Presserückschau (April 2017)

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Blick in den Himmel
“Auf drei „Himmelsliegen“ bequem Platz nehmen und den Blick zum Himmel oder über den Rhein richten können Spaziergänger neuerdings am Skulpturenweg in der Schmittenau. Die im Übergangsgebiet zwischen Rhein-Camping und VfB-Platz erhöht über dem Rheinufer stehenden Liegen sind ein weiteres Teil des Projekts „Perlen an Rhein und Wutach“, mit dem das Stadtplanungsamt Punkte in den Blick der Öffentlichkeit rückt, welche die städtischen Freiräume besonders prägen.

2
Fleischschmuggel in der Tram
“Nicht nur auf die Autofahrer, die nach dem Einkauf in Weil am Rhein und Umgebung zurück in die Schweiz fahren, werfen die Grenzwächter ein besonderes Auge, sondern auch auf die Fahrgäste in der Straßenbahn auf der grenzüberschreitenden Tramlinie 8. Dies verdeutlicht Patrick Gantenbein, Informationsbeauftragter der Grenzwachtregion I in Basel (…). Ja, es ist leider so, dass (…) regelmäßig versucht wird, Waren vom Ausland an der Schweizer Grenzwache vorbei nach Basel zu bringen, ohne die entsprechende korrekte Zollabfertigung zu machen. Die Bandbreite der Schmuggler ist dabei wirklich groß. Die setzt sich zusammen aus Schweizer und in der Schweiz wohnenden Ausländern, aus Frauen und Männern aus allen sozialen Schichten und aus allen Altersgruppen. (…) Bei unseren Kontrollen ertappen wir regelmäßig Schmuggler in der Tramlinie 8. (…) Da werden schon mal mehrere Kilogramm Fleisch in einem Einkaufstrolly verstaut und versucht, diese unverzollt über die Grenze bringen. (…)” (Weiler Zeitung)

3
Deutsch-französische Tram
“Zu den Klängen der Europahymne haben die Grenzstädte Straßburg und Kehl am Rhein ihre gemeinsame Tram gestartet. Es sei heute, wo Europa in Frage gestellt wird, wichtiger denn je, starke Signale zu geben, sagte Kanzleramtsminister Peter Altmaier auf Französisch vor der Jungfernfahrt. Er betonte, dass man trotz der wegen der Flüchtlingskrise wieder eingeführten Grenzkontrollen den Grundsatz offener Grenzen verteidigen müsse.” (Südost-News)

4
Atomkatastrofenprofylaxe
“In Belgien ist es keine Frage. Dort wird bereits an einem Plan gearbeitet, Jodtabletten prophylaktisch zu verteilen. Dies ist eine Sicherheitsvorkehrung, denn die Angst vor einem nuklearen Unfall im maroden Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich wächst. Aber nicht nur der belgischen Bevölkerung ist mulmig. Auch im deutsch-belgischen Grenzgebiet werden Katastrophenszenarien erörtert und Vorsorgepläne geschmiedet. Im Zentrum steht dabei derzeit die Verteilung von Kaliumiodidtabletten, im Volksmund schlicht Jodtabletten genannt. Alle Umland-Kreise, die Stadt Aachen, die Städteregion, die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg beabsichtigen, die Tabletten schon vor einem möglichen Unfall an die Bevölkerung auszugeben.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Bonner Blubbern
“Es plätschert und blubbert mitten im Rhein. Am (…) Ostersonntag war vom Rheinufer aus auf Höhe des Kameha Grand Hotels ein rätselhaftes Phänomen zu beobachten. Fast sieht es so aus, als hätte jemand den Stöpsel im Rheinbett gezogen. 8…) War etwa der weiße Beluga-Wal zurückgekehrt, der sich am 18. Mai 1966 im Rhein verirrt hatte und auf den Namen Moby Dick getauft wurde? Versteckt sich in den Tiefen des Rheinbetts etwa ein Ungeheuer, gar ein ferner Verwandter des Monsters von Loch Ness? Oder gibt es gar ein Gasleck in einer Leitung, die sich unter dem Rhein verbirgt? Des Rätsels Lösung ist glücklicherweise weitaus weniger spektakulär. Nach sorgsamer Recherche erklärt die Stadt, das “Geblubber” werde durch den Ablauf der Kläranlage Bad Godesberg verursacht.” (General-Anzeiger)

6
Schafrettung
“Die Kölner Feuerwehr ist (…) zum Rhein gerufen worden. Ein Schaf stand bis zu den Schultern im Wasser. Es kam nicht mehr allein heraus. (…) Das Schaf hing in Höhe der Westhovener Aue in den Steinen der Uferbefestigung mit einem Bein fest. Es konnte sich laut Feuerwehr nicht selbst befreien und war schwer erschöpft, als die Einsatzkräfte eintrafen. Die Feuerwehrleute retteten das Tier aus seiner misslichen Lage und umwickelten es mit Decken, damit es sich aufwärmen konnte. Der Schäfer nahm es schließlich wieder in Empfang.” (Rheinische Post)

