Deutsche Fußballmeister

Wieviele rheinische Teams, drängt sich an einem durchschnittlichen Bundesligasamstag unvermittelt die Frage auf, schafften es zur Deutschen Fußballmeisterschaft der Männer? Natürlich werden darüber Listen geführt, wir exzerpieren:

1907 Freiburger FC
1909 Phönix Karlsruhe
1910 Karlsruher FV
1933 Fortuna Düsseldorf
1949 VfR Mannheim
1955 RW Essen (lassen wir großzügig als rheinisch durchgehen)
1962 1. FC Köln
1964 1. FC Köln
1970 Borussia Mönchengladbach
1971 Borussia Mönchengladbach
1975 Borussia Mönchengladbach
1976 Borussia Mönchengladbach
1977 Borussia Mönchengladbach
1978 1. FC Köln

Das ergibt, für das riesige Einzugsgebiet des Rheins, ein eher mäßiges und bis auf die drei Kölner Meisterschaften, die dieser größten und wohl bedeutendsten, zugleich schlampigsten rheinischen Stadt angemessen erscheinen, auch erstaunliches Bild. Offiziell werden die DFB-Meisterschaften seit 1903 ausgespielt, mit fünf Pausenjahren in den beiden Weltkriegen. Heraus stechen aus rheinischer Sicht die Provinzstädte Mönchengladbach mit fünf Titeln und Karlsruhe, das gleich zwei Meistervereine in den Anfangsjahren, die einige erstaunliche Anekdoten bevorraten, stellt. Weiterhin bemerkenswert: von den acht bisherigen rheinischen Deutschen Fußballmeistern stammt die Hälfte aus Baden, die andere, gewichtigere, vom Niederrhein.

Das Zugverhalten der Rheinkiesel

Am selben Tag, an dem wir eine alpenrheinische Kiesbank nach Nuggets absuchen und darüber sinnieren, welche Wege die Kiesel, insbesondere, nachdem wir tags zuvor weiter droben im Fels einzelne Exemplare in vorfrühlingshaftem Holterdipolter die Rüfen hatten hinunterrollen hören, in ihrem Kieselleben gehen, melden die Badischen Neuesten Nachrichten, daß unsere (hier zu weit führenden) amateurischen Vermutungen bald von wissenschaftlich-präzisen Auskünften abgelöst werden dürften – zumindest ab dem Oberrheinabschnitt. Denn tatsächlich kennt bisher niemand die genauen Wanderwege der Rheinkiesel. Allein, daß sie tatsächlich wandern, ergaben jetzt schon fachgerechte Versuche unter den Fittichen des Regierungspräsidiums Freiburg, welches dieser Tage ausgesuchte Rheinkiesel mit Sendern präpariert. Zitat: „”Die Technik funktioniert”, berichtete Regina Ostermann (…) nach einem ersten Test im kalten Rheinwasser. Sie ist optimistisch: “Innerhalb weniger Stunden haben wir einige unserer Spezialkiesel gefunden.” Und sie wandern tatsächlich. Weitere Funde sind nur eine Frage der Zeit. Die Beobachtung der wandernden Rheinkiesel soll zu wissenschaftlich fundierten Modellen führen, wie und unter welchen Umständen so genannte künstliche “Geschiebezugaben” gezielt zur Verbesserung der Flussökologie in den Rhein gegeben werden können.“ Wie häufig bei Projekten am Oberrhein sind auch hier Spezialisten aus dem benachbarten Frankreich beteiligt, das Zugverhalten der Kieselscharen zu erfassen: „Ein Spezialist der Universität Lyon spürt die präparierten Kieselsteine mit einem Sondiergerät auf. Es ist eine Profi-Version der an Urlaubsstränden hin und wieder zur Suche von Münzen verwendeten Detektoren.“

