Freiburger Notizen (5)

Und auch heut wieder nicht aus der Stadt hinaus – sondern nur bis an die Grenzen des Menschen. Ich, Cyborg!? wird in Freiburg gegeben, dazu Vortäge und Podium, letztere bestenfalls mäßig erhellend, dafür mit umso mehr Blabla inszeniert. Professionalität in diesem Sinne heißt: möglichst freisprechend unter Wortgeföhne ein Problem einzuengen und beim Vorstellen etwaiger Lösungen sich rauszuhalten, da diese a) nicht budgetiert waren und b) ohnehin jeder für sich selbst finden muß. In diesem Falle beim ungeheuer drängenden, da überaus zeitgemäßen und dennoch der Öffentlichkeit viel zu wenig bewußten Thema „Selbstentfremdung durch Technisierung“, auf daß (nicht nur, aber besonders) die Künstler sich zu stürzen hätten. Dawn of the Mensch vs The rising of the Brillenschlange. In einer durch und durch akademischen, wohlstandskompostierenden, linksbürgerlichen Stadt vermutlich Tagesgeschäft: der kluge Satz zur Matinée, das schäbige Jackett als ultimativer Schick, das allgemeine Lauern auf ein Geschehnis feiert seinen 41. Geburtstag. Meldungen, die unterschiedlich aufregen: daß es nun endlich möglich sei, Käfer fernzusteuern, ihnen Laufrichtungen aufzuzwingen; die angestrebte Alfabetisierung der Käferwelt jedoch scheint weiterhin utopisch. Sprachlicher Höhepunkt der Vorträge: die akustische Inanführungszeichensetzung des Menschen erreicht bei Mathias Gutmann onomatopoetische Ausmaße, zu denen nurmehr Wissenschaftler (als ausgewiesene Avantgarde unter den zeitgenössischen Kulturtechnikern) fähig scheinen: tüttel Mensch tüttel, wobei „tüttel“ sowohl Anführungs- als auch Schlußzeichen stellvertritt. Der gebildete Ökomichel schüttelt dazu sein schütter wallendes Haar und karlmarxt (frei in Gedanken) durch sein ewig revolutionäres, dabei stets korrektes, zumindest an eingeschliffenen Korrektheiten wie etwa maximaler Privathaushalt-Mülltrennung orientiertes, Dasein. (Vielleicht morgen doch mal wieder aus der Stadt hinaus, an den puren Fluß, und den Menschen Mensch sein lassen.)

