Der Wein

VIII
In lauen Sommernächten,
Wo alles wundersam,
Da war es, daß wir zechten
Bis daß der Morgen kam.
Ein Wetterleuchten zuckte
Bisweilen übern Rhein;
Das stille Mondlicht blickte
In unsre Becher hinein.

Es sang mit süßem Schalle
Im tiefen Stromestal
Die schöne Nachtigalle
Von ihrer Liebesqual.
Und um die Berge flogen
Die Nebel wunderbar:
Als käme angezogen
Eine luftige Geisterschar.

Die Lindenzweige rauschten
Um unsern Tisch herum:
Wir horchten und wir lauschten
Und wurden still und stumm.
Wohl halb im Traume blickten
Wir in den grünen Rhein;
Und bückten uns und nickten
Und schlummerten endlich ein.

(Ausschnitt aus Georg Weerths Langgedicht Der Wein)

Aachen, von Heine für die Nachwelt entdeckt

Natürlich fuhren wir zuerst nach Aachen – ein unbekannter Ort, der kürzlich erst durch Heinrich Heine entdeckt und in dem unvergleichlichen “Wintermärchen” nach Verdienst besungen wurde. Die Schönheiten Aachens sind erst durch Heine recht ans Licht gekommen, man hatte früher nur eine dunkle Ahnung davon, man wußte nur, daß Karl der Große, seliger, dort verstorben und vergraben sei, daß die Bauern der Umgegend alle sieben Jahre zu der Ausstellung des heiligen Hemdes und die Bonner Studenten jeden Sonntag zu dem grünen Tische der Redoute wallfahrteten; die Bauern – um mit reuigem Herzen, mit verzückten Augen und gebeugten Knien vor dem antiken Leinwandfetzen ihre Andacht zu verrichten und von Not und Fegefeuer erlöst zu werden; die Studenten – um im Schmuck der goldenen Locken lächelnd an den grünen Altar der Croupiers zu treten und – wenn auch nicht den unsterblichen Hekatomben, doch ihrem Visavis die Fülle der Zehngroschenstücke opfernd – erst recht in Not und Fegefeuer hineinzugeraten. Das war eigentlich alles, was jedem Kinde der Provinz von Aachen bekannt war. Aber jetzt? Man kennt jeden Lieutenant auf der Straße, man kennt den Adler über dem Posthause, man weiß genau, womit sich die Hunde, die armen, langweiligen Hunde, in Aachen beschäftigen und amüsieren.
Kurz, man kennt die winzigsten Kleinigkeiten, und wenn der ehrwürdigen Stadt jemals etwas Menschliches begegnete, wenn sie einmal unterginge durch Pestilenz, Brand, Hunger oder durch ein ähnliches Unglück, da wird man nur Heines “Wintermärchen” aufzuschlagen haben, um den Feuer- oder Lebensversicherungsgesellschaften die beste Anleitung zu geben, in welcher Weise sie das Zerstörte zu ersetzen haben, sei es an Häusern, Menschen oder Vieh.
Aachen ist wirklich eine liebenswürdige Stadt – alle drei Jahre einen Tag lang ist Aachen das Nonplusultra des Schönen und Interessanten. Da kommt irgendein großer Meister von Berlin, von Wien oder sonst woher und dirigiert das Musikfest; da kommt die schwedische Nachtigall und trilliert und flötet viel schöner als alle die kleinen Brüder und Schwestern im Gebüsch des Louis-Berges; da kommt das Kölner Quartett, da kommen die Liedertäfler, die Gesangvereine, die Barden-Gesellschaften, die Arion-Kränzchen, und da kommen all die lustigen Lerchen, Wachteln, Buchfinken, Kanarien- und Paradiesvögel, welche vereinzelt die Welt mit ihrem Gesange erfreuen, so daß bald in dem alten, grauen Aachen ein Trillern und Musizieren beginnt, als hätte sich, ähnlich der Sage des Siebengebirges, wo sich auf das Wort des zornigen Priors alle Nachtigallen der Abtei Heisterbach einst aus ihren Nestern erhoben, um jenseit der Berge in einem einzigen, kleinen Wäldchen zusammenzukommen und vereint ihr Konzert zu beginnen – so auch dann in Aachen die ganze musikalische Welt der Heimat wie auf den Befehl eines Zauberers eingestellt. Und ich bin fest davon überzeugt: wenn es nicht gar zu anstößig wäre, die heilige Cäcilie schwebte an einem solchen Tage gern vom Himmel nieder und setzte sich für drei Taler preußisch Kurant in das Parterre des Aachener Komödienhauses. Denn so etwas hört man nicht alle Tage. Ob Aachen außer diesem einen Tage alle drei Jahre, außer diesem Tag der Musik der Nachtigallenkehlen und der Kontrabässe noch viele Reize aufzuweisen hat, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Ich erkundigte mich oft danach bei einem alten Brüsseler Gelehrten, natürlich einem deutschen, der zweimal jährlich von Brüssel nach Aachen reist, um sich auf dem Büchel drei lange deutsche Pfeifen zu kaufen. Er wußte mir nie etwas zu erzählen; er versicherte mir aber stets, die Aachener Pfeifen seien vortrefflich.