Die Biber

Die gestrige Folge der vierteiligen ARTE-Rheindoku rauschte, bis auf das bemerkenswerte Zitat, daß die Macht des Wassers eine brutale sei und die Sequenz mit Bettina Sättele, der Biber-Beauftragten des Regierungsbezirks Freiburg, aufgrund einer Programmstörung ruckhaft an uns vorüber. Biber-Beauftragte (wahlweise Biber-Managerin, Biber-Beraterin, Biberflüsterin): es gibt also doch noch schöne und wunderbare Berufe auf dieser verkommenen Welt. Als dieselbe noch in Ordnung war und der Autor dieser Zeilen ein Kind, lebten in Deutschland keine freien Biber. Bestrebungen, sie anzusiedeln fanden hinter Schutzzäunen an künstlichen Gewässern statt. So geschehen vor rund 30 Jahren im Karlsruher Oberwald. Geredet wurde viel über diese Biber, gesehen hat sie keiner. Ein ausgeklügelteres Biber-Management mußte sich erst noch selbst erfinden. Oft genug hatten wir vergebens an den eigens eingerichteten Beobachtungshütten ausgeharrt. Biber lassen sich allerdings auch nicht gerne bei ihren illegalen Bautätigkeiten auf den Zahn fühlen. Und so rührt das Wissen der Freiburger Biber-Beauftragten um heutige Populationen weiterhin eher aus Fußspuren und sonstigen Indizien (wir selbst sahen vor wenigen Monaten bei unseren Streifzügen durch Liechtenstein erstmals mit eigenen Augen den typischen Biberverbiß am Rhein) als aus konkreten Stückzählungen, die Bestände weiß sie nur zu schätzen, auch sähen sich die Tiere unglaublich ähnlich, wie die Badische Zeitung vermeldet, die Bettina Sättele vor zwei Jahren in die Bibergründe des Schwarzwalds begleitet hat und der sie die Grundlagen des Biber-Managements auseinandersetzt: “Das Zusammenleben von Mensch und Biber funktioniert nicht immer reibungslos.” Die selbstbestimmte Rückkehr des freien Bibers nach Baden-Württemberg begann laut der Expertin vor rund 20 Jahren. Er kam aus der Schweiz, Frankreich und Bayern, entlang der Läufe von Donau, Rhein und Wörnitz und ist weiter auf dem Vormarsch. Mindestens 1000 Individuen, schrieb Frau Sättele, umfaßte der Gesamtbestand Ende 2006. Das entspricht schon fast einer Armee. Kein Wunder, daß es bei solchen Ausmaßen zu Mensch-Biber-Konflikten kommt. Zumal der Badener, womöglich zu Unrecht, nicht als der weltoffenste Menschenschlag gilt. Die Biber-Beauftragte rät: „Wichtigstes Instrument zum Umgang mit dem Biber ist die langfristige Kommunikation und Kooperation mit Betroffenen, die ihre Betroffenheit jeweils sehr individuell und nach eigener Lebenserfahrung definieren. Garant für den Erfolg von Lösungsansätzen bei Problemfällen ist die möglichst exakte Einschätzung des Verhaltens der Biber vor Ort und die Einstufung des Konfliktpotentials.“ Das klingt vernünftig und auch für Amtspersonen verständlich. Wir wünschen dem Biber und den Menschen in den vom Biber eroberten Territorien eine friedliche Koexistenz. Und wünschen uns noch viel mehr Planstellen für Beauftragte, die mit dem notwendigen Ernst sich ans Glätten unserer vielfältigen gesellschaftlichen Konflikte begeben.

