Auf der Alp

Im Original auf Surselvatisch („els seigien schwaledi“), einer knorrigen zischenden rätoromanischen Bergsprache, verfaßt ist Leo Tuors kräftige Saga um Giacumbert Nau, einen Bündner Hirten und sein verfluchtes einsames Alplerleben. Da geht es um den ruhelosen funkenstiebenden Schimmel der Blengias Alp, den Giacumbert ersehnt zu sehen, denn der Erfahrung nach stirbt, wer den Schimmel erblickt, im Laufe eines Jahres. Da werden Hiebe auf die Leser des Schweizer Boulevardblattes Blick verteilt, die die Sensation lieber lesen, als sie zu leben. Da stemmt sich Giacumbert entlegene Anstiege empor, weigert sich für verlorene Tiere dumpfer Bauern in rasch zu reißenden Fluten geschwollenen Bergbächen zu ertrinken, spürt fernab der Menschheit den Modersumpf seines Fleisches, seine Seele ein zerrissenes Spinnweb: „Der Regen prasselt auf seinen Rücken. Das Blut quillt aus den Nüstern, verschmiert das weisse Maul, besudelt die Axt. Giacumbert seufzt, nimmt das Messer und schneidet die Kehle bis auf den Knochen durch. Das Blut sprudelt, das Auge bricht, der Körper zuckt und zittert, schüttelt sich in wütenden Krämpfen. Der Regen näßt seinen Körper durch und durch. Er dreht das Tier auf den Rücken, schneidet den Bauch auf, greift ins warme Gekröse, wirft sich zur Seite und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Er nimmt sich zusammen, hantiert irgendwo tief drinnen im Körper des Schafes, zerrt glitschige Därme heraus, den Pansen, nimmt sich zusammen, säbelt und zerrt die beiden Keulen heraus und ein Rückenstück, so gut er eben kann, lässt das warme Fleisch in den nassen Rucksack gleiten. Es giesst noch immer. Er häuft Steine auf das, was dableibt für die Würmer. Schlaff hängt die Zunge aus dem weissen Kopf.“ Den Rhein bekommt er offiziell nicht zu Gesicht. Doch alles Wasser dort oben, stelle ich mir vor, könnte Rhein sein, Rein (einer der vielen Frühzuflüsse), alles könnte grau sein, sprechende Steine, predigender Wind. Blühende Alpenwiesen, weggesenst von plötzlichen Kälteeinbrüchen, niedergewürgte Sommer. Ein plötzlich eingestreutes, hundert Jahre altes Kuhgedicht „Der Milchmesstag“ von Giacun Hasper Muoth: Kühe grau und Kühe braun, / herrlich, prächtig anzuschaun, / Kühe klein und Kühe scheckig, / Kühe schmal und Kühe fleckig, / Kühe fett und Kühe schwer, / schön`re gibt es nimmermehr, / Kühe rund und Kühe lang, / hochgelobt im Überschwang. / Und ob der Hütte, schau, der Stier / zerwühlt das Gras, das wilde Tier. / Glocken, Treicheln, Klepfen, Schellen, / süsse Melodie in Wellen. / Gross und klein ist Feuer, Flamme, / greift den Tieren an die Wamme. / Puscha! Puscha! locken sie, / ganz vernarrt ins liebe Vieh. Man rühmt die Euter, preist die Beine, / jeder stolz nur auf die seine. / Ja, hier können sie gedeihen / mit dem vielen Gras, dem neuen. //

Leo Tuor: Giacumbert Nau. Hirt auf der Greina, Octopus Verlag, Chur