Gorinchem: eine Route voller Gefahren

Jetzt rüste dich, Leser: Der Waal beheimatet auch Verbrecher und Gefangene, wenn auch beide Kategorien sich nicht unbedingt decken, und die Haft nicht notwendigerweise in den Niederlanden vollzogen wurde.

Zwei Fälle entgegengesetzter Schicksalsrichtung haben mit Fähren zu tun, die es beide so nicht mehr gibt. Der eher fröhliche liegt schon fast vier Jahrhunderte zurück, der finstere ist bloß dreißig Jahre her, und immer noch von Geheimnissen umwoben.gorinchem_1Dem widmen wir uns hier mal zuerst. Am linken Waal-Ufer beim Dorf Brakel sieht die heutige Fähre noch recht unschuldig aus; an der anderen Seite aber, bei Herwijnen, verlässt zwar wohlgemut eine junge Frau bei dreckigem Wetter das treuherzig Tag ein Tag aus hin und zurück fahrende Gefährt, aber genau dort gorinchem_2rollte 1985 ein Benzinfass in den Fluss, um dann an einem hervorstechenden Stein stecken zu bleiben. Bald kam man zu der Entdeckung, dass kein Benzin drin war, sondern wenig fachgerecht gemischter, somit noch körniger Beton um eine Leiche herum. Bis auf den heutigen Tag sind die genauen Umstände den Justiz-Sachkundigen entschlüpft, der Tote aber war leicht zu ermitteln, wo er doch kurz zuvor Weltmeister im Kickboxen geworden war.

Damit aber nicht genug: Auch war dieser André Brilleman zu Lebzeiten als Leibwächter des Amsterdamer Drogenbarons Klaas Bruinsma tätig. Dieser aufgrund seiner Pedanterie auch unter dem Spitznamen “Der Vikar” bekannte Herr wird allgemein als der Vater des betriebsmäßig organisierten niederländischen Drogenhandels betrachtet: Seine Bande lieferte ihren Stoff weit über die Landesgrenzen hinaus, darunter natürlich auch nach Deutschland. 1991 erlag der Vikar einer Schießerei, deren Motive bis auf den heutigen Tag unaufgeklärt geblieben sind, wäre es nur weil der Hauptverdächtige selber einige Jahre später einem weiteren Mordanschlag zu Opfer fiel. Somit wird wohl auch auf ewig im Dunkeln bleiben, wer denn genau Brilleman einzubetonieren versucht hat. Nach allgemeiner Annahme soll Bruinsma selber dahintergesteckt haben, nur bezüglich der genauen Beweggründe gehen die Meinungen aus einander. Im Netz findet sich aber ein ausführlicher Leserkommentar aus 2011, der erschreckend genau die Umstände des Mordes beschreibt, fast als wäre der Autor selber dabei gewesen. Dem zufolge soll die Tat von angehenden Drogenbaronen aus Gelderland verübt worden sein, die sich mit Bruinsma zu assoziieren vorhatten, sich von Brilleman beim unangefochtenen König des Milieus einführen ließen, von dem aber zutiefst erniedrigt und misshandelt worden sein sollen, wofür dann Brilleman den Kopf hinhalten musste. Auch sollen sie mit den zuständigen Ermittlungsbehörden verstrickt gewesen sein, die sich von ihnen gerne hätten beschenken lassen. Im Kommentar werden sie nur mit Spitznamen angedeutet: “Der Alleswisser”, “Der Zwiespaltmacher”, “Der Kommissar”, “Der Vierte Blödmeier”. Aber wenn denn die Geschichte stimmt, wird allmählich schon fraglich, ob der Autor des Kommentars selber noch unter uns weilt. Vielleicht hat man für ihn doch noch irgendwo sachkundige Betonmischer aufgetrieben.

