Protest

Solang ich noch ein Protestant,
Will ich auch protestieren,
Und jeder deutsche Musikant
Soll’s weiter musizieren!
Singt alle Welt: Der freie Rhein!
So sing doch ich: Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt freier sein -
So will ich protestieren.

Kaum war die Taufe abgetan,
Ich kroch noch auf den Vieren,
Da fing ich schon voll Glaubens an,
Mit Macht zu protestieren,
Und protestiere fort und fort,
O Wort, o Wind, o Wind, o Wort,
O selig sind, die hier und dort,
Die ewig protestieren.

Nur eins ist not, dran halt ich fest
Und will es nit verlieren,
Das ist mein christlicher Protest,
Mein christlich Protestieren.
Was geht mich all das Wasser an
Vom Rheine bis zum Ozean?
Sind keine freien Männer dran,
So will ich protestieren.

Von nun an bis in Ewigkeit
Soll euch der Name zieren:
Solang ihr Protestanten seid,
Müßt ihr auch protestieren.
Und singt die Welt: Der freie Rhein!
So singet: Ach! Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt freier sein
Wir müssen protestieren.

(Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen, 1841)

Das freie Wort.

Sie sollen Alle singen
Nach ihres Herzens Lust;
Doch mir soll fürder klingen
Ein Lied nur aus der Brust:
Ein Lied, um Dich zu preisen,
Du Nibelungenhort,
Du Brot und Stein der Weisen,
Du freies Wort!

Habt Ihr es nicht gelesen:
Das Wort war vor dem Rhein?
Im Anfang ist’s gewesen,
Und soll drum ewig sein.
Und eh’ Ihr Einen Schläger
Erhebt zum Völkermord,
Sucht unsern Pannerträger,
Das freie Wort!

Ihr habet zugeschworen
So treu dem Vaterland,
Doch seid Ihr All’ verloren
Und haltet nimmer Stand,
So lang in West und Osten,
So lang in Süd und Nord
Das beste Schwert muß rosten,
Das freie Wort!

Ach! es will finster werden,
Wohl finster überall,
Doch ist die Nacht auf Erden
Ja für die Nachtigall.
Heraus denn aus der Wolke,
Die, Sänger, Euch umflort;
Erst predigt Eurem Volke
Das freie Wort!

Laßt Eure Adler fliegen,
Ihr Fürsten, in die Welt,
Und sie nicht müssig liegen
Auf Eurem Wappenfeld!
O jagt einmal die Raben
Aus unsern Landen fort,
Und sprecht: Ihr sollt es haben,
Das freie Wort!

(Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen)