Rheinischer Rebell

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln hatte uns vor geraumer Zeit eingeladen zur Kabinettsausstellung „Ein rheinischer Rebell. Wolfgang Müller aus Königswinter“ in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Der Einladung konnten wir erst heute, am letzten Tag der Ausstellung folgen. Zur Anreise entschieden wir uns ganz gegen alle Gewohnheit für die Stadtbahn: eine gute Entscheidung, denn nebst dem beinahe schon literarischen Anblick eines aus der Zwerghundhochburg Weidenpesch zugestiegenen Yorkshireterriers, der mit seiner unverhältnismäßig langen Zunge unablässig die dünne Wagenluft aufleckte, kamen wir in kurzer Fahrtzeit auch in den Genuß diverser Privatgespräche („hisch`schwööre wennhischdensehe kritterjleisch nehohrfeije“), proklamativ memorierter Telefonnummern und den heftigen Ausfall eines mittäglich Schwerbetrunkenen, welcher sich zunächst wilde Kampfszenen mit einer Automatiktür der Bahn lieferte, bevor er den zahlreichen staunenden Anwesenden zurief, sie mögen ihn doch alle am Arsch lecken. Wie sehr der private und der öffentliche Raum sich heuer durchdringen zeigten insbesondere die Displays einiger Smartfones, welche sich den Fingerübungen ihrer Besitzer entzogen und eigenständig Informationen verbreiteten, welche den ein oder anderen empfindlicheren Passagier erröten ließen. Ferner beobachteten wir etliche Gestalten, die für zwei Stationen ihre Fahrräder in die Bahn schleppten, ein Massenfänomen mit schwer durchschaubarer Motivation. Wir hätten gerne noch mehr modernen Alltag gesehen, doch die Ausstellung rief, sie war nurmehr wenige Stunden verfügbar.

Die Ausstellung entpuppte sich, wie das in Bibliotheken so üblich ist, als Vitrinenausstellung. Ein vitrinierter Rebell also, dieser Wolfgang Müller. Anbetrachts der auf den ersten Blick gefühlten fünf (auf den zweiten Blick/in Wirklichkeit aber mindestens doppelt bis dreifach sovielen) Exponate war Müllers Rebellentum zunächst kaum faßbar: handelte es sich doch um Bücher mit anheimelnden Titeln wie Bruderschaftslieder eines rheinischen Poeten, Rheinfahrt, Mein Herz ist am Rheine, Erzählungen eines rheinischen Chronisten oder auch Lahnfahrt. Etwas rebellischer schon der Titel: Höllenfahrt von Heinrich Heine, schwer einschätzbar Müllers Ehrenmitgliedschaft im Bonner Maikäferbund, mäßig rebellisch einige Gedichtdrucke Herbstfeier (mit viel Rhein/Wein-Gereime), Der Mönch von Heisterbach und ein Text über den sagenhaft volksfreundlichen Kölner Bürgermeister Hermann Gryn, der einen ausgehungerten Löwen (und mit diesem den Klerus) in die Schranken wies, doch schließlich vollends Müllers Rebellentum hervorkehrend ein Zitat von Friedrich Engels: „Es wurden auch einige kommunistische Gedichte des Herrn Dr. Müller aus Düsseldorf vorgelesen“, zu finden angeblich in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 2, Berlin 1990, auf Seite 517. Die Ausstellung hat vor wenigen Minuten geschlossen, wir bemühen uns jedoch darum,  den ein oder andern Müllertext hier einzustellen.