Johanna Schopenhauer besucht Köln und vergleicht die Stadt mit Bordeaux, Hamburg, Paris, London und Berlin

“Kaum hat man Bonn im Rücken, so ist auch, wie durch einen Zauberschlag, alles Schöne und Herrliche verschwunden, das bis dahin am Rhein uns entzückte. Zwischen öden, kahlen und flachen Ufern wogt der prächtige Strom der ihm nahenden unwürdigen Auflösung im schmählichen Sande fast traurig und widerwillig entgegen, und dem verwöhnten Auge bietet nur selten hie und da sich ein Punkt, auf welchem es mit einigem Wohlgefallen verweilen möchte. Der Weg zu Lande von Bonn nach Köln, unerachtet der schönen Chaussee, auf welcher man in weniger als vier Stunden ihn zurücklegt, ist unbeschreiblich öde und langweilig; wir zogen daher, unerachtet des schlechten Wetters, zu unserm Weiterkommen das Dampfschiff vor; ich war nun schon muthig genug geworden, um erfahren zu wollen, wie man auch bei Regen und Sturm sich auf demselben befindet. Nachmittags gegen drei Uhr geht es von Bonn ab, und langt zwischen sechs und sieben Uhr in Köln an. (…)
Der Abstand zwischen den üppigblühenden Ufern der Garonne und den öden flachen Umgebungen dieser uralten Hansestadt ist freilich sehr groß, dennoch fiel die Lage von Bordeaux mir auf das lebhafteste hier ein. Wie dort die Garonne, so bildet auch hier der sehr breite Rhein einen weiten prächtigen Bogen, um den Köln, wie Bordeaux an der Garonne, in einem großen Halbzirkel sich hinzieht, an dessen äußerem Ende der schöne alte Beienthurm steht. Haus an Haus, Giebel an Giebel, über welche die zahlreichen Thürme der vielen Kirchen emporsteigen, deren Köln in früheren Zeiten, die Kapellen mit eingerechnet, so viele in seinen Mauern eingeschlossen haben soll, als das Jahr Tage hat. In ihrer Mitte erhebt sich eine räthselhafte dunkle kolossalische Gestalt. Es scheint kein Gebäude zu sein, dafür ist es zu groß, aber auch, der zu regelmäßigen Form nach, kein isolirt dastehendes Felsenstück; es ist der Dom, dieses hohe ehrwürdige Denkmal des kühnsten Emporstrebens des menschlichen Geistes und der Unzulänglichkeit menschlicher physischer Kraft, dessen erster Anblick auf mich einen unbeschreiblich schwermüthigen Eindruck machte. Seit Jahrhunderten harrt diese ursprüngliche große Ruine der Vollendung entgegen, und wird es immer; noch steht der Krahn, an welchem die mächtigen Quadern hinaufgewunden wurden; die Arbeiter haben Feierabend gemacht, Feierabend für ewige Zeiten, und kaum vermögen ihre Urenkel noch mit großer Anstrengung das begonnene Riesenwerk vor gänzlichem Verfall zu bewahren.
Trübe wandte ich den Blick von der schmerzlich schönen Erscheinung ab, er fiel zufälligerweise auf die großen Schiffsmühlen dicht vor Köln; getäuscht durch die schnelle Bewegung, in welcher der Strom uns auf sie zuführte, kamen sie wie formlose kolossale Seeungeheuer mir vor, mit gräulichen Flügeln, die halb rudernd, halb fliegend auf uns zueilten, um uns zu empfangen, oder auch in den Grund zu segeln. Jetzt landeten wir an der Brücke, der Anblick der vielen Masten im Hafen, die vielen Nachen, die mit Obst, Gemüse und Lebensmitteln aller Art beladenen Marktschiffe, das rege, thätige Leben ringsumher erinnerte mich lebhaft an Hamburg, obgleich dieser Hafen am Rhein nur ein sehr kleines Miniaturbildchen jenes großen weltberühmten an der Elbe genannt werden darf.
Sowie wir den Fuß ans Land setzten, entstand unter den in Köln nicht einheimischen Passagieren eine Art Wettlauf. Alles eilte dem nahen Gasthofe »zum großen Rheinberge« zu. Glücklicherweise war unser Quartier vorher bestellt, sonst hätten wir schwerlich noch Raum in demselben gefunden. Der erste Blick aus dem Fenster erklärte mir am folgenden Morgen, was die Reisenden bewegt, diesen Gasthof vor den vielen andern, zum Theil weit größern und elegantern in Köln vorzugsweise zu wählen: es ist die unvergleichlich schöne Lage desselben, hart an den Ufern des Rheines. Die große schöne Schiffsbrücke, die zu dem Köln gegenüberliegenden Städtchen Deutz hinüberführt, liegt gerade vor den Fenstern, sie wird