Anna Dreisam

Tausend Meilen geradeaus. Dortnah, wo Rettung harrt. Vorbei an ruckhafter Welt. (Das ferne, aber beständige, dadurch unterschwellig vorhandene Rattern der Spielstände im Wettbüro.) Tulla, tulla, tullalah aufn Lippen: geducktes und gestrecktes Graureiherensemble, skulptural. Anhebendes Verkehrsrauschen. Beeren platzen, Laub, das fällt. Staren zetern in den Schrebern. Rektifiziertes Flutgemurmel. Treppab, treppab, plätscherts, der Rettung entgegen. Freiburg fährt Rad. Zwischen Bundesstraße und Autobahn. Vergreiste Studentenvisagen, baskenbemützt, „obbedruff stehts Zipfele“ (die „Heinrich Böll-Klitoris“ (Bdolf)). Unvermittelt aus betongefaßtem Loch, stadtherwärts: Schwall Maggiwürze. Singen soll. Singen soll total danach riechen. Einer schreit, nah am Wahn: „bin noch mit Rücktritt aufgewachsen! Glotz net so! Am Fahrrad der Rücktritt, du Laus!“ (Könnese des Würschtle bitte grad zsammelege?) Aus blau schillernden Fenstern dringt Punkrock, hocken sie bei Spieleabenden über Sigillenmagie, picheln ordentlich was weg. Obstlermuff. Aus dem Mond schwirren eiernde Lebensräder, über die geflochten unsre Ahnen dunkel käuzchenrufen. Aufs Trottoir hinschlagende Damen („ich hab mein Traumgwicht längscht überschritte, 80 Kilo, un jedes Pfund hett Geld koschtet“). Machen sich nicht verrückt. Das Alter. In den stillgelegten Erdbeerfeldern huscht (?) was (?), bläht (?), pudelführend stöckelt sie einher in Leopardenfellimitat, raucht schlanke Ladyzarette: die Vorgabe für den Satz: „so Typen finsse echt in jeder deutschen Drissstadt, eh, guck dich domma um!“ Gelehrtengrafito: Mein Name sei Unterbrücken. Tauben. (Glossiert: Du wünschst, Du hießest Tauben, wärest gern derer ein Schwarm? Nein! Allein solche Wünsche haben zu wollen, ist bei Dir nichts als linksakademische Verblendung. Dein Penner.) Ausm blau schillernden Flüßchen dringt Psycho-TV. Hallo, Herr Lang, hasch du mal en Moment, dann mach ichs Beutele. Und wenn er den Moment nicht hat, der Herr Lang? Keine Frage: machen sie sich nicht verrückt. Gilts halt, den Momenthaufen wegzuschippen. Es gibt selbst im Alter immer noch so viel Lebensqualität zu genießen. Ausm blau schillernden Mond dringt eine wohlbekannte Melodie. Die Birnen hangen tief über der Grasnarbe. Guak, tunkt Ente ihrn vorlauten Schnabel ins heilignüchterne Wasser. Im Garten hat sich ein Werwolf vergraben, gleich unter der Petunienschaukel.

Freiburger Notizen (4)

Der Freiburger ist ein akademischer Schlag, Arbeiter in der Minderheit bis Fehlanzeige – oder eben aufgrund ihrer in solch hochgelahrter Stadt auch für sie abgefallenen Bildung so gut getarnt, daß sie nicht für welche ihres Standes durchgehen. Gelegentliche Inselchen aus Lumpenproletariat, hier mischt sich Kanaksprak aufs schschsste mit dem Regiolekt. Die Stadt ist für den geringen Platz, den sie bietet, stark bevölkert, das ergibt die sogenannte „Freiburger Kuscheligkeit“. Der Freiburger betet die Lebensqualität seines Städtchens mantraartig vor sich her, praktiziert neben Fahrradmeditation regelmäßig angewandte Besonnen- und Entspanntheit, das wirkt tempodrosselnd und schont die Gesichtshaut. Er neigt zu extensiven, aber höflichen Erklärungen, auch zu ständigen und akkuraten Ermahnungen beim Übertreten der zahllosen städtischen Verbote, was gut ist, da sich ein einzelner Mensch diese garnicht alle merken kann. Die Zugezogenen assimilieren sich schnell, dh, sie übernehmen den südbadischen Tonfall, reden dreimal täglich über Mülltrennung und führen bevorzugt ökologisch-energiebewußte Gespräche. Die Straßen sind in Freiburg eng, die Gänge in den Supermärkten enger, aber am engsten ist der Wendeltreppenstieg auf den Münsterturm. Um Freiburg herum schweben ja immer die herrlichsten Ausnahmelandschaften. Manche Familien steigen aber einzig wegen der Münsterglocken empor. Vom Aufstieg wird einem schon schwindlig, aber wenn dann im gotischen Turmwunder auch noch die uralten mächtigen Glocken geschlagen werden, ergibt das mit der Höhenlage, an Markttagen zieht sogar noch Bratwurstdunst durchs Turmgemäuer, einen satten Vollrausch. Das System der Glockenschläge indes ist kompliziert. Das Münster bietet weiters einige Fabelwesen, deren lustigstes: der Nasentrompeter. Der Markt bietet alles an Obsten und Gemüsen, inklusive schratiger Biobauern, die leuchtstoffgelbe Zucchini und das Eiszäpfle sind zwei lokale Gemüsesorten, die Himbeeren himmen, der Schwarzwälder bringt sein Schnitzwerk, der Franzose seine gefenchelten, gewalnußten und calvadosierten Wildschweinwürste, das Bobbele wandelt leicht- und lichtgeschürzt zwischen den Karlmarxen, barocke Himmel bestrahlen die Vogesen, es ist eine fluffige Heiligkeit in allem, der Wein schillert in etikettenfreien Flaschen in den Farben akazienhonig, chartreusegrün und schwarzblut. Die meisten Dinge werden hier für Gott getan, der öfter mal incognito vorbeischaut und im Winter fährt man Ski.

