Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz

Rheinfall,
1) ein Fall in dem Rheinstrome, ein Ort, wo sich derselbe in seinem Laufe von einem höheren Orte herunter stürzet, dergleichen Fälle derselbe in der Schweitz mehrere hat, von denen aber der bey Schaffhausen vorzüglich merkwürdig ist, und uns weiterhin noch etwas beschäftigen wird.
2) Ein sehr angenehmer und gesunder Wein, welcher in dem Rheinthale in Graubünden wächst, und auch Velteliner genannt wird, und der eigentlich Rheinvall, von dem Lat. Vallis, Thal, geschrieben werden sollte. — In Friaul, unweit des Schlosses Proseck, wächst ein Wein, welchen man gleichfalls Rheinfall nennt, vielleicht, weil er dem in Graubünden ähnlich ist. Er wird auch Prosecker Wein genannt. Bey den Griechen hieß er Pyctanon, und bey den Römern Vinum Pucinum. Die Alten schätzten ihn sehr hoch, und Julia, August’ s Gemahlinn, schrieb ihm ihr hohes Alter von 82 Jahren zu.

Was den vorhin erwähnten Fall des Rheins bey Schaffhausen betrifft, so verdient dieser große Naturgegenstand, der schon so viele Reisende mit Staunen erfüllt hat, daß wir ihm noch einige Aufmerksamkeit schenken. Meiners hat ihn in seinen Briefen über die Schweitz musterhaft geschildert. „Nachdem wir die berühmte Brücke über den Rhein, die vornehmsten Straßen der Stadt, und die Stadt selbst von der Anhöhe, wo vormahls eine Burg stand, besehen hatten, sagt er, fuhren wir nach dem Rheinfalle, um ihn von der Zürcher Seite zu betrachten. Als wir bey dem Schlosse Laufen ankamen, und auf die erste Laube geführt wurden, wo man dieses Schauspiel der Natur übersieht, erstaunten wir, nicht über die Größe der Erscheinung, sondern darüber, daß sie so weit unter unserer Erwartung war. Wir sahen Ströme von weißem, schäumendem Wasser queer durchs ganze Bett des Flusses herabfallen, und hörten ein heftiges Getöse; allein weder Augen noch Ohren wurden so überrascht, daß wir nicht einen heimlichen Unwillen gegen diejenigen hätten empfinden sollen, die so viele Erwartungen von dem, was wir vor uns sahen, rege gemacht hatten.”

„Als wir aber an dem steilen Ufer des Rheins auf den kleinen hölzernen Treppen zu der Brücke oder hölzernen Gallerie hinabstiegen, die an den Rand, und man kann sagen, in den Katarakt selbst, hineingebaut ist, da hörten und sahen wir Dinge, die unsre Ohren nie gehört, unsre Augen nie gesehen hatten, die keine menschliche Zunge auszusprechen, keine Kunst darzustellen vermag, die endlich solche Empfindungen hervorbringen, von denen man in Lesern oder Hörern nicht einmahl Annäherungen erwecken kann.”

„Ungeachtet wir alle Augenblicke, besonders wenn ein Windstoß die Dünste auf uns zutrieb, mit ganzen Wolken von feinem Staubregen bedeckt wurden; ungeachtet der Boden, auf welchem wir standen, auf eine so furchtbare Art zitterte, als wenn er von heftigen Erdbeben erschüttert würde; ungeachtet wir stets in Gefahr waren, von einem Gewitterschauer überfallen zu werden: so konnte ich mich doch nicht eher losreißen, als bis ich alles genossen und gleichsam erschöpft hatte. In den ersten Augenblicken standen wir voll stummen, anbetenden Erstaunens da, und in der Folge konnten wir uns unsre Bewunderung nur durch Geberden, Mienen und Blicke zu verstehen geben, weil Worte und Geschrei selbst vor dem Donnern des Wasserfalls nicht würden gehört worden seyn.”

„Als ich mich nachgerade von dem ersten betäubenden, nahe an Entsetzen gränzenden, Erstaunen erhohlte, und das, was ich sah und hörte, und die in mir vorgehenden Bewegungen unterscheiden konnte, versuchte ich es, von dem erhabenen Schauspiele, was mich so tief gerührt hatte, gleichsam eine schwache Zeichnung in Worten zu entwerfen, weil ich fühlte, daß, wenn ich es nicht gleich auf der Stelle thäte, ich eine Stunde nachher nicht den hundertsten Theil von dem, was ich jetzt mit meinen Sinnen wahrnahm, mit meiner Phantasie wieder erreichen würde. Allein ich unterlag bald diesem ersten Versuche und fand, daß die Kunst ihre eigenen Werke und auch die schönen Werke der Natur nachahmen könne, daß es ihr aber unmöglich sey, erhabene Gegenstände und Scenen in Worten oder andern Zeichen treu darzustellen, und dasjenige nur einigermaßen auszudrücken, was den Rheinfall zu einer der größten Erscheinungen in der Natur macht. Denn gerade die, eine jede andre sichtbare Bewegung und selbst die Schnelligkeit unsrer Gedanken, übersteigende Geschwindigkeit, womit man unaufhörlich Wellen über Wellen herstürzen sieht, als wenn sie von der Hand des Allmächtigen herabgeschleudert würden, ferner die unglaubliche Kraft, womit diese Wellen die, aus ihrem, schon Jahrtausende geschlagenen, Bett hervorragenden Felsen zersprengen, und sich selbst zernichten zu wollen scheinen; dann die unendliche Mannigfaltigkeit von ganz neuen Tönen, Getösen und Gestalten, womit die Wellen in sich selbst hinein und wieder herausstrudeln; gerade dieses, was am meisten Bewunderung und Erstaunen hervorbringt, läßt sich weder durch Worte, noch durch Zeichnungen, und durch diese noch weniger, als durch jene, ausdrücken. Zwar ist kein Mensch im Stande, in Worten die Größe dessen, was er gesehen hat, nach Würden zu beschreiben; allein man kann doch bemerken, was man nicht auszudrücken vermag, und einigermaßen andeuten, was man dabey empfunden hat. Dieß alles kann der Mahler und Zeichner nicht, und es bleibt ihm weiter nichts übrig, als die umliegende Gegend des Rheinfalls, die Formen der Felsen, von und an welchen der Rhein herabstürtzt, die Gestalt und Farbe der Wellen u. s. w., also nur das, was da seyn könnte, ohne den Rheinfall zu einem so seltenen Phänomen zu machen, in einem verstümmelnden oder doch bis zur Unkenntlichkeit verkleinernden Bilde darzustellen. Auch die glücklichsten Zeichnungen liefern demjenigen, der nicht eben das beobachtete, was der Künstler beobachtet hat, keine treue Darstellung des hinreißenden Schauspiels, sondern nur einen schwachen Schattenriß, der höchstens dazu dienen kann, das, was man vormahls sah, von Zeit zu Zeit aufzufrischen und zu erneuern.” –

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)