Der zugefrorene Rhein Ende der Zwanziger

Daß der Rhein zufriert, ist aufgrund des Klimawandels und die Wassertemperatur erhöhender Industrieeinleitungen auf mittlere Sicht kaum vorstellbar. Historische Berichte über zugefrorene Rheinabschnitte reichen mehrere hundert Jahre zurück. Bald 90 Jahre alt sind die Fotos, die den zugefrorenen Fluß vor den Kulissen des Mittelrheintals zeigen. Sie stammen aus der Sammlung von Friedrich Paff, der sie auch mit Anmerkungen versehen hat.

paff_bacharach_eis_klBacharach

paff_kaub_eis_klKaub

paff_loreley_eis_klLoreley

paff_oberwesel_eis_klOberwesel

Köln-Gedicht von Friedrich G. Paff

Köln

Brücke, Dom und Tanzbrunnen
Rheinsein, Pumpwerk, Gürzenich
Bastei und Altstadt
Ring und Eigelstein

ein halwer Hahn
sucht seine Flügel

und in dem hohen Dom
da ankert tief

ein Mosaik
aus Strom und Stille

(Ein Gedicht über Köln, in das die Wortschöpfung für diesen Blog Aufnahme fand, schickt Friedrich G. Paff. rheinsein dankt!)

rasen die Städte

In grausiger Nacht
kommt Hagen
geritten
mit dem Zwerg
auf dem Rücken
im Nachen
den Schatz
den er versenkt
tief hier in
Wirbel und Ley
heute ist Rheingold
Zug da Express
der rast durch die Felsen
ohne zu halten
Mythos
ein Flimmern
zwischen
den Bildern
Leere nur, Sausen
rasen die Städte
vorbei
wie auf der Leinwand
die Bilder

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff. Das titellose Gedicht stammt aus seinem Zyklus Rheingold. rheinsein dankt!)

Das blinde Auge des Rheins

Am Ufer der Poesie
ein blinder Mann
er treibt die Eichen
durch die Strömung
er sieht durch Fels
die Silben all
er spricht den Segen
über Sand und Stein
er flechtet Sterne
in die Kiesel
er gibt den Glanz
auf Treibholz,
Blech und Scherben
er spricht mit Bergen
wie mit Versen
ganz aus Luft
auf seinen Fingerkuppen
tanzen alle Burgen
und wie ein steinern Herz
die Pfalz ihm ist im Rhein
durch Schatten geht er
durch die Sagen all
und bunte Bänder
tanzen da in seinem Haar
das wellengleich sich
strömt und fließt dahin
im Kahn da lacht er
aus Eibenholz die Ruderblätter sind
er fängt den Mond in Netzen noch
und holt zu Ufern uns
die sind aus Traum und Schlick
doch nichts versandet,
nichts vergilbt, taghell ist
alles leuchtend klar
die Tore sind geöffnet
zu Städten die aus
Mauern hoch noch sind
doch von den Türmen
blitzt der Schiefer
spiegelnd ganz die Sonne
ein Feuer sind wir
das in einer Nische wacht
und Reben schlingen sich
um Pfade eng die
pilgern zu Kapellen
ein Stern er badet
in dem alten Kloster noch
die Schlangen zischen
durch die alten Synagogen
und in Ruinen blüht
der Goldlack paradiesesgleich
am Ufer treideln sich die Weiden
ganz im Wind, die Brombeerhecken
glühen dornig schwarz im Frost, das Eis,
es staut der Fluß sich nicht mehr
zugefroren Schicht für Schicht da
hochgezackt in Eisessplitter,
die Vögel nisten in den Höhlen,
der Blinde greift nach einem Stab,
der weiß Gesang ist
Quarzader ganz
die hell den schwarzen Fels
durchreißt, durchschlägt
die Quelle sind wir alle
tief verborgen in der
Ferne ganz des Stroms
die Segel die wir setzen
sind aus dem Tuch des Schweigens
das gleitet floßgleich durch die Klippen hin
Gesang, Gesang, es zackt der Fels
Gesang sich noch von allen Felsenriffen
die der Strom durcheilt
die Brandung reibt und wäscht da glatt
der Fels er widersteht
doch weggesprengt hörst du
dies Lied nicht mehr
der tosend wirbelnd weißen Gischt
der Strömung und des Widerstands
die beides ganz ein Atem ist
der Blinde greift nach einem harten Kiesel
zuvor sein Haar von Efeu ganz umkränzt
ein Feuerhaar in seinem Bart
umzingelt schlangengleich sein Glas voll Wein
er trinkt und wirft sein Herz
tief in die Flut unsterblich kieselgleich

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff und exklusive Textprobe aus seinem Langgedicht “Das blinde Auge des Rheins”. rheinsein dankt!)

In weißen Schiffen

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In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)