(Georg Weerth, Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten)

Aufbruch aus Köln

Lebe wohl, o Köln! mit deinem Dome, mit deinem Gürzenich, mit deinem Bayenturme und mit deinen tausend und aber tausend Kirchweih- und Fastnachtsspäßen!
Dein werd ich immer gedenken. Dran denken werd ich, daß ich einst in der Sternengasse gegenüber dem alten, ehrwürdigen Hause wohnte, von dem mir einst ein dienstfertiger Kommissionär erzählte, daß der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und daß die Mediceische Venus darin gestorben sei.
Seltsam! Die Maria von Medici mit der Mediceischen Venus zu verwechseln. So etwas kann nur einem guten Kölner passieren. Aber der Mann erzählte mir die Geschichte mit der ernsthaftesten Gebärde; – wahrscheinlich hat er nur aus Instinkt einen kölnischen Witz gerissen. Ach, es sind so viele Leute in Köln auf ihren Witz angewiesen!
Lebe wohl, du alte, wunderliche Stadt! Während ich in deinen Mauern wohnte, habe ich mein Meistes und Bestes zu deinem Ruhme beigetragen.
Habe ich nicht von deinem kühlen Moselwein mehr genossen, als meinem Magen lieb war? Habe ich nicht in deiner “Ewigen Lampe”, in jener Schenke am Dom, mehr als hundertmal über die große Wahrheit des Spruches nachgedacht, daß keine Kirche auf Erden erbaut wird, ohne daß der Teufel seine Kapelle danebensetzt?
Bin ich nicht jeden Sonntag in dein Wallrafsches Museum gewandert, um vor den Bildern deiner unsterblichen Maler, vor jenen lieblichen Engeln und Heiligen mit Schwalbenflügeln und Goldkreuzen, vor jenen erstaunlichen Märtyrern mit noch erstaunlicheren langen Beinen, als ich sie selbst besitze, meine tiefste Andacht zu verrichten und in das frömmste Gelächter auszubrechen?
Habe ich nicht deinen Karneval verherrlicht, als ich einst auf dem schlechtesten Gaule der Rheinprovinz als Don Quijote durch deine Gassen ritt und mit dem Panzer vor der Brust, mit dem Barbierbecken auf dem Kopfe von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens deine holdseligen Jungfrauen zum Tanze führte?
Wurdest du nicht von mir besungen in altgriechischem Versmaß, in dem heiteren Rez-de-chaussée deiner DuMontschen Zeitung, Hochstraße № 133?
Sieh, ich habe alles für dich getan, was man in seinem einundzwanzigsten Jahre für dich tun kann, in dem Alter, wo man aufgehört hat, seinen werten Namen in jeden Eichenbaum zu schneiden, wo man aber noch nicht aufgehört hat, entre-chien-et-loup eine Laterne einzuwerfen; – wo man aufgehört hat: “Morgenrot, o Morgenrot!” zu singen, wo man aber noch nicht die Marseillaise singt; – wo man den letzten schwarzen Sammetrock verschlissen hat, aber noch immer nicht zu einem Frack kam; – wo man an die Gellertschen Fabeln zwar nicht mehr denkt, wo man aber auch noch nicht bis zu den Aventüren des Chevalier Faublas fortgeschritten ist – genug, in dem Alter, wo man den schönsten Teil der Flegeljahre hinter sich hat und gerade im Begriff ist, aus dem verrückten Monat April des Lebens in den Mai des Daseins hinüberzuvoltigieren, wo man wie ein angehender Student kein Pennal, aber auch noch kein Fuchs ist, wo man eben noch zwischen Esel und Roß schwankt, wo man einstweilen nur ein jugendliches, romantisches Maultier ist.