Durchs Höllental

Höllisch stickig ists im Oberdeck (mit Panoramablick) der Höllentalbahn. Ein Opfer der in den Schlagzeilen grassierenden Fettleibigkeitsepidemie kollabiert auf dem Gang. Flugs wird er entsorgt, der Zug kann starten. „Reserviert für Klimahelden“ hängen Banner über den Fahrradstellplätzen der grünbeoberbürgermeisterten Umweltstadt. Bald plätschern und branden die grünen Hügelwellen des Hochschwarzwalds, spielen Ebbe um die Bahntrasse. Kirchzärtelnde Ortschaften fügen sich ins Altpelagial, Kraftfahrzeugherden unter Einfluß von Umleitungsschildern im Wechsel mit Weiden, Bächlein, Koppeln. Bussarde beim Herbstmanöver. Der Zugpilot hält direkt auf eine majestätische Hügelwelle, Ausweichen scheint unmöglich, doch zu Füßen der Welle stoppen Zug wie Landschaft ab und verharren in einer Himmelreich genannten Schneekugel, ein (ähnlich der Torte und dem Schinken) besonderes Schwarzwälder Fänomen, HURENSOHN steht an eine schmale, vom Strotzen der Sonnenblumen- und Gladiolenfelder niedergemähte Wand getagged, ein paar Häuser lungern seit Tagen herum beim Versuch sich zu zersiedeln. Der Zug taucht nun geradenwegs in die Welle, die eben noch verfestigt schien und sich jetzt fahrplanmäßig wieder löst. Seepferdchengroße Hirsche torkeln an den Panoramascheiben vorüber, schwarzwaldhüttenähnliche Korallen knospen knubbelig aus den Grünstürzen. Hirsche, und immer mehr Hirsche. Über plötzliche Asfaltschneisen schliddernde Rotwildhufe, von splitzenden Wildwassern gespült. In schnellem Wechsel dunkelts und tagts, in den Sonnenfasen räumen warnwestenbekleidete Hirscharbeiter die Piste von Tageswechselresten, Schwemmpflanzen und Kadavern. Zarge und halbzarge Spießtannen rauen die konischen Landschaftskuppen auf, plötzlich befinden wir uns mitten im Wald. Hier entsteht in klandestinen Senken mittels hinterzärtlerischer Verwirbelungen der Höllentäler, ein Fallwind, der hunderte Höhenmeter tiefer, drunten im Oberrheintal das altehrwürdige Freiburg mit Tannenduftatemluft versorgt. Der Zug quert zuletzt die berühmte Quadratmeile der Skisprungschanzen und Olympiasieger in Hügelwalddisziplinen. Dann erscheint Titisee.

Der Nasentrompeter

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Im Eingangsgestein des Freiburger Münsters hockt er und trötet zur vor ihm aufgespannten Engelsharfe seinen sakralen Blues: der rare Nasentrompeter, den wir gerne einmal gemeinsam mit dem ebenfalls raren Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester jammen sehen würden.

Worum trennt uns e Rhi?

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Im Freiburger Seepark – Fanfaren hirnwegblasender Engelstrompeten durchwirren die dünnen Altweibersommerlüfte, welche der Höllentäler speist und schrabbt, ein lokaler Wind, so sehr geschätzt, daß ihm der Freiburger extra eine Durchzugsschneise in den Hauptbahnhof geschlagen hat – verweilen die Gedanken beim über der lokalen Universität angeschriebenen, von dort aufgeschnappten und mitgeschleppten Bibelspruch “Die Wahrheit wird (euch) frei machen” und zugleich Faulkners, hier (schonmal) frei wiedergegebenem Diktum, daß, wer nach der Wahrheit suche, besser vorab damit rechnen solle, daß er sie am Ende tatsächlich finden könnte. Mitten im schönsten Sinnen über vielerlei Wahrheiten stoßen wir unvermittelt auf eine halbierte, in den Himmel ragende, sozusagen auf den Rücken gefallene Brücke, auf der in elsässischer Sprache der nächste Sinnspruch angebracht ist und bedanken uns innerlich für das öffentliche Denkstoffangebot der oberrheinischen Bildungsmetropole.

Rheintochter (2)

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Die letzten Tage wagnerianisch geprägt: Rheintöchter noch und noch, der Ring des Nibelungen kleingestückelt auf Youtube, Lesung in der Kölner Richard-Wagner-Straße, kaum in Freiburg angekommen: wird dort der Ring gegeben. Allerdings bereits ausverkauft. Große Kartenkontingente gingen an Japaner, Koreaner und sonstige Interkontinentalwagnerianer. Als Ersatz grüßt uns diese dem ewigen Schwung lustvollen Shoppens entsprungene Freiburger Rheintochter von der Straße ins Zimmerfenster, dh, natürlich ist sie als Schwarzwaldmädel ein wenig mehr Berg- als Rheintochter, vereint dabei jedoch aufs Vorzüglichste Tradition mit Moderne und eskortiert uns standesgemäß zum vorübergehenden Ausgang aus dem Wagner-Wahn.

