Die Schweiz am Meer

Auch das Berner Oberland ist die Heimat des Rheins. Ein großer Teil der Schweiz ist es. Die Aare kommt in den Oberrhein nicht weniger mit ungebrochener glänzender Flut als dieser; sie ist sein Geschwister, doch das nachgereihte. Welches Welterlebnis hat bis zu diesem Zusammenfluß der weit ausgreifende und verloren gewesene Rhein schon hinter sich! Die Aare faßt in einem Fächer wie ein Leuchter mit vielen Armen die Flammen lichtglänzender Seen, die von Schattenwänden umstellten Landmeere zusammen, sie flicht in ihre Wellen, was die Wannen vor Thun und Brienz, vor Biel, vor den Vierwaldstätten und vor Zürich an fließenden Wassern, an entgleitenden, wippenden Flüßchen abgeben. Schon bei Aarau, ehe sie Reuß und Limmat in sich aufgenommen, ist sie ein starkes, eilendes und grünlichfarbenes Gewässer. Köstlich, zwischen den festungsähnlichen, weißen Quader-Toren des Brückenanfanges von der Kettenbrücke, die von Reitern, locker marschierenden Soldaten, langsam rollenden Fuhrwerken bebt, auf die enggefügten Schindeln des Flusses hinabzuschauen, der ohne Geräusch in dunkelgrünen hohen Ufern zu Tal reist. Hier ist die ländliche Allee mit sommertiefen Schatten, der eingeschlafene Arbeiter mit offenem Brustlatz auf der Ruhebank; aus der Verborgenheit eines Bergtals knattert es verschwenderisch von den Schießständen. Drüben baut sich die Stadt empor, warm besonnt, mit staubfarbenen Bürgerhäusern, schwarzbraunen Dächern, grünen Fensterläden, darin der breite alte Kirchturm übereck mit dem indigoblauen Zifferblatt und dem hohen goldstrahlenden Knauf. Diese Stadt in ihrer untersetzten Bauart, mit ihren herabgezogenen Giebelhauben, mit ihren starkfarbigen und heraldisch derben Bürgerwappen an den Wänden der Gassen, mit manchem modernen Gebäude, das die großen Aufgaben der Post und der Kantonsverwaltung, den gefestigten Reichtum der Großbanken, den welterfahrenen Geschmack villenbewohnender Herrschaften erkennen läßt, bewahrt an ihrer breitesten Straße unter schwärzlich schattenden Bäumen neben dem Standbild des vergessenen Zschokke einen Steinfindling, groß und glatt wie ein Seehundsrücken, namenlos und ohne Inschrift, nichts als ein Denkmal für die Arbeit des Wassers in den aufgerissenen Tälern der Vorschweiz. Die Brücke wirft ihr Rautenmuster als ein kurzes Gitter von Schatten auf den Fluß; ein wenig abwärts in der offenen buschigen Landschaft ist eine Kribbe wie ein Stab quer in den Fluß gelegt. An ihrer Spitze, fast in Wassersmitte, steht eine Gruppe Knaben mit nackten Beinen und weißen Aermeln, mit der ausgestreckten Angel. Der Himmel ist weit und vom hellsten Blau. Der Fluß rinnt, unendlich sanft anschwellender Schimmer, der sich gleichmäßig und unaufhaltsam einer unbekannten Ferne hingibt. Lebendiges Geschenk, an wen? An alle, die auf tausend Meilen abwärts auf dem Festland wohnen. Bis Germersheim ist der Rhein fast nichts anderes als das Seenwasser der Schweiz, dann erst beginnen die Zuströme von den deutschen Gebirgen ihn zu mischen. Und im Sommer reicht die Schweiz mit dem Wasser ihrer Schneewände fast unvermischt bis an das Meer. Von den hundert Millionen Raummeter Wasser, die täglich im riesigen Behälter an Köln vorüberströmen, kommt aus der Schweiz noch fast die Hälfte, wenn der Strom nicht übermäßig hoch und nicht niedrig ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Für Paquet galt Heinrich Zschokke als vergessener Autor; für rheinsein ist er das natürlich nicht: im großen Elektromosaik, das rheinsein vorstellt, findet sich auch ein Zschokke-Baustein, eine Beschreibung des Kantons Graubünden aus dem Roman Die Rose von Disentis. Unterdessen dürfte Paquet, auf den wir über die Spezialistinnen des Arbeitskreises zur Erforschung der Moderne im Rheinland stießen, weitgehend als vergessener Autor gelten.