7
Brennendes Auto
“Ein brennendes Auto ist in Köln-Merkenich (…) in den Rhein gerollt und von der Feuerwehr geborgen worden. Ein Schiffskapitän habe beobachtet, wie der Wagen am Hitdorfer Fährweg neben der Zufahrt zur Autofähre Langel ins Wasser gefallen sei (…). Der Vorfall ereignete sich (…) gegen 3.20 Uhr. (…) Das Auto sei bei der Bergung leer gewesen (…). Bei Eintreffen der Rettungskräfte sei ein weiteres Auto weggefahren.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Adenauers letzter Weg
“Die meisten anderen Ereignisse am Sterbeort finden vor den Augen der Rhöndorfer statt – und finden sofort ihre Kanäle in die Weltöffentlichkeit. Vielfach wird etwa beschrieben, wie der Kölner Kardinal Frings vor der Überführung ins Palais Schaumburg am 22. April (1967; Anm.; rheinsein) am Wohnhaus eintrifft, um mit der Familie am Sarg zu beten. Ins Kanzleramt bringt den Toten die einzige Lafette, über die der Bundesgrenzschutz verfügt. Adenauer nimmt denselben Weg wie zu seiner Amtszeit als Kanzler: Königswinter, Dollendorf, mit der Fähre über den Rhein und durch Plittersdorf zum Bundeskanzleramt. Tausende Menschen säumen die Strecke. Schulklassen, Sportvereine, Bergleute stehen Spalier. Schützen bilden unter Trommelwirbel die Ehrenwache an der Einfahrt zum Palais Schaumburg, wo der Leichnam übers Wochenende aufgebahrt und in der Nacht zu Montag über die Autobahn in den Kölner Dom überführt wird. Vor dem Vierungsaltar bleibt der Sarg stehen. Zehntausende Kölner nutzen dort die Gelegenheit, von ihrem Ehrenbürger Abschied zu nehmen.” (General-Anzeiger)

9
Rheintote
“Einsatzkräfte der Feuerwehr haben (…) eine Wasserleiche aus dem Rhein geborgen. Passanten (auf der Kennedybrücke) bemerkten den leblosen Körper im Wasser. (…) Dank eines Kayakfahrers, der ebenfalls auf die Person aufmerksam geworden war und die Fundstelle markierte, konnten Löschboote aus Bonn und Niederkassel den Mann schnell an Land bringen. (…) Vermutlich (…) sei der Tote bereits längere Zeit im Rhein getrieben. Die Polizei ist nun dabei, die Identität der Wasserleiche zu klären.” (General-Anzeiger)

“Die Feuerwehr Köln hat (…) eine Person leblos aus dem Rheinauhafen geborgen worden. Trotz sofortiger Reanimation durch Rettungskräfte und Notarzt starb der Mann noch im Rettungswagen. Ein Zeuge hatte die Feuerwehr alarmiert, nachdem die Person im Wasser verschwunden war. Mehrere Löschfahrzeuge inklusive einer Tauchergruppe, das Lösch- und Rettungsboot sowie der Rettungshubschrauber waren im Einsatz. (…) Ob es sich um einen Suizid oder Leichtsinn handelt, ist nicht bekannt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Eine Leiche ist (…)aus dem Rhein bei Geiswasser (Höhe Niederrimsingen) geborgen worden. Dabei handelt es sich nach Angaben der deutschen Polizei mit großer Wahrscheinlichkeit um den vermissten 36-jährigen Gleitschirmflieger aus Freiburg. Taucher der französischen Polizei haben eine männliche Person vier Kilometer nördlich von Geiswasser auf französischem Hoheitsgebiet im Rheinseitenkanal gefunden. Derzeit klären die französischen Behörden die Identität der Person.” (Badische Zeitung)

“Bei einem Ruder-Ausflug (…) ist ein 69-jähriger Mann in Köln-Stammheim tödlich verünglückt. Der Polizei zufolge wollte das Opfer gegen zehn Uhr in ein Boot einsteigen und mit den Vereinsmitgliedern von „RTHC Bayer Leverkusen“ über den Rhein rudern. Plötzliche Krämpfe führten dazu, dass er ins Wasser stürzte. Eine Kollegin sprang ihm hinterher. Doch erst 50 Meter weiter stromabwärts bekam sie den Ruderer zu fassen. Passanten halfen der Frau den 69-Jährigen ans Ufer zu ziehen. Ein Notarzt wurde per Rettungshubschrauber hinzugerufen. Die Wiederbelebungsversuche durch eine Herzrythmusmassage blieben erfolglos.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

Arnhem

arnhem_silhouetteStadtsilhouette mit dem verkleideten Turm der Grote Kerk in der Bildmitte

Von der Autobahn betrachtet, wir überqueren bei der Anfahrt mehrere Wasserläufe, neben dem Nederrijn wohl auch die Ijssel, eine leicht verwirrende Passage, scheint Arnhem zugleich vor und hinter uns zu liegen, als uns die Stimme des Navigationsgeräts penetrant ins Park and Ride-System am GelreDome, dem örtlichen Fußballstadion, komplimentiert. Den Transfer-Busfahrer sprechen wir versehentlich auf Deutsch an: umstandslos kommen die Antworten in hervorragendem Deutsch zurück. Nach wenigen Fahrtminuten ist die Innenstadt erreicht. Am futuristischen Hauptbahnhof steigen wir aus dem Bus und begeben uns ins Zentrum, eine weitläufige Fußgängerzone, die unsere Begleitung an die Freiburger Altstadt, uns selber an die Düsseldorfer Altstadt erinnert, und die tatsächlich als Mischung aus den genannten Altstädten beschrieben werden könnte, in der am Pfingstmontag viele Geschäfte geöffnet haben.