gorinchem_3Einige Kilometer flussabwärts errichteten Ende des 14. Jahrhunderts Bauarbeiter eine Burg für den Ritter Dirk Loef van Horne. Dieses daher Loevestein genannte Schloss wird heutzutage als Schauplatz für Events zur Wiederbelebung des Mittelalters touristisch vermarktet, nur wird wohl keiner auf die Idee kommen, die blutrünstigen Vorzüge des ursprünglichen Bauherren wahrheitsgetreu nachzuempfinden. Und auch die weitere Geschichte des Baus ist nicht halbwegs so romantisch wie man sie erscheinen lässt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts bis hin zu 1831 diente das erweiterte Schloss als niederländisches Staatsgefängnis. Der unfreundliche Steinklotz zwischen den Weihern der Munnikenland genannten idyllischen Landzunge, die aufs Zusammenfließen von Waal und Maas hinausläuft, lag, zu jener Zeit als er als Gefängnis eingerichtet wurde, noch direkt an der niederländischen Grenze, und zwar: an der Maas, von deren Seite her er hier aufgenommen worden ist. Im niederländischen Geschichtsunterricht ist Slot Loevestein aber nicht ganz umsonst ein Klassiker: Ihm vermochte ein um sein Befürworten der Religionsfreiheit Inhaftierter 1621 in einer Bücherkiste auf der damaligen Fähre zum nahegelegenen Gorinchem seiner Gefangenschaft zu entschlüpfen. Das war kein geringerer als Hugo de Groot, Urvater des modernen Völkerrechts. Weniger Aufmerksamkeit aber genießt die Tatsache, dass hier 1650 kurzweilig die Deputiertenfraktion von Johan de Witt inhaftiert wurde, die sich – wahrhaftig republikanisch – gegen die politische Vorherrschaft der adligen Oranje-Familie zu Wehr stellte. Somit ist Loevestein schon fast als Symbol niederländischer Zwiespältigkeit jeglichem demokratischen Begehren gegenüber geltend zu machen: Nur unter der Ägide der Oranjes waltet hier die politische Freiheit.
gorinchem_4Aber immerhin, De Witt und seine Männer fuhren nun mal nicht in einer Bücherkiste am Punkt des Zusammenfließens der beiden Flüsse, am Anfangspunkt der Merwede vorbei, wo gute 360 Jahre später der Kahn “Ventjager” wieder sein Bestes gab, den Fluss vor Versandung zu bewahren, bevor er sich dann, wie vom vorigen Bild bezeugt, zum Dorf Lith an der Maas auf den Weg machte, um den Sand, mit dem er erschreckend schwerbeladen ist, abzulagern, als Rohstoff mehr oder weniger sachgerechter Betonherstellung etwa. (Fortsetzung folgt.)

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Nijmegen (2)

nijmegen_wilma graat“Zij de het weten komen hier haring eten” lautet der Slogan von Wilma Graat, einem von mehreren Fischständen auf dem Samstagsmarkt, wobei sich im Niederländischen “wissen” perfekt und bedeutungsschwanger auf “essen” reimt. Die auf dem Bild zu erblickende Heringsbox steht separat neben dem großen mobilen Laden mit Meeresfischauswahl, der zugleich, wie in den Niederlanden üblich, als Fischbraterei dient. Vor dem Wagen hat Wilma Graat drei Stehtische aufgestellt, eine Plane schützt vor Aprilwetterscherzen. Der Stand ist beliebt, die Kundenschlange reißt nicht ab: gemächlich aber stet wandern Fischbrötchen und Kibbeling-Portionen über den Tresen. Den für eine Fischhändlerin passend-unpassenden Namen Graat (deutsch: Gräte) faßten wir als Lockmittel auf, das Schicksal herauszufordern, nachdem wir auf Ko Tao einst beinahe an einer Gräte erstickt wären.

nijmegen_innenstadtHäufig kam uns zu Ohren, daß Nijmegen eher unter die häßlicheren Städte des Rheinsystems zähle. Den Eindruck können wir nicht bestätigen. Zwar existieren in den Niederlanden zahlreiche zurecht als attraktiver geltende Städte, doch bietet Nijmegen, das bisweilen ein wenig künstlich und an einigen Stellen wie aus Bauklotz-Sondereditionen zusammengesetzt wirkt, genügend angenehme Ecken und Perspektiven, insbesondere im Vergleich mit vielen deutschen Städten ähnlicher Größe. Bis vor wenigen Jahren noch soll das Zentrum voller häßlicher Flecken gewesen sein. Im April 2016 wirkt es wie neugemacht und frisch geleckt. Vielleicht weil Nijmegen sich auf den Radrennzirkus Giro d’Italia vorbereitet, der Anfang Mai für zwei Tage in der Stadt gastieren und insgesamt drei Etappen lang durch die umgebende Provinz Gelderland verlaufen wird. Zur Giro-Vorbereitung sahen wir bereits allerlei Klimbim wie die goldene Säule mit den historischen Siegernamen, das Trikotrosa des Führenden in der Gesamtwertung und lautstark kommentierte Langsamfahrwettbewerbe mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone aufblitzen.

nijmegen_babyheadDie verzweigte Fußgängerzone ist kräftig bevölkert, das Tempo ebenso gemessen wie die Freundlichkeit der Einwohner: Nijmegen präsentiert sich als wohltemperierte, an diesem Tag allerdings von untypischen Böen heftig gerüttelte Stadt. Beim Streifen durch Haupt- und Nebenstraßen werden wir unvermittelt aus einem unverhangenen Fenster beim Staunen bestaunt – innere Musik hebt an und alte Songzeilen gehen uns durch den Schädel: “Look out of your windows, watch the skies / read all the instructions with bright blue eyes” und “Old eyes in a small child’s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight’s brightness shuns”.

Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Tiel und der Tod

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaβ Tiel eine blühende jüdische Gemeinde; in Tiel leben jetzt keine Juden mehr. Nicht, wie man meinen dürfte, weil die Gemeinde vollends von den Nazis ausgelöscht wurde: Siebzig Prozent der Tieler Juden überlebten den Schrecken sogar, bei einem landesweiten Prozentsatz von siebenundzwanzig. Diese günstige Zahl ist dem Polizeikommandanten J.S. de Jong zu verdanken, von dem die Gemeinde 1943 rechtzeitig gewarnt wurde, es stünde eine Razzia bevor. So blieb für die meisten genügend Zeit, sich Untertauchadressen zu besorgen, aber in Tiel wollte das nicht klappen: Die nichtjüdische Bevölkerung stellte sich dem bitter und geschlossen entgegen. Beladen mit solcher Erinnerung, kehrte nach dem Kriege keiner der Überlebenden in die Stadt zurück: So verlöschte nachträglich eine jüdische Gemeinde, die im 19. Jahrhundert zu den gröβten der Provinz Gelderland gezählt hatte.
Die jener Zeit auch entstammende, ehemalige Synagoge, etwas abseits von der Straβe, beherbergt jetzt eine Moschee.

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Als 1996 neben dem Eingangstor des Geländes das Holocaustmahnmal der Künstler Johan Goedhart und Willem den Ouden errichtet wurde, trat das beladene, ehemalige Verhältnis zwischen örtlichen Nichtjuden und Juden wieder ans Tageslicht. Aus den wie Tränen wirkenden Tropfen, so war vorgesehen, sollten ganz leise sämtliche Namen der Tieler Holocaustopfer ertönen. Die Tochter eines Synagoge-Vorsängers verweigerte aber der Stadt das Recht die Namen ihres Vaters und ihrer Schwester erklingen zu lassen: In Tiel hatte der Familie damals niemand Unterschlupf bieten wollen.
Damit nicht genug. Wie sich erraten lässt, wurde mein Bild in der Adventszeit aufgenommen: die gegenüberliegende Restaurantterrasse ist in vollweihnachtlicher Stimmung. Ihr Eigentümer zählt zu denjenigen, die in den letzten zehn Jahren mehrmals Beschwerden gegen das leise Ertönen der Opfer einreichten (anders übrigens als die Moschee). Schließlich geht das Alltagsleben dort vonstatten, vergnügen sich Leute, betrinken sich, sitzen abends oben auf der Balkonen, was soll da das geheimnisvolle Flüstern solcher Toten, die hier eh nicht erwünscht waren (aber nein, so hat das keiner gesagt, versteht sich). Letztendlich wurde entschlossen, dass die jüdischen Toten nur während der Bürostunden auf sich aufmerksam lassen machen durften. Ich, selber noch vor 17 Uhr da, habe nichts gehört. Früher Büroschluss wohl.

