Rheinelefant (2)

Wir haben bereits über prähistorische, leonardische und sonstige Rheinelefanten berichtet. Nun fanden wir noch mehr über die Geschichte dieses bemerkenswerten Tiers am Rhein. Der erste namentlich erwähnte Elefant auf deutschem Staatsterritorium war demnach Abul Abbas, ein Geschenk Harun al-Raschids an Karl den Großen. Abul Abbas lebte vom 20. Juli 802 an in Aachen und ertrank der Legende nach 810 bei einer Rheinüberquerung in Deutschlands Schicksalsstrom. Es dauerte bald 700 Jahre, bis 1482 erneut ein Elefant in Deutschland, und zwar in Köln, gezeigt wurde, wo er von seinem Mahout Hans Viltzhover erstochen worden sein soll. Genaueres ist auch hierzu nicht bekannt, wohl aber eine weitere Quelle, die vom Tod dieses Elefanten samt seines Führers im Ärmelkanal spricht.

Was tatsächlich aus Abul Abbas geworden ist, bemühte sich aus gegebenem Anlaß ein Periodikum namens Wochentliche Duisburgische Adresse- und Intelligentz-Zettel (Nummer 27) anno 1750 zu klären: „Es sind im Anfang dieses Jahrs von den Fischern aus der Lippe, in der Herrschaft Gartrop einige Knochen von ungeheurer Grösse gesichtet, und dem hochwohlgebohrnen Freyherrn von Gartrop, als Grundherrn des Orts überliefert worden, welche mir wegen ihrer Seltenheit zu dieser Betrachtung Anlaß geben. Ich bedaure daß diese Fischer nicht ehe den Einfall bekommen, dergleichen Knochen zur Verwahrung zu übergeben, weil sie bezeugen, daß sie seit einiger Zeit verschiedentlich grosse Stücke mit den Netzen ausgezogen, und aus Unachtsamkeit wieder weggeworfen haben. Es ist unläugbar, daß es Knochen eines Elephanten sind, wie ich nachher aus deren Beschreibung dartun werde. (…) Man pfleget, wenn dergleichen fremde Dinge gefunden werden, so gleich zu fragen, wo mag ein solcher Knochen herkommen seyn? (…)“ Der Autor kommt also sogleich auf die Sintflut als gern genannter Ursache vieler ungewöhnlicher Anschwemmsel und schließlich, präziser, auf Karl den Großen, dessen berühmter Elefant auf einem gemeinsamen Feldzug gen Friesland just bei einem Ort namens Lippa, Lippeha oder Lippenheim – „nachdem der Kayser über den Rhein gegangen“ – eines schnellen Todes gestorben und „vermuthlich“ auch dort begraben sei. Diese Stadt Lippa enttarnt der Artikel nun nach zackigen Rückschlüssen aus lateinischer Quelle als Wesel oder ein unbestimmtes Lippenheim weiter nördlich davon, weswegen „vermuthlich“ von den Fischern keine andern als Abul Abbas` Knochen aus der Lippe gezogen worden seien, Fortsetzung würde folgen. Die Fortsetzung findet aber erst hier, gut weitere 250 Jahre nach dem Artikel im Intelligentz-Zettel und 1200 Jahre nach Abul Abbasens Tod statt. Solange es niemandem Schaden zufügt, ist das Anzetteln von Spekulationen nicht nur nicht verwerflich, sondern des Artiklers hartes Brot. Falls beim aktuellen Restniedrigwasser also statt Einkaufswagen- und Mopedskeletten auch Elefanten- nah bei Menschenknochen aus dem Rhein gezogen werden sollten, könnte man ja die Geschichte von Hans Viltzhover nochmal aufrollen. Wer wüßte sonst, wo der abgeblieben ist?

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)