Istein

Vom Kalkwerk überragt der Bahnhof in Hanglage. Am Bahnhofsausgang Eddingtionen lokaler Gangsterrapper/innen. In der Vorstadt hat ein versprengter Schalke-Fan leicht ungelenk das S04-Emblem an seine Hauswand gepinselt. Klare, individuelle Botschaften, die in der Mittagssonne bleichen. Nicht viel los, ansonsten. Am Spargelhäuschen vorbei, durch die Autobahnunterführung, schon wogen und zittern im sanften Winde die Auen. Auen, deren Trampelpfade nach einigen hundert Metern nur noch mit Machete durchdrungen werden können: übermannshohe Nessel- und Dornsträucher, gefräßige Brombeerschlingen, Wildwuchs aller Art. Schmetterlinghafte Libellen und libellenhafte Schmetterlinge in den Farben geschliffener Edelsteine, diese beim Schillern beiläufig übertreffend (Puzzleteilchen, Zuse, Dreischwänziger Schminktisch, Schotterwärmling, Gebrauchte Jungfer, Schneiderbrett, Kleiner Windrausch, Spickzettelchen, Wolkenstäuber, Blaugesprenkelter Glaspfosten, Annihilit-Maßchen, Kalanke, Trauerrand, Ominöser Fußballfalter), eine ganze Botanisiertrommel voll. Das komplette Singvogelorchester. Die Isteiner Schwellen im Hauptrhein vermitteln einen Eindruck von der mäandernden Urlandschaft, von ihren Schönheiten und Gefahren. Ins Idyll gefläzt: ein paar Sonnenbadende. Etwas nördlich der rauschenden Schwellen dann der Isteiner Klotzen, der schonmal deutlich mächtiger war und den Rhein einst aufgehalten und ins Rhônetal abgelenkt haben soll: „Größenwahn und Sieger-Hybris beider Weltkriege schändeten mit vergewaltigtem Rhein, gesprengtem todwundem Klotzen-Torso und versteppter Auenlandschaft das einst paradiesische Heimatantlitz.“ Große Worte auf einem Gedenkstein vor dem Fels samt integrierter St. Veitskapelle. Paradiesisch sieht die Ecke immer noch bzw erneut aus, den heutigen Wanderer stört lediglich der Verkehrslärm, der das 500. Naturschutzgebiet Baden-Württembergs (laut einer Verordnung des Freiburger Regierungspräsidiums vom 16. Oktober 1986) bespaßt. Am Fuße des Felsens, der auch imposante Hochwassermarken aufweist, stand vor tausend Jahren das „Kloster von unserer lieben Frouwe zu Ystein“, von dem außer einem weiteren Gedenkstein nichts mehr übrig ist. Kilometerfraß für Schusters Rappen: eine Schale Erdbeeren als zweites Frühstück, damit die Kraft des Bodens, dessen Asfaltüberzug ich abzuwandern gedenke, auf mich übergehen möge.