Man braucht nicht allzu lange darüber nachzudenken, was denn Menno ter Braak von der Tieler Bürgerschaft gehalten hätte, hätte er mitbekommen können, was nach seinem Tode vor sich gehen würde in der ach so liberalen Stadt, in der erstmals zu sich fand. Glücklicherweise für ihn nahm er sich das Leben nicht dort, sondern in Den Haag: Seine Grabstätte ist in Tiel also ohnehin nicht aufzufinden. Immerhin gibt es aber diese eine Reminiszenz, dass eine Frau Te Brake bestattet liegt auf dem alten Friedhof mit dem bemerkenswerten Namen “Ter navolging”, heiβt: “Zur Nachfolge”. Der sollte aber nicht als Aufruf zu einem baldigen Tode missverstanden werden, auch wenn vielleicht der Motorradfahrer, der sein Spielzeug aufs Aschestreufeld ausblicken lässt, sich da andere Vorstellungen macht.

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Der Name deutet auf etwas ganz anderes hin. Der Ort ist einer der ersten niederländischen nicht-jüdischen Friedhöfe, die auβerhalb der Stadtgrenze eingerichtet wurden, in diesem Fall 1786. Gründer J.D. van Leeuwen, örtlicher Jurist, war Sprachrohr einer landesweiten Bewegung, die sich ernstlich sorgte um die verheerenden hygienischen Auswirkungen innerstädtischer Friedhöfe: Der Name bezeugt somit die Hoffnung, daß sämtliche niederländischen Kommunen diesem Beispiel Folge leisten würden. So besagt auch der sich überm Eingangstor wölbende Zweizeiler:

De menschenliefde door ´t gezond verstand verlicht
Heeft deez begraafplaats tot een voorbeeld hier gesticht

Die Menschenliebe, vom gesunden Menschenverstand verklärt
Hat diesen Friedhof zu einem Leitbild hier gegründet

Mittlerweile ist die recht romantisch wirkende Ansammlung verwitterter und eingesackter Grabstädte wieder fest von der Stadt umschlungen worden, was wohl dazu beigetragen hat, dass seit den 1980ern kaum noch bestattet werden darf. Als ich da war, fand ich ein einziges frisches und von Blumen überladenes Grab vor, in dem ein junges Hockeytalent aus bester Familie beigesetzt war, das im zarten Alter von achtzehn Jahren einer Krebserkrankung erlegen war.
Wünschen darf man ihm, er habe Zuflucht gefunden zwischen den Bewohnern der Bienenkästen in einer entfernteren Ecke des Friedhofs.

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Die stehen da, als wären sie ein bewusster Verweis aufs klassische Gedicht von Martinus Nijhoff (1894-1953; von seinem Bezug auf den Waal wird später noch die Rede sein), “Het lied der dwaze bijen” (“Das Lied der törichten Bienen”). In diesem sehr streng organisierten Gedicht bewegt “ein Duft höheren Honigs” die Bienen dazu, das eigene sichere Heim hinter sich zu lassen und von ihrer transzendentalen Sehnsucht schicksalhaft immer weiter vorangetrieben zu werden, um dann, einmal gestorben, als Schneeflocken wieder auf Erden zurückzukehren. Man strebt und hinterlässt, hoffentlich, nahrhafte Spuren, noch nach dem Tode.

