Franz Beckenbauer vs Moselweine

Der Film Libero von Wigbert Wicker aus dem Jahr 1973 bietet halbdokumentarische Szenen über das schwierige Leben des berühmten Fußballprofis Franz Beckenbauer. Als der sympathische Kaiser aufgrund seines übervollen Terminkalenders ein Formtief durchlebt, schiebt ihm eine Werbeagentur, für die er gelegentlich Modell steht, gemeinsam mit der Presse mit Hilfe eines fingierten Fotos, das den Fußballer mit einer “duften Biene” zeigt, eine Affäre unter. Unzufriedene Fangruppen sammeln sich vor Beckenbauers Anwesen, verbrennen ihre Vereinsfahnen und skandieren Schmährufe. Im langweiligen bayerischen Schulunterricht träumt sich indessen ein zehnjähriger Junge in die Welt des Stars. Während die übrigen Schüler entweder vor sich hindösen oder Papierkugelschlachten führen, muß für das flüchtenswert Dröge des bundesdeutschen Alltags in den frühen Siebzigern ein Exkurs des Lehrers über das Rheinland und schließlich (der Lehrer wird zunehmend versonnener, seichte Musik setzt ein) einige Mosellagen herhalten:

“Das Rheinland… Die Rheinebene… Ist gut bewässert, der Boden ist fruchtbar, das Klima ist mild. Ein reiches Bauernland. In der Ebene wächst fast alles, was der Bauer und der Industriearbeiter in den nahen Großstädten braucht. Mainz, Wiesbaden, Frankfurt. Ähm, im Westen lösen die Weingärten die Getreidefelder ab. Hier an der, an der Weinstraße – Ruhe! – an der Weinstraße liegen die berühmten Weinorte, ähm, Edenkoben, Deidesheim, Wachenheim, Bad Dürkheim, ähm, Nierstein – was’s denn los? An den warmen Sonnenhängen der Mosel, da wachsen so berühmte Weinsorten wie Wehlener Sonnenuhr, Bernkasteler Doctor, Bernkasteler Riesling, Piesporter Riesling, Ürziger Schwarzlay, Brauneberger Juffer, Klüsserather Bruderschaft, Zeller Schwarze Katz, Kröver Nacktarsch, Gimmeldinger Meeresspinne, Trittenheimer Altärchen, Trittenheimer Apotheke…” (Die Schulglocke schrillt, die Schüler stürzen jubelnd aus dem Unterricht.)

Hausach

Die Lieblichkeit des Oberrheintals, abermals auf Schienen abgefahren. Paradierendes Tal: während der Kammmolch durch die regengefüllten Bombenkrater der Waldwelt wuselt, lauern im Wiesengrund bösartige Zecken auf Hunde-, Wild- und Menschenblut. So berichtet es die Zeitung, so wars bereits zu meiner Kindheit. Die Strecke Karlsruhe-Freiburg bietet im Frühjahr ein Prachtpanorama provinzieller Paradiesvorstellungen, sie tut dies auch zu allen anderen Jahreszeiten. Aprilsaftig büschelt das Grün, die Bäume pulvern mit Blütenkonfetti. Der Klee wächst zu mächtigen Gebilden, nirgendwo sonst prangt der Löwenzahn so orangegoldnen Kopfes. Unter der Erde grummelt der Spargel seine rhizomatischen Mantren und grenzt auf diese Weise seine Reviere von jenen des Engerlings ab. Greife kreisen, auf klare Areale abgepackte Industrie, dann wieder Grün mit aristokratischem Goldfasan. Mäßig bevölkerte Stilleben, die da und dort gemächlich in Bewegung kippen. Die Ansagen des Personals kommen hinterrücks, laut und in tiefstem Badisch, Herr K., der reimende Zugbegleiter, moderiert die Fahrt auf den Gängen, vertreibt den Dorfklatsch, mischt die Schwarzwaldgipfel neu: „Wann Sie naus zum Fenschder schauue / lings die Buggel, rechts die Aue / Des isch unser Badnerland / dodehinner isch net viel bekannt“. Offenburg fungiert als Verladestation, alle zwanzig Minuten wälzen sich Menschenmassen von Bahnsteig zu Bahnsteig, ansonsten ist es in Offenburg sehr ruhig, vielleicht handelt es sich bei Offenburg, mit Superlativen sollte paradoxerweise stets mäßig umgegangen werden, um eine der langweiligsten Großstädte der Welt. Der Zug biegt ins Kinzigtal, er will jetzt in den Schwarzwald hoch. Hausach ist bereits von Hügeln umgeben, Mehrstockbungalows mit Kinzigblick erinnern architektonisch an Touristenburgen, aber soviele Touristen hat Hausach nicht. Dabei könnte Hausach als literarischstes Dorf weit und breit vermarktet werden mit seinen zwei lokalen Dichtern, dem jüngst erstmals ausgeschriebenen Dorfschreiberposten und seinem „Leselenz“ genannten Lyrikfestival, doch die Oberen bevorzugen offenbar den neoliberal oder einfach nur seniorengerecht angehauchten Slogan „Kaufkraft City“. Kaufkraft mag in Hausach durchaus vorhanden sein; zu kaufen gibt es im Dorf allerdings nichts außergewöhnliches. Das merken auch die Ausflüglermassen im Fahrrad- oder Wanderstau am Kinzigufer. Die Sonne scheint lehrbuchgerecht, es ist Flößerfest, dh, ein traditionelles Holzfloß wird die Kinzig hinabgeschwemmt- und gelenkt, um mit Musik, Bier und Wurst in Hausach haltzumachen (die Hausacher Kaufkraft zu wecken) und an die guten alten Zeiten mit noch viel höherer Kaufkraft zu erinnern. Nach ein paar Stündchen legt das imposante Gebilde, vermittels eines zuvor angestauten Wasserschwalls, wieder ab, eventtechnisch paßgenau zu abgehackter Moderation und den blechernen Tönen des Badnerlieds, intoniert von der lokalen Blaskapelle. Rund um Hausach schwingen sich die Hügel zu sanften, den Abend beschattenden Bögen, vom Burgturm bewacht schwindet ein weiterer Tag, schleift seinen Schwanz durch Ein- und Ausgänge des malerischen Tals und läßt ein Pfund Tradition in der Luft stehen, das man mal auf seine Handycam bannen kann. Einer der beiden lokalen Lyriker zeigt mir – für alle, die immer schon wissen wollten, worüber Dichter sich bei ihren klandestinen Treffen so unterhalten – seine Fußballautogrammsammlung und ein Foto, das ihn Arm in Arm mit dem jungen Beckenbauer zeigt, schnell noch ein Glas Wein, dann geht’s der glitzernden Kinzig nach, die ihre Geheimnisse geschickt in klarstem Wasser löst und wohl etwas länger befragt werden muß, bevor sie Tieferes preisgibt.