Freiburger Notizen (3)

Es finden sich doch noch rheinische Spuren in Freiburg: in der Fischerau, gegenüber dem Altstadt-Café, besagt eine plakettierte Inschrift “Haus zum Rheinfisch”. Dürfte ein paar Jährchen aufm Buckel haben. Viele Gehwege sind aus Rheinkieseln gelegt, die Römer haben damit begonnen, um die ewige Kopfstein-Ästhetik aufzulockern, es ist ihnen prächtig gelungen und wird als Tradition bis heute aufrecht erhalten. Vom Schloßberg schließlich die schöne Aussicht auf die Stadt und den Erdkreis, schwarzwald- und vogesengerändert, drunt im Tal dampft der ansonsten unsichtbare Rhein, dh, sein Dunst schwebt dort rum, man weiß jedenfalls auch in Freiburg: es gibt ihn.

Kaiserstuhl

Wenn der Kaiserstuhl den Rheinblick vom Freiburger Münster blockiert, vielleicht bietet er ja selbst einen? Der höchste Gipfel trägt den attraktiven Namen Totenkopf, erreichbar über ein gewisses Liliental, in dem der Wanderer sich angeblich mit Schneckensuppe stärken kann. Mit einem passenden Song der Vietnam Veterans („sweet little girl, lily of the valley“) zwischen den Synapsen stapfe ich los, durch sanft ansteigende Weinlagen, an schwer behangenen, verheißungsvoll glühenden Kirschbäumen vorbei, begleitet von dunklen rotgeränderten Faltern, während die Sonne an den Härtegraden von Kopf und Schuhsohlen feilt. Schon bald bietet sich eine feine Aussicht auf das Breisacher Münster, Vogesen und Schwarzwald, das Band des Rheines läßt sich hinter Baumreihen jedoch nur ahnen. Vor mir öffnet sich ein Hohlweg im Löß, der per äolischem Transport auf den Vulkangrund gelangt tatsächlich aus Rheinschlamm besteht, dh, der Rhein ist akut präsent, ich bewege mich durch einen Trockenfluß mit halluzinogener Lichtgestaltung und psychedelischem Vogelgezwitscher, der Bienenfresser soll diese Gegend bevölkern, die Gottesanbeterin und aus den Lößhöhlen gurrt und knurrt der Wolpertinger bzw sein Fernsehprogramm. Hin und wieder ein Weinbauer, der seine Rebstöcke streichelt und sie mit magischen Formeln bespricht. Gelegentlich Baumschatten beim selbstischen Tanz. Fernes Aufscheinen von Feen mit Mützen und zügiges Fadeout derselben. Seltsam gebaute Insekten mit noch seltsamerer Flugmethodik zu allerseltsamsten Brummlauten, friedlich gestimmt. Im Liliental plötzliches Seniorenaufkommen. Die Schneckensuppe gibt es nur im Internet. Dafür gibt es hier bereits den Wein, der rundherum noch reift und wächst. Bergab nehme ich die Straße. Auf Wasenweiler zu kirschts, beerts und obsts in gelungener Pracht, fröhliche Nixen bevölkern kleine Seerosen-Teiche, in Wiese und Gehölz verstecken sich Affen-, Helm-, Mädchen- und Brand-Knabenkraut vor dem Schwertblättrigen Waldvögelein, Wasenweiler selbst ist dafür eine typische von der Sonne erschlagene Neubausiedlung am Nachmittag.

Freiburger Notizen (2)