Auguste Duméril sur les bords du Rhin (3)

Voilà, sans contredit, une des plus belles choses que j’ai vues, pendant ce voyage, où j’ai eu si souvent à partager mon admiration, entre les spectacles offerts par une admirable nature, et de magnifiques travaux, dus à la main de l’homme. Rien de plus imposant, que ces ruines gigantesques, dont le bombardement, ordonné par Louis XIV ; et la foudre, qui a détruit une aile, ont fait une des choses les plus curieuses qu’on puisse voir. Construit sur des montagnes, qui bordent le Neckar et dominant la ville, cette masse imposante de constructions, à demi-détruites, mais qui cependant laissent encore dominer l’ancienne ordonnance, semble témoigner de la puissance des anciens ducs palatins. D’une ancienne plate-forme, d’où la vue plonge sur la ville, sur le Neckar, si pittoresque, et au loin, sur le Rhin, et les montagnes qui le bordent, j’ai joui du ravissant spectacle du coucher du soleil. Ce vieux château, que l’on conserve avec tant de soin, je l’ai visité dans tous ses détails, et vous comprenez que je n’ai pas manqué de visiter les magnifiques caves où se voit le célèbre tonneau monstre, et qui contient je ne sais plus combien de centaines de milliers de bouteilles: c’est curieux, mais un peu prosaïque, au milieu de tout cet ensemble si pittoresque. Le lendemain matin, j’ai voulu voir le lever du soleil, sur une autre montagne, double au moins, en hauteur, de celle où est construit le château: j’étais en route à cinq heures et ¼, mais une fois en haut, le brouillard était tellement épais que j’en fus pour ma peine, mais n’en n’ai pas moins fait une charmante promenade, en redescendant la montagne, du côté du Neckar, et de là, on a de délicieux points de vue. Sur la rive opposée de cette rivière, et mi-côte, Fiedemann, alors absent, possède une charmante maison de campagne. J’ai vu, de loin, la maison où les étudiants vont se balafrer la figure: c’est une espèce de cabaret, où les combats ont lieu dans une grande salle: ils sont sévèrement interdits, mais l’amour de la balafre fait braver aux étudiants toutes les défenses. En rentrant en ville, en petit bateau, sur lequel j’ai descendu le Neckar, j’ai été visiter les collections d’anatomie, et j’ai reconnu, dans les préparations, celles qui ont servi aux ouvrages de Fiedemann: il y a de fort belles choses, mais vous comprenez que je n’ai vu tout cela que très rapidement, pas tellement cependant, que je n’aie pu prendre une idée de l’ensemble. A dix heures ½ du matin, ce jour-là (mardi) j’étais en route pour Karlsruhe: trois heures m’ont suffi pour voir cette ville, de construction bizarre, dont la régularité, non moins parfaite que celle de Mannheim, est cependant un peu différente. A la convexité de la demi lune, qui ferme le château, viennent aboutir une vingtaine d’allées, qui traversent le parc et la forêt du Harz, comme les lames d’un éventail. En avant de la concavité de cette demi-lune, et à une certaine distance du château, est construit un rang de maisons formant également un arc de cercle, dont la concavité répond à celle du château: ce rang de maisons est coupé par onze rues, qui s’en vont en divergeant, et en formant aussi un éventail: les rues transversales sont en demi-lune. On saisit parfaitement cette disposition, du haut d’une tour, située au centre du château: c’est vraiment quelque chose de tout particulier, et qui est peut-être plus agréable à l’œil que le damier de Mannheim. Le château est très beau, ainsi que le parc: c’est une petite ville peu animée, qui l’est cependant assez, je crois, pendant la résidence du duc de Baden-Baden, en hiver. Le soir, de ce même jour, je venais coucher à B.-B., où j’arrivai assez tôt pour aller voir, le soir, le lieu de réunion, qui présente un aspect tout à fait propre à un lieu de réunion de baigneurs. Le lendemain, j’ai fait une énorme promenade, de près de 6 heures, au Curiem, vieux château, d’où l’on jouit d’une admirable vue, et sur les autres montagnes, qui bordent la délicieuse vallée, au fond de laquelle est construite la ville, qui se trouve ainsi parfaitement abritée. En revenant de la promenade, j’ai été entendre un excellent concert en plein air, devant la salle de conversation, et qui se donne chaque jour, deux fois, aux frais du grand-duc, et après le dîner à table d’hôte: curieux, par le bizarre assemblage des gens de toute nation qui s’y voient, et par la somptuosité qui y règne: j’ai été à un bal de souscription, où j’ai retrouvé toute l’élégance parisienne, et je me suis donné l’émotion de risquer une vingtaine de florins, dont heureusement je n’ai laissé aucun, sur le tapis, mais je n’ai rien gagné: si j’avais dû rester plusieurs jours à Baden, je n’aurais pas joué, car je crois qu’on doit facilement se laisser entraîner. Le lendemain jeudi, je suis allé, de Baden, à Fribourg-en-Brisgau, où je ne suis resté que quelques heures, temps suffisant pour visiter la cathédrale gothique, l’aspect de la ville, qui est petit et assez triste, et les collections d’anatomie, qui sont fort belles. De là, je suis revenu sur mes pas, pour visiter Strasbourg, où j’ai passé 24 heures à peine, ayant bien des choses à y voir: la magnifique cathédrale, l’Eglise protestante de St Thomas, où est le beau tombeau du maréchal de Saxe; la maison gothique, près de l’Eglise, et enfin, les riches collections d’anatomie normale et pathologique de la faculté de médecine. Je suis revenu directement par la malle, en 36 heures, de sorte que j’étais ici le dimanche 27, à 4 heures du matin.

