Der Rhein als Migrant

“Flüsse des Lebens” lautet der deutsche Titel einer britischen Dokumentarserie, die mit Yangtse, Ganges, Mississippi, Amazonas, Nil und Rhein einige der wichtigsten Kulturflüsse abhandelt. Bildführung und Textkommentar erinnern an BBC-Dokus: fantastische Aufnahmen treffen auf sensationalistische Grundierung, unterbrochen von ruhigeren Interviewpassagen, in denen ein Feuerwehrmann, ein Fischer, ein Binnenschifferpaar, ein Dichter, ein Meeresbiologe, ein Winzer, eine Loft-Kreative und ein Bergbauernpaar Auskünfte zu ihrem Leben am Fluß erteilen. Die 55 Minuten Rheinreigen scheinen bisweilen einer postmodernen Wagner-Inszenierung nachempfunden, beginnen mit einem Potpourri, das die wildesten Bilder aus 1320 Kilometern Rhein scheinbar willkürlich gegeneinander schneidet, auf die der Film im weiteren Verlauf bildlogisch rekurriert. Im Rotterdamer Hafen lauert Gefahr, die 300.000 Arbeiter dort, ja die ganze Stadt, erklärt der Sprecher, säßen auf einer allzeit entzündlichen Bombe: jeder zweite einlaufende Frachter birgt Gefahrgut, während die Wasserqualität im Hafengebiet den Aal- und Lachsfang zuläßt. (Der Rhein galt einst als größter Lachsfanggrund der Welt.) In großen Sprüngen nähert sich der Film den Alpen, bedient sich flott verschnittener Flußmosaiken „künstlerischer“ Aufnahmen: ausrangierte Hochöfen, Hafenbecken aus der Luft bei Duisburg erinnern an die Becher-Schule. Kleine Japaner posen unterm riesigen Kaiser Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck. In Ludwigshafen kommt Hasan Özdemir zu Wort, der türkischstämmige Ortspoet faßt den Rhein als Dauermigranten auf und die Deutschen als Ausländer im eigenen Land, dessen Veränderungen sie nicht begreifen. In zwei Minuten ist die Geschichte des Elsaß verhandelt: als eine komplizierte. Vollends apokalyptisch wird’s in Hinterrhein, jenem ersten düsteren Dörfli am gleichnamigen Lauf, dessen Stuben zumindest in der Kameraperspektive tatsächlich so aussehen, wie man sichs beim Queren der zwonhalb mistbelegten Straßen vorstellt. Die Sage vom Entstehen des Rheinwaldhorngletschers an einer zuvor Paradies genannten Stelle impliziert natürlich das Element seines eigenen Untergangs, der ganze Landschaften mit sich reißen wird: in hundert Jahren (bereits, so die Botschaft), wenn der Gletscher abgetaut sein wird, versiegt auch der Rhein, und die Bosheit, zumindest Unachtsamkeit des Menschen trägt daran Schuld. Ein christliches Ende mit Schrecken und Hoffnung und der gewaltigen Macht bewegter, mit Text und Musik untermalter Bilder.

Rhein vs Ganges

Eine Menge rheinischer Gedanken machte sich zeitlebens der (rheinische) Germanist, Sagensammler und Dichter Karl Simrock – wie zb die folgenden in der Einleitung zu seinem Buch “Das malerische und romantische Deutschland. Der Rhein” in der Mitte des 19. Jahrhunderts: “Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Wort (rein) als aus einem griechischen, welches fließen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische “hrên” verdrängten und durch eine ähnliche klingende appellative Flußbenennung ersetzten. Uns hieß also der Rhein der Fluß überhaupt, gleichsam der Fluß aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süßer Klang in einem deutschen Ohr. Wie oft und gern flochten die Minnesänger ihr sehnsüchtiges “alumbe den rîn” ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weiteren Grund, nur des lieben Namens willen. (…) Ja, der Rhein ist uns ein heiliger Strom, und seine Ufer sind die wahre Heimat der Deutschen, der ehrwürdige Herd aller deutschen Kultur. Was dem Inder der Ganges, das ist dem Deutschen der Rhein. Religion, Recht, Kunst und Sitte haben sich von ihm aus über die Gaue unseres Vaterlands verbreitet. Dies allein gibt uns ein Licht über die geheimnisvolle Wirkung seines Namens. (…) Nach der indischen Legende, die wir durch Goethe kennen, schöpft die reine, schöne Frau des Brahmanen täglich aus dem heiligen Ganges ohne Krug und Eimer, weil sich dem seligen Herzen, den frommen Händen die bewegte Welle zu kristallener Kugel gestaltet. Aber nur solange sie rein bleibt: sobald der leichteste Schatten auf sie fällt, nur ein verwirrendes Gefühl die heilige Ruhe ihres Busens trübt, rinnt ihr das Wasser durch die Finger nieder. Auf ganz übereinstimmenden Begriffen beruht die schöne Sage von der heiligen Ritza zu Koblenz, die trockenen Fußes über den Strom ging, der sie aber gleich zu tragen weigerte, als ein Zweifel die Heiterkeit ihres gläubigen Bewußtseins störte. Beide Überlieferungen setzen die Heiligkeit des Flusses voraus. (…)”