arnhem_altstadtAltstadtstraße mit Fahrrädern und ausgekipptem Müll zu Beginn der Stadtwanderung

arnhem_grote kerk_2Eusebiuskerk oder Grote Kerk

Mittelpunkt Arnhems ist die Grote Kerk, die wir mehrfach in Raubkatzenmanier umrunden. Ein Aufzug im Turminneren führt auf 70 Meter Höhe und bietet den bekanntesten Panoramablick über die Stadt. Im Laufe der Operation Market Garden im September 1944 wurde Arnhem großteils zerstört, die Einwohnerschaft evakuiert. Erinnerungen an die mit mäßigem bis umstrittenen Erfolg verlaufene Militäroperation der Alliierten sind im Stadtbild allgegenwärtig, Darstellungen des Fallschirmspringers häufig anzutreffen, Verfremdungen (“der fliegende Biertrinker”) des Themas ebenfalls. Stärker noch als der Luftmensch ist nur der Radfahrer im Stadtbild vertreten.

arnhem_fallschirmspringerFallschirmspringer in der Grote Kerk

arnhem_fallschirmspringer_2Fallschirmspringer auf einer Schautafel an der Rijnkade

Der Rheinländische Hausfreund spricht mit seinen Landsleuten und Lesern, und wünscht ihnen das neue Jahr (1809)

Eigentlich aber ist nicht viel daran zu wünschen, denn es kommt wieder, wie allemal, von selbst den 31. Dezember 1808, nachts um 12 Uhr, wenn lose Vögel neben dem Durlacher Hofwirtshaus zu Karlsruhe Petarden legen, und fast sehr laut sind, die nicht wissen, daß das neue Jahr kommt wie ein Geist, der nicht gern will beschrieen sein, wenn er soll viel Gutes bringen. Andre Leute aber schlafen im Schütze Gottes und merken nicht viel davon, wenn die zwei großen Schildwachen sich ablösen in der Mitternacht und geben einander Parole, die niemand versteht. Dagegen streckt der Rheinländische Hausfreund seinen Lesern ins neue Jahr hinein, das selber kommt, die Hand entgegen, und wünscht gesunden Leib, gut Gewissen und Zufriedenheit, und sagt, daß er dies Jahr seinen Lesern einen Tag abbrechen muß, nämlich den 29. Februar, weil sonst der Zeug für diesen Monat nicht zureicht, oder aber die Tage zu kurz ausfallen könnten, wenn 29 wollten daraus gemacht werden. Dagegen verspricht er, künftig keine fernen Subtraktionsexempel mehr an der Zeit zu statuieren, sondern alle Jahre 365 Tage ungeschmälert zu liefern, und richtig einzuhalten, bis bessere Zeiten kommen, die wieder einen Schalttag ertragen können, und will von Jahr zu Jahr auf allerlei Lehrreiches zu Spaß und Ernst, auch schöne Figuren ferner bedacht sein, untereinander, wie es in der Welt auch zugeht. Einer lacht, der andere weint. Heute Regen, morgen Sonnenschein, und unaufhörlich läutet hie und da die Glocke, dem einen zur Hochzeit, dem andern ins Grab. Und so will der Rheinländische Hausfreund tun zur Erkenntlichkeit, weil er gesehen und große Freude gehabt, daß sein Kalender schon zum erstenmal und fast an allen Orten ist fleißig gelesen worden, und hat hie und da einer gesagt: „Der meint’s nicht schlimm mit uns”, und hat in einer Erzählung etwas wie ein kleines Goldkörnlein gefunden und nicht verschmäht. Denn der Rheinländische Hausfreund geht fleißig am Rheinstrom auf und ab, schaut zu manchem Fenster hinein, man sieht ihn nicht; sitzt in manchem Wirtshaus, und man kennt ihn nicht; geht mit manchem braven Mann einen Sabbaterweg oder zwei, wie es trifft, und läßt nicht merken, daß er’s ist. Zum Exempel, er hat’s wohl mit angehört und ist dabeigestanden, im letzten Herbst, als die Schwäbin, so ohne Beine auf einem Rößlein in der Welt herumreitet, herwärts der Schorenbruck, zwischen Basel und Haltingen an der Straße saß, und prophezeite einer braven Markgraferin, die von Basel kam und bei ihr stand, viel dummes Zeug, was der Komet bedeute. Die Frau hörte zwar aufmerksam zu, was die Hexe sagte, wird aber hoffentlich nichts geglaubt haben. Denn selbiger Wandelstern mit seinem silbernen Haar hatte nichts mehr zu bedeuten, sondern sollte in Berlin und Polen das große Kriegsunglück und die blutigen Schlachten ankündigen, – kam aber zu spät, wie manchmal ein Feuerreiter, wenn das Häuslein schon verbrannt ist. Denn der Kaiser Napoleon ist so schnell in seinen Unternehmungen und macht so kurzen Prozeß, daß selbst ein Komet nicht geschwind genug zur Sache tun kann, wenn er noch zu rechter Zeit will da sein, und ist dem Hausfreund auch so gangen, hat den preußischen Krieg auch erst angekündet, als er schon vorbei war. Doch wäre dies noch zu verschmerzen, wenn er nur nicht beklagen müßte, daß es mit dem andern Krieg, nämlich wo mit Äpfelküchlein geschossen, und kriegsgefangene Kronentaler eingebracht werden, noch nicht recht hat wollen in Gang kommen. Doch wird’s mit Gottes Hülfe und unserm eigenen Fleiß etwa besser werden von Jahr zu Jahr, und hat schon diesmal nicht überall gefehlt, wo viel guter Wein gewachsen ist Anno eintausendachthundertundsieben, und ein schön Stück Geld daraus gelöst worden. Der Rheinländische Hausfreund weiß auch davon zu sagen, und hat je ein Schöpplein gekauft, oder etwas zu Konstanz im Adler, zu Waldshut im Rebstock, zu Lörrach im goldnen Ochsen (hat nichts gekostet), zu Schopfheim im Pflug, zu Utzenfeld in der Mühle, zu Freiburg im Schwert, zu Offenburg in der Fortuna, zu Kehl im Lamm, zu Ulm bei Lichtenau im Adler, zu Rastatt im Kreuz, zu Durmersheim beim Herr Schlick. In dieser Landschaft ist der Vorfahrer des Hausfreunds sozusagen vogelfrei gewesen, und der Rastatter Hinkende Bot hat allein das Privilegium gehabt, den Leuten die Wahrheit zu erzählen, der arme Teufel auf seinem hölzernen Bein. Jetzt sind der Hausfreund und er rechte gute Freunde und halten friedliche Nachbarschaft, hängen in mancher Stube nebeneinander am nämlichen Nagel, und so sie sich auf der Straße begegnen oder in einer Herberge, reden sie miteinander. Aber den Reutlinger, wenn er ihnen zwischen Licht auf einem Feldweg begegnet, grüßen sie nicht sehr, sondern sagen: „Bleib du in deinem Land, wenn man nicht nach dir schickt, und komm nicht selber, sonst druckt man dir einen Stempfel auf das Brusttuch, so 12 Kreuzer kostet.” – So weit geht der Vorbericht, – und nun setzt der Rheinische Hausfreund die Betrachtungen über das Weltgebäude fort, so man aber auch ordentlich lesen muß, wenn man wissen will, was drin steht. Denn der Nürnberger Trichter ist schon vor dem 7jährigen Krieg zerbrochen.

(Johann Peter Hebel)

Freiburg in Freiburg

In den rheinkieselgepflasterten Straßen der Freiburger Innenstadt

“Auch in Freiburg gibt es noch diese schmalen Durchfahrten und die geharnischten Denkmäler, die Martinskirche, freudig ausgemalt und gold geschmückt, das Münster mit seinem mürben Steingeäst und den dämmernden Altären, die von alter Blutbeziehung zu Basel Kunde geben. In den Sockel des Domes sind die Ellenlängen, Laibgrößen, Hohlmaße, Werkzeichnungen und Jahrestage für die Wiederkehr der Märkte eingeritzt, kleine Maßbestimmungen des Alltags, die doch nicht weniger als die kunstvoll gefaßte Größe des Turmgebäudes im gleichen gnomischen Anfang wurzeln. Es gibt dort zwischen den banalen und entstellten Straßenfronten noch ein paar der altgeschickten Häuser mit den poetischen Namen, aber reichlicher stehen sie in dem sauberen Basel und an den wohligen Gassen von Schaffhausen (…)”

(Aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Freiburger Notizen (15)

Drei Damen im fortgeschrittenen Alter überqueren den Rotteckring. Sie gehen nebeneinander, Frisuren, Styling und Kleidung weisen auf den Typ Chefsekretärin. Offenbar sind sie gemeinsam auf Shoppingtour oder steuern ein Café an. Nichts daran ist außergewöhnlich, bis auf die Tatsache, daß die mittlere Dame barfuß geht. Das Unerhörte des Barfußwandelns kehrt sich bei ausgiebiger Betrachtung des bodennahen Freiburger Stadtgeschehens in Normalität: die Dame bleibt an einem warmen Novembernachmittag bei weitem nicht die einzige Barfußgängerin. Freiburger Ärzte berichten – in einer Stadt, in der die Unikliniken den größten Arbeitgeber stellen, gibt es Ärzte zuhauf – von steigenden Veganerzahlen, Patienten, die vor üppiger Wohlstandskulisse freiwillig in die Mangelernährung driften.

Im Zentrum verkaufen Andenkenläden Aufkleber und Buttons mit Freiburg-Skyline. In tatsächlichen Großstädten sind solche Silhouetten seit einigen Jahren in Mode. Da Freiburg, das Münster und einige uncharismatische Hochhäuser ausgenommen, keine Skyline besitzt, sind die wenigen charakteristischen Bauten der Stadt auf der Silhouette überdimensioniert und in stark willkürlicher Folge abgebildet, zudem frei gestaltet, das Münster infolge der freien Gestaltung und Dimensionsverschiebungen nicht mehr als solches auszumachen, somit die Skyline letztlich als die einer Fantasiestadt erkenntlich, über der, den lokalpatriotischen bzw touristischen Kauf anzuregen, “Freiburg” angeschrieben steht, denn die wuchtige Generalität des So-steht-es-geschrieben hat schon über vieles hinweggetäuscht und in Täuschung und Selbstbetrug liegen bekanntlich reichliche Anteile an Glaube, Heil und Erlösung.

