Landquart

Bekannt ist Landquart vornehmlich als Umsteigebahnhof. Außerdem mündet dort die Landquart in den Rhein. Landquarts Wikipedia-Eintrag ist einer der denkbar geringfügigsten, Grund genug, die Ortschaft voller Neugier zu erkunden. Für eine knappe Stunde ist sie gut. Landquart, das ist Begrüßung per Preßlufthammer und architektonischer Radikalität: Willkommen im Beton- und Shoppingdorf! Die Straßen säumen Pubs, Einzelhändler und Supermärkte. Drüber und drum herum stehen mehrgeschossige Wohnkuben. Das „Rheinfels“ wirbt mit: „Wir haben ein flottes Raucherstübli“. Im „Schweizerhof“ gibt’s einen „Australian Pub“ samt Krokodil, Känguru, Strauß vom heißen Stein. Im „Landquart Pub“ kann man sich gegen Schweinegrippe impfen lassen. Das „Rama Rama“ offeriert Drachennudeln, Kefen (= Zuckererbsen) und Lattich (= Römersalat) mit Knoblauch. Für Abwechslung ist also gesorgt. Die Restaurants allerdings sind kaum gefüllt, denn das Landquarter Leben spielt sich in den mit Bronze ausgeleuchteten Supermärkten ab. Kein Wunder, steht dasselbe M von MIGROS so ja auch in und für HEIMAT. Oberhalb derer sich in Landquart depressive Bergzüge mit aufgerichteten Nackenborsten jedweder farblichen Kategorie verweigern, sondern einfach nur scheiße drauf sein wollen, und dabei absichtlich den Himmel mit runterziehen, der mißliebig ein paar schleimige Tropfen spuckt. „wenn schönes entsteht“ kündet „roth-gerüste“ mit gebotener Zynik an Neubauten, denn Landquart ist in puncto Bausünden, deren gröbsten Ausbund das „Alpenrhein Village“ westlich der Bahngleise darstellt, seinen Nachbardörfern um Längen, man möchte meinen: auf Jahrhunderte, wahrscheinlich: schlicht uneinholbar voraus. Man trägt im Dorfe also schlechten Teint und eben noch gebändigte Psyche, der gute Hirte breitet die Arme, macht Fingerzeichen und schlingt zügig sein Lamm umn Nacken, schreitet wortlos weiter auffi gen Flüelapaß und Davos. Vor den Shops stehen unangetastet im Regen: Elektrovelos und Street Stepper, es wäre auch nicht ratsam, sich ihrer zu bedienen, die Straßen werden beherrscht von staubigen Lkws, die die gesamte Fahrbahn einnehmen. Gegenüber des Zentrallagers der Rhätischen Bahn wacht ein Braunbär, die Teenies tragen eine schreckliche Mode, als wären die 80er Jahre nicht bereits des Üblen genug gewesen – und der Rhein, scheints völlig überflüssig und abgedrängt hinter heiligen Asfalttrassen, wird nur deshalb als Namenspatron hergenommen, weil es Wirten und Bauherren an Mut zur finalen Ehrlichkeit mangelt, ihre Beizen und Wohnparadiese „Zum inneren Dauerregen“ oder „Betonhochhausblick“ zu nennen.