auch als Spaziergang benutzt, und ist vielleicht der angenehmste, gewiß der lebhafteste um Köln. Das nie stockende Gewimmel von Fuhrwerken und Fußgängern auf derselben, der Anblick des Stromes, dessen weitere Windung, in welcher er den Niederlanden zueilt, das Auge verfolgt; das reich angebaute Ufer, der Stadt gegenüber, das tägliche Ankommen und Abgehen der mainzer und niederländischen Dampfschiffe, das lustig sich regende Leben im Hafen, Alles dieses zusammen bietet ein stets wechselndes, mannichfaltig bewegtes Schauspiel, dessen man in den ersten Tagen nie überdrüssig werden zu können meint, und auch so leicht nicht überdrüßig wird.
Die Stadt Köln macht, wenn man ihre Straßen betritt, keinen besonders freundlichen und erheiternden Eindruck, sie ist eine seltsame Zusammensetzung von Schön und Häßlich, von Alt und Neu, wobei ersteres immer noch das Uebergewicht behält, von beklemmender Düsterheit und freundlicher Helle. In steter Furcht, überfahren zu werden, betäubt vom Lärmen der Lastträger, der Karrenschieber und aller Unlust, eines in sehr beschränkten Räumen allerlei Gewerbe treibenden Volkes, windet man sich auf schlechtem, schlüpfrigem Steinpflaster durch düstre, enge Straßen, von hohen, die Luft beengenden Giebelhäusern umgeben.
Ringsumher, und in lockender Mannichfaltigkeit, stehen in großen Läden hinter hellen Spiegelscheiben Kunstsachen und alle erdenkliche Artikel des Luxus ausgestellt, aber man wagt nicht vor denselben betrachtend zu verweilen, wie in London oder Paris, denn an Trottoirs für die Fußgänger ist hier nicht zu denken. Mit jedem Athemzuge trinkt man den erstickenden Qualm von Thran, Oel, Leder, Unschlitt und allen möglichen Waarenartikeln ein, die ringsumher Gewölbe, Keller und Speicher anfüllen. Man biegt um eine Ecke und plötzlich ändert sich die Scene, wenngleich nicht auf lange Zeit. Breite, helle Straßen liegen vor uns, große, geräumige, zuweilen mit Bäumen besetzte Plätze und der Duft der Resede, der Rosen, des Jelängerjeliebers weht aus naheliegenden Gärten herüber, deren Köln in seinen Mauern weit mehrere und größere umschließt, als man bei der übrigens sehr engen Anlage der Stadt es erwartet.
Die Bauart der Häuser bietet das nämliche Gemisch von Alt und Neu. Die Zahl der älteren, mit der Giebelseite der Straße zugewendeten Häuser bleibt freilich noch immer bei weitem die überwiegende, aber selbst in engen Straßen, zwischen hohen und niedrigen, vielleicht mehrere Jahrhunderte alten Häusern, erheben sich im modernen Geschmack erbaute ansehnliche Wohngebäude; über die Eingangsthüre der alten Häuser steht gewöhnlich eine Art fratzenhafter Maske als Verzierung, die aus der ältesten Zeit herstammt, und vom Volke Grienkopf oder Grinnkopf genannt wird. Was aber sowol die alten wie die neuen Häuser mit einander gemein haben, sind die spiegelhell polirten Fenster mit den schneeweißen Vorhängen hinter denselben, und überhaupt die hier schon beginnende niederländische Reinlichkeit, die sich aber leider nicht bis hinaus auf die Straßen erstreckt. In Hinsicht des Straßenkothes wetteifert Köln mit Paris, der alten Lutetia, was aber in einer so lebhaften Handelsstadt, bei der Enge der meisten Straßen, nicht leicht abzuändern sein möchte. Auch müde laufen kann man sich in Köln so gut als in Paris und Berlin, und vermißt dabei schmerzlich die, selbst in mancher kleineren Stadt, auf bestimmten Plätzen immer bereitstehenden Fiacker, um bei zu großer Ermüdung oder bei einem plötzlichen Regenschauer schneller und bequemer fortkommen zu können. Wie alle kleinen Städte längs dem Rhein, streckt auch diese große, in unverhältnißmäßiger Länge zu ihrer Tiefe, sich längs dem Ufer hin, und ein Gang von einem Ende der Stadt bis zum andern dehnt sich dadurch oft zu einer kleinen Fußreise aus, die durch das unbequeme Steinpflaster sehr ermüdend werden kann. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 9: Köln)

Where the Rhine starts

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“The Rhine starts in fact where I come from… -”

