Einfalte Delineation

„Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden nach der Ordnung der Hochgerichten eines jeden Bunds, ihren Nammen, Nachbarschafften, Höfen, Situationen, Landsart, Religion und Landsprach nach kurz entworfen, Samt beygefügten etwelchen merkwürdigen Begebenheiten auch Seltsamkeiten der Natur verfast durch einen Liebhaber guter Freunden Nicolin Sererhard einem Bundsmann, beschrieben im Prettigeu auf Seewis des Loblichen X Gerichten Bunds im Jahr unsers Heils 1742“ lautet der vollständige Titel eines lang gesuchten und nun in der Ausgabe von 1944 in der Liechtensteinischen Landesbibliothek vorgefundenen Bandes, dessen Entstehen in Dielhelms Zeit fällt, ohne daß zwischen beiden Werken direkte Bezüge auszumachen wären. Wohl aber finden sich Überschneidungen einiger Anekdoten „vom Hörensagen“ und Vorgriffe auf die Geistergeschichten aus Büchlis 200 Jahre jüngerer Mythologischen Landeskunde. Sererhards bisweilen launische Kommentare funkeln lustig im Zeitkolorit. Dergleiche berühmte Alpenföhn, der seinerzeit bisweilen Sererhards Gedankengänge beeinflußt haben mag, hat uns folgende Ausschnitte ins Netz geweht:

Der graue Bund
„Dieser Bund wird der graue Bund genennet, wie man meynet von dem Lugnezer Landwasser Gloin har, welches bey Ilanz, allwo es sich in den vordern Rhein ergießet, eine graue Farb praesentirt. Von diesem so genanten Bund La Liga Grisa werden alle Bündner mit einem General Nammen bey den Ausländischen benamset Grisonei, oder die Grau Bündner.
Ja, weil bey dem Zusammenfluß des Rheins und Glorin oder Gleners der Rhein weiser Farb und der Glener grauer Farb ist, soll auch der Ober Bund diese zwei Farben zu seiner Liberei angenommen haben.
Dieser Bund ist das erste mahl geschworen worden anno 1424 zu Trünß under einer Linden. Dazu sind die gute Leuth veranlaßt worden durch die unmenschliche Proceduren und Tyraney ihrer Oberherren und deren Vogten, danachen sie sich bemüssiget befunden, sich zum gemeinen Schutz wider die unbilliche Gewalt zusammen zu verbinden.
Von viel Exemplen nur eines zu bemerken, so ist bekannt, wie der Vogt zu Bernburg in Schamß einen Baur gezwungen, mit den Hennen und salvo honore Schweinen aus ihren Trögen zu essen. – Doch hernach als die Bauren Meister worden, ist eben diesem ein gleiches wiederfahren, und er zu gleicher Näscherey gezwungen worden. Dergleichen Exempel noch manche beyzubringen wären.“

Heute heißts, der Bund sei unter einem Ahorn geschworen worden, von dem ein Teil in Truns noch zu besichtigen sei. Linde oder Ahorn, Ahorn oder Linde? Zu den Baumauswirkungen auf Schwüre: Rita Lüthy-Schwöri – Naturwesen, Baumfeen, Berggeister. Unsere unsichtbaren Freunde, Maienfeld 1977. Die Geschichte des Vogts von der Bärenburg und dem Bauern Johannes Caldar gibts auch in einer anderen Version, die stark an jene von Pidder Lüng auf Sylt erinnert.

Dielhelms Vorderrhein (3)