Der Rhein ist in Freiburg keine führende Marke, das Selbstverständnis der Stadt stützt sich trotz Rheintallage vornehmlich auf andere Begriffe als konkret rheinische. Vage Erinnerung: ein begeisterter Kirchturmtreppenstürmer und Rheinmensch vermißte einst seinen sonst überall entlang des Stroms geliebten Kirchenrheinblick vom Turm des Freiburger Münsters aus. Der sei leider vom Kaiserstuhl blockiert, notierte er.  Die Freiburger Innenstadt bietet neben vielen anderen Sehenswürdigkeiten derzeit noch einen Karstadt (inklusive Migros, dessen fein säuberlich angeordnete Lebensmittel-Verpackungen das raumgreifendste und  beeindruckendste 3d-Mosaik darstellen, das ich bis dato zu Gesicht bekommen habe), den ich kurz aus nostalgischen Gründen und nicht etwa mit Kaufabsichten betrete.  Vor dem Gebäude engagieren sich Mitarbeiter für die Konzernrettung. Wenige Meter entfernt, im Eingangsbereich des Regierungspräsidiums, findet die Ausstellung „Flusslandschaften in Südbaden“ des Malers Hans-Joachim Paul statt. Sie besteht aus rund zwanzig auf den ersten Blick eher mäßig beeindruckenden Portraits einzelner Flüßchen, die, wie etwa die hübsche Alb meiner Kindheit und Jugend, nicht zwangsläufig durch Südbaden verlaufen. Die Bilder sind, ganz zurecht, auf randseitigen Stellwänden angebracht, damit der Betrieb im Foyer des Regierungspräsidiums keine Rücksicht auf die Ausstellung nehmen muß. Der freundliche Portier stöbert mich in einer der Stellwandnischen auf, und erklärt mir sua sponte, daß es durchaus auch Sinn und Zweck der Ausstellung sei, die Bilder an mögliche Interessenten zu verkaufen. Ein weiterer (der weitere), ca 70jähriger Besucher mutmaßt daraufhin, daß sich die kaufmännische Wertsteigerung solcher Bilder über einen Zeiraum von mindestens 50 Jahren erstrecken dürfte, eine Spanne, innert der er seinen eigenen Tod für wahrscheinlich erachte – eine Überlegung, die ihn letztlich vom Kauf abhielte. Ein bodenständiges, zahlengewohntes und -gewandtes Völkchen, diese Badener. Ich schau mir alle Bilder an, einige Stellen sind mir bekannt, und erblicke einen Teil von Rheinsein, mit anderen Augen gesehen, von anderer Hand manifestiert. Dem Künstler geht es offenbar um Idyllenrettung fürs heimatliche Wohnzimmer, vielleicht auch um ein wenig Meditation. Ehrenwerte Absichten. Auf dem Rückweg in der Straßenbahn, ummantelt von einem Platzkonzert monotoner Polizeisirenen, das gelegentliche, an- und abflauende Röhren eines unsichtbaren Hirschen.

