bei Niederdollendorf aus dem Rhein geborgen. Dieser war allerdings in aller Gelassenheit freiwillig auf dem Rhein unterwegs und habe laut Feuerwehr angegeben, bis zur Rheinaue fahren zu wollen. Die Einsatzkräfte ließen den Mann demnach mit einer Verwarnung davonkommen, wiesen ihn aber darauf hin, dass er mit seinem Gefährt in Zukunft nicht noch einmal über den Rhein fahren dürfe.” (General-Anzeiger)

5
Niers versus Rhein
“Dass die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Niederrhein heißt, habe ich Jahrzehnte nicht hinterfragt. Hier fließt eben der Rhein, der Große, der Mächtige, bedichtet und besungen seit der Römerzeit. Aber dann fiel mir auf, was der Rhein in mir auslöste, wann immer ich ihn auf einer Brücke überquerte: nichts. Ich hätte ebenso gut über die Elbe fahren können oder die Donau. Hier Rhein, da raus. Das liegt daran, dass der Rhein in großen Teilen des Niederrheins nicht zum Alltag gehört (…). Die Niers hingegen bleibt länger. Sie fließt durch den Kreis Viersen, und geradezu ewig durch den Kreis Kleve. Ich habe mir das schriftlich geben lassen: Wenn ich mit Niederrhein die Landkreise Wesel, Kleve und Viersen meine, macht die Niers am Niederrhein sieben Kilometer mehr als der Rhein, knapp 82. Doch was sind schon Zahlen, die Niers verkörpert den Niederrhein. Der Rhein kommt mit seinen Hunderten Metern Breite aus der fernen Schweiz herangebraust, er kommt als fremder Koloss und spaltet die Landschaft ins Rechts- und Linksrheinische. Für die Niers aber ist der Niederrhein nicht bloß Transit-, sondern Herzland. Der außerhalb der Region beinahe unbekannte Fluss entspringt in einem Dorf bei Erkelenz, (…) sie fügt sich ein in die Landschaft, anstatt sie zu dominieren und auseinanderzureißen, weil sie zwar breiter wird, aber nie Wasserstraße. Stets bleibt sie so beschaulich wie der Niederrhein selbst, ebenso gemächlich, halb so schnell wie der Rhein. Fließt nicht durch Köln, Düsseldorf oder Duisburg, bloß durch Mönchengladbach, Geldern, Kevelaer, Weeze, Goch. Und kaum hat die Niers den Niederrhein verlassen, endet sie auch schon in der Maas. Von ihren 113 Kilometern fließen bloß die letzten acht durch die Niederlande. Viel weiter kommen die Deutschen auch nicht, wenn sie am 1. Mai und Fronleichnam zum Einkaufen ins Nachbarland fahren.” (Rheinische Post)

6
Die arme Sau
“Zu einer „Preußen-Matinee in Liedern“ hatte die Stiftung Willy-Brandt-Forum am Sonntag eingeladen. Und da der Vorsitzende (…) den Bonner Kabarettisten Norbert Alich eingeladen hatte, sein Programmen „Der Rhein – die arme Sau“ zu präsentieren, war man direkt in den großen Sitzungssaal der Verbandsgemeinde umgezogen. (…) “Mit dem Rhein hat es aber gar nichts zu tun. Geschrieben hat es kein Rheinländer, sondern ein Hamburger Gastronom und Boxpromotor“, verriet Alich und war schon bei seinem Lieblingsthema, den „Fremden“, die „aber auch janix mit dem Rhein zu tun haben“ und sich trotzdem etwa wie Konrad Beikircher erdreisten, als Südtiroler zu erklären, was es mit dem Rhein und seinen Anrainern so auf sich habe. (…) Seit den ollen Römern sei man hier eben der Spielball der Nationen und müsse alles ertragen, vor allem die Bahn mit ihrem Lärm. „Dabei müsste die doch nur einmal die Reifen wechseln, was ich jedes Jahr zweimal machen muss“, monierte Norbert Alich, um sich dann über den furchtbaren Rhein-Reim-Zwang mit klein, sein, Mägdelein und natürlich dem Wein zu ereifern, der sich durch das Liedgut mäandert von der Romantik über Willi Schneider bis zu den Höhnern. „Man könnte doch ganz einfach auf Reben zurückgreifen und wäre schon weg vom Wein“, schlug er vor, um sich dann seinem Lieblingsthema zu widmen: Wer den armen Rhein, die arme Sau, und mit diesem Wort bewusst den Reim „Rhein-Schwein“ vermeidend, so alles gequält hat.” (Blick aktuell)