Flüchtige Brillenträgerskizze auf einer Vierersitzgruppe in der Straßenbahnlinie 3 von Vauban nach Haid: ans Fenster gelehnt ein blasser Nerd mit schmierigem, nach hinten gesträhnten Haupthaar, starker schwarzer Brillenrahmen, trägt die Augengläser einer Schutzscheibe gleich, Lippen voll, aber leblos, registriert scheinbar teilnahmslos die vorüberziehenden Fassaden, Plakate (“die verborgene Poesie des Matriarchats”) gleich Programmcodes, die in mäßiger Geschwindigkeit und unauffällig über einen Bildschirm laufen. Neben ihm ein George Michael-Double mit aufgemalt wirkendem Dreitagebart, handwerklich perfekt gestufter, gelforcierter Igelfrisur, legerer Straßenkleidung, getönter Pilotenbrille und Chihuahua in schwarzer Damenhandtasche, ihm gegenüber eine streng dreinblickende Grauhaarige mit austauschbarer Modebrille, gewiß evangelisch, akademisch ausgebildet, evtl. lesbisch, so sehr in ihrer Umgebung einer etablierten Alternativkultur aufgehend, daß sie kaum noch wahrnehmbar ist, daneben ich, der dies aufschreibt und zum Schreiben die Brille in die Jackettbrusttasche gesteckt hat.

Freiburger Notizen (14)

Waghalsige Münstertiere kippen in selbstbläuende Himmel, die über die Stadt in Richtung der badischen Serengeti mit ihren Rippchenwolken, Baummedusen und nahfernen Nebelbergen ziehen. Unterhalb des Münsters umlungern träge Spätwespen mit gezückten Stacheln vegane Marktwaren und Bratwürste in einem postmodernen Südwestern. Bündel roter Bete leuchten, sandige Meerrettichprügel, die gut in der Hand liegen, brutalisieren die Auslagen, Blumen, die wie angesprayt wirken, Bioäpfel und literweise Topinambur, von ihren Händlern bis ins Detail erklärt: der Münstermarktbesuch kulminiert zum Gipfel badischer Lebenskunscht.

fr_ziegenmensch

Der Mittag wird zusammengehalten von Gerüchen nach Fleischkäs. Der strömt aus Bäckereien und Metzgereien in die 20 Grad warme Novemberluft. In der Fußgängerzone spielen von zuviel Swing eingedellte Kontrabaß-Beatles ihr Ticket to Ride, unweit des altehrwürdigen Martinstors mit dem McDonalds-Schriftzug hockt und meckert ein Ziegenmensch und klappert mit den Zähnen. Plakate künden vom Besuch Reinhard Stengels, des Rainbowman, welcher gegen Vortragsobolus mitten in Freiburg die Sprache der Seele spricht. Häufiger als Ziegen- und Regenbogenmenschen erblicken wir in Trekkingkleidung gewandete Wolfshautmenschen, die gedrungene Hunde an der Leine führen, deren gen Himmel gezüchtete Ruten ihre Arschlöcher exponieren. Es herrscht friedliches urbanes Gewimmel, man ist “gerade auf dem Weg zum Asiaten”, der in der sprichwörtlichen Freiburger Enge an kaum einem Standort weiter als hundert Meter entfernt liegen dürfte, hin und wieder erhebt sich in der Menge ein Zeigefinger, erlauschen wir zufällig einen mediokren, harmlosen Spruch, der auf die ökologische Taufe seines Urhebers verweist. Zur Schau gestellte Gedankentiefe ist Konvention: anstatt den Sonnenschein hinzunehmen, wird er behutsamer Exegese unterzogen.

Presserückschau (Juli 2015)

1
Für die Kölner Presse spektakulär erwies sich die Rheinquerung einiger neuer Biertanks für eine der ansässigen Kölsch-Brauereien: “6,5 Meter Durchmesser – damit passen die Tanks für den neuen Standort der Gaffel-Brauerei nicht unter jeder Brücke hindurch. Das Bonner Logistik-Unternehmen Viktor Baumann transportierte sechs, jeweils 23 Meter lange Behälter für Bier und Getreide deshalb auf einem schwimmenden Ponton von Sürth auf die Porzer Seite. „Das ist die einzige Möglichkeit“, sagte Matthias Götz, zuständig für die Organisation des Transports. Am Montag und Dienstag wurden im Godorfer Hafen jeweils drei Behälter per Schiff angeliefert. Lkw brachten sie zur Sürther Nato-Rampe. Samt Lkw-Anhänger wurde die schwere Fracht auf den Ponton verladen und ans andere Ufer gebracht. Für den Transport auf der Straße mussten Ampeln aus dem Weg gedreht und Halteverbote eingerichtet werden.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

2
Frachter oder Schnäpel: “Eine mögliche Vertiefung des Rheins sorgt für Streit zwischen Bund, Land und Häfen auf der einen Seite und den Naturschutzverbänden auf der anderen Seite. Bislang hat der größte deutsche Strom zwischen Duisburg und Köln nur eine Minimalwassertiefe von 2,50 Meter.” Technisch betrachtet vertieft sich der Rhein, indem er Geschiebe vor sich her treibt, von selbst. Aus Naturschutzgründen wird der Fluß an diversen Stellen aufgeschüttet. Die angestrebte Vertiefung zur Entlastung der Binnenschifffahrt ginge daher bis auf wenige Stellen wie etwa die Werther Platte bei Kaiserswerth natürlich vonstatten. Naturschützer sehen durch eine Rheinvertiefung die Auenlandschaften als Laichstätten für aktuell seltene Rheinfische in Gefahr: “Der Nordseeschnäpel gilt seit 1940 als ausgestorben. 2008 wurde er erstmals wieder nachgewiesen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes fing ein Angler im Jahr 2011 (…) bei Kalkar gleich zehn Nordseeschnäpel. Das Tier wird auch als Rheinschnäpel und Kleine Schwebrenke bezeichnet und stammt aus der Familie der Lachse.” (Rheinische Post)

3
Neuro-Rhine: “Den Oberrhein als grenzüberschreitenden Forschungsstandort sichtbar und ihn international wettbewerbsfähig machen – dies sind die Ziele der Wissenschaftsoffensive Oberrhein. 2012 ist dazu eine erste Initiative der Trinationalen Metropolregion Oberrhein (TMO) gestartet. Nun wurden sieben Projekte aus den Bereichen Medizin, erneuerbare Energien und Geisteswissenschaften (…) abgeschlossen. Leuchtturmprojekte nennt man so etwas. Es geht um Exzellenz. Am Oberrhein geht es zudem um die Entwicklung grenzüberschreitender Netzwerke. Zum Beispiel “Neuro-Rhine”. Das Projekt hat erforscht, wie degenerative Erkrankungen im Gehirns entstehen. Wissenschaftler der Universitäten Straßburg, Freiburg, Basel und des Saarlandes suchten dabei nach Lösungen zur Prävention von Alzheimer und von Erkrankungen des Nervensystems. Sie identifizierten Moleküle, die giftige Einlagerungen im Gehirn hemmen und damit die Entstehung von Alzheimer-Symptomen verlangsamen können. Die Beteiligten sprechen davon, dass aus dem Projekt ein echter Know-how-Transfer hervorgegangen sei – und zwei Patente.” (Badische Zeitung)

4
“Eine völlig neue Generation von Arbeitsschiffen sorgt nun für freie Fahrt auf dem Rhein. Gestern wurde die „Cassius“ getauft. Sie folgt auf den „Hamster“, der 49 Jahre seinen Dienst auf dem Rhein tat. (…) Die Arbeit an Bord ist vielseitig, die Verkehrssicherung steht an erster Stelle. Wenn mal ein Container oder auch ein Lukendeckel über Bord geht, dann kann dieses Hindernis die Fahrrinne blockieren. Mit Radar wird es schnell aufgespürt. Auch die Kontrolle von Uferböschungen, Schifffahrtszeichen und anderen schwimmenden Anlagen auf dem Rhein gehört zum Tagesgeschäft der beiden Mitarbeiter auf dem Schiff.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Rheinmuscheln könnten zu begehrten Objekten der Elektronikindustrie werden: “Im Rhein lebende Muscheln reichern in ihren Schalen Lanthan und Samarium an. Das stammt aus einer Fabrik in Worms, die Katalysatoren herstellt. (…) Auf Gadolinium, eine anderes Selten-Erd-Metall aus der medizinischen Diagnostik, das in fast allen Flüssen und Seen vorkommt, haben Wassertiere dagegen keinen Appetit.” Seltene Erden, berichtet ingenieur.de, “sind teure Metalle, die in immer mehr elektronischen Geräten wie in Smartphones enthalten sind”.

6
Der einzige Schießplatz der Schweiz, auf dem alle Arten von Armeepanzern gleichzeitig schießen können, feiert sein 50-jähriges Bestehen, der Schießplatz Hinterrhein: “Wer im Kanton Graubünden einen Haufen schwarze Beret-Träger sucht, ist auf dem Schiessplatz Hinterrhein am richtigen Ort. Seit 50 Jahren üben dort Panzertruppen den Ernstfall. Bekannt ist der Schiessplatz vor allem für seine besondere Lage. Klar wird das Jubiläum am Freitag mit lauten Schüssen eingeläutet.” (Südostschweiz)

7
“Vorbei ist die Zeit, in der jeder Aal aus dem Rhein auf dem Teller landete. Der Rheinfischer Rudi Hell setzt eine alte Tradition fort und fängt den Fisch für die Forschung – und ertrinkt fast in Müll. Der erste Aal, den Rheinfischer Rudi Hell an diesem Morgen sieht, hängt tot wie eine Socke über dem Schiffstau in der Strömung. “Das waren die Wasserkraftturbinen”, meint er und macht gleich ein Foto von dem toten Fisch. Hell ist zwar Fischer, aber er tickt mittlerweile ein bisschen wie die Wissenschaftler: Hingucken, dokumentieren, weitergeben. So funktioniert Datensammlung. (…) Seine Vorfahren haben rund 300 Jahre lang vom Fischfang gelebt. Immer waren es Aale: Der fette Fisch ließ sich immer gut verkaufen. Dann kamen die 70er-Jahre, als der Rhein Kilometer gegen den Wind nach Chemie stank. (…) An manchen Tagen ist nur Plastikmüll im Netz: Tüten, Eimer, Blumentöpfe, was die Leute so in den Rhein werfen. Oben am Ufer hat Hell dafür jetzt sogar einen Container aufgestellt. Der wird alle zwei Wochen geleert.” (Welt)

8
Ein auf dem Rheingrund bei Emmerich von einem Taucher gefundener Pkw mit niederländischem Kennzeichen gibt der Polizei Rätsel auf, berichtet die Rheinische Post: “Möglicherweise wurde mit ihm (…) eine Straftat verübt und die Täter haben ihn dann später im Rhein entsorgt. Wie lange der Pkw im Rhein liegt, ist natürlich auch nicht klar. Sicher ist nur: Er ist vom Baujahr 1998 und schon ordentlich verrostet. Weil der Wagen zudem komplett mit Rheinschlamm voll war, gehen die Ermittler davon aus, dass er bereits mehrere Jahre im Fluss gelegen hat. Dafür spricht auch die Lage im Wasser. Das Fahrzeug ist durch die Kraft des Flusses vermutlich dorthin getrieben worden, dann auf den Boden gesunken und mit dem Rheinsand bedeckt worden.”

Horizontaldemonstration

In seinem Buch Alpha & Omega, das zu weiten Teilen in Freiburg spielt und von der Rettung der Welt handelt, läßt Markus Orths den Autor und Performer Matthias Schamp alias Der Schamp auftreten und beschreibt u.a. dessen Arbeiten wie z.B. folgende, die mit dem Thema dieser Seiten vorzüglich koinzidiert: “(…) Auch initiierte er die “Weltweit erste Horizontaldemonstration – Fließrichtung (Rhein)”, bei der er sich mit seinen Kunstkumpanen der Länge nach ans Rheinbrückengitter fesseln ließ, mit horizontal gehaltenen Schildern, und alle skandierten: “Nieder mit der Vertikalen. Hoch die Horizontale.”" Orths hat Schamps Originalaktion aus dem Jahr 2006 in Bonn literarisch nur leicht verfremdet und so ließe sich leicht eine horizontal zwischen Gitterstäben der Rheingeländer formierte Menschenkette vorstellen, die als lebendiger Flußbegleiter fungiert. Und wo Geländer als Gestänge für die Aufhängung fehlen, ließen sich Horizontalsockel improvisieren. Die Ausrichtung (der Kopf tal- bzw bergwärts gerichtet) könnte Statements implizieren, die je nach Region unterschiedlich zu lesen wären. Zwischen den Geländerstangen rotierende Demonstranten/Flußbegleiter könnten sowohl auf spirituelle (“universal spin”) als auch profane (“Döner Kebap”) Fänomene verweisen. Die Schamp’sche Idee jedenfalls ist groß und offen.

Gottenheim

gottenheim_weinprinzessinAn den Ortseinfahrten grüßt Gottenheims Stolz, die amtierende Weinprinzessin
gottenheim_künstlertageKünstlertage im unweit gelegenen Burkheim – das Haltestellensignet macht mit und gestaltet sich als Smiley um
gottenheim_narrKrutstorze (hochdeutsch: Kohlstrünke) heißen die Gottenheimer Narren – dieser Schnitzgeselle bevölkert ganzjährig den namenlosen kleinen Stadtpark

Dreisamkeit

fr_dreisamkeit_2Innerstädtische Romantikknautschzone: Blick entlang der rektifizierten Dreisam am Rande Freiburg-Weingartens, einem Hochhausviertel und “sozialen Brennpunkt”, gegen ihre Quellregion im Schwarzwald. Bevor sie Weingarten erreicht, speist die Dreisam die berühmten Freiburger Bächle.

Unter der Güterbahntrasse. Gelegentlich schaut eine Ente vorbei, eine Schmetterlingslibelle (bzw ein Libellenschmetterling), jede Menge Spinnen und ein Graureiher. Jagt ein Zug mit vernichtendem Geschmetter über die Brücke, wird die friedlich-lichtbespielte Wasserfläche kurzfristig aufgewühlt und sterben einige Tiere an Herzversagen.

fr_dreisamkeitViersamkeit inmitten der Dreisam. Im Nordwesten verläßt der Fluß Freiburg und geht auf die Elz zu, die schließlich in den Rhein mündet.

Auf den Spuren Willy Brandts (5)

fr_willy brandt alleeIn Freiburg im Breisgau liegt zentral der Konrad-Adenauer-Platz, die Willy-Brandt-Allee durchzieht das perifere Rieselfeld, eine Neubausiedlung, die sich festungsähnlich gegen die Stadt, deren Teil sie ist, abgrenzt. Zwar bildet auch die Willy-Brandt-Allee im Rieselfeld keine zentrale Achse (das ist die Rieselfeldallee), doch von allen Willy-Brandt-Alleen, die wir bislang an der Rheinschiene sahen, ist die Rieselfelder die mit Abstand sympathischste und architektonisch beachtenswerteste. Neben funktionalen Wohnbauten entdeckten wir ein asiatisches Restaurant mit roten Lampions, das weithin strahlende Logo eines LIDL-Markts, das gewölbte, rasenbewachsene Dach einer Sporthalle, das vielen Rieselfeldern als Aussichtspunkt auf ihre Willy-Brandt-Allee dient (auf dem Skifahren allerdings ebenso wie der Aufenthalt während Gewittern verboten ist) und nicht zuletzt die Maria-Magdalena-Kirche, die in stilvoll erschlagender Hochbunkerhaftigkeit einen staubigen, weitläufigen Platz beschließt, an dessen anderem Ende ein ebenfalls klobiges Gebäude allerlei Kurzweil für die wissbegierige Jugend verheißt.fr_willy brandt allee_3

Rheinkiesel (19)

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fr_mosaikenviehBrezel und Bannerträger: aus Rheinkieseln gelegte Bodenmosaiken in Freiburg

Freiburger Notizen (13)

“Schöner Mittag” sagen die Freiburger, wenn sie sich gegenseitig einen solchen wünschen. Manchmal sind sie weitaus schwerer zu verstehen. Gestern, bei meiner Ankunft in Betzenhausen, vermeinte ich zunächst, reichlich verblüfft, einen Muezzin rufen zu hören, bis mir klar wurde, daß vielmehr die Nachbarn mithilfe extrem gedehnter alemannischer Lautfolgen das Achtzehnuhrwetter besprachen. Der schöne Mittag zu Betzenhausen indes besteht aus einer Reihe seltsamer Hausumschwungspflegegeräusche, etwa als bohrten überdimensionierte Insekten aus dem Weltall die petuniären Rabatten auf. Dazwischen ein rätselhaftes Scharren, nicht unrhythmisch, aber auch nicht richtig rhythmisch. Amseln linsen durchs Fenster, schotentragende Glyzinien wuchern, die Feige reckt sich anklägerisch dem selten bedeckten südbadischen Himmel entgegen. Auf der Herfahrt im Zug hatte ich begonnen, Markus Orths Alpha & Omega zu lesen, ein Roman, in dem sich Anleihen bei Douglas Adams und Laurence Sterne finden lassen und der zu guten Teilen in Freiburg spielt. Entsprechend tragen Teile des Personals urbadische Charakterzüge. In Birte “Bitch” Winter z.B., die eine Art Gottesmutter vorstellt und esoterische Neigungen hegt, vereinen sich bodenständig-lässig spirituelle Bestrebungen wie ich sie für die oberrheinische Provinz stets als typisch empfunden habe. Apfelbäume und Räucherstäbchen. Eine geradezu essentielle Freiburg-Figur ist Harry Schmelzer, bekannt als der Blinde Autonome, der als Bettler die Fußgängerzone bevölkert. Die Geschichte seiner Erblindung spielt wiederum auf dem Parkplatz des weithin bekannten Freiburger Musikschuppens Crash.

Angekommen in Freiburg bin ich erst, wenn ich am Münsterplatz eine Bratwurst verspeist habe. Ich meine mich zu erinnern, daß früher eine einzige Bratwurstbude auf dem Platz stand, heuer waren es sechs oder sieben, feierlich nebeneinander aufgereiht, ihren unwiderstehlichen Dunst auf hundert Meter verströmend. Der Markt am Münster ist vorwiegend mit Produkten aus dem Freiburger Umland bestückt und im Schnitt etwa doppelt so teuer wie der Nippeser Markt am Taj Mahal. Sicher, der Freiburger hält die Produkte, die er ersteht, generell für qualitätsvoll, das Kompositum Lebensqualität ist ihm tägliches Mantra, und die roten Rettiche, die ich heute auf dem Markt erwarb, kamen tatsächlich nicht übel auf der Zunge – derart immens war der Unterschied zu in Nippes feilgebotenen Rettichen (was für den Rettich gilt, gilt in diesem Fall auch für die Erdbeere und andere marktgängige Kulinarien) jedoch nicht, daß sich der Preisunterschied allein aus Qualitätsdifferenzen rechtfertigen ließe. Vielmehr scheint es die täglich mehrfach beschworene Lebensqualität, die Freiburg zu einem teuren Pflaster macht.

Apropos Pflaster: ins Pflaster der Innenstadt sind zahlreiche Mosaiken aus Rheinkieseln eingelassen. Das ist schlicht und hübsch anzusehen. Am Rande der Straßen und Gassen fließen die sogenannten Bächle, ein venezianisches System en miniature. Kinder ziehen kleine Schiffe an Schnüren die Bächle entlang, ein Treideln wie aus den Erzählungen Lemuel Gullivers. Es sind viele Sprachen zu hören, aber kaum türkisch, nichtmal auf dem Markt, noch so ein Gegensatz zu Nippes. Das Pflaster ist, wie auch im allgemeinen die Wände, Grund zu Parolen. Z.B. das der Wiwilíbrücke, deren Bogengeländer gern von studentischen Trainspottern erklettert wird. Politisch ist man in Freiburg allemal, dieses Schablonen-Graffito gilt einem Mann, der namentlich zwar bestens nach Freiburg passen könnte, jedoch keine konkrete Beziehung zur Breisgaumetropole pflegt:

fr_brüderle