Der Rhein. Eine europäische Flußbiografie

Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie war die größere der beiden, parallel stattfindenden Bonner Rhein-Ausstellungen betitelt. Zu besuchen war sie in der Bundeskunsthalle und erlangte reichlich Aufmerksamkeit auch in der überregionalen Presse.

Vom LVR-Landesmuseum in Bonn sind es nur wenige Straßenbahnstationen zur Museumsmeile am Rande des ehemaligen Regierungsviertels. Grauer Jännerregen plästert: eine neoromantische Deutschlandinszenierung mit tagsüber eingeschalteten Autoscheinwerfern entlang pudelesk begossener Bauten. Die Ausstellung findet in einem Rundgang wellenförmig geschnittener, großzügig mit Vitrinen ausstaffierter, thematisch geordneter Kojen statt. Dicht bei dicht hängen Wandexponate. Über Audioguide gibt die deutsche Stimme Robert De Niros kurze Erklärungen zu ausgewählten Stücken ab. Direkt in der ersten Koje Andreas Gurskys Rhein II im Original: das berühmte Foto, das wir in der bilderstrom-Ausstellung erst vermisst und dann als Laminat aus dem Besenschrank unter die Nase gehalten bekommen hatten. Gegenüber sowohl Moritz von Schwinds monumentaler, als auch Max Ernsts grünblaugrüner, surrealistischer “Vater Rhein”: hier wird auf den ersten Blick geklotzt und zugleich gekleckert. Die erstaunte Frage, was diesem Auftakt wohl folgen solle, beantwortet die zweite Koje u.a. mit einem vermüllten Landschaftsmodell Dieter Roths, unserem Lieblingsstück der Ausstellung. Auch dieser Raum wirkt chaotisch und zu 80 bis 100 Prozent dem rheinsein-Konzept entlehnt. Ein Eindruck, der sich von Koje zu Koje abschwächt. Je weiter wir schreiten, desto strenger umreißen die Kojen ihre Themen. Zunehmend sind Exponate aus dem ökonomisch-politischen Komplex zu betrachten, den rheinsein bisher weitgehend ausgespart hat.

Da wir den Besuch gemeinsam mit unserem französischen Korrespondenten Roland Bergère unternehmen, verleiten insbesondere die Darstellungen des Rheins als Grenzfluss, etabliert mit der Eroberung Galliens durch Caesar, hier ausschließlich als neuzeitliche Symbollinie deutsch-französischer Konflikte dargestellt, zu rhetorischen Fortsetzungen vergangener Kriegsakte mehr bis minder hoch angesehener Militärs und Staatsmänner. Ungefähr auf der Hälfte des Rundgangs führt ein Kino zwei oder drei kurze Dokumentarfilme in Endlosschlaufe auf. Vielleicht weil es in den Kojen bis dahin an Sitzgelegenheiten mangelt, sind die Kinoplätze stark begehrt. Ein neuer Film trägt im Titel stolz die falsche alte Rheinlänge – was wir, aufgrund Platzmangels auf dem Teppichboden Platz nehmend, zu sehen bekommen, deckt sich weitgehend mit Inhalten der jüngsten Rhein-Dokus der öffentlich-rechtlichen Sender. Zumindest soweit wir folgen können, denn aus dem Kindern vorbehaltenen Nachbarsaal ertönt in Intervallen organisiertes Gejohle, welches das Kinoprogramm übertönt.

bonn_beethoven_lüpertzBlaugesichtige Beethoven-Büste von Markus Lüpertz, aufgestellt 2014 in der Bonner Innenstadt unweit der Universität und des Rheinufers

Sitzgelegenheiten finden sich dann wieder in der letzten Koje, der größten, in der wir zu Wagnerklängen über Kopfhörer, leichten Ermüdungserscheinungen trotzend, aus sämtlichen, leider nur beschränkt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln Joseph Beuys’ Rhein Water Polluted, eine vom Künstler signierte Glasflasche voll gefärbten Wassers, betrachten – und das zuvor Erschaute auf dieser meditativen Oberfläche Revue passieren lassen: neben viel Bekanntem und Teurem bietet die Ausstellung auch seltener beachtete Aspekte der rheinischen Geschichte in reichem Maß. Geflissentlich verliert sie sich, gleich einem Fluss, um in der nächsten Windung mit Pomp zurückkehren. Interaktionsmöglichkeiten Fehlanzeige. Die Begehung evoziert das Gefühl, die Ausstellung zu erfassen bestünde in (intensiver) Arbeit. Die sich auf zwei Stunden, ebenso gut jedoch auch auf zwei Tage verteilen ließe. Reichlich Input, der das Bewusstsein um die dazwischen klaffenden Leerstellen gleich mit befördert. Kunstlicht, Messe-Atmosfäre und ein leiser Sensationismus, der sich nicht erfüllen mag. Draußen plästert es wieder oder weiterhin. Wir schlendern durchs Regierungsviertel ans Rheinufer. Der Blick auf den Strom: selbst im Regengrau wirkt er besser, realer, tiefgehender als jede Ausstellung.

Stromkilometer 814

oder: Vesalia…est hospitalis

Durch das Zugfenster des von Süden
einfahrenden RE 5 zeigt sich
am Weseler Bahnhof
links eine Gruppe Hochhäuser, vierzehnstöckig;
rechts der Gleise der Schriftzug eines Geschäfts „Wohnen und mehr“
und beim Ausstieg ein Warteraum (ungewartet) auf dem Bahnsteig.

Würde man zur Niederrheinhalle wollen,
nähme man den östlichen Ausgang Friedensstraße,
Treppe einerseits und eine barrierefreie
buschgesäumte Serpentine andererseits,
für Fahrräder, Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren,
und bemerkte, einsetzende Dämmerung vorausgesetzt,
Ecke Fusternbergerstraße einen blau erleuchteten
Schriftzug „Dreams“, sich bei näherer Betrachtung
als Dönertraum herausstellend.
Daneben ein bungalowartiges Gebäude mit
Granit, Grableuchten und künstlichem Efeu im Schaufenster:
„Grabsteine & Küchenarbeitsplatten“ kündet ein
grünes Schild auf gelber Fassade, Marmor seit 1882.
Nebenan eine Heißmangel,
eine Trinkhalle mit erleuchtetem Stauder-Schild
und Wein und Wodka im Regal.
Dann ein Musikcafe „Quo Vadis“ und ein Schild
mit lorbeerbekränztem, gleichwohl nachdenklich schauenden Cäsar
in einem dreigeschossigen Backsteinziegelhaus von 1894.
Vis-à-vis der Park & Ride-platz.

Wollte man stadteinwärts (was so ist),
findet sich westlich der Bahngleise der Busbahnhof,
Bussteig 4 Richtung Sonsbeck, Kevelaer, Xanten, Alpen, Geldern, Rheinberg, Moers,
Bussteig 3 Richtung Emmerich, Hünxe, Hamminkeln, Bocholt, Schermbeck, Dorsten,
Bussteig 2 Richtung Voerde, Wittenberg,
Bussteig 1 Richtung Rees sowie innerstädtische Ziele.
Unterhalb der sich auf einer Eisenstange befindenden Bahnhofsuhr
wird geworben: “MPU-Beratung + Suchtberatung“.

