Ein guter Spießbürger

15 VIII 14 Samstag
(…) An einem Kupee zweiter Klasse steht angekreidet „Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen.“ – In der Industriegegend an Ruhr u. Wupper, durch die ich draußen auf dem Bock eines Vorratswagens fuhr, erreichte die Begeisterung des Volks ihren Höhepunkt; auf allen Plätzen, Straßen, Brücken drängten sich Tausende, die winkten und riefen; in den Bahnhöfen spielten Musikkappellen, allerlei Eßbares und Rauchbares wurde Einem von jungen Mädchen und Gymnasiasten geradezu aufgedrängt. Nachts, als wir uns Köln näherten, tasteten die Strahlen mächtiger Scheinwerfer den Himmel nach Fliegern ab; dagegen lag die große Rheinbrücke alle Lichter gelöscht, in tiefer Dunkelheit; auch die noch vor vierzehn Tagen so bunt erleuchtete Werkbund Ausstellung. Der große Bahnhof war bis auf die Rote Kreuz Frauen und Knaben und das Bahnhofspersonal ganz leer. Während wir hielten kam ein Transport französischer Gefangener, fünf höhere Offiziere und Mannschaften, durch.

19 VIII Mittwoch Lüttich
Um ¾ 7 über Grenze. Allee rote Rosen kurz vor Grenze. Erste Stellungen in Richtung Masta. Kdo telephoniert Nachricht xxx, daß Armee Obercommando in Lüttich.
In aufsteigender Waldschlucht Francorchamps ganz zerstört, man scheint die Häuser einzeln gesprengt zu haben. Nur ein Lazarett und ein Hotel stehen noch. Im Hotel, dem Bahnhof gegenüber, gefrühstückt, Kaffee, Eier, gute Butter, weißer Bordeaux. Die Wirtin zuvorkommend und gedrückt; konnte sich nicht darüber beruhigen, daß ich so gut französisch spreche. Einzelne gestrandete Sommergäste, eine alte Dame, die fröstelnd einen gestrickten Shawl sich anlegt, und mit mir über kalte Witterung zu sprechen anfängt. Ein kleiner Junge aus Antwerpen, 11 Jahre alt, der mir zulächelt und sagt, jetzt habe er beide Arten von Soldaten gesehen, die Belgier und die Deutschen. Die Einwohner sind alle geflüchtet. In den Wäldern zwischen hier und Spa soll sich eine Bande von 500 Industriearbeitern gebildet haben. Der Transportführer läßt vor der Abfahrt laden.- In Spa sehr viel Militär. Die Bevölkerung macht einen eher freundlichen Eindruck, Einzelne winken unserem Zuge zu; bei der Ausfahrt spielt sogar vor einem Häuschen ein Junge zu Ehren des vorbeifahrenden Zuges ein Stück auf der Ziehharmonika. Der Bahnhofskommandant in Spa meldet aber, daß das Dorf Theux, zwischen Spa und Pepinster, einen Überfall auf die Eisenbahn vorhabe. In Theux langer Halt. Im „Hotel de Cologne“ gefrühstückt. Deutsches Mädchen; die jungen Leute hier schimpften auf Deutschland, würden aber nicht Soldaten. – In Pepinster auf dem Bahnhof eine österreichische schwere Mörserbatterie, die ersten Österreicher. Sie sehen frisch und nett aus, grüßen lächelnd. Ein Kanonier, den ich fragte, sagte mir sie kämen direkt aus Triest. Später ebenfalls in Pepinster, wo wir mehrere Stunden liegen blieben, ein Transport belgischer Gefangener nach Deutschland abfahrend. Wir halten die Nacht vor Lüttich, fünfhundert Meter vor der Maasbrücke. Gegen ein Uhr steigen zwei mächtige Feuersäulen aus den Häusern der Lütticher Vorstadt diesseits der Maas auf und stehen die ganze Nacht am Himmel.

23 VIII 14. Sonntag.
Ruhetag in Lüttich. Mein Friseur erzählt mir Folgendes. Bei der Schießerei am Donnerstag sei ein guter Bekannter von ihm sicher unschuldig standrechtlich erschossen worden. Es sei ein guter Spießbürger gewesen, der auf dem Platz vor der Universität eine Südfruchthandlung hatte. Über seiner Handlung im ersten Stock, sei der Club der Russischen Studenten gewesen; aus diesem sei geschossen worden. Die Soldaten stürmten das Haus, und mit den anderen wurde auch der Händler herausgeschleppt und erschossen. Er habe vielleicht nicht einmal gewußt daß über ihm ein Studentenclub sei. (…)

(Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880 – 1937. Die Einträge stammen aus dem August 1914, dem ersten Monat des Ersten Weltkriegs, den das Rheinland vor allem als Durchzugsgebiet für Truppentransporte sah.)