7
Pferdesegnung
“Im Rahmen seines großen Jubiläumsreitturniers hatte der Reitverein „Dreiländereck“ als besonderen Programmpunkt zu einer Pferdesegnung eingeladen. (…) Insgesamt über 20 Pferdebesitzer versammelten sich dann mit ihren Pferden auf dem großen Springplatz im Reitsportzentrum Lehmann, um an der Segnung teilzunehmen. In Anlehnung an die Lesung aus dem Buch Genesis über Mensch und Tiere wies Dekan Möller auf die Verbundenheit der Menschen mit ihren Tieren hin, da sie alle Geschöpfe Gottes seien. Danach wurde jedes Pferd einzeln mit Weihwasser gesegnet. Einige der Pferde schreckten dabei zwar mit dem Kopf etwas zurück, blieben aber dann brav stehen – dies auch während der Kirchenlieder, die der Musikverein begleitete. Zur Belohnung für das „Durchhalten“, wie Dekan Möller die Vierbeiner lobte, gab es für jedes Pferd von den Ministrantinnen noch eine Karotte.” (Die Oberbadische)

8
Rheintote
“Schockierender Fund in Bonn: Passanten entdeckten (…) eine Leiche, die am Estermannufer im Rhein trieb. Sie alarmierten sofort die Polizei, die zu Land und zu Wasser ausrückte. Auf Höhe des Fähranlegers Graurheindorf konnten die Beamten den Toten bergen. Laut Polizei handelt sich um einen Mann aus Rheinland-Pfalz. Hinweise auf ein Fremdverschulden liegen nicht vor, die Ermittlungen dauern an.” (Express)

“Einsatzkräfte der Feuerwehr haben (…) eine Wasserleiche aus dem Rhein geborgen. Wie ein Sprecher der Einsatzleitstelle auf Anfrage erklärte, sei der oder die Tote bei Rüngsdorf ans Ufer geschwemmt worden. Die Person habe sich augenscheinlich schon längere Zeit im Wasser befunden. (…) Die Einsatzkräfte bargen den Leichnam (…) nahe der Straße Am Schwimmbad aus dem Rhein. Wie ein Sprecher der Polizeieinsatzleitstelle mitteilte, dauern die Ermittlungen zur Identität der Person noch an.” (General-Anzeiger)
“Nach dem Fund einer Wasserleiche im Rhein bei Bonn (…) geht die Polizei davon aus, dass es sich bei dem Mann um das Besatzungsmitglied eines Ausflugsschiffes handelt. Er war vor einiger Zeit von Bord des Schiffes gefallen. Die Ermittler der Wasserschutzpolizei Koblenz gehen offenbar von einem Unglücksfall aus.” (WDR)

“Auf dem Rhein in der Nähe des Düsseldorfer Landtags fand (…) eine dramatische Rettungsaktion der Feuerwehr statt. Trotz stockdunkler Nacht konnten die fast 100 Einsatzkräfte einen Mann aus dem Wasser retten. Wie die Polizei (…) mitteilte, verstarb der Unbekannte allerdings später im Krankenhaus. Passanten hatten die Person im Hafenbecken Höhe der Ausfahrt zum Rhein entdeckt und sofort die Feuerwehr alarmiert. Diese lief mit einem Großaufgebot auf: Löschboot, fünf Rettungsboote mit Wärmebildkameras und 15 Landfahrzeuge mit Rettungstaucher. Außerdem unterstützte aus der Luft ein Polizeihubschrauber die Kräfte vor Ort.” (WDR)

Niers

niers_5Nur zu kleinen Teilen fließt die Niers über die Maas in den Rhein; zuvor schleicht sie auf niederrheinischem Territorium in gemessenem Abstand zur deutsch-niederländischen Grenze möglichst unauffällig durch die Gegend.

niers in gochIn Goch findet sich ihr Ufer jäh mit geometrischem Schwung eingefaßt, umpflastert und mit Betontribünen versehen. Auf der Flußbühne üben die Möwen gerade eines ihrer kaum beachteten Revolutionsstücke. (Fotos: Rainer Vogel)

ritualpaddel. circa papua. für thomas kling

ehestens mönchisch. aber immer so klein / klein
hinschwittern “daß”: von eulen geweckt / bißchen
erschreckt man nächtelang die schnüren füchse spür-
te. tags lagen häher in der luft (ausgezeichnete sup-

penvögel) und harter rock hing übers knie. revolte
war dergestalt thema wie jederzeit drin. äußerstes neuß.
lyrisches gegengesäus. wegtritt. chemischer ausritt. von
xanten über kleve nach goch. hoch ragte der erftmais.

anheisch bis abspeis. urkreisch: eher verläßt du die welt
als den langvers / den silber. lyrikfreunde aufgepaßt:
echter textmolch (auch antebikini benannt). das lastet.
lies also quer. herrschaft der khmer. schleppende loops

wie “erklecklicher blinky im umkreis”. kanuten stand
stark zu vermuten. hochmögende männer im rinden-
gespinst. flasche absinth. gepreßt in der sache / ungut
im ton. so findet man sein idiom. bezichtigt sich selbst

eines minderen dichtens. etwa: über jahre weitgehend
verweisfrei geschrieben. ganze auflagen liegengeblie-
ben. untergepflügt. da wachsen heute rüben. brüten
wachteln. einfach locker drüberspachteln. klittern und

zwittern. den leser syntaktisch erschüttern. dieser rat-
schlag wäre erteilt. daraufhin satzbau. strophischer
anhau. oder final: krummklapp ahoi! es braucht im-
mer drei: stummelchen pummelchen trutz-nachtigall.