Das vornehme, ansehnliche Freiburg

Von Kriegswirren weiß Dielhelm über Freiburg zu berichten, von verwirrenden, sicherlich kriegsvorbereitenden, Friedensschlüssen und natürlich dürfen die Eckdaten (geografische Lage, Markttage, Lebensmittelmengen, adlige Leichen) nicht fehlen: “In seinem Wappen hat Freyburg einen schwarzen Vogelshalß mit einer rothen Zunge im gelben Felde. Es hält jährlich viermal Markt, das erstemal auf Petri Stuhlfeyer, das zweytemal auf den 29. Mai, das drittemal auf Matthäus, und das viertemal donnerstags vor Martini. Es liegt anbey unter dem 47. Grad 59. Minuten Latitudinis und unter dem 29. Grad 35. Minuten Longitudinis, wie auch unter dem himmlischen Zeichen der Waage. Im Jahr 1677. im höchsten Winter wurde Freyburg, ohne Zweifel durch Verrätherey ihres Commendanten, von den Franzosen eingenommen, womit es kürzlich folgender Gestalt zugegangen ist. Ob man wohl damals in der sichern Meynung stund, die Franzosen würden wegen des vielen Marschirens in dem vorhergegangenen Feldzuge und des starken Abgangs an Pferden, sehr begierig nach dem Winterquartier seyn, wie sie denn auch ihren Marsch gegen Schlettstadt und Breysach gerichtet hatten; so gingen sie doch den 9. Nov. alten Calenders ohnversehens allda über den Rhein und gerad vor Freyburg, welche vornehme und feste Stadt sie so plötzlich belagerten, daß mit vieler Mühe nur noch ein Trompeter herausgekommen ist, und solchen Ueberfall berichten können. Das Schiessen währete bis 5. Tage, da es endlich stille wurde. Des folgenden Tages ging es aber desto grausamer mit unterlaufendem Sturm wieder an, und währete biß in die Nacht; da denn ein kurzer Stillstand gemacht wurde, die Todten zu begraben, immassen die Franzosen bereits einen ziemlichen Verlust an vielen hohen Officieren davon erlitten hatten, worunter der Marquis de Bois David, der Generalfeldzeugmeister, 2. Obersten, 2. Obristlieutenants und 16. Hauptleute waren. Wie denn auch ein Obristlieutenant samt noch 20. Wägen Verwundeter nach Breysach gebracht wurde. Ohngeachtet aber der anfänglich guten Gegenwehr, und des im Marsch begriffenen Beystandes wurde den 16. selbigen Monats nicht allein diese schöne und mit allen Nothwendigkeiten versehene Stadt, sondern auch dasiges Schloß an die Franzosen übergeben, woraus die Besatzung 2500. Mann zu Fuß und Pferd stark, mit Ober= und Untergewehr, mit fliegenden Fahnen, 6. Rüstwagen und 2. Stücken Geschütz, nach Rheinfelden abzog. Es befand sich damals in dieser Stadt und Festung ein überaus grosser Schatz, sowohl an solchen Gütern, die den Einwohnern eigenthümlich zugehörten, als auch an solchen, die man dahin in Sicherheit gebracht hatte; desgleichen ein ansehnlicher Vorrath an Proviant und Lebensmitteln, insonderheit aber über 50000. Malter Korn, und über 33000. Fuder Wein. Im nimwegischen Frieden wurde sie dem Könige in Frankreich zugesprochen, welcher sodann Stadt und Schloß vortreflich befestigen lies. Hierauf wurde die österreichische Regierung nach Waldshut verlegt, und die Universität nach Costnitz an den Bodensee gebracht; Als aber in den Präliminartractaten des ryßwickischen Friedensschlusses, auf Vermittelung und Gutbefinden des Königs Carls des XI. in Schweden, schon war ausgemacht worden, daß die Stadt Straßburg mit ihrer Zugehör dem Reich wieder solte heraus gegeben werden; so wußte es Frankreich doch dahin zu treiben, daß man für gedachte vornehme, ansehnliche Stadt und Vormauer des deutschen Reichs, wie Strasburg war, dieses Freyburg nebst Breysach als einen Gegenwerth annehmen, jene aber zurüklassen muste, dahero sie dann wiederum mit allen Festungswerkern an Oesterreich abgetreten wurde.”

Freiburger Notizen (2)

Die Innenstadt Freiburgs ist von einigen Wasserläufen durchzogen und die Bächle und Gräben werden bis heute von einem Runzmeister gesteuert. Wer in eins der Bächle dappt, muß in Freiburg heiraten. Ein schwer zu deutendes Los. Beinah hätt es mich ereilt. Wenn mans weiß, dappt man jedenfalls vorsichtiger einher. Aus dem reißenden, idyllisch ein paar Meter ins oberirdische Stadtbild gefügten Gewerbebach ragt ein vorgeblich nachdenklicher Krokodilsschädel, von Versen mittlerer Dichtkunst flankiert: „Aus Stein steht hier das Krokodil / mit breitem Maul, doch nicht vom Nil / Schaut raus aus dem Gewerbebach / schaut bis zum Hause Himmelsbach / sieht Euch und uns und denkt sich viel“. Weitere Skulpturen in der Innenstadt: der Schneckenreiter, ein nackter Knabe auf einer Weinbergschnecke; von einer Hauswand grinst ein schwer zu greifender, bunter Gesell, der so etwas wie eine vagina dentata präsentiert. Weiter draußen wird ein skulpturales Vorgartentier nächtens immer wieder neu bepinselt, studentischer Volkssport. Unterbrezelte Märtyrerszenen auf Münsterglasfenster, vermutlich zunftgestiftet. Desweiteren ein hölzernes Abendmahl in Lebensgröße, hintergittert und eine ebenfalls lebensgroße Sandsteindarstellung des Grabes Christi um 1330, hintersäult. Ein rebenbotanischer Lehrgarten mitten im Städtle und folgerichtig einige Schnapslädle mit lokalem Obstler „Zibärtle“ aus der Wildpflaume. Ein lohnenswerter Eintrag ins Lexikon bescheuerter Friseurladennamen: „Hairzblut“. Es heißt immer wieder, Freiburg berge und beherberge für seine Größe erstaunlich viel Kultur. Was solche angeht, sind mir vor allem die vielen asiatischen Restaurants mit günstigem Standardmittagstisch und die internationale Straßenmischung aus allen Kasten aufgefallen. (Mal wieder den Dielhelm abgleichen!)