(aus: Journal de voyage d’Auguste Duméril sur les bords du Rhin 1846, aufgespürt und Rheinsein zugespielt von Roland Bergère.  Der Autor war seinerzeit Zoologe mit Spezialisierung auf Kriechtiere, Lurche und Fische und schön wärs sicherlich gewesen, er hätte dem Rhein auf seiner Reise auch solche entlockt und näher beschrieben – damals, zu Beginn der hochspannenden Übergangszeit von Fabelwesen hin zur modernen, von zahlreichen Tiersendungen im Fernsehen dokumentierten Gegenwartsfauna.
(Quelle: http://correspondancefamiliale.ehess.fr/))

Durchs Markgräflerland

In Freiburg vorm Haus „Zur lieben Hand“ umgedreht und eine Gedenktafel für Martin Waldseemüller erblickt, den jüngst erst in Sélestat entdeckten Buchdrucker, Kosmografen und ausgewiesenen Humanisten mit dem sinistren Pseudonym Hylacomylus. Das Haus „Zum Hechtkopf“ an dieser Stelle war sein Elternhaus und dient jetzt als Uni-Tiefgarage. Von dort unvermittelt weggeholt (sozusagen von der Straße geklaubt) und aufn Tuniberg chauffiert, der vor zwölftausend Jahren von Rentierjägern bevölkert oder gestreift worden sein soll. (Vielleicht besteht er ja aus Rentierdung.) Von oben Blicke auf die herbstlich geröstete Landschaft, einzeln im lauen Wind baumelnde Trauben geben das besinnlich-stille Glockenspiel. Waldverstellt der Rhein vor dräuenden Vogesen. Weiter nach Staufen, das sich seit einigen geothermischen Bohrungen 2007 monatlich um einen Zentimeter hebt, weil eine Wasserader Gipsschichten speist, die unterirdisch aufquellen, was einen beträchtlichen Katastrofentourismus nach sich zieht: fette Risse in den hübschen Altstadthäusern. Huchel lebte hier seine letzten zehn Jahre, wer wills ihm verdenken: ein pittoreskes Plätzchen mit Geschichte: „Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage, der obersten Teufel einer, der Mephistopheles, den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen Schwager genannt, habe ihm, nachdem der Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.“ (Wirtshausinschrift) Wahrscheinlicher aber hat in der Leibhaftige mit Schladerer-Obstler ersäuft. Weitere schöne Inschrift, die auf die badische Revolution weist: „Ich, der Kronenwirt von Staufen, ich dulde es nicht, daß ich erschossen werde.“ Abschwirrn in die Umgebung: alle Straußenwirtschaften haben Ruhetag oder sind bereits dicht. Schäufele und Wildschweinwürscht müssen in Freiburg eingenommen werden. Merci mon frère, und happy birthday again!

