Der Rhein des Herrn Predigers Bodenburg

Der Rhein.

Rhenus, gepriesener Strom, ich trage zu deinem Gestade,
Zu dem Hall deiner Wogen, zuerst die Harfe, und horche
Auf der Wellen melodisches Spiel an dem klingenden Felsen,
Dass mich hebe dein stürmender Gang zu kühnerem Fluge.

Felsgebohrner, dich hat die Najade zum Schuzze gebettet
An die Schwelle des Landes, und längs Germania`s Fluren
Streckest du hin den Riesenarm, mit donnerndem Fusstritt
Niederstürmend ins Thal von dem bebenden Felsengebirge.
Hoch in der Wolken Umschattung gebahr dich die mächtige Nymphe,
In der entlegenen Grotte nicht lange den Liebling verbergend.
Segnend sandte sie dich hinab zu dem heiligen Weltmeer.

Eh` du die Bahn dir geebnet, da tobte die Kraft der Vulkane,
Wo nun Trauben sich sonnen, und stämmte Gebirg` an Gebirge;
Aber almälig erloschen die quellenden Gluthen; dann sprengtest
Du mit eilendem Fusse die Pforten der hemmenden Felsen

Also sprach, da einst dich gebahr die milde Najade:
„Auf, und belebe die schweigende Oede des Thales! — Entschlüpfe
„Muthig der Grott` und dem Hochgebirge von Klippe zu Klippe.
„Wenn du zur Ebne gekommen, dann läutre von neuem die Welle
„Dort in dem ruhigen See, und tritt mit dem silbernen Fusse
„Auf der Germanier Flur; dann wandle du Starker vom Alpland
„Unter melodischem Rauschen zum strömeversammelnden Meere.
„Hemmen dich Felsen im Lauf und dränget die Schlucht deine Seiten,
„Dann bestürme du kühn und unablässig die Klippe;
„Du bezwingest almälig den Fels mit der nagenden Woge.
„Wenn du Ozeanus nahest, wird banges Erstaunen ihn fassen,
„Hört er den stürmenden Drang deiner Wogen, — und fürchtend, du mögtest
„Ihm die Behausung erschüttern, erhebt er das Haupt aus den Wellen;
„Rufend den Nereiden, gebietet dann also der Meergott:”‘

„Seht, dort braust mit verheerender Stärke der Rhenus vom Hochland!
„Ihn erzogen die Nymphen der Berge, — der kühne erschüttert
„Fels und Land mit unendlicher Kraft, und eilet zum Meere,
„Gleich als wollt` er mich selber versuchen, und meine Behausung
„In der Tiefe zertrümmern und wild mir die Wogen empören.
„Hemmt ihn im stürmenden Lauf, und zähmt mir den kühnsten der Ströme,
„Dass er Ozeanus Herrschaft erkenne, und alle die Ströme
„Ferner sich scheuen mit wildem Getös` meine Wogen zu drängen.”

„Hemmen wird er dich dann, der stärkre, im fröhlichen Tanze;
„Flaches Vorland breitet er hin, da wirst du mit Mühe,
„Mit ermattetem Fusse die sandigen Pfade durchschleichen,
„Und des Ozeanus weite Behausung still wandelnd betreten,

„Doch dies kümmre dich nicht, — die Kraft von jeglichem Strome
„Löset Ozeanus auf — sprach weiter die milde Najade;
„Wirst du doch glorreich vollenden, und Fluren und Völker erfreuen,
„In dem Schmuck der Gestade, vor jeglichem Strome verherrlicht.

„Ferne Wanderer kommen und staunen dem Sturz deiner Wasser,
„Weit erschallet der Ruhm des lieblich umuferten Rheines.
„Ceres, Pomona, Dryaden und Flora und freundliche Nymphen,
„Werden zu deinem Gestade sich wenden; dort dringen die Halme
„Schlanker empor, der Flora Teppich ist reicher, Pomona
„Sammelt da schönere Früchte, es heben weitschattende Eichen
„Kühner zum Himmel das Haupt, wo du die Fluren bewässerst.

„Zahlreich werden die Völker dein reicheres Ufer umlagern,
„Mit vielschaffendem Fleiss die lachenden Fluren zu bauen.
„Wildniss hauset nicht lang an dem Bett` der belebenden Ströme!
„Die in den Wellen des Rhenus sich spiegeln, die zahllosen Städte —
„Wer vermögte sie alle zu nennen? — Der Nachen Gewimmel
„Gleitet hinab und hinauf, und decket die wogende Strombahn.

„Steig` hinab vom Gebirge, du König der Ströme, und herrsche
„Ueber des Thales Gewässer, und bringe den darbenden Fluren
„Der Najaden Geschenke, die sorgsam aus Wolken wir sammeln.,,

So die unsterbliche Nymphe, und du entschlüpftest der Urne.
Rhenus, erfüllt ist der Mutter Verheissung — dein Tempel vollendet!

Erst umruhte dich einsame Still` an dem wilden Gestade
Unter den Trümmern zerspaltener Klippen von Dornen umwuchert.
Nur das Toben der Stürme, Geheul raubspähender Thiere
Und der Fittig des Adlers durchtönte die nachtvolle Waldung.
Heerden wandelten nicht vom Hügel, am Strome zu trinken.
Nirgend ein Rebengewinde, wo wild nur rankte der Epheu.

Aber es trat der Germane bald näher zum lockenden Ufer;
Nieder legt er den Speer, entsagend den mühvollen Jagden
Tritt er in schwankende Nachen und zehrt von den Gaben des Stromes.
Bald so reihen sich Hütten an Hütten auf freierem Ufer;
Goldene Halme durchwogen die Niedrung, an grünenden Höhen
Wandeln und ruhen gesättigte Heerden im Schatten der Buche;
An dem sonnigen Hügel, von glühenden Trauben umhangen
Weilet Liäus, der fröhliche Gott, den Winzer belehrend.
Völker drängen sich dichter zusammen im lieblichen Rheinthal.
Welch` ein bethürmtes Gestade zur Rechten und Linken! Es ragen
Kühne Vesten gen Himmel; es hallet der zahllosen Städte
Reges Gewühl von Ufer zu Ufer; es furchet die Fichte
Reichbeladen und rastlos die Wogen, nicht scheuend die Brandung.
Wenn dann Luna den Felsen erklimmt, entsteigen der Tiefe,
Die dein Gewässer bewohnen, und spielen auf silberner Fläche,
Und es lauschen Dryaden und Nymphen vom waldigen Ufer
Hin nach dem Tanze der stillen Seläne auf wallender Strombahn.

Reicht mir den duftenden Becher, den Nectar der rheinischen Traube,
Dass in die heiligen Fluthen ich träufl` ein Opfer der Nymphe!
Die du thronst unter goldenem Saum des bestrahlten Gewölkes,
Und in des Gotthards Klüften kristallene Hallen bewohnest,
Rinnende Perlen mit fleissiger Hand in die Urne dir sammelst, —
O, wohlthätige Nymphe, dich preisen die Töne des Liedes,
Beben sie schwach nur hinauf zu dir von dankenden Lippen!

Doch, wer zeigt mir die Bahn zu dem Wolkensiz der Najade?
Mich gelüstet die Hehre zu schauen, damit ich sie singe!
Komm, o Genius, leite den Sänger zum hohen Gebirgspfad!
Wo die Kette der stolzen Graniten im Gaue der Urner
Näher dem Himmel sich thürmet, von Donnergewölken umgürtet,
Ewigen Kampf mit den Stürmen besteht und den spaltenden Blitzen,
Ruhet des Gotthards weitgespreitetes Riesengebäude,
Schwerbelastet vom nimmerzerrinnenden, wachsenden Eismeer,
Stets umdampft von den streifenden Nebeln des hohen Gewölkes.
Eine der Seiten strekt er Hesperiens Frühling entgegen,
Rauherem Norden die andere. Klippe streichet an Klippe
Tiefgespalten zum Abgrund nieder, voll grausigem Dunkel.
Furchtbar donnern die Ströme hinunter von bebenden Felsen,
Und es dampfen in Nebel empor die stiebenden Fluthen. (…)

(aus: Der Rhein, Fragment aus einem Gedicht: Die Ströme, vom Herrn Prediger Bodenburg. Womit zu dem mit den abgehenden Primanern des Johanneums, Heinr. Schmeichel, Ernst Carl Dav. Behm und Eduard Loder, am 22sten März von 9 bis 1 Uhr anzustellenden Maturitäts-Examen ehrerbietigst einladet J. Gurlitt, Professor am Gymnasium, Director und erster Professor des Johanneums. Hamburg 1804)

Flora

Wenn ich in Köln von meiner Wohnung zu Fuß Richtung Rhein schlendre, brauche ich, auf Schleichwegen und ein wenig querfeldein, bis ans Ufer eine knappe Stunde. Mein Viertel und die benachbarten, die ganz ähnlich heißen, muten traurig an, die Straßen sind wie zum Beleg für die allweil schwärende Stimmung nach niederrheinischen Ortschaften und Städtchen benannt. Vorbei geht’s an mal ranzigen, mal frisch und geschmacklos aufgestellten Reihenhaussiedlungen, gesichtslose Wohnschachteln für den Massenmenschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Seit zehn Jahren wohne ich selbst in solch einer Schachtel und nicht nur mein Äußeres, nein, mein ganzes einst so rebellisches Wesen hat sich in dieser Spanne schleichend den Vorgaben der Nachbarschaft angeglichen. Namenlos