Presserückschau (März 2014)

1
Im Gernsbacher Ortsteil Hilpertsau, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten, ist ein Flaschenpostbriefkasten am Murgufer in Betrieb genommen worden. Der gelbe Postkasten ist den üblichen Postbriefkästen nachempfunden. Neben dem Einwurf besitzt er einen Auswurf. Durch ihn wird die Flaschenpost über eine Röhrenrutsche direkt der Murg übergeben, von der sie fließend weiterbearbeitet wird.

2
Die älteste noch existierende Dampflok Deutschlands soll sich auf dem Rheingrund verbergen, berichtet das Magazin Focus: “Eisenbahnfreunde wollen sich im Rhein nahe Germersheim auf eine besonders schwere Schatzsuche begeben: Sie vermuten dort eine im Schlick versunkene Dampflok, die vor mehr als 160 Jahren von einem Schiff aus in den Fluss fiel. (…) Das 1852 in einer Lokomotivfabrik in Karlsruhe gebaute Stahlross sollte (…) auf einem Segler zum Kunden nach Düsseldorf überführt werden. Bei einem heftigen Sturm rund 30 Kilometer nördlich von Karlsruhe seien die Halterungen an Deck gerissen und die nagelneue Lok in den Rhein gekracht.”

3
Daß der Rhein tödlich sein kann, erweist sich jedes Jahr mehrere Dutzende Male aufs Neue. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich diesen Monat in Köln-Stammheim. Zwei Schwestern im Alter von sechs und zehn Jahren gerieten beim Spielen in den Rhein: “Aus bislang ungeklärter Ursache ist die Sechsjährige ins Wasser gefallen. Zunächst soll die größere Schwester erfolglos versucht haben, das Mädchen zu retten. Beide Schwestern trieben daraufhin im Rhein. Unter den Passanten, die die dramatische Szenerie beobachtet hatten, war auch ein Jogger, der sofort zu den Kindern ins Wasser gesprungen sein soll. Zunächst soll er beide Mädchen ans Ufer gerettet haben. Dabei wurde er selbst von der Strömung mitgerissen und ist abgetrieben.” (Kölner Stadt-Anzeiger). Bei dem “Jogger” handelt es sich laut BILD um den Anwohner Ali Kurt, einen Lageristen. Der heldenhafte Retter blieb seither im Rhein verschwunden. Die jüngere der beiden Schwestern konnte am Ufer zunächst wiederbelebt werden, starb jedoch kurz darauf. Die ältere Schwester überlebte. Die Familie des versunkenen Retters organisierte nach dem Vorfall eine großangelegte, bis in die Niederlande reichende Suchaktion, bei der gleich zwei Rheinleichen entdeckt wurden: “In Höhe der Zoobrücke haben Taucher der Feuerwehr tatsächlich eine Leiche an Land gezogen. Passanten hatten den Körper etwa 200 Meter nördlich der Bastei am linken Rheinufer im Wasser treiben sehen. Laut Polizei handelt es sich aber nicht um Ali Kurt, sondern vermutlich um einen jungen Mann. Seine Familie in Stuttgart hatte ihn als vermisst gemeldet, er sei nach Köln gereist und hätte Suizidabsichten geäußert. Aber noch einmal keimt kurz Hoffnung bei den Suchteams auf: Denn auch in Wesel wird eine Leiche aus dem Rhein gezogen – es ist ein älterer Mann, wieder nicht Ali Kurt.” (Kölner Stadt-Anzeiger) Zwei Wochen nach dem Vorfall tauchte die Leiche des Retters auf: “Wie die Kölner Polizei (…) bestätigte, wurde die Leiche des dreifachen Familienvaters (…) an der Reeser Schanz, nahe Kalkar im Rhein entdeckt. Die Identifikation war schwierig. Die Leiche war in eine Schiffsschraube geraten.” (Rheinische Post)

