Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

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Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.

Das Land Gling-glang

Marcel Crépon, der uns bereits verschiedentlich von seinen Ausflügen in rheinische Gefilde berichtete, war wieder einmal in Deutschland unterwegs und schickt uns folgende Anekdote von einer Zugfahrt, in der sich die Ritterzeit über den Umweg der hebräischen Sprache kurzfristig in der Gegenwart manifestiert:

“Vor zwei Wochen reiste ich mit dem Zug entlang des Mittelrheins, es war der Eurocity von Chur nach Hamburg, der sich ab Basel, wo ich zustieg, mit Karacho durch die Täler und Ebenen des Rheins bewegt. Mir gegenüber saß eine israelische Familie. Die Mutter kümmerte sich um das Baby, der Vater erklärte dem etwas größeren Kind, was links und rechts durch die Fenster zu erblicken war. Da er hebräisch sprach, verstand ich kein Wort, bis in seinen Schilderungen der bekannte Name “Nibelungen” auftauchte. Das Kind versuchte das Wort nachzusprechen, schien jedoch einige Schwierigkeiten damit zu haben, und vereinfachte es in Nibe-gling-glang. Das Kind wiederholte freudig unter leichten Abwandlungen Nibe-gling-glang, Nibe-gling-glang, sein Singsang erinnerte an das Scheppern von Ritterrüstungen, den Aufeinanderprall schwerer Schwerter und verbeulter Schilde, bis nach einer Weile aus den Nibelungen “Eretz-gling-glang”, das “Land Gling-glang” wurde, wobei mir unklar blieb, ob das Kind noch seine Erzählung oder die an den Fenstern vorbeirasende Landschaft meinte, aus der sich einige Burgen von den Höhenkämmen der Weinberge neugierig bis in unser Abteil zu recken schienen.”