Riesbeck über Köln (3)

(…) Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, worin dieselbe nebst 11.000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11.000 Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11.000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. – Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1.200 oder 12.000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. – Einer der 3 Heumannsbrüder, von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. – Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. – Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Hause. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. – Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten.
Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Kölner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen.
Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unverehligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. – Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, der nicht platten Unsinn predigte.
Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn= und Feiertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scythen und Deutschen darstellt.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)