Der Panoramablick über den Franz-Etzel-Platz fällt auf die
LBS, eine Tapasbar, den Eingangsbereich zur City, im Hintergrund der Fernsehturm.
Im Vordergrund, unweit des Bahnhofsgebäudes aus den 1950er Jahren
ein gepflegt wirkender Briefkasten, Leerung Mo-Fr 16.00 Uhr, Sa 10.00 Uhr
und ein (mittlerweile seltener anzutreffendes) Wetterschutz-Telekomhäuschen.
Daneben zwei Bänke, Sitzfläche aus Holz in Beton eingefasst –
Vorgeschmack auf viele weitere Sitzgelegenheiten Richtung Willibrordi-Dom.

Zum Durchbrausegeräusch eines langen Güterzugs
gesellt sich das Lachen einer Gruppe junger Damen
mit Primarkpapptüten und McDonaldsbechern.
In einem Beet des Parks bzw. der Vorbahnhofswiese
zwischen winterkahlen Pflanzenästen tatsächlich ein Büschlein Rosmarin.

Unweit eine Gedenkstele für die „Gefangenen und Vermissten“.
Gegenüber eine Metallskulptur (Edgar Gutbub) „Zwei gleich groß“ von 1991,
außen silbern, innen blau,
darin an diesem Dezembernachmittag 2015 die obere Brötchenhälfte
eines Cheese- oder Hamburgers und ein „Stop TTIP“ -Aufkleber,
die Kehrseite der Skulptur innen gelb, aktuell gefüllt mit trockener Laubverwehung.

Das Hotel Kaiserhof eingangs der Wilhelmstraße
beherbergt ein Steakhaus, darüber
vier Stockwerke, erblickbar pro Etage je sieben in sich dreiteilige Fenster
plus Treppenhaus, ca. 1950er / 60er-Jahre.
Schräg gegenüber weist das Scala-Kulturspielhaus
auf seinen Facebook-Auftritt hin.
Flyer für den Poetry Slam „The Lower Rhine“ liegen aus.
Tattoo-Shop, Smartphone-Shop. Gegenüber die Verbraucherzentrale.

Den Blickfang, das Berliner Tor,
- Relikt der alten Stadtbefestigung und
dem preußischen Barock zugerechnet, eines der Wahrzeichen der Stadt -
flankieren Wilhelm-Ecke-Friedrichstraße
südlich die Sparkasse und nördlich Deutsche und Sparda
(städteübergreifendes Phänomen, dass Banken
sich oft in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befinden).
Im gewölbten hinteren Innenraum des Berliner Tors
ein Generator, der die im Advent dem Wahrzeichen vorgelagerte Eisbahn betreibt,
welche von Glühwein- und sonstigen Getränkeständen umgeben ist.

Auf dem Berliner-Tor-Platz die -wohl bronzene- Skulptur eines Esels.
Eine junge Dame, mit Töchterchen an der Hand, befragt,
was der Esel bedeute, sagt sie freundlich, sie sei zwar hier geboren,
wisse es aber nicht: “Der steht schon immer hier.“

Die Hohe Straße ist auch breit.
Als Fußgängerzone konzipiert und realisiert
(durch Bombenangriffe Mitte Februar 1945 waren,
so die offizielle Zahl, 97 % der Innenstadt zerstört gewesen).

Zahlreiche Holzbänke in Betonquader eingelassen und weitere
einladende Sitzgelegenheiten
(Gedankensprung:…gastfreundlich!…Weseler Protestantismus
kein reiner Leistungs-Protestantismus…sympathisch!…).

Interessanter als die Weihnachtsmarkthäuschen und -beleuchtung
sind für die Aufmerksamkeit des Besuchers die
in den Boden eingelassenen grauen Platten mit Städtenamen-Reliefs.
Mit Kuli ins Notizbuch
(und angenehmerweise frei von jedweden Argwohnfragen, was man notiere…
sonst seit der Smartphonisierung, welch Ironie!, eher übliches Phänomen…)
der Reihe nach,

- ab Poppelbaumstraße / Wallstraße:
Weliki, Ustjug, Totma, Wologda, Belozersk,
Twer, Torzhok, Tikhvin, Smolensk, Weliki (doppelt?),
Nowgorod, Vitebsk, Polozk (bei Regen sammelt sich Wasser in den O’s),
Kingissepp, Pskow, Iwangorod, Narva, Tartu,
Viljand, Koknese, Valmiera, Cesis, Straupe, Tallinn,
Limbazi, Pärnu,

- ab Am Blauen Hahn / Heuberg:
Riga, Kaunas, Turku, Kuldiga, Ventspils,
Kaliningrad, Olsztyn, Kraków, Braniewo, Frombork,
Elblag, Gdansk, Torun, Chelmno, Visby,
Strzelce, Opolskie, Lebork, Slupsk, Wroclaw,
Nyköping, Slawno, Darzowo, Kalmar, Koszalin,
Bialogard, Kolobrze (darauf weißes Fahrrad mit Bastkorb),
Stargard, Szczecinski, Goleniów, Slubice,
Frankfurt/Oder, Szczecin, Werben/Elbe, Anklam, Greifswald,
Stralsund, Demmin (leider leider Hundekacke),

- ab Kreuzung Hohe Straße / Tückingstraße:
Skanör-Falsterbo, Brandenburg/Havel, Kyritz, Pritzwalk,
Rostock, Havelberg, Merseburg, Tangermünde,
Hall[darauf Esel einer bekannten Drogeriekette]e/Saale, Stendal,
Perleberg (darauf Esel eines Schuhgeschäfts), Naumburg/Saale,
Osterburg/Altmark, Seehausen, Magdeburg,
Wismar (weißer Esel mit Weihnachtsmütze), Gordelegen,
Quedlinburg (darauf Esel einer Modekette), Salzwedel,
Helmstedt, Lübeck, Uelzen, Braunschweig, Mülhausen/Thüringen,
Goslar, Lüneburg, Duderstadt, Osterode, Kiel,
Bockenem, Hamburg, Hildesheim, Göttigen, Einbeck,
Alfeld/Leine,

- ab Viehtor:
Gronau/Leine, Buxtehude, Uslar, Stade, Höxter,
Hameln, Marienmünster, Brakel, Warburg, Nieheim,
Minden, Lemgo, Korbach, Marsberg, Bremen,
Paderborn, Mei[Notizbuch nicht leserlich],
Herford, Brilon, Geseke, Rüthen, Warstein,
Lippstadt, Melle, Rheda-Wiedenbrück, Schmallenberg, Meschede,
Soest, Arnsberg, Osnabrück, Bad Iburg, Beckum, Warendorf,

- ab Brückstraße:
Sundern, Quakenbrück, Werl, Attendorn, Ahlen,
Balve, Olpe, Hamm,Telgte, Neuenrade,
Drolshagen, Unna, Fürstenau, Kamen, Werne,
Münster, Schwerte, Lün[blauer Riesenrucksack eines Trekking-Ladens],
Haselüne, Dortmund, Breckerfeld, Rheine, Wipperfürth,
Meppen, Hattingen.

Am Leyens-Platz ist das Straßenschild untertitelt:
„Alteingesessene jüdische Kaufmannsfamilie bis 1938
Förderer der Stadt in Krieg und Frieden”.
Inmitten des Platzes eine übermannshohe Holzskulptur;
ein Zusammenhang mit dem Ort ihrer Aufstellung
mehr erahn- und interpretierbar als augenfällig.
Späteres Nachschlagen in der Stadtbroschüre „Wesel entdecken“
verweist auf Victoria Bell, Kölner Künstlerin, und dass
die Plastik eine Schutzhütte nachempfinde und
Vesalia Hospitalis benannt ist.