Ach Köln, ich habe viel für dich getan! Ich schwärmte für dich. Von jedem Eckstein deiner Gassen wußte ich etwas Interessantes zu erzählen. Ich kannte jedes Marienbild in deinen Kirchen, jedes Römerglas in deinen Schenken “zum stillen Vergnügen”. Ich wußte deine Sagen, Legenden und Märchen auswendig wie der Dr. Weyden; ich wußte noch viel dümmeres Zeug als das!
Und womit hast du mich belohnt? Glaubtest du dich dadurch hinlänglich revanchiert zu haben, daß du mich durch deinen sterblichen Professor Wahlen als korrespondierendes Ehrenmitglied eines jährlichen Bockessens aufnehmen ließest?
War das dein Dank, daß alle Fenster und Türen verschlossen, daß all deine Gassen wie ausgestorben, daß all deine Plätze wie verwaist waren, als ich endlich in der heiligen Frühe um 6 Uhr wehmütig in den Omnibus stieg, um mich vielleicht auf immer von dir zu trennen?
War das dein Dank, daß du nur hin und wieder einen schlaftrunkenen Pfahlbürger, mit der Schlafmütze auf dem Kopf und mit nicht sehr saubern, umgeklappten Vatermördern, aus den Giebelfenstern gähnen ließest, als ich über den Eigelstein an jenen Häusern vorbeifuhr, wo man die länglichen, sehr mystisch-sagenhaften Brote backt, an deren obern Ende ein Mutter-Gottes-Bild und an deren untern Ende eine Flötepfeife angebracht ist?
War das dein Dank, daß du den eisernen preußischen Adler auf deinem Tore wie einen gallischen Hahn zornig erröten ließest, als der treue Sohn eines treuen Vaterlandes endlich die Festungswerke passiert hatte, um froh das Weite zu suchen?
O Köln, du große Freudenstadt, die du in deinem Banner die Farben Rot und Weiß führst, gewissermaßen als Sinnbild des vielen roten und weißen Weines, der in deinen Mauern getrunken wird; schöne Stätte, wo jeder Familienvater wie der heilige Petrus seinen Hausschlüssel bei sich führt, wo jeder junge Ehemann den ganzen geschlagenen Abend auf den harten Wirtshausbänken sitzen muß, um den kühlen Krätzer zu trinken, während die lieblichen Ehehälften im weichen Bette liegen dürfen, um sich des warmen Tees zu erfreuen; glorreicher Ort, der du nimmer müde wirst, an deinem kolossalen Dome zu bauen; ruhmwürdige Gegend, in deren Bereich die Zahl der Dombau-Vereine fast geradeso groß ist wie die Zahl der Taler, welche diese Vereine jährlich zusammenbringen; Stadt des Humors und des Enthusiasmus, die ich geliebt, verehrt, besungen und verherrlicht: weshalb ließest du mich so still aus deiner Mitte ziehn? – weshalb öffnete sich nicht noch einmal die Türe des “Freischützen” und das blaue Auge seiner schönen Kellnerin? – weshalb wurde er nicht einmal am frühen Morgen wach, der gewaltige Klütsch, welcher der Große Bär unter den Sternbildern deiner lustigen Bürger ist? – weshalb hörte ich ihn nicht noch einmal knarren, den alten Kranen dort oben auf dem Domturm, an dem sich sicher und gewiß noch ein anderer Baumeister erhängen wird wie an einem Galgen, wenn er wiederum an der Vollendung des gewaltigen Werkes verzweifelt?
Alles war still. – Nur da draußen vor den Toren sangen die Lerchen ihr Morgengebet, und die Lokomotive akkompagnierte mit hellem Gepfeif, und Regierungsräte und Kammerfrauen und Polizeidiener und Gemüseweiber und Roßkämme und Orgeldreher und alles, alles drängte sich in die offenen Wagen, nur kein einziges jener Geschöpfe, die ich vor meinem Abschiede noch einmal an die Brust zu drücken wünschte, nur kein einziges jener lieben Kinder mit Rubinlippen, mit nußbraunen Haaren und mit Augen blau wie: “Vergiß-mir-nicht”.