Freiburger Notizen

Über Freiburg wacht der Windbohrer, ein Eichenmann von Thomas Rees, mit seinem forsch in den Himmel gerichteten Handwerkzeug, droben aufm Schauinsland, wo ich in Bdolfs, des dunkelsten Denkers, Begleitung ein wenig rumheideggerte, wacht also dort, dh steht vielmehr da, als Symbol für sinnlose Verschwendung, beobachtet von Weißtannenwesen, beglotzt von Touristen, selten sogar be(gegen)heideggert von Semi- über Anti- bis Nonheideggerianern. Mit den Skulpturen hats Freiburg. Inmitten der sozialen Brennpunkte Freiburg-West tun sich einladende (und nicht etwa versengte, zerkraterte bzw vermüllte) Rasenflächen auf und bieten Grundfläche wie Sichtschneise für Kunst im Freien, die aufgrund ihrer friedfertigen Mächtigkeit den Passanten zum Nichtstun verleitet: ein gewaltiger skulpturaler Wasserhahn speist einen noch gewaltigeren skulpturalen Schlauch von gewiß 100 Metern Länge, aus dessen Ende es in ein kleines Bassin tröpfelt; ein Graffito auf dem Metallschlauch behauptet: „Jules, den spülts“. Gegenüber parkt Chicken Man`s verbarrikadiertes Imbißkabuff, ein Pkw-Anhänger, der schon zigtausende halber Hähnchen beherbergt haben mag. (Doch wer ist Chicken Man? Ein Juju-Priester?) Nächst St. Albert vom Sozialen Brennpunkt und der Heiligen Esso-Nachttanke ein Wegkreuz: „Dieses Kreuz wurde errichtet zur Sühne für den Tod des Bischofs von Strassburg Konrad von Lichtenberg. Er fiel hier im Kampf gegen die Stadt durch die Hand eines Freiburger Metzgers 29. Juli 1299“ Christenfetische, getränkt mit Blut, verklärt zu Überwesen. St. Albert sieht denn auch aus, als würden dort in 20 Jahren einige Punksenioren als (wegen Altersmilde bzw -schwachsinn) zurückgewonnene Schäflein trillernde/n a capella-Versionen (im 20er Jahre-Stil) von God save the Queen von den Sex Pistols wahlweise zu Gehör bringen oder lauschen. Menschentreffs an Straßenbahnhaltestellen. Die sich der Innenstadt zustülpen, wo zyklopische grüne Kugelmonster unter einem säulengestützten Hofdurchgang graue Hochhauswälder erklimmen, Brücken im braunen Himmel enden, gesichtslose Menschen auf leeren Autobahnen Parcours laufen, der Rap-Dämon STN hat seinen Namen zwischen quallöse Geschöpfe in Silber und Grau gesetzt, doch über den apokalyptischen Himmeln aus Spraylackdosen schlumpft der echte über der Alternativspießermetropole mit ihren Multikultibrillenträgern und intellektuellen Bettlern, die lässig auf dem Pflasterboden hocken („Freiburger Schneidersitz“): „Du, ich brauch noch e bissle Kleingeld für de neue Pschyrembel.“