Dieses Attribut, gastliches Wesel, hatten 1578
Glaubensdissidenten aus dem Flämischen, die vor den Spaniern geflohen waren,
der Stadt ausgestellt – Wesel hatte sich Ostern 1540 durch Stadtratsbeschluss
der Reformation angeschlossen, wobei laut Überlieferung
das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert wurde.

In einem nach einem Weidetier benannten
Waffen- und Jagdausrüstungsgeschäft am Leyensplatz
beantwortet eine freundliche ältere Dame
frei von jeder Ungeduld oder Ruppigkeit
(womöglich, da kein Mittelgebirge in der Nähe ist,
die Menschen vielmehr seit Jahrhunderten gemeinsam, solidarisch
und dahingehend folglich konkurrenzfreier
das Wasser von Rhein und Lippe
u.a. durch Deichbau und Hochwasserschutz zu domestizieren hatten)
mit wohlwollend-gelassener Höflichkeit
die an sich naive Frage des Ortsfremden
nach der Bedeutung der Städtenamen in der Fußgängerzone:
„Das sind die Hansestädte. Die besuchen einander ja immer.“
Ein auf dem Rückweg zum Bahnhof entdeckter Hinweis unweit des Berliner Tors
weist das Hanseband von 1407 und den Stand von Juni 2010 aus.

Richtung Westen, dem Willibrordi-Dom zu, lauten die steinernen Einlassungen
- Brückstraße weiter:
Haltern am See, Coesfeld, Solingen, Dorsten, Oldenzaal,
Vreden, Duisburg, Neuss, Wesel, Groningen,
Ommen, Kalkar/Grieth, Emmerich/Rhein, Zutphen,
Deventer, Doesburg, Zwolle, Hasselt, Hattem,
Roermond, Kampen, Elburg, Harderwijk, Bolsward,
Stavoren, Bergen, Brügge, King’s Lynn, La Rochelle,
Aberdeen, Hafnarfjördur, Stykkishólmur.

Kornmarkt und Großer Markt benachbart,
steht auf Zweitgenanntem unweit des
2011 mit Steinfassade in flämischem Stil restaurierten Rathauses
aus dem 15. Jahrhundert
ein Denkmal.
Mit dem Fingernagel an dieses schnippend
ergibt sich eine Klangharmonie zum Kirchturmgeläut.
Das Denkmal erinnert an Konrad Heresbach (1496 – 1576),
einem – die offizielle Geschichtsschreibung wird zutreffen –
auf Ausgleich zwischen den Konfessionen bedachten Humanisten.
Und damit womöglich exemplarisch wie symbolisch für die Gegend.

Wenn da nicht, Stachel in der Historie fast jeder deutschen Stadt,
ein weiteres Denkmal stünde, westlich des Doms, vom 09.11.1988.
Für die jüdische Schule und Synagoge,
“aus Hass zerstört” 09/10.11.1938.

Vis-à-vis des Marienhospitals ist
St. Mariä Himmelfahrt überraschend schlicht eingerichtet,
harmonische Konzession an die überwiegend protestantische Umgebung wohl.
Zur Messezeit kniet ein Mann am Portal,
die Innenseite seiner Baseballkappe bittend ausgestreckt.

Am evangelischen Willibrordi-Dom, Südseite,
benachbart einem Parkhaus in Gestalt eines glasgekachelten Rundbaus (ca.1950er)
eine Gedenktafel
„Dem Diakon dieser Kirche und spaeteren Gruender von New York
Peter Minuit zum Gedaechtnis“
Konrad Duden, Sohn Wesels, würde wohlwollend auf die Orthographie blicken.
Von dem Bedachten ist überliefert,
um 1626 das heutige Manhattan
für 60 Gulden von Indianern gekauft zu haben,
woraus dann Nieuw Amsterdam entstand.

Der Fußgänger betrachtet Wesel von außen
am besten von der Rheinbrücke;
links des Rheins Ruinen der 1945 zerstörten Eisenbahnstrecke von 1874,
während unter seinen Füßen z.B. ein gigantisches niederländisches Schubschiff
mehrere Etagen voll fabrikneuer Automobile stromaufwärts landeinwärts schafft.
Aufs rechte Rheinufer zuflanierend zeigt sich
ein Pegelhäuschen (angestrichen im rot-weißen Wechsel,
was davon unabhängig auch die Farben der Hanse sind)
und die Skyline von Wesel:
die Türme von Willibrordi, St. Mariä, Fernseh- und Wasserturm
stehen – tatsächlich wie symbolisch- im Hintergrund der ufernahen
großen Raiffeisen-Anlage mit Silos, Halle und Turm.

Die Lippemündung überquerend geht es
auf die Zitadelle zu
bzw. die heutigen Relikte der ab den 1680ern errichteten Festung
(ursprünglich in Form eins fünfzackigen Sterns).

Beiderseits der stadteinwärts führenden Schillstraße
Wohngebäude, häufig Doppelhäuser aus rotem Backstein
in der Tradition des niederrheinischen Ziegelhandwerks.

Zur Geschichte Preußens am Niederrhein zählt
die Erschießung der elf Schillschen Offiziere
durch Napoleon unterstellte Soldaten im September 1809,
die in Wesel zu Volkshelden wurden.
Vorausgegangen war ab Frühjahr 1809 ein
vom preußischen Königshaus nur bedingt gedeckter,
auf eigene Faust betriebener Aufstandsversuch des Korps
um den Husarenmajor Ferdinand von Schill
gegen die napoleonische Besatzung
hauptsächlich im Königreich Westfalen
und eine Reiterodyssee durch deutsche Lande.
Das Unternehmen scheiterte mit Schills Tod bei
Straßenkämpfen in Stralsund Ende Mai 1809.
Seine Leiche wurde enthauptet
und der Kopf, in hochprozentigem Alkohol eingelegt,
dem König von Westfalen, Jérome, einem Verwandten Napoleons,
überreicht.
Die Truppen mussten als Gefangene nach Frankreich.
Im Juni 1809 wurden in Braunschweig
aus den westfälischen Staatsangehörigen des Schillschen Korps
14 ausgelost (!)
und stellvertretend als Deserteure hingerichtet.
Elf Offiziere kamen als Gefangene
in die Zitadelle Wesel und wurden am 16. September 1809
nach Urteil durch ein napoleonisches Kriegsgericht
auf den Lippewiesen erschossen.
Ihr Mythos wurde später freilich auch missbraucht,
insbesondere durch die Nazis für ihre Propaganda.
Nur knapp entging deshalb die Schillstraße
nach 1945 zu Zeiten alliierter Verwaltungsaufsicht
einer Umbenennung.
Heute ist die Historie von 1809 museal kanonisiert
und im Gebäude der Zitadelle zu besichtigen.

Architektur ist häufig auch Symbol.
Die Fußgängerzonen, entstanden
im Zuge der Wirtschaftswunderjahre in den 1950er/60er Jahren
sind heute urbane Realität
ebenso wie gewissermaßen Ausdruck eines
Geschichtswogenruhens.

Dankbar in einem tieferen und vielschichtigeren Sinn
darf man daher sein auch für selbstverständlich scheinende
Annehmlichkeiten wie Sitzgelegenheiten.
Neben Bänken z.B. hier sogar
- unweit der Wegkreuzung Am blauen Hahn/Heuberg und Hohe Straße –
Wippen in Form von Wieseln (dem Wappentier)
die zum Verweil einladen.