Abschließender Blick Dielhelms auf den Vorderrhein mit weiteren, heuer eher unbekannten Heiligenfleckchen (Kirchengrundstücken?), teils rätselhaften Wassersystemen und die erste Rheinstadt Ilanz: “Unter diesem Kloster und Flecken Dissentis vermischt sich eine gewisse Bach mit dem vordern Rhein, welcher von einigen für die mittlere Rheinquelle will gehalten werden. Es entspringet dieser mittlere Rhein auf dem Lütmannierberg / so auch ein Theil von dem Adula zu oberst im Sanct Marienthal ist, wo gegen über der Tesinfluß keine Quellen hat, und zwar aus vielen beyderseits zusammenfliessenden Bächen, denen sich auf linker Seite ein anderes Wasser zugesellet, so sich von einem hohen Berg herabstürzet. Ob dieses die Frodda sey, deren Simler (Anm.: anzunehmen in wunderbarer Vagheit wohl eher Josias, der Alpenbeschreiber als Johann Wilhelm, der Verfasser der “Teutschen Gedichte”) / Tschudi und andere gedenken, oder aber ein anderes Wasser, welches aus den Corner Alpen hervorfliesset, hat Herr Johann Jacob Scheuchzer (Anm.: der berühmte Sintflutforscher, nach dem die Blumen- bzw Blasenbinse benannt ist) nicht erfahren können. Es läuft durch das Modelser Thal, welches sich gegen Mitternacht ziehet, und die Oerter, so an diesem Rhein nach einander folgen, sind Sanct Maria / allwo ein Hospital, oder Herberge für die ist, welche in das Palenser= oder Piliner=Thal reisen; ferner Sanct Gallo / Sanct Giovanni, allwo ein Wasser von den Corner Alpen hineinfliesset; Sanct Giacomo, Sanct Rocco / Curalia, Suliva / und Sanct Valentin, unter welchem er sich, wie gedacht, bey dem Kloster Dissentis / mit dem vordern Rhein vereiniget. Die Oerter, welche der vordere Rhein weiter begrüsset, sind Sonvix, Tront, das alte Schloß Rinkenberg / unter welchem zur Rechten ein Wasser hineinfliesset (Anm.: Hübner, der seinen Dielhelm gründlich kennt, berichtet über einen Voderrheinzufluß von übernatürlich heller Wasserfarbe); der Rhein aber läuft von dannen fort auf die beyden Schlösser Waltersburg und Obersax, wendet sich darauf nach Schlans, Ruvis und komt nach Ilanz / oder Iant, lateinisch Ilantium und Hilliande Villa. Dieses ist ein alter Ort und das vornehmste Städtgen in Räthien, oder in Graubündten, anbey auch das oberste und erste Städtgen, so am Rhein zu finden ist. Weil auch solches der Hauptort in dem grauen Bund (Anm.: der nicht nach den Farben der Berge, sondern nach den Hirtenwämsern, welche aus gemischter Wolle schwarzer und weißer Schafe bestanden, geheißen haben soll) ist, so pflegen sich die gesamten drey Bünde allda zu versammlen, wenn sie über wichtige Sachen rathschlagen wollen. Wie denn die Landtage des obern Graubunds ordentlich allda gehalten werden. Es haben die Einwohner in Ilanz in etlichen gemeinen Sachen ihr eigenes Burgergericht; da sie hingegen über öffentliche Angelegenheiten mit den übrigen Benachbarten ihrer Gemeinde zu Rathe gehen müssen. Im übrigen wird an diesem Orte Churwelsche Sprache (*) geredet. Alda sind im Jahr 1561. auf dem Landtag nebst andern Gesetzen, auch eines ausgemacht worden, daß die Jesuiten in Graubündten nicht solten gedultet werden, welches Verbott man im Jahr 1600. wiederholet hat. Worauf sie auf ewig (Anm.: was lang werden kann) aus diesem Land verbannet worden, damit der politische Staat in Graubündten durch solche nicht verunruhiget würde; wie Fortunatus Sprecher (Anm.: der als um Objektivität bemühter Chronist auch in Conrad Ferdinand Meyers historischem Roman Jürg Jenatsch auftaucht) in seiner Räthischen Chronick pag. 171. und 187. meldet. Dem Städtgen Ilanz gehören die Dörfer Flont und Straden. Es führt das Städtgen Ilanz in seinem Wappen eine guldene Krone, wodurch der Rhein fließt, damit anzuzeigen, daß es das erste und vornehmste Städtgen des Rheins, ja gleichsam die Krone des Rheins sey. (…) (Anm.: Dielhelm zählt in dieser Lücke auf seine akribische Art die sieben Ilanzer Markttage auf und nieder.) Alsobald unterhalb dem Städtgen Ilanz wird dieser vordere Rhein durch das kleine Glennerflüßgen (Anm.: oder Glogn, was gelogen klingt) verstärket. Auch folgen unter Ilanz la Voppa, Grub, Valendas, ein altes Schloß, und zur linken Seite Laar, Flims / welches Dorf seinen Namen von den vielen dort zusammenfliessenden, und in dem Dorfe selbst entspringenden Wasserquellen hat, welche hernach in den Rhein hinabfliessen. Von dannen streicht der Rhein fort nach Damürz / Bonaduz, und also folgends nach Reichenau / allwo sich dieser vordere Rhein mit dem hintern vermischet.

(*) Die Churwelsche Sprache wird zwar, in Vergleichung mit der lateinischen und florentinischen Mundart, für etwas grob gehalten, gleichwohl hat sie nichts destoweniger ihre Vollkommenheit und Zierlichkeit. Sie wird nur um die Gegend der Stadt Chur geredet, doch befleißigen sich die Einwohner auch der deutschen.”