(Das Gedicht schrieb vor ein paar Jährchen Ulf Stolterfoht, es stammt aus seinem bei Urs Engeler erschienenen Band fachsprachen XX. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen und (somit) Einweb des Textes in gesamtrheinische Kontextualitäten!)

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007

RoN Schmidt aus Goch

Einst fuhr ich mit dem Fahrrad von Düsseldorf los, zielte mit dem Lenker auf Orte wie Kevelaer, Kleve, Weeze, letztlich Goch. Am Rande Gochs wohnt der Intensivverdichter und Spiritualclown RoN Schmidt und pflegt sein eigen Reich – dort harrten meiner Herberge, Wein und Wurst. Wir sprachen über das Grün der Wiesen, das Alter der Erde, Leben und Tod, sowie über Bedburg-Hau mit seiner berühmten Klapse und Pfalzdorf, eine Siedlung, in der angeblich mitten am Niederrhein pfälzisch gesprochen wird und die ich mir ob dieser Kuriosität anderntags erradeln und zu Gehör führen wollte. Es sollte an dieser Stelle erwähnt sein, daß das Grün der niederrheinischen Wiesen und Weiden sommers selbst den besten Mann kirre zu machen imstande ist, es streckt sich in jede Richtung und darüber kuppelt ein nuklearblauer Himmel, die punktschweißende Sonne zielt auf den Niederrheiner, insbesondere seinen Kopf, sie macht das auch mit Besuchern des Landstrichs, doch wer den niederrheinischen Sommer mit seinen Abermilliarden im seichten Wind wogenden Halmen komplett durchstehen muß, braucht eine Taktik, z.B. des Verdampfens, um in diesem Inferno göttlichen Sinns nicht den Verstand zu opfern. Auf dem Weg nach Goch hatte ich bereits dutzende Kilometer dieser grünen Hölle durchquert, mit Abstechern in leblose Ortschaften, Dörfer jenseits der Bundesstraße mit zur Mittagszeit verbarrikadierten Häusern und Läden, die Dorfbrunnen immerhin gaben kleine Trinkwasser-Rinnsale, ansonsten menschenabholde Stille, das Flirren über den Feldern nicht eingerechnet. Leblose Höfe, niemand zugegen im großen weiten Nichts. Doch überall schien sich etwas zu Mulm und Doom zusammenzutun. Hin und wieder brach ein Schauer herunter, irgendwann brach der Radweg ab: ich befand mich im Innersten einer unerforschten Region, die gemeinsam mit dem ebenso entlegenen, aber viel hügeligeren thüringischen Vogtland die prallen Arschbacken Deutschlands markiert. Am Spätnachmittag kippte der Tag vollends in sich zusammen und brodelte nurmehr müde, in der Ferne verzog sich in Jaucheschwaden das grausige Quieken großbetrieblich aufgezogener Schlachtschweine – in solcher Umgebung lebt seit Jahrzehnten der Geburtspreuße RoN Schmidt und läßt seine Gedanken schweifen, keine Berge hindern seinen Blick und nun schickte er mir den Hinweis auf vier seiner alten Videos, die just bei Youtube einzusehen sind, Meisterwerke niederrheinischer Lakonie in ihrem Bewußtsein des Wesentlichen, wie es nur auf dem Land noch in archaischer Reinheit zu beobachten ist, wenn überhaupt. Kürzlich wurde mir zugetragen, von Hanns Dieter Hüsch stamme sinngemäß der Spruch: „Wenn sich bei uns am Niederrhein zwei begegnen, geschieht das statt sonst weithin bekannter Grußfloskeln mit dem Satz „haste schon gehört, der und der ist gestorben““. Läßt sich nachvollziehen: Niederrheiner zwischen 14 und 40 sind am Niederrhein schwer anzutreffen. RoN Schmidt belebt diese Vitalitätslücke mit seiner schelmischen Kunst, in der er sich notfalls als der Landschaft angeglichene Frühkartoffel im Morgengrauen denkt und nebenbei deutsches Yoga lehrt: „SETZ DICH / NACKT / AUF EINEN / SPIEGEL / DENKE / ICH / BIN / ZWEI / ARSCHLÖCHER“

Hier gehts zu einem heute frisch eingestellten Poetry Video von RoN Schmidt auf Youtube: Hefeklöße.