(GrIngo Lahr mit einem Gastbeitrag zur niederrheinischen Hansestadt Wesel)

Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben

Diese Herrnhutische Stadt, worin ich geboren wurde, versandet noch heute den Rhein, reizlos und ärmlich. Man hat dort die besten französischen Möbel geschreinert, und der Portwein der Herrnhuter, die ihre Töchter damals nach dem Los an Missionare verheirateten, war eine gute Sache. Schon morgens nahm man ihn im Elefantenstall. Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, woraus mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal, Gott als weißes Quadrat.
Der Pöbel wohnte im kleinen Frankreich, ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche, und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches. Am kleinen Frankreich vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt. Dort träumte man von Ausflügen nach Andernach und schaute nach dem Kirchturm von Leutesdorf hinüber.
Abends saß man vor dem Haus. In der Weinkneipe gegenüber grölten die Schützen gereimte Trinksprüche, man erzählte Mordsgeschichten, wenn man nicht in Sue, dem Zauberer von Rom, Dumas oder Gerstäcker steckte. Als Comble des Witzes wurde mitunter die Eingabe eines Schulmeisters an Friedrich den Großen vorgelesen. Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben. Ich glaube, die andere Rheinseite hat mehr Verbindungen oder sonstwas. Doch immer noch speien die aufsässigen Männer des kleinen Frankreichs gelassen in den heiligen Rhein.
Nachts saß ich mit meinem verstorbenen Onkel um den runden Tisch. Wir rauchten und lasen Räubergeschichten aus der Leihbibliothek eines stotternden Buchbinders. Man ging spät schlafen und stand spät auf.
Auf der Schule machte mir die übliche Ignoranz der Lehrer einen häßlichen und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger dösten und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische Monstres. Ein Altphilologe, der aus dem Manöver zurückkam, modernisierte den Cäsar, rüstete ihn mit Maschinengewehren aus und ließ die Legionäre locker ausgeschwärmte Schützenlinien bilden. Ein Wort beunruhigt mich heute noch: “frumentarium, das Getreidewesen”. Was ist das? Wir hatten einen Physikprofessor, einen schweigsamen Waldläufer, der einmal die Rede zu Kaisers Geburtstag halten sollte und damit begann: “Wenn ich zwei Frösche in ein Glas Wasser setze…” Von der Sexualität der Frösche kam er dann auf das geeinte Vaterland zu sprechen. Bei der Lektüre des Platon wurde der Hauptwert auf das “men te kai ouden” gelegt, mitnichten aber so wenn nämlich hinwiederum. Platon selbst hatten die Pauker so wenig begriffen wie wir.
Das entscheidende Erlebnis war natürlich Karl May, und der Tod Winnetous war mir erheblich wichtiger als der des Achill und ist es mir geblieben. Ich flog aus dem Abitur und kam in ein Landgymnasium. Sonntags betrank ich mich im Karzer und las Detektivromane, Wedekind oder Rimbaud. Das Nest war entsetzt, daß ich es wagte, die Wohnung eines früheren Majors des dort garnisonierten Dragonerregimentes zu beziehen. Der Pedell mußte mich stets in die Penne abholen. Nachmittags lief ich auf einen kleinen Berg und trank dort in einem Riesenfaß. Natürlich hieß die Kneipe “Perkeo”. Der Blick in die ermüdende Rheinebene war dermaßen verzweifelt, daß ich in diesem Faß zu schreiben begann. Die Kellnerin, die mich bediente, hatte mit einem bekannten deutschen Dichter ein Verhältnis; allerdings beklagte sie sich über dessen Nervosität. Dieser Mann wurde meine erste literarische Bekanntschaft.
Ich erinnere mich eines eigentümlichen Physikprofessors, der aus Religiosität nicht an die Gravitation glaubte, sowie des Lehrers im Griechischen, der im Dunst seiner bäuerlichen Pensionäre die Ursprachstämme suchte; dann gab es noch einen Direktor im blauen Gehrock, der unter einem Riesenphoto Goethes unablässig Iphigenie neu dichtete. Er glich vollkommen seinem mißgestimmten Griffon. Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen. Einmal besuchte mich ein Messias, der aus Bordeaux kam. Er schien aus Kleinasien zu stammen. Jedenfalls trank er fürchterlich und kannte sich ausgezeichnet in sämtlichen Hafenstädten aus.
Die wichtigsten Gebäude waren Zuchthaus und Schloß. Sonntags rasten die Bürger in dem französischen, geometrischen Park umher, grüßten je nach der sozialen Lage, während ich im Kirchturm regelmäßig meine Karzerstrafen heruntersaß. Ich zog es vor, dort still die Sonntage zu verschlafen, statt mir die Nachmittage durch den Blödsinn der Lehrer zu verderben. In einem Koffer brachte ich mir Nahrung, Alkohol und eine Decke mit. Ich erinnere mich, einmal nachts in einem Hausflur gegen einen Erhängten gerannt zu sein. Dann ging ich nach Berlin. Nachts erzählten wir uns Abenteuerromane. Ich hatte aus Paris die 34 Bände Phantomas mitgebracht. Die liebsten waren mir: Le pendu de Londres et le fiacre de la nuit. Damals schrieb ich Bebuquin: Blei druckte das in den Opalen, und damit war man zwanzig und in der Literatur.

(Carl Einstein: Kleine Autobiographie)

La cathédrale de Cologne

I

O Rhin! ô Nil du Nord! ô fleuve d’Allemagne!
O vieux Rhin, dont le flot baptisa Charlemagne,
Le géant souverain,
Qui, façonnant l’Europe au moule de son rêve,
Se tailla son empire au tranchant de son glaive
Avec son bras d’airain !

Frère de l’autre Nil, avec tes rochers sombres,
Qui sur ton vert miroir entrechoquent leurs ombres,
Pyramides que Dieu te bâtit de sa main,
De tout ce qui fut grand les bords gardent les traces,
Rempart des nations, limite des deux races,
Borne du monde frank et du monde germain!

Tous les peuples, du bruit de leurs clairons sauvages,
Ont, comme une tempête, ébranlé tes rivages
Aux pitons verdoyans ;
Et, depuis deux mille ans, le burin des épées
Grave pour l’avenir toutes ses épopées
Sur tes pics flamboyans.

Le sang de Tolbiac a rougi ton écume,
Où du nom d’Attila l’éclair encore fume.
Sur tes monts de granit Rome brisa son char,
Et tous les conquérans sous qui trembla le monde
Sont venus abreuver leurs coursiers dans ton onde :
Charlemagne, Clovis, Napoléon, César.

Barberousse, endormi comme un aigle en son aire,
Ecoute, en frémissant, dans son lit centenaire
Ton murmure grondant ;
Car l’avenir du monde un jour doit se débattre
Sur tes bords, ô vieux Rhin, artère qui fait battre
Le pouls de l’Occident!

Tes souvenirs féconds font rêver les poëtes,
Tous le passé leur parle en tes roches muettes;
Et le penseur, l’oreille attentive à ta voix,
Dans ton flot large et vert voit des foudres reluire,
Et dans tes profondeurs entend, la nuit, bruire
Quelque chose de grave et de sombre à la fois.

C’est la voix, c’est le bruit des races écoulées,
Des générations par les siècles roulées
Dans ton gouffre obscurci.
C’est la vaste rumeur du crime et de la gloire,
Dont l’écho se prolonge en tes vagues. – L’histoire
Est un grand fleuve aussi. (…)

Das Gedicht von André van Hasselt (1806 – 19874) über den Kölner Dom und den “Nil des Nordens”, eine der seltenen belgischen Rheinhymnen, besteht aus insgesamt vier Abschnitten. Fortsetzung folgt.

Cologne is one of the best cities in Germany

“Cologne is one of the best cities in Germany, seated upon the river Rhine; the streets are large, the houses high, the churches and monasteries great and numerous. The town-hall is a stately building; over the portal are written several Latin inscriptions, expressing the occasion of the building of this city by Agrippa, cousin to Augustus Caesar, scilicet, to hinder the incursions of the Suevi into the lower parts of Germany.
In the lower rooms are kept the courts of guards; in the first story the senate doth assemble; the second story contained a great number of Roman arms, distributed into several chambers; as also the third, scilicet, bucklers, some of which are whale-bone; cross-bows, and a great number of bolts. Amongst others there was one of those machines used by the Romans for a battery, called Ballista (…)
From the top of this house is an easy and pleasant prospect of the whole town, it being higher than any steeple there.
The cathedral is a fair church, but imperfect, neither the steeple nor body of the church being brought to their first intended height.
There they show several reliques; among others the bones of eleven thousand virgins of this country, who, for the more easy practice of their Christian religion, followed a king of England`s daughter to Cologne, and were all there martyrized with their leader, by a king of the Hunns.
The tombs of the three kings that came to worship our Saviour, first buried at Milan, and afterwards translated hither upon a certain day, which they observe as the greatest festival of the whole year. Their bodies, dried like mummy, are that day exposed to public view, the tomb being uncovered. One of them (they tell you) is much blacker than the rest, which they take to be the King of Aethopia. All the pilgrims (whose devotions lead them thither), that day, are treated and waited on at meat by the senators barefooted.
Near to this tomb lies a vast stone, which they tell you the devil threw in at the top of the church to destroy it, which heaven miraculously diverted; showing a round place in the repair of the roof, where it should enter. (…)
The next church of note is that of the Jesuits, built after the modern use: in the middle alley, going up to the choir, stand fourteen excellent statues, our Saviour`s with six of the apostles on one hand, our Lady`s with the other six, on the other side. (…)”
Der Zufall wollte, daß wir heute mit einem Kölner Stadtführer verabredet waren. Weil wir nichts von Reresbys Kölner “Jesuitenkirche” wußten, fragten wir bei derart passender Gelegenheit, ob es eine solche noch gäbe und er führte uns kurzerhand zu St. Mariä Himmelfahrt. Da wachen sie nach wie vor, die “fourteen excellent statues”. Gemeinsam klapperten wir weitere Innenstadtkirchen ab, erfuhren wo Karl Marx seine Schokolade trank, wie Georg Weerth in der Rheinischen Zeitung den Wortlaut offizieller Verlautbarungen im Feuilleton abdruckte und somit zur Satire umwertete und schlenderten durch längst verschwundene Gassen. Doch weiter im Reresby:
“The greatest part of the inhabitants of this city are Romanists, none being allowed the public practice of their religion but those; nor, by a late law, can any marry and settle amongst them, that is a protestant; which severity, with others in that kind, gives it the name of Roma Germanica.
The women here follow much the mode of Brabant, wearing upon their foreheads a round peak like unto a saucer, of black velvet; from the middle rises a black stalk of the size and length of a man`s finger, tufted with silk at the end; from the back of their heads there falls a black veil down to their heels, like widows. (…)
Here was born Bruno, the founder of that strict order of the Chartric, by the rules of which establishment the monks are never allowed to eat flesh, or to speak one to another, except at certain times, and those but few.”

(aus: The Memoirs and Travels of Sir John Reresby)

a word or two of the Suiss

“(…) But here a word or two of the Suiss. That they came originally from the Gauls, was the opinion in Caesar`s time, for he says, that they exceed the rest of the Gauls in deeds of arms. Suetonius also calls them Gens Gallica turbidi ingenii, an unquiet or troublesome sort of French, which two characters of stout and boisterous may not unfitly be applied to them at this day. Besides this, they are believed very faithful and trusty, which reputation (with that of their courage) prefers them before others to the service of the Pope, the King of France, and many other princes, as guards to their persons, and soldiers in their wars. But this fidelity is no longer binding than they are well paid, believing it no defamation of a true mercenary to mutiny for his pay, which gave rise to the proverb, point d`argent, point de Swisse; no pay, no Swiss.
They are of little stature, spread and strong, fair, hardy and inured to labour from their infancy; they never change their mode, which is great trunk breeches, slashed and laced with silk lace, the lining of some coloured stuff appearing underneath; they have doublets with long skirts and bonnets, for in towns the hats are forbidden.
What gentlemen may except from democrazy sufficiently appears in this, where there is none left that dare pretend to a better quality, one than another. A person of quality I met with at Chur, of that country, assured me, that though his ancestors had been barons, and himself seised of a good estate, as also of a castle which had formerly the privilege of a county palatine, he was forced to comply and associate himself with the meanest peasants, to avoid the jealousy and prejudice of his neighbours. The best man in town is commonly mine host, and should a traveller think himself imposed upon, or notoriously cheated in his reckoning, as strangers commonly are there, and go to complain to the chief magistrate, he would find his host the first man on the bench. They drink excessively, and the greatest affront you can do them is not to pledge them. Their festivals last hole days, none rising except it be for evacuation, till they be taken up. They lie between two feather beds, and use no hearths, but stoves. Their women are esteemed chaste, the coldness of the country rather inclining them to good fellowship than venery, which may be some reason why their country is most clear of the French pox, though others impute it to some occult quality in the air. (…)”

(aus: The Memoirs and Travels of Sir John Reresby)

Eine heruntergekommene Stadt

“My Dear Sir,

You will allow that after the tedious proceedings of the tewo days` journey, I had a right to indulge a little more than usual, I accordingly lay in bed till eight, for do what I could, my ever-anxious, ever-insatiable curiosity would allow me no longer; I sat writing the notes of my journal till breakfast, which by the aid of Stenography, I easily accomplished, and after my morning repast, I sallied forth to explore this extensive and ancient city, the Roman colony founded by Agrippa, the son-in-law of Augustus Caesar.
Three centuries ago Scaliger thus eulogises it.

„Maxima cognati Regina Colonia Rheni,
Hoc te etiam titulo musa superba canet;
Romani statuunt-habitat Germania-terra est,
Belgia-ter felix! nihil tibi diva deest.“

I presume not to say, what might then be the condition of the city, and how far the poet flattered or bestowed just praise, but very different is the case now. I should rather apply, as nearer the truth, the language of Ossian, „I have seen the walls of Balclutha, but they were desolate.“ Ruin long begun, and still going on, marks its principal streets. The plaster is falling from the fronts of the houses, and no one seems disposed to renew it. The year of 1618, and others of that period, which you see on the outside, lead one to question, if aught has been renewed since then. Waving grass is growing in the streets, and as you enter many of the principal churches, you must keep in the narrow path, „the old path,“ or in rainy or wet weather, as it was when I was there, you will have cause to repent. Indolence seems painted on the countenances of the people, and they seem to move as if they knew not why, or whither, they were going. Many of the houses have fallen down, others are falling, and in many places you see ruins clearing away to add to the gardens, which already fill up two thirds of the space within the walls.
Cologne boasts of its antiquity, and of its greatness. Still Colonia Agrippae may often be seen in public inscriptions, and they tell you that full more than fifty thousand inhabitants remain to listen to its never-ceasing bells. It was once a place of great trade, but the banishment of the Protestants in the seventeenth century destroyed its industry. (…)”

(James Mitchell: A Tour Through Belgium, Holland, Along the Rhine, and Through the North of France, in the Summer of 1816: In which is Given an Account of the Civil and Ecclesiastical Polity, and of the System of Education of the Kingdom of the Netherlands; with Remarks on the Fine Arts, Commerce, and Manufactures, Chapter XIX, T. and J. Allman, 1819)

Nicolas Boileau: Le passage du Rhin

En vain, pour te louer, ma muse toujours prête,
Vingt fois de la Hollande a tenté la conquête:
Ce pays, où cent murs n’ont pu te résister,
Grand roi, n’est pas en vers si facile à dompter.
Des villes que tu prends les noms durs et barbares
N’offrent de toutes parts que syllabes bizarres;
Et, l’oreille effrayée, il faut depuis l’Issel,
Pour trouver un beau mot courir jusqu’au Tessel.
Oui, partout de son nom chaque place munie
Tient bon contre le vers, en détruit l’harmonie.
Et qui peut sans frémir aborder Voèrden?
Quel vers ne tomberait au seul nom de Heusden?
Quelle muse à rimer en tous lieux disposée
Oserait approcher des bords du Zuiderzée?
Comment en vers heureux assiéger Doèsbourg,
Zutphen, Wageninghen, Harderwic, Knotzembourg?
Il n’est fort, entre ceux que tu prends par centaines,
Qui ne puisse arrêter un rimeur six semaines:
Et partout sur le Whal, ainsi que sur le Leck,
Le vers est en déroute, et le poète à sec.

Encor si tes exploits, moins grands et moins rapides,
Laissaient prendre courage à nos muses timides,
Peut-être avec le temps, à force d’y rêver,
Par quelque coup de l’art nous pourrions nous sauver.
Mais, dès qu’on veut tenter cette vaste carrière,
Pégase s’effarouche et recule en arrière;
Mon Apollon s’étonne; et Nimégue est à toi,
Que ma muse est encore au camp devant Orsoi.
Aujourd’hui toutefois mon zèle m’encourage:
Il faut au moins du Rhin tenter l’heureux passage.
Un trop juste devoir veut que nous l’essayons.
Muses, pour le tracer, cherchez tous vos crayons:
Car, puisqu’en cet exploit tout paraît incroyable,
Que la vérité pure y ressemble à la fable,
De tous vos ornements vous pouvez l’égayer.
Venez donc, et sur-tout gardez bien d’ennuyer:
Vous savez des grands vers les disgrâces tragiques;
Et souvent on ennuie en termes magnifiques.

Au pied du mont Adule, entre mille roseaux,
Le Rhin tranquille, et fier du progrès de ses eaux,
Appuyé d’une main sur son urne penchante,
Dormait au bruit flatteur de son onde naissante:
Lorsqu’un cri tout-à-coup suivi de mille cris.
Vient d’un calme si doux retirer ses esprits.
Il se trouble, il regarde, et par-tout sur ses rives
Il voit fuir à grands pas ses naïades craintives,
Qui toutes accourant vers leur humide roi,
Par un récit affreux redoublent son effroi.
Il apprend qu’un héros, conduit par la victoire,
A de ses bords fameux flétri l’antique gloire;
Que Rhinberg et Wesel, terrassés en deux jours,
D’un joug déjà prochain menacent tout son cours.
Nous l’avons vu, dit l’une, affronter la tempête
De cent foudres d’airain tournés contre sa tête.
Il marche vers Tholus, et tes flots en courroux
Au prix de sa fureur sont tranquilles et doux.
Il a de Jupiter la taille et le visage;
Et, depuis ce Romain, dont l’insolent passage
Sur un pont en deux jours trompa tous tes efforts,
Jamais rien de si grand n’a paru sur tes bords.

Le Rhin tremble et frémit à ces tristes nouvelles;
Le feu sort à travers ses humides prunelles.
C’est donc trop peu, dit-il, que l’Escaut en deux mois
Ait appris à couler sous de nouvelles lois;
Et de mille remparts mon onde environnée
De ces fleuves sans nom suivra la destinée!
Ah! périssent mes eaux! ou par d’illustres coups
Montrons qui doit céder des mortels ou de nous.

A ces mots, essuyant sa barbe limoneuse,
Il prend d’un vieux guerrier la figure poudreuse.
Son front cicatrisé rend son air furieux;
Et l’ardeur du combat étincelle en ses yeux.
En ce moment il part; et, couvert d’une nue,
Du fameux fort de Skink prend la route connue.
Là, contemplant son cours, il voit de toutes parts
Ses pâles défenseurs par la frayeur épars:
Il voit cent bataillons qui, loin de se défendre,
Attendent sur des murs l’ennemi pour se rendre.
Confus, il les aborde; et renforçant sa voix:
Grands arbitres, dit-il, des querelles des rois,
Est-ce ainsi que votre âme, aux périls aguerrie,
Soutient sur ces remparts l’honneur et la patrie?
Votre ennemi superbe, en cet instant fameux,
Du Rhin, près de Tholus, fend les flots écumeux:
Du moins en vous montrant sur la rive opposée,
N’oseriez-vous saisir une victoire aisée?
Allez, vils combattants, inutiles soldats;
Laissez là ces mousquets trop pesants pour vos bras:
Et, la faux à la main, parmi vos marécages,
Allez couper vos joncs et presser vos laitages;
Ou, gardant les seuls bords qui vous peuvent couvrir,
Avec moi, de ce pas, venez vaincre ou mourir.

Nicolas Boileau (1636-1711)
Le passage du Rhin, Teil 1, Fortsetzung folgt

Le Rhin réunit tout

“Saint-Goar, 17 août.

Vous savez, je vous l’ai dit souvent, j’aime les fleuves. Les fleuves charrient les idées aussi bien que les marchandises. Tout a son rôle magnifique dans la création. Les fleuves, comme d’immenses clairons, chantent à l’océan la beauté de la terre, la culture des champs, la splendeur des villes et la gloire des hommes.

Et, je vous l’ai dit aussi, entre tous les fleuves, j’aime le Rhin. La première fois que j’ai vu le Rhin, c’était il y a un an, à Kehl, en passant le pont de bateaux. La nuit tombait, la voiture allait au pas. Je me souviens que j’éprouvai alors un certain respect en traversant le vieux fleuve…

…Ce soir-là… je contemplai longtemps ce fier et noble fleuve, violent, mais sans fureur, sauvage, mais majestueux. Il était enflé et magnifique au moment où je le traversais. Il essuyait aux bateaux du pont sa crinière fauve, sa barbe limoneuse, comme dit Boileau. Ses deux rives se perdaient dans le crépuscule. Son bruit était un rugissement puissant et paisible. Je lui trouvais quelque chose de la grande mer.

Oui, mon ami, c’est un noble fleuve, féodal, républicain, impérial, digne d’être à la fois français et allemand. Il y a toute l’histoire de l’Europe considérée sous ses deux grands aspects, dans ce fleuve des guerriers et des penseurs, dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne.

Le Rhin réunit tout. Le Rhin est rapide comme le Rhône, large comme la Loire, encaissé comme la Meuse, tortueux comme la Seine, limpide et vert comme la Somme, historique comme le Tibre, royal comme le Danube, mystérieux comme le Nil, pailleté d’or comme un fleuve d’Amérique, couvert de fables et de fantômes comme un fleuve d’Asie.

Avant que l’histoire écrivait, avant que l’homme existait peut-être, où est le Rhin aujourd’hui fumait et flamboyait une double chaîne de volcans qui se sont éteints en laissant sur le sol deux tas de laves et de basaltes disposés parallèlement comme deux longues murailles. À la même époque, les cristallisations gigantesques qui sont les montagnes primitives s’achevaient, les alluvions énormes qui sont les montagnes secondaires se desséchaient, l’effrayant monceau que nous appelons aujourd’hui les Alpes se refroidissait lentement, les neiges s’y accumulaient; deux grands écoulements de ces neiges se répandirent sur la terre: l’un, l’écoulement du versant septentrional, traversa les plaines, rencontra la double tranchée des volcans éteints et s’en alla par là à l’Océan; l’autre, l’écoulement du versant occidental, tomba de montagne en montagne, côtoya cet autre bloc de volcans expirés que nous nommons l’Ardèche et se perdit dans la Méditerranée. Le premier de ces écoulements, c’est le Rhin; le second, c’est le Rhône…

…Le Rhin, dans les destinées de l’Europe, a une sorte de signification providentielle. C’est le grand fossé transversal qui sépare le Sud du Nord. La providence en a fait le fleuve-frontière; les forteresses en ont fait le fleuve-muraille. Le Rhin a vu la figure et a reflété l’ombre de presque tous les grands hommes de guerre qui, depuis trente siècles, ont labouré le vieux continent avec ce soc qu’on appelle pépée. César a traversé le Rhin en montant du midi; Attila a traversé le Rhin en descendant du septentrion. Clovis y a gagné sa bataille de Tolbiac. Charlemagne et Bonaparte y ont régné. L’empereur Frédéric-Barberousse, l’empereur Rodolphe de Hapsbourg et le palatin Frédéric Ier y ont été grands, victorieux et formidables. Gustave-Adolphe y a commandé ses armées du haut de la guérite de Caub. Louis XIV a vu le Rhin. Enguien et Condé l’ont passé. Hélas! Turenne aussi. Drusus y a sa pierre à Mayence comme Marceau à Coblenz et Hoche à Andernach. Pour l’œil du penseur qui voit vivre l’histoire, deux grands aigles planent perpétuellement sur le Rhin, l’aigle des légions romaines et l’aigle des régiments français.

…Ce noble Rhin que les Romains nommaient Rhenus superbus, tantôt porte les ponts de bateaux hérissés de lances, de pertuisanes ou de baïonnettes qui versent sur l’Allemagne les armées d’Italie, d’Espagne et de France, ou reversent sur l’ancien monde romain, toujours géographiquement adhérent, les anciennes hordes barbares, toujours les mêmes aussi; tantôt charrie pacifiquement les sapins de la Murg et de Saint-Gall, les porphyres et les serpentines de Bâle, la potasse de Bingen, le sel de Karlshall, les cuirs de Stromberg, le vif-argent de Lansberg, les vins de Johannisberg et de Bacharach, les ardoises de Caub, les saumons d’Oberwesel, les cerises de Salzig, le charbon de bois de Boppart, la vaisselle de fer blanc de Coblenz, la verrerie de la Moselle, les fers forgés de Bendorf, les tufs et les meules d’Andernach, les tôles de Neuwied, les eaux minérales d’Antoniustein, les draps et les poteries de Wallendar, les vins rouges de Taar, le cuivre et le plomb de Linz, la pierre de taille de Kœnigswinter, les laines et les soieries de Cologne; et il accomplit majestueusement à travers l’Europe, selon la volonté de Dieu, sa double fonction de fleuve de la paix, ayant sans interruption sur la double rangée de collines qui encaisse la plus notable partie de son cours, d’un côté des chênes, de l’autre des vignes, c’est-à-dire d’un côté le nord, de l’autre le midi; d’un côté la force, de l’autre la joie…”

(aus: Victor Hugo: Le Rhin, lettre XIV; Hugos Rheinbriefe sind komplett zu finden auf Google Books)

Die Flüsse

Rhein
Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach` ich Germaniens Grenze;
Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

Rhein und Mosel
Schon so lang` umarm` ich dich lotharingische Jungfrau;
Aber noch hat kein Sohn unsre Verbindung beglückt.

Donau in B***
Bacchus der lustige führt mich und Komus der fette durch reiche
Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück.

Donau in O***
Mich umwohnt mit glänzendem Aug das Volk der Phaiaken;
Immer ist`s Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

Main
Meine Burgen zerfallen zwar; doch getröstet erblick` ich
Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

Saale
Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

Ilm
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

Pleiße
Flach ist mein Ufer, und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus.

Elbe
All` ihr andern, ihr sprechet nur ein Kauderwelsch – unter den Flüssen
Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

Spree
Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar; da nahm ich
Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

Weser
Leider von mir ist gar nichts zu sagen; auch zu dem kleinsten
Epigramme, bedenkt, geb` ich der Muse nicht Stoff.

Gesundbrunnen zu ***
Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
Bei den Bewohnern allein hab` ich noch keinen verspürt.

Pegnitz
Ganz hypochondrisch bin ich vor langer Weile geworden,
Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

Die ***chen Flüsse
Unsereiner hat`s halter gut in ***cher Herren
Ländern; ihr Joch ist sanft, und ihre Lasten sind leicht.

Salzach
Aus Juvaviens Bergen ström` ich, das Erzstift zu salzen,
Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

Der anonyme Fluss
Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,
Goss der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

Les fleuves indiscrets
Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse! Man sieht’s, ihr wisst euch so wenig
Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen getan.

(aus Friedrich Schillers Xenien, 1796)

Badischer Rhein

Passend zu Flauberts Begriffsverwirrung folgende Stelle aus Deutschland deine Badener:

“(…) Wo der Wein wächst – und wo wüchse er nicht im Badischen! -, wo im April schon die Spargeln gestochen und im Mittelbadischen die ersten Erdbeeren geerntet werden, wo auf den Hardtfeldern der Tabak blüht und von der Reichenau früh Gemüse kommt, da lebt es sich nicht heroisch, sondern in gesetzter Behaglichkeit, ein Stück Süden schon, unaufdringlich jedoch und nie spektakulär. Von Konstanz bis über Mannheim hinaus ist Baden Rheinland und doch vom “Rheinländischen”, wie es in Deutschland zum Begriff geworden ist für lärmende Schunkelfröhlichkeit, so weit entfernt, wie die alte Holzbrücke über den Strom in Säckingen von Schloß Stolzenfels entfernt ist. Nein, hier ragen keine Trutzburgen hoch, keine mit Wehrzinnen und keine mit dunklen Verliesen, dafür aber in stiller Majestät die Münstertürme von Konstanz und Basel, von Breisach und Straßburg. Ebensowenig spielt sich der Rhein hier romantisch auf. Eher zieht er beschaulich dahin; erst im schweizerischen Schaffhausen braust er dann ein bißchen mutwillig über Felsen. Tannenwipfel spiegeln sich in ihm, Pappeln und Weiden, und wenn er erst an Karlsruhe vorbeigezogen ist, hat er noch eine lange Strecke zurückzulegen, ehe vaterländisch von ihm gesungen wird.
Und wie ist es mit Schwertgeklirr und Wogenprall? Gewiß, gewiß, seit Cäsars Legionen hier mit den Alemannen zusammenstießen, hat sich einiges getan am Oberrhein, und die Namen Mélac und Turenne, des Sonnenkönigs Marschälle, haben weder im Pfälzischen noch im Badischen einen guten Klang, wenngleich dieser Turenne in Sasbach, dort, wo ihn eine verirrte Kugel traf, sein Denkmal hat. Zufällig traf, muß man wohl hinzufügen. Denn wann fielen Marschälle auf dem Schlachtfeld? Nun, das ist lange her. Zudem waren es dynastische Streitereien, keine Volkskriege. So ermangelt der badische Rhein des Schicksalshaften, dies schon deshalb, weil auf beiden Ufern die gleiche Sprache gesprochen wird – Alemannisch. Einleuchtender hat es keiner erzählt als Hermann Landerer in seiner Geschichte vom alten Balthasar, der 1946 in Karlsruhe, in der amerikanischen Besatzungszone gelegen, ein Paar Hosenträger kaufen wolte, weil es diese in der französischen Zone nicht gab. Dazu benötigte er ein Laisser-passer. Auf badisch heißt das ein “Lessebasse”, und dies gab`s nicht ohne militärärztliche Untersuchung. Der Balthasar suchte seine französischen Sprachbrocken zusammen und trat gefaßt vor den jungen Franzosendoktor. Der aber knüpfte ihm das Hemd auf, hörte das Herz ab und sagte auf gut alemannisch: “Schnüüfe, Großvadder.” (…)”

Quelle: Amadeus Siebenpunkt – Deutschland deine Badener. Gruppenbild einer verzwickten Familie, Hoffmann und Kampe, Hamburg 1975

Der Rhein für die gebildeten Stände (4)

Die Rheinübergänge haben von jeher den gegenseitigen Heeren wegen der Größe und Schnelligkeit des Stromes nicht unbedeutende Schwierigkeiten entgegengesetzt, die durch die nahe Gegenwart des Feindes noch vergrößert wurden. Julius Cäsar hatte bei seinem Kriegszuge gegen die Gallier eine Pfahlbrücke über den Rhein. Im dreißigjährigen Kriege ward dieser Fluß von den verschiedenen Heeren öfter auf Schiff- oder Floßbrücken überschritten; den Ort, wo es von Gustav Adolf oberhalb Oppenheim geschahe, bezeichnet noch jetzt eine steinerne Säule. Mehre Übergänge fanden in den Feldzügen gegen Ende des 17. Jahrh. und im 18. statt, wo sich besonders der des Prinzen von Lothringen bei Schreck 1744, noch mehr aber die spätern der franz. Generale während des Revolutionskrieges und nachher Napoleon’s auszeichnen. Im J. 1795 hatten die Östreicher das rechte Rheinufer mit 411 Geschützen in 98 Batterien besetzt, gegen die der franz. General Jourdan 476 Kanonen und Haubitzen aufstellte, von denen ein Theil den Übergang der Truppen, bei Urdingen und Neuwied unternommen, unterstützte und begünstigte. Ein zweiter Ubergang Jourdan’s an letzterm Orte 1796 war mit weniger Schwierigkeiten verknüpft, obschon auch diesmal die Franzosen unter dem Feuer des östr. Geschützes hinüberschiffen mußten. Um in demselben Jahre bei Kehl über den Rhein zu gehen, ließ Moreau die Brückenschanze bei Manheim vier Tage zuvor angreifen, indem er möglichst viel Geschütz und Truppen dazu verwendete und dadurch die Aufmerksamkeit des Feindes nach diesem Punkte lenkte. Unterdessen hatte er bei Gambsheim und Strasburg 27,500 M. zusammengezogen, die den gegenüberstehenden Östreichern weit überlegen waren, während das nahe Strasburg und die vielen Inseln, im Rheine die Vorbereitungen und den Übergang selbst begünstigten. Mehr Schwierigkeiten fand Moreau bei Sinsheim, unterhalb Strasburg, am 20. Apr. 1797, weil die Östreicher durch ihre bei dem Zollhause aufgestellten Kanonen die Landung der Franzosen hinderten und sie nachher aus dem endlich von ihnen besetzten Dorfe Sinsheim wieder herauswarfen, auch das Schlagen einer Brücke durch ihr Geschütz unmöglich machten, bis jene endlich weiter unterwärts dennoch eine Brücke zu Stande brachten und in dem Rench- und Kinzigthale vordrangen. Oberwärts Sinsheim ging Moreau im J. 1800 über den Rhein, der hier nur 360 F. breit ist, aber auf dem jenseitigen Ufer sumpfige Wiesen hat, wegen deren man die Brücke am Land hinbauen mußte, um über eine Sandbank nach dem trockenen Boden zu kommen. Der Übergang der Verbündeten über den Rhein im J. 1814 fand nur geringen Widerstand, obgleich die russ. Brücke bei der Pfalz einmal vom Wasser fortgeführt ward.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Der Rhein bei Strabon

Bei Strabon finden sich mehrere Stellen über den Rhein, der „parallel zu den Pyrenäen“ verläuft, eine weiträumige Denkweise aus der Zeit um die  christlichen Nullerjahre. Unter der Überschrift „Lugdunum et les peuples du Rhin“, finden sich, für Rheinsein von Roland Bergère aufgespürt, u.a. folgende Zeilen:

“… pour le Rhin, il forme également dans son cours, et de vastes marais, et un grand lac qui marque la limite extrême des possessions des Rhoetiens et des Vindoliciens, peuples établis en partie dans les Alpes, en partie au-dessus des Alpes. Asinius affirme que la longueur du cours du Rhin est de 6000 stades; cependant il n’en est rien. Mettons en effet que ce fleuve puisse avoir en ligne droite un peu plus de la moitié de cette longueur; assurément ce sera assez d’ajouter mille stades pour les sinuosités qu’il décrit. On sait quelle est sa rapidité, bien qu’il coule dès sa sortie des montagnes dans des plaines presque sans pente, et combien il est difficile à cause de cette rapidité même d’y établir des ponts; or, je le demande, se pourrait-il qu’il conservât cette rapidité et cette force de courant, si, avec le peu de pente qu’il a, nous lui faisions décrire encore une infinité de longs détours? Asinius veut aussi que le Rhin n’ait que deux bouches, et il taxe d’ignorance ceux qui lui en prêtent davantage. Comme le Rhin, le Sequanas embrasse une certaine étendue de pays dans ses sinuosités, mais il s’en faut bien aussi que ces sinuosités aient le développement qu’on a dit. Les deux fleuves coulent du sud au nord et débouchent l’un et l’autre en face de la Bretagne, le Rhin assez près pour que de son embouchure on aperçoive distinctement le cap Cantium, extrémité orientale de l’île, le Sequanas un peu moins près : aussi est-ce dans le voisinage de l’embouchure du Rhin que le divin César établit le rendez-vous de sa flotte, quand il fut pour passer en Bretagne.“

Eine frühe Rheinlängendebatte also, bei der Strabons Kontrahent Asinius der Wahrheit näher gekommen sein dürfte. Dazu die üblichen historisch-geografischen Verschiebungen, welche bekannt wie unbekannt erscheinende Landschaften, Flüsse und Völker vollziehen, sobald ihnen nur genügend Zeit dafür gegeben.