Ein zugespitzter Wettkampf zwischen Leben und Tod ertönt einmal die Woche in einem Tieler Proberaum. Mit einer ungeheuren, scharf stilisierten und geballten Energie bewegt sich seit elf Jahren die sechsköpfige Deathmetalband Nymeria in die tiefsten Schluchten des Todes hinein, unter Anführung des Textdichters und Sängers Marnix van Malsen, der noch im Proberaum eine charismatische Präsenz aufzeigt, und dessen Texte von der Band als “finstere Märchen” bezeichnet werden.

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Bislang wurden zwei Alben in Eigenvertrieb aufgelegt, ein drittes für eine Plattenfirma steht in Kürze an; nach einer langen Zeit von Entwicklung und Ausdauer, bei einer wachsenden Fangemeinde, erhofft man sich einen internationalen Durchbruch. Von der niederländischen, auf Einsparungen bedachten Kulturpolitik der letzten Jahren hat man sich nicht zermalmen lassen: Auch wenn für Jugendzentren und Musikbühnen überhaupt immer weniger Geld vorhanden ist, hat man trotzig weitergemacht, von eigenem Können überzeugt. Da ist was dran: Im Proberaum fiel mir nebst guter Stimmung und Spielfreude die handwerkliche Ernsthaftigkeit, ja Emsigkeit, auf, von denen die klangliche Wucht – sowohl stark rhythmisiert wie auch melodisch – geprägt war. Von Malsen legt dabei ein urwüchsiges Grunting auf, das durch strenges Trainieren nach mongolischen Grundsätzen (“viele meinen, man braucht nur blindlings zu grölen, aber da zerstört man die Stimme”) in schroffem Gegensatz zu seiner gepflegten Gesprächsstimme steht. Die Groβmutter der Freundin sei erschüttert gewesen, als sie zum ersten Mal hörte, welcher Art Musik der im Alltag so liebenswürdige Mensch machte. Da sieht man: Kunstvolle Hingabe an die eigene Todesangst macht einen noch nicht zum Schlägertypen.
Im Netz hatte ich noch gelesen, die Band hätte sich von der Metallindustrievergangenheit der Stadt inspirieren lassen. Dies wurde klar verneint: Tiel sei einfach die Stadt, in der zwei der Bandmitglieder wohnen und wo man einen guten Proberaum hat.

Metallisch zum jenseitigen Ufer hinüberfahren – im Dunkeln sowie bei Tageslicht – geht in Tiel aber auch ganz materiell, und sogar ohne Musik: alle zwanzig Minuten überquert die Personenfähre nach Wamel den Fluβ – also nicht den Styx, sondern schlicht und ergreifend den Waal.

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(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: hier erneut die Kleinstadt Tiel. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Presserückschau (Juni 2014)

Die Pfingsthitze brachte schwere Unwetter mit sich, die das Rheinland verwüsteten und in Köln, Düsseldorf, Krefeld und Essen sechs Menschenleben forderten. Neben der Hitze und hitzebedingten Unwettern beschäftigte über die Pfingsttage zudem ein 50 Kilometer langer Ölfilm Medien, Behörden und Krisenkräfte – Nachrichten, die sich in unregelmäßigen Abständen wiederholen. Aus der Reihe üblicher Katastrofenmeldungen fiel im Juni lediglich die Debatte über ein drohendes Gänsedebakel:

Weil die niederländische Provinz Gelderland diesen Sommer 30.000 Wildgänse zum Abschuß freigibt, befürchten Jäger des Kreises Kleve eine Massenflucht der Tiere über die Grenze. Gänse seien hochintelligent, nach dem ersten Schuß würden sie Reißaus nehmen, 30.000 Vögel abzuschießen sei somit unrealistisch, verlauten die Klever Jäger und befürchten, ihre Kollegen jenseits der Grenze wollten die Gänse einfangen und vergasen, wenn sie in der Mauser flugunfähig seien: ein Vorgehen, daß die Niederlande erlauben, Deutschland jedoch nicht. Auch die niederrheinischen Bauern und Badeseegäste betrachten die Sommergänse mit Sorge: “Sie richten auf den landwirtschaftlichen Flächen große Schäden an: Sie sorgen für Ernteausfälle und verdrecken die Felder. (…) Auf den Liegewiesen (der Badeseen) liegt alle zehn Zentimeter Kot, und die Tiere halten sich auch am See auf, wenn Gäste da sind.” (Rheinische Post)

 

Hume in Nijmegen: you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt

Nimeguen, 20th March.

