ein Schreck der Thierwelt

“(…) Leise, stets lauernd, mit schiefem, scharfem Blick, halb furchtsam und halb tölpisch durchforscht der alte Mörder, den sein hagerer, knochiger Bau, sein schleichender, unentschlossener Gang charakterisiren, gegen den Wind das Dickicht des Hochwaldes, und hinterläßt eine Fährte, die der eines großen Hundes ähnlich, aber länger, breiter und gewöhnlich schnurgerade ist. Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt, der sich naht. Mit hängendem Schwanze lauert er auf die spärliche Beute, beschleicht ein Hasel- oder Steinhühnchen, paßt den Ratten, Wieseln und Mäusen auf und schlingt auch eine Eidechse, eine Kröte, einen Grasfrosch, oder selbst eine Blindschleiche oder Ringelnatter hinunter, wenn ihm bessere Jagd abgeht. Größere Thiere verfolgt er laufend, bis sie müde sind, was die Katzenarten nie thun. Doch verscheucht er durch seinen Gestank und sein tölpisches Wesen oft alles Gethier (er ist bei weitem nicht so vorsichtig und elegant in seinem Auftreten wie der klügere Fuchs) und lungert beinmager, elend und verkommen viele Nächte lang durch die menschenleeren Felsenödungen. Im Winter vermehrt die Kälte seinen ohnehin fast unersättlichen Heißhunger; doch ist dann die Jagd besser, die Fährte sicherer. Er überrascht den weißen Alpenhasen und selbst den vorsichtigen Fuchs; aber immer hungrig und gierig schleicht er mit seinen schiefen, funkelnden Augen, die kurzen, spitzen Ohren stets aufgerichtet, den fuchsartigen Kopf lauernd nach allen Seiten hin wendend und den Hinterkörper einziehend, als ob er lendenlahm wäre, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald und heult in den kalten, frostklirrenden Winternächten schauerlich durch die in Schnee begrabenen Hochweiden. Dann dehnt er seine Jagd nicht nur stundenweit aus, sondern geht durch ganze Alpenzüge, vom Engadin durch die berner und walliser Alpen bis in die offenen Ebenen des Waadtlandes oder vom Wasgau den Rhein hinan und die ganze Jurakette entlang, ein Schrecken für Mensch und Thier. (…)

Vor dem Beginn unsers Jahrhunderts war die Auffindung einer Wolfsspur das Signal zum Aufbruch ganzer Gemeinden, und die Chronik erzählt: „Wiebald man einen Wolf gewar wird, schlecht man Sturm über ihn: alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umbracht oder vertriben ist.“ Letzteres geschah bei solchem „gemeinen Gejägt“ denn auch häufiger als ersteres, da die Wölfe, besonders wenn sie starke Beute gemacht haben, als ahnten sie die nothwendig eintretende Verfolgung, rasch das Revier verlassen. Man bediente sich großer Netze, „Wolfsgarne“, die der Reisende noch jetzt in den Leberbergischen Dörfern und auf dem Rathhause zu Davos sieht, wo bis in die neueste Zeit noch mehr als dreißig Wolfsköpfe und Wolfsrachen unter dem Vordache herausgrinzten und ihm wol deutlich genug erzählten, wie furchtbar häufig diese Bestien in jenen Gebirgen hausten. Gar kalte Winter, die alle Alpenthiere den Thälern zutreiben, zwangen die Wölfe oft, sich bis an die größern Städte hinanzuwagen, und wir lesen in den Chroniken oft genug, wie im sechzehnten Jahrhundert und bis in die neuere Zeit diese Tiere selbst bei Zürich und Schaffhausen Menschen und Tiere zerrissen, die Schindanger aufsuchten und die Hunde an der Kette erwürgten. (…)

Das Graben von Wolfsgruben ist auch bei uns in frühern Zeiten gebräuchlich gewesen und Vater Geßner erzählt, daß ein Jäger Gobler in einer solchen einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe, nämlich einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen jedes aus Furcht vor dem andern die ganze Nacht sich nicht gerührt habe. (…)

Menschen hat er im letzten Jahrhundert in der Schweiz kaum angegriffen; er flieht sie vielmehr und ist sehr feige, wenn ihn nicht der bittere Hunger halb rasend macht oder schwere Verwundung zur Nothwehr reizt. So wurde ein Herr v. Marca aus Misox, als er an einem Winterabend aus der Hauthür trat, plötzlich von einem hungrigen Wolfe überfallen. Mit einem Faustschlage streckte ihn der kaltblütige, baumstarke Mann todt zu Boden. Dann nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn seiner Frau, die ihn eben erzürnt hatte, in der Stube vor die Füße. (…)

In der Reihe der thierischen Individualitäten nimmt er eine sehr tiefe Stufe ein; selbst unter den Raubtieren ist er eines der widerwärtigsten. Mit dem reißendsten wetteifert er an Heißhunger, der selbst dem schlechtesten Aase gierig nachstellt, an Tücke, Perfidie, während er dabei keine Spur vom Edelmuth des Löwen, von der frischen Tapferkeit des Eisbären, vom Humor des Landbären, von der Anhänglichkeit des Hundes hat. Tölpischer als der Fuchs, dabei aber tückisch und höchst mistrauisch, ist er tollkühn ohne Schlauheit, in seinem ganzen Wesen ohne alle Schönheit und wol überhaupt eine der häßlichsten Thiernaturen. Mit dem Hunde hat er nur körperliche Aehnlichkeit; man kann nicht sagen, er sei der wilde Hund, der Hund im Urzustande; er ist vielmehr der durch und durch verdorbene Hund, das Zerrbild des Hundes, das alle übeln Seiten der Hundenatur an sich trägt, aber nichts von den guten, sodaß er hierin, da die Natur sonst nicht so häufig in Zerrbildern zeichnet, eine wirklich interessante Erscheinung bildet. (…)”