4
Die Sauberkeit des Rheins korrespondiert mit den Einleitungen der chemischen Industrie. In den Achtzigern hieß es: “Gehst du bei Ludwigshafen im Rhein schwimmen, kommst du mit Fotos auf der Haut wieder raus.” Heute wird vor dem Schwimmen im Rhein vor allem wegen seiner Strömungen und des Schiffsverkehrs gewarnt. Doch gelangen immer wieder ungeklärte Chemikalien in den Fluß: “Bei einer Panne im BASF-Werk Ludwigshafen sind (…) etwa zwei Tonnen einer reizend wirkenden Chemikalie in den Rhein geflossen. Der Stoff mit dem Namen N-Methyldiethanolamin könne laut Sicherheitsdatenblatt schwere Augenreizungen verursachen, teilte der Chemiekonzern mit. Er gelte aber als schwach wassergefährdend und könne biologisch gut abgebaut werden. Für die Bevölkerung bestand nach Angaben einer Sprecherin keine Gefahr.” (Rhein-Neckar Fernsehen)

5
Der Rhein-Herne-Kanal wird 100 Jahre alt. Im Westen werfen die Feierlichkeiten bereits ihre Schatten auf die Schleusen, schreibt die WAZ: “Nachdem 1914 der Rhein-Herne-Kanal kriegsbedingt schon ohne Kaiser eröffnet werden musste, hofft man nun zum Auftakt der 100-Jahr-Feierlichkeiten auf Kaiserwetter. Am (…) 27. April soll es losgehen, mit einer großen Schiffsparade. Fünf Monate später beschließt der „Day of Song“ die zahlreichen Jubiläumsfestivitäten, an denen sich zehn Kommunen, der Regionalverband Ruhr (RVR) und ihre Partner beteiligen. Sie hatten am Montag ihre Vertreter zur Schleuse Gelsenkirchen geschickt, wo sich am Eröffnungstag um 13 Uhr zahlreiche Schiffe versammeln. Auch die „Friedrich der Große“ mit Kapitän Bleich ist dabei. Sie startet um 11 Uhr am Stadthafen in Recklinghausen-Süd, jenseits der Herner Stadtgrenze.”

6
Die Rheinfischergenossenschaft in Nordrhein-Westfalen verzeichnet auf ihrer Website zwei Störfänge seit Jahresbeginn: “Am 23.02.2014 hat der Rheinangler Tim Weihmann bei Rheinfeld einen rd. 50 cm großen Stör-artigen Fisch gefangen. Der Fisch biss am Nachmittag auf einen großen Tauwurm und konnte unverletzt wieder freigelassen werden. (…) Am 17.03.2014 meldete der Rheinangler Frank Grätz den Fang eines rd. 90 cm langen Störes aus dem Rhein bei Wesseling. Der Fisch hatte bemerkenswerterweise auf Käse gebissen. (…)”

Bayerischer Rhein

“100. Fr. Welches sind die Hauptflüsse Deutschlands?
Antw. Es sind folgende: 1. der Rhein; 2. die Donau; 3. die Weser; 4. die Elbe; 5. die Oder.

101. Fr. Woher kömmt der Rhein?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, hat 3 Quellen, fließt durch den Bodensee und ergießt sich theilweise in den Niederlanden in die Nordsee.

102. Fr. Wo entspringt die Donau?
Antw. Sie entspringt im Großherzogthum Baden im Schwarzwalde, fließt durch Würtemberg, Bayern, Oesterreich, Ungarn, die Türkei, und ergießt sich in das schwarze Meer.

(…)

117. Fr. Wie heißen die Hauptflüsse in Bayern?
Antw. Sie heißen: 1. der Rhein 2. die Donau, 3. der Main.

118. Fr. Woher kömmt der Rhein und wohin ergießt er sich?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, fließt durch den Bodensee, und ergießt sich in den Niederlanden in mehreren Armen in die Nordsee.