We have come from Breda in two days, and lay last night at Bois-le-duc, which is situated in the midst of a lake, and is absolutely impregnable. That part of Brabant, through which we travelled, is not very fertile, and is full of sandy heaths. Nimeguen is in the Gueldre, the pleasantest province of the seven, perhaps of the seventeen. The land is beautifully divided into heights and plains, and is cut by the branches of the Rhine. Nimeguen has a very commanding prospect, and the country below it is particularly remarkable at present because of the innundation of the Wahal, a branch of the Rhine, which covers the whole fields for several leagues; and you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt during the inundations of the Nile. Nimeguen is a well-built town, not very strong, though surrounded with a great many works. Here we met our machines, which came hither by a shorter road from the Hague. They are a berline for the general and his company, and a chaise for the servants. We set out to-morrow, and pass by Cologne, Frankfort, and Ratisbon, till we meet with the Danube, and then we sail down that river for two hundred and fifty miles to Vienna.

(David Hume)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Geistreisen mit dem Rheinischen Antiquarius

Die Strömungen und Riffe des Rheinischen Antiquarius laden zum Querlesen und Verweilen, das Switchen zwischen den Jahrhunderten mit ihren seltsamen rheinischen Reichen und Sprachen macht süchtig, ich bette meinen Nacken in den langsam westwärts ziehenden Wolken, die anbetrachts der irdischen Kugelform durchaus auch ostwärts ziehen, schlage eine beliebige Stelle auf und lande bei Louis XIV, der Schenkenschanz und bedeutungslosen Verlusten: „Von dem Einfluße der Maas in die See kehren wir zurük nach unserm Rheinstrom, welcher sich, wie gemeldet, bey Schenkenschanz in zwey Ströme oder Aerme, nemlich in die Wahel, so zur Linken fließt, und die wir allererst kürzlich beschrieben haben, ferner in den Rhein theilet, der noch immer der rechte Arm bleibt. Es komt dieser von gemeldeter Festung zuvorderst auf Lobet oder Lobith, ein Schloß, Flecken und Zollhaus, so zum Herzogthum Cleve und dem Könige in Preussen gehört. Etwas weiter fort, aber auf der andern Seite, zu dem kleinen Dorfe und Schloß Tolhuys, so eine halbe Meile unterhalb Schenkenschanz, zwey kleine Meilen von Cleve, fünf von Arnheim und viere von Nimmegen im holländischen Geldern im Gebiete von der Berin liegt. Im Jahr 1672. lies der König in Frankreich Ludwig der XIV. an diesem Orte seine Armee über den Rhein setzen, nachdem ein Einheimischer von Adel dem Prinzen Condé eine Gegend gezeigt hatte, allwo auf einer Seite leicht in den Fluß hinein, und auf der andern gemächlich wieder heraus zu kommen war, daß man nicht über zweyhundert Schritte weit schwimmen dorfte. Die ganze Armee kam auch ohne sonderlicher Mühe hinüber, weil Montbas, welcher diesen Posten verteidigen solte, sich wohl zu verschanzen, keinesweges angelegen seyn lies, und sich, so bald die französische Armee anrukte, zurükzog. Es blieben zwar etliche holländische Truppen allda stehen, welche noch einigen Widerstand thaten, daß auch der Prinz von Condé selbst verwundet, der Herzog von Longueville aber nebst noch vielen andern vornehmen Herren gar getödtet wurden, allein es hatte weiter gar nichts zu bedeuten.“