Das Wunder von Köln

Soeben erreicht mich eine Mail von Frank Dommert mit einem Veranstaltungshinweis, den ich hiermit kommentarlos dokumentieren möchte: “In einem Hohlraum in 10 Metern Tiefe trat vor einigen Wochen im Kölner Süden ein sensationeller Fund zu Tage: In einer Asservatenkiste fanden Arbeiter, die Bergungsmaßnahmen durchführten, eines der wenigen unversehrten Bestandteile des Kölner Stadtarchivs, das am 3. März 2009 durch einen Erdrutsch völlig zerstört worden war: eine Schellack-Aufnahme des englischen Künstlers Colin Anderson. Anderson hatte im Jahr 1949 das gerade in Kraft getretene Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in einem Londoner Studio mithilfe von Pfeiflauten wiedergegeben. Der Avantgarde-Künstler, zu dessen engsten Freunden Kurt Schwitters gehörte und der in den Fünfziger Jahren in die Vereinigten Staaten auswanderte, hatte der jungen Republik ein ganz eigenes, wenn auch hintersinniges Denkmal setzen wollen. Wie Mitarbeiter des Archivs bekanntgaben, ist die Aufnahmequalität ihrem Alter entsprechend erstaunlich hoch. Die beiden Seiten der Schellackplatte, die wie ein Wunder unversehrt geblieben ist, umfassen die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes, die die Grundrechte umfassen, in vollständiger Form. Sein Sohn, der amerikanische Künstler Richard Anderson, der vor einigen Jahren das Erbe seines Vaters angetreten hat und an einer „Enzyklopädie des Gepfiffenen Wortes“ (Encyclopedia of the Whistled Speech) arbeitet, war hoch erfreut, als er von dem Fund hörte – galt die Aufnahme doch seit fast sechzig Jahren als verschollen. Er konnte mittlerweile die Authentizität der Aufnahme bestätigen, da das charakteristische melodiöse Pfeifen seines Vaters genau seinen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend entspricht. Anderson (…) wird in der Nacht zum 25. Mai diesen Jahres um 0.00 Uhr, wenn sich das Inkrafttreten des Grundgesetzes und damit der Bundesrepublik Deutschland zum sechzigsten Mal jährt, die kostbare Aufnahme vor dem zerstörten Kölner Stadtarchiv abspielen, im Gedenken an seinen Vater, an die Kunst, an das Grundgesetz und nicht zuletzt an die unzähligen Verluste an historischem Material, dessen Zerstörung sich die fragile Schellackplatte wundersam entziehen konnte. Kenneth Goldsmith (…) hat die Schellackaufnahme vorab auf seinem Internat-Portal veröffentlicht: http://ubuweb.com/sound/anderson_colin.html”