119. Fr.  Inwiefern gehört der Rhein zu Bayern?
Antw. So lange er die Pfalz bespült.

120. Fr. Was für bayerische Städte liegen am Rhein?
Antw. Am Rhein liegen: Germersheim und die Hauptstadt Speyer.

121. Fr. Wo entspringt der Main?
Antw. Er entspringt in Oberfranken auf dem Fichtelgebirge, fließt durch Ober- und Unterfranken, und ergießt sich bei Mainz in den Rhein.”

(aus: J. Offner, Fragen aus der vaterländischen (bayerischen) Geschichte und Geographie: Mit beigefügten Antworten: zum Gebrauche für die Schuljugend in den höhern Klassen der deutschen Werk- und Sonntagsschulen (1840))

The girl on a motorcycle (2)

hd

Alain Delon als Daniel, motorradfahrender, pfeiferauchender Jungdozent, hier bei der Arbeitsvorbereitung in einem luftigen Pavillon hoch über dem Neckar. Der Unterricht seiner vier Studenten findet in einem mondänen Ledersesselclub statt: “Das am meisten mißverstandene Wort auf der Welt ist… Liebe.” Dementsprechend verläuft seine Beziehung mit Rebecca (Marianne Faithfull), die sich verzweifelt an Daniel heranwirft und während ihrer Motorradpendelei zwischen Ehemann und Geliebtem ihre knappe, aber komplexe Lebensgeschichte aufarbeitet. Immer wieder rastet Rebecca auf ihren Touren zu/von Daniel im badischen Wald, Inspirationsquelle für zeittypische Exkurse etwa zum Soldatendasein (“ich frage mich, ob sie wissen, wie man Liebe macht”) oder zum Sonnenaufgang (“rise quickly, burn me”). Auf Rebeccas Wegen liegt der

neulauterburg

Grenzübergang Neulauterburg, ein vertrautes Bild unserer Jugend. Die Filmstory steuert indessen auf die längst anzunehmende Katastrofe hin. Bei einer weiteren Durchfahrt beschimpft Rebecca in Karlsruhe die Passanten (“Bastards! Bastards!”), ihre Instabilität tritt offener und offener zutage, in einer badischen Gaststube mit berlinerndem (“Mensch Meier, kiek ma die!”) Altherreninventar und einer rigoros herumschnauzenden Wirtin (“Frühstück? Kaffee?”) schreitet

kirsch

Rebecca bei zwei Kirsch zur inneren Abrechnung mit ihren Männern, die sie noch ein letztes Mal verwerfen wird. The girl on a motorcyle ist derzeit bei Youtube in der Originalversion eingestellt.

Karibischer Rhein

caribbean-rhine

Gegenüber von Germersheim, nördlich der Rudolf-von-Habsburg-Brücke, im auengeprägten Niemandsland zwischen Rußheim und Rheinsheim, auf der klimabegünstigten badischen Seite, entdeckte unser Fotograf, auf dem Rhein paddelnd, diese Strandbar karibischen Stils, wie sie typischer auch im Socagürtel nicht aufzufinden sein dürfte.
(Bild: Stefan Mittler)

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Topographia Germaniae

Haufenweise frühe Informationen über Orte längs des Rheins liefert (ab 1642) die Topographia Germaniae von Matthäus Merian (Stiche) und Martin Zeiller (Texte), wobei sich letzterer auffällig oft auf Münster und Freher beruft. Im Netz fehlen bisher die Teilstücke Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae und Topographia Circuli Burgundici, wodurch der bisher im Internet vorhandene frühtopografierte Rhein hauptsächlich auf einen deutsch-elsässischen reduziert bleibt, wobei der schwäbische Part nebst eigentlich sehr Badischem auch noch Vorarlbergisches und Liechtensteinisches umfaßt. Die Texte sind schön ediert bei Wikipedia vorhanden, weswegen an dieser Stelle nicht sonderlich viel daraus zitiert werden soll. Sie bieten neben vielen historischen und geografischen Hinweisen vergleichsweise (s. Dielhelm) wenig Anekdotisches, eine Stelle über Germersheim fiel mir jedoch sofort ins Auge: kannte ich Germersheim doch zunächst, bei einer Annäherung per Fahrrad in den achtziger Jahren, als einen jenseits der Landstraße liegenden Ort im Hitzenebel der Müllverbrennung, deren ekelhaft süßer Gestank nach Erbrochenem meinen Besuch vollkommen vereitelte und für mehrere Jahrzehnte aufschob, bis ich mich vergangenes Jahr schließlich von der anderen Rheinseite heranwagte. Umso schöner diese die (offenbar auch prä-MVA-)typische Germersheimer Luft behandelnde Stelle aus der Topographia Palatinatus Rheni: „Es gibt gute Jagten / auch Fischereyen herumb / und wird das Gold da auß dem Rhein gebracht / und gewaschen; hergegen die Lufft / wegen Außlauff deß Rheins / und Morasts / so den Orth daher befestigt / nicht sonderlich gesund ist.“