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“Switzerland, Mont Saint Gothard…”

Der junge, von seiner Klasse leicht überforderte Lehrer, der beim Erklären der Flüsse vom Englischen ins Französische switcht, heißt Raymond. Raymond ist allerdings nur ein Rollenname. Denn beide Szenen entstammen einem Spielfilm aus dem Jahr 1968, den wir in den folgenden Tagen mit weiteren Stills vorstellen möchten. Um welchen Film es sich handelt, soll jetzt noch nicht verraten werden – wir nehmen aber gerne kenntnisreiche oder rein spekulative Kommentare zu seinem Titel entgegen. (Es ist hier noch ein Buchpreis übrig, weil das rheinsein-Preisrätsel bisher ungelöst blieb.)

Zurück zu Raymond: ob seine Schweizer Film-Abstammung für das Klischee des großzügigen, aber biederen Jungehemanns herhalten soll bleibt ebenso ungewiß wie vieles in diesem experimentellen B-Machwerk, das in den Annalen der Filmhistorie bisher offenbar noch nie als das bezeichnet wurde, was es unter anderem auch ist: einer von wenigen bemerkenswerten Spielfilmen mit Hauptspielorten links und rechts des Rheins in seiner Eigenschaft als Grenzlinie zwischen dem schlurig-vernebelten Elsaß und dem schönen Badnerland mit seinen urigen Kirschwasser-Beizen, sowie der kartoffeligen Pfalz.

Interessant auch, daß die Rheinlänge auf der Schultafel 1298 Kilometer beträgt. Leider erwähnt Raymond während seiner etwas turbulenten Unterrichtseinheit nicht, welche Messung dieser Angabe zugrunde liegt. (Für einen sachdienlichen Hinweis, wie die oben zu sehende Kilometerzahl zustande gekommen sein mag, würden wir den Buchpreis ebenfalls springen lassen.)

Montaigne in Konstanz

“Nous passames le long du Rhin, que nous avions à notre main droite, jusques à Stain, petite ville alliée des cantons, de mesme religion que Schaffouse. Si est ce qu`on chemin, il y avoit force croix de pierre, où nous repassames le Rhin sur un autre point de bois, & coutoyant la rive, l`aiant à notre main gauche, passames le long d`un autre petite ville, aussi des alliées des cantons catholicques. Le Rhin s`espand là en une merveilleuse largeur, come est notre Garonne davant Blaye, & puis se referre jusques à CONSTANCE, quatre lieues, où nous arrivames sur les quatre heures. C`est une ville de la grandeur de Chalons, apértenant à la Archiduc d`Austriche, & catholicque, parce qu`elle a esté autrefois, & depuis trente ans, possédée par les Lutheriens, d`où l`Empereur Charles Ve les deflogea par force. Les Eglises s`en sentent encores aus images. L`Evesque qui est Gentilhome du pais & Cardinal, demeurant à Rome, en tire bien quarante mille escus de revenu. Il y a des chanoinies, en l`Eglise Nostre Dame, qui valent mille cinq cent florins, & font à des Gentilshomes. Nous en vismes un à cheval, venant de dehors, vetu licentieusement comme un home de guerre; aussi dit-on qu`il y a force Lutériens dans la ville. Nous montasmes au clochier qui est fort haut, & y trouvames un homme attaché pour santinelle, qui n`en part jamais quelque occasion qu`il y ait, & y est enfermé. Ils dressent sur le bord du Rhin, un grand batimant couvert, de cinquante pas de long & quarante de large ou environ; ils mettront – là douze ou quinze grandes roues, par le moyen desqueles ils esleveront sans cesse grande quantité d`eau, sur un planchié qui sera un estage audessus, & autres roues de fer en pareil nombre, car les basses sont des bois, & releveront de mesme de ce planchier à un autre audessus. Cett`eau, qui estant montée à cette hauteur, qui est environ de cinquante piés, se degorgera par un grand & large canal artificiel, se conduira dans leur ville, pour y faire moudre plusieurs moulins. L`artisan qui conduisoit cette maison, seulement pour sa main, avoit cinq mille sept cent florins, y fourni outre cela de vin. Tout au fons de l`eau, ils font un planchier ferme tout à tour, pour rompre, disent-ils, le cours de l`eau, & affin que dans cet estuy elle s`endorme, affin qu`elle s`y puisse puiser plus ayséement. Ils dressent aussi des engeins, par le moyen desquels on puisse hausser & baisser tout ce rouage, selon que l`eau vient à estre haute ou basse. Le Rhin n`a pas là ce nom: car à la teste de la ville, il s`estand en form de lac, qui a bien quatre lieues d`Allemaigne de large, & cinq ou six de long.”