(Georg Weerth, Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten)

Cologne is one of the best cities in Germany

“Cologne is one of the best cities in Germany, seated upon the river Rhine; the streets are large, the houses high, the churches and monasteries great and numerous. The town-hall is a stately building; over the portal are written several Latin inscriptions, expressing the occasion of the building of this city by Agrippa, cousin to Augustus Caesar, scilicet, to hinder the incursions of the Suevi into the lower parts of Germany.
In the lower rooms are kept the courts of guards; in the first story the senate doth assemble; the second story contained a great number of Roman arms, distributed into several chambers; as also the third, scilicet, bucklers, some of which are whale-bone; cross-bows, and a great number of bolts. Amongst others there was one of those machines used by the Romans for a battery, called Ballista (…)
From the top of this house is an easy and pleasant prospect of the whole town, it being higher than any steeple there.
The cathedral is a fair church, but imperfect, neither the steeple nor body of the church being brought to their first intended height.
There they show several reliques; among others the bones of eleven thousand virgins of this country, who, for the more easy practice of their Christian religion, followed a king of England`s daughter to Cologne, and were all there martyrized with their leader, by a king of the Hunns.
The tombs of the three kings that came to worship our Saviour, first buried at Milan, and afterwards translated hither upon a certain day, which they observe as the greatest festival of the whole year. Their bodies, dried like mummy, are that day exposed to public view, the tomb being uncovered. One of them (they tell you) is much blacker than the rest, which they take to be the King of Aethopia. All the pilgrims (whose devotions lead them thither), that day, are treated and waited on at meat by the senators barefooted.
Near to this tomb lies a vast stone, which they tell you the devil threw in at the top of the church to destroy it, which heaven miraculously diverted; showing a round place in the repair of the roof, where it should enter. (…)
The next church of note is that of the Jesuits, built after the modern use: in the middle alley, going up to the choir, stand fourteen excellent statues, our Saviour`s with six of the apostles on one hand, our Lady`s with the other six, on the other side. (…)”
Der Zufall wollte, daß wir heute mit einem Kölner Stadtführer verabredet waren. Weil wir nichts von Reresbys Kölner “Jesuitenkirche” wußten, fragten wir bei derart passender Gelegenheit, ob es eine solche noch gäbe und er führte uns kurzerhand zu St. Mariä Himmelfahrt. Da wachen sie nach wie vor, die “fourteen excellent statues”. Gemeinsam klapperten wir weitere Innenstadtkirchen ab, erfuhren wo Karl Marx seine Schokolade trank, wie Georg Weerth in der Rheinischen Zeitung den Wortlaut offizieller Verlautbarungen im Feuilleton abdruckte und somit zur Satire umwertete und schlenderten durch längst verschwundene Gassen. Doch weiter im Reresby:
“The greatest part of the inhabitants of this city are Romanists, none being allowed the public practice of their religion but those; nor, by a late law, can any marry and settle amongst them, that is a protestant; which severity, with others in that kind, gives it the name of Roma Germanica.
The women here follow much the mode of Brabant, wearing upon their foreheads a round peak like unto a saucer, of black velvet; from the middle rises a black stalk of the size and length of a man`s finger, tufted with silk at the end; from the back of their heads there falls a black veil down to their heels, like widows. (…)
Here was born Bruno, the founder of that strict order of the Chartric, by the rules of which establishment the monks are never allowed to eat flesh, or to speak one to another, except at certain times, and those but few.”

(aus: The Memoirs and Travels of Sir John Reresby)

Auf meiner Lippe brennend Rot

Auf meiner Lippe brennend Rot
Blüht nun die fürchterlichste Not,
Da blüht wie auf verdorrter Flur
Das bittre Kraut des Durstes nur.

Zwar hab ich frühe schon und spät
Versucht, was mich kurieren tät:
Liebfrauenmilch genoss ich schon
Als neugeborner junger Sohn.

Und frischte drauf den trocknen Schlund
Mit Wein aus Spanien und Burgund.
Ja, mehr des goldnen Weins ich trank,
Als Regen auf die Felder sank,

Als Wasser einst im Meere floss,
Drin Pharao mit Mann und Ross
Zugrunde ging! Ja, Wein soviel,
Als Wasser übern Rheinfall fiel!

Doch immer, wie zu alter Zeit,
Plagt mich dasselbe Kreuz und Leid;
Es stachelt mich des Durstes Dolch,
Als bissen Schlangen mich und Molch.

Und presstet ihr am ganzen Rhein
All Trauben in ein Fass hinein:
Ich tränk es aus auf einen Zug
Und hätt noch immer nicht genug.

Und nähmt ihr aus dem ew`gen Rom
Die Kuppel von Sankt Petri Dom
Und fülltet sie mit rotem Wein – -
Der Becher wär mir noch zu klein!

Drum hab ich lange schon gesagt:
O schrecklich, wen das Dürsten plagt!
Er ist wie ein verlass`nes Kind,
Das nirgends Ruh und Freude find`t.

(Georg Weerth)