Germersheim

Bei Wikipedia ist Germersheim als die Stadt des Flieders und der Nachtigall verzeichnet – ich kannte den Ort bisher lediglich en passant als einen des höllischen Gestanks und der enormen, in Deutschland führenden Selbstmordrate. Nun nähere ich mich Germersheim erstmals mit voller Absicht, um die ganze Wahrheit über das so gegensätzlich beleumundete Städtchen herauszufinden. Über die Rudolf-von-Habsburg-Spannbeton-Brücke pesen die Wagen mit Pfälzer Überlandspeed. Röhrende Auspuffe, geistige Zerdrängtheit, die bei Mach 2 in Freiheit umschlägt und nie wieder zurückkehrt. Die Karossen werden vom Horizont als winzige schwarze Endpunkte verschluckt. Neben den freiheitlich-breiten Fahrbahnen gibt es auf der Brücke schmale abgesperrte Wege für Fußgänger und Radfahrer. Das blaugestrichene Geländer korrespondiert farblich sowohl mit dem Himmel als auch mit dem Strom, die Brücke fungiert somit nicht nur als Verbindung zwischen Baden und der Pfalz, sondern auch zwischen Himmel und Erde, was manchen Germersheimer auf letzte Gedanken gebracht haben mag. Auf der Pfälzer Seite beginnt umgehend ein Verwirrspiel aus Hinweisschildern, die für sämtliche Ziele in alle, dh auch exakt gegensätzliche Richtungen weisen – wer diesen Schildern traut, bleibt am Ortsrand hängen und wird verrückt. Ganz in der Nähe verbreitet ein Klärwerk seine süßlichen Aromen (eine Art kräftigen Antimenschenspray) und treibt mich ebenso voran und davon wie die ausschließlich depressiven Gesichtszüge der Passanten, die eine Frage nach dem Weg vermutlich völlig entgleisen lassen würde. Es gibt in Germersheim keine wirklich weiten Wege und dennoch genug Platz für Wohnbaracken, die an die schlechteren Stadtviertel von Accra erinnern. Attraktion des Städtchens sind einige Meter Festungsmauer und ein paar ältere Garnisonsgebäude. Vor dem Arresthaus stehen depressiv wirkende Jugendliche mitten im Kärcherlärm der Brunnenreiniger und nuckeln an ultraschlanken Fluppen. In der Fußgängerzone herrscht gähnende Leere, immerhin existiert eine Fußgängerzone und sie wirkt individueller als die meisten anderen: zum einen verzichtet sie auf Ladenketten, die Plastikprodukte für 99 Cent verkaufen, zum anderen gibt es hier sowieso kein Publikum. Zentrale Attraktion Germersheims ist das von der Asfaltlobby gestützte Deutsche Straßenmuseum, vor dem zwei ausrangierte Planierwalzen stehen. Alles wirkt, als hätte Gott mit seiner Fliegenklatsche einmal kräftig auf das Städtchen draufgehauen. Da und dort zappelt noch etwas, jedoch so gut wie hoffnungslos. Auswärtige Radfahrer besuchen den Ort, stärken sich in der lokalen Gastronomie, um Germersheim dann möglichst schnell wieder hinter sich zu lassen. Die Stimmung ist selbst bei bester desinfizierender Sonnenstrahlung traurig und stark ansteckend. Unten am Rhein haben sich ein paar Menschen versammelt und starren hilflos auf den begradigten Strom. An der Eisenbahnbrücke ein Graffito: „BILD-Leser wissen mehr als die Wahrheit“

Steinmauern

Mittagsstille in Steinmauern. Die Altmurg rinnt durchn Ort, farblich Kloakenbräu. Im Niesel der Freilichtpart der Dauerausstellung zur Ortsgeschichte: alles über die Flößerei, behütet von einem winzigen St. Nikolaus hinter Bilderstöckelvitrine. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert blühte der Holzhandel mit Holland: floßfreundliche Tannen und Fichten, von Murgknechten talwärts gelenkt und den Rheinknechten zur weiteren Wertsteigerung übergeben. Zwölf Wochen dauerte günstigenfalls eine Tour vom Schwarzwald bis Dordrecht, und die aus mehreren Lagen zusammengebauten Flöße erreichten 300 Meter Länge, 35 Meter Breite und nahmen bis zu 600 Mann Besatzung auf. Schwimmende Dörfer sozusagen. Eine übliche Ladung bestand neben dem Holz aus 20.000 Kilo Brot, 10.000 Kilo Fleisch, je 700 Kilo Butter und Dörrfleisch, vier Kubikmetern Hülsenfrüchten, einem Kubikmeter Salz, 80.000 Litern Bier und einigen Faß Wein, in den Stallungen an Bord stand zahlreiches Vieh, jeden Tag wurde mindestens ein Ochse verspeist. Einem solchen Kapitalfloß fuhr stets ein Wahrschauer weit voraus, um den Flußverkehr vor der Ankunft des schwer manövrierfähigen Giganten zu warnen (die Streichen genannten Floßruder waren von einem Mann allein nicht zu bewegen). Von Germersheim bis Rotterdam waren 53 Zollstationen zu passieren, der Holzverkauf in Holland streckte sich bisweilen über Wochen und Monate und dennoch lohnte der Verdienst nicht übel. Auf dem Rückweg schlief der Floßherr nachts traditionell mit dem Kopf auf der Geldkatze, die bis zu 100.000 Gulden enthalten konnte, eine für damalige Zeiten angeblich fantastische Summe. Zum Einbinden der Flöße und ihrer Lasten wurden in Steinöfen sogenannte Wieden gebäht, dh mäßig erhitzt, bis der Saft der benutzten Tannen- und Fichtenstangen zu kochen und verdunsten begann, schließlich die Rinde knallend aufplatzte und die Stangen drehfähig waren. So ein Wiedeofen steht zur Volksbildung heuer unter freiem Steinmauerner Himmel. 1913 wurde die Murgflößerei eingestellt, ein Foto zeigt die letzten vier Flößer, drei mit Namen Götz plus einen Herrn Trudbert Fettig, denen noch die alten Steuerbefehle „Frankreich“ und „Hessenland“ (statt wie in der Schifffahrt „backbord“ und „steuerbord“) geläufig gewesen sein mögen. Abgerundet wird dieser hübsche, beiläufige Bildungsflecken von einem felsenbirnenumstandenen Kinderspielplatz sowie zwei Mooreichen, fossile Stämme, aus dem Goldgraben geborgen, der ältere zählt 5000 Jahre, und auf beiden sprießts und knospts: zarte Frühjahrskeime. An Steinmauerns Ortsgrenze nieselts in die kanalisierte Murg, einen stahlblauen Strahl zwischen saftigen Wiesen. Mauersegler zischen unter der Straßenbrücke hindurch, die den Dopplereffekt der sie querenden Wagen durch den Wolf dreht, in einen akustischen Trichter jagt und dabei eine Art Schlauchrauschen produziert, das man mal gehört haben sollte. 1848 entkam der Revolutionär Carl Schurz hier zwischen Murg und Rhein in einem Kahn auf eine Insel, von der ihn französische Zöllner in die Freiheit lotsten, während 19 seiner Kameraden eingeschlossen und erschossen wurden. Das Dröhnen hatte seinerzeit noch andere Dimensionen. Heute wieder: gen Schwarzwald tiefe Nieselhimmel, von Überlandleitungen elegant verknüpft, die milde Spannung an die Wolken abgeben, darunter bärlauchdünstende Wälder.