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

ein galoppirendes, oft dämonisches Leben

Wer im Frühling die Alpen besucht und sieht, wie von allen Schneefeldern, über alle Felsen, aus jeder Bergfurche kleinere oder größere Bächlein niederströmen, wird sich einen Begriff von der unendlichen Wassermasse bilden, die aus dem ganzen, gewaltigen Alpengebiete in das Tiefland geht und dort so vielfach zur Bedingung der Fruchtbarkeit und des Verkehres wird. Am mächtigsten ist aber der Wasserabgang zu Zeit der heißen Fönwinde und warmen Regenniederschläge. Ueberall entstehen dann neue Wasseradern; kleine Kieselbäche werden zu trüben, tobenden Strömen; die Abtropfbretter der Gletscher sind von hundert sprudelnden Rinnsalen durchzogen. Der heiße Wind des Südens, der die Thier- und Menschenwelt lähmt, erweckt in der Pflanzen- und Wasserwelt ein galoppirendes, oft dämonisches Leben. Wie viel Millionen Eimer Wassers das Rheinbett jede Minute aus den Hochgebirgen entführt, mag man ahnen, wenn man sich erinnert, daß zur Zeit der Schneeschmelze das dreiunddreißig Quadratstunden haltende Bodenseebecken 8-10 Fuß steigt, im Jahr 1770 aber um 20-24 Fuß sich gehoben hat. Bei manchen Strömen ist es schwer, die eigentliche Quelle anzugeben; ja diese eigentliche Quelle ist da blos illusorisch, wo mehrere Bäche von ungefähr gleicher Stärke zusammentreffen und nicht Eine Bachader als Stamm des Flusses sich heraushebt. So entsteht z. B. der Vorderrhein aus mehrern Bächen, von denen jeder „Rhein“ mit einer Localbezeichnung heißt. Die Quellen dieses berühmten 190 Meilen langen Stromes, der auf seinem Laufe 12,283 Flüsse und Bäche aufnimmt, liegen alle in der Alpenregion, die des Vorderrheins im Tomasee (7240′ ü. M.) und Krispalt (6710′ ü. M.), des Mittelrheines im Scursee (6670′ ü. M.), des Hinterrheines am Rheinwaldgletscher (5760′ ü. M.). Dabei gilt der Grundsatz, daß den eigentlichen Quellbächen stets vor den bloßen Gletscherabflüssen der Vorzug gegeben wird. Die drei Quellenbäche der Rhone empfangen vom Rhonegletscher zwei Eisabflüsse, die wol mit zwanzigmal reichern Massen aus den Eishöhlen hervorsprudeln, und doch haben nicht diese den Namen der Rhonequellen und verdienen auch nicht, da sie nicht eigentliche Quellwasser sind. Damit stimmt ganz die Verachtung zusammen, welche so häufig die Alpenbewohner gegen die „wilden“ Gletscherwasser bezeugen, und ihre Verehrung vor den „lebendigen“ Quellen. Und doch haben manche Ströme nur solche gering angesehene Gletscherquellen; so wird gerade die Aare durch die starken Bäche des Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletschers gebildet, die bei ihrer Vereinigung 6270′ ü. M. liegen. Der einzige Bach, der lange durch die Alpenzone strömt und in ihr zum Flusse wird, ist der Inn; doch auch die Aare gewinnt rasch eine bedeutende Stärke durch die Zuflüsse aus allen den finstern Eisthälern, die sie in wildem, tobenden Gange durchströmt; dann geht sie ruhig durch das trostlos öde Aarbodenthal unter dem Grimselhospize weg, einer engen Schlucht zu, durch die sie von Stufe zu Stufe fällt und dem Röterisboden (4880′ ü. M.) entgegeneilt, bis sie oberhalb der Handecksennhütte einen hübschen Fall, unterhalb derselben aber (4260′ ü. M.) mit dem Aarlenbach zwischen den Granitfelsen in einen hundert Fuß tiefen Abgrund stürzend, den berühmten Handeckfall bildet, den einzigen großen Wasserfall der Alpenregion.

„Da ragen zwei mächtige Felsenkolosse
So dicht aneinander aus gähnendem Schlund;
Die Häupter bekränzet der Tannen Gesprosse,
Die Füße verbirgt der umnachtete Grund.

Und vor mir, hinab in die schaurige Hölle,
Ergießt sich der breite, gewaltige Fluß!
Wie zischen die Schäume, wie fliegt das Gerölle,
Wie stürmen die Wogen mit donnerndem Schuß!

Und siehe von grünender Höhe zur Linken,
Da rauschet der Arle zerstäubender Bach,
In schäumenden Güssen, mit silbernem Blinken,
Hinab in die Schlucht, in die klaffende, jach.“

Kurz nach diesem köstlichen Salto mortale tritt sie aus der Alpenregion hinaus. Die übrigen Wasserfälle der letzern sind nicht besonders wasserreich, da sie den Quellen zu nahe liegen, dafür aber sehr zahlreich und oft außerordentlich kühn. In allen höhern Revieren sieht man diese schwankenden Schaumfäden an den Felsen hängen, oder hört die jungen Bäche über die großen Felsenstufen ihrer Schluchten hinunterkommen; die Zahl der kleinern Wasserfälle unsers Alpengürtels übersteigt wol tausend.

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)