Rheindosen

Dunkle Orkwolken übern Schwarzwaldkuppen, dräuseln und zäuseln da rum, rührn ihre Opfer weich, Zeugs und Gesellum, das sie nachts ausn Berghütten holten. Im Tal, in der Stadt, ganz leichte Bedrückung spürbar, einer dieser Tage, an denen aufgeschoben wird, was aufgeschoben werden kann, schnelles Erledigen der Einkäufe, durch die Straßen läuft ein grauer Film, ne Art flüssiges Rauchglas, die mechanischen Geräusche (Kellerrotoren, Turbohäcksler, Handstanzen, Viertakter, plötzlich anspringende Elektrogeräte etc) wirken kräftiger, unterschwellig bedrohlicher als üblich, aus der Luft kommt einiges hinzu, das vielsagende Rascheln toten Laubs: allgegenwärtige Trauerliturgie sonder Beispiel. Heftiges, von allerlei Husten begleitetes Artikulieren, von unterbewußten Umentscheidungen getrieben, zermürbt Kundschaft und Personal an den kunstbeleuchteten Wursttheken der viel zu eng eingerichteten Supermärkte, zitternde Handrücken, gekreuzt mit Fleischerbeilen, Wirrnis stiftende Dosenregale, Tunnelfluchten ins Konservierte, in blanken, lediglich abfüll- und verfallsdatumgestempelten Blechdosen fließt der Rhein, seine Kiesel, die sich am Boden absetzen, die Qualität des Sediments läßt sich mithilfe eines komplexen Schüttelvorgangs bestimmen, mit zureichend Glück und Ausdauer finden sich noch kleinere Goldplättchen, auch Jungsalme; der eingedoste Strom wird insbesondere von Anhängern der Experimentalreligionen gekauft und als tägliche Wünschelrute/Verkehrsleitsystem eingesetzt, das Strömen, wird schon behauptet, wirke auch in der Büchse fort und führe jedenfalls auf einen guten Weg. Dieweil der Höllentäler stet und standhaft weiterbläst, kräuseln sich die Dosenwellen in ihren Gefängnissen zu unguten Zeichen. Es rumpelt im endlosen Raum und nur die Feinsinnigeren nehmens wahr: ständig fallen in der Stadt Leute um, werden liegengebliebene weggeschleppt, verschwinden gestern noch hoch angesehene Mitbürger fürs erste und womöglich ewig in Tankstellen und Autos, werden in einem kaum begreiflichen Umwälzverfahren durch deutlich weniger zivilisierte ersetzt. Am Straßenrand, in den Büschen: das Zähnefletschen übertritt wieder die Geräuschgrenze. Es ist gut möglich, daß diese Rheindosen staatlicherseits gefördert werden, daß sie nun ganze Regalreihen in Beschlag nehmen, daß sie so wohlfeil sind, es scheint um ein Wegschwemmen zu gehen, ein Reinemachen: diese Blechdosen in den Händen der guten Bürger, sie wachsen, zumindest hier in der Gegend, zum Symbol. Zum Symbol des Widerstands gegen die eigenen Urängste, trotz allen Herbstens, Windens und emotionaler Ausbrüche beim Wursteinkauf bleibt mit einiger Willenskraft die Höflichkeit gewahrt, Nachbarn beschenken sich ritualhaft zwanglos mit Büchsen, und drei-, viermal täglich läßt man den Strom frei, er schießt in die Gossen und Gullis, sammelt sich in den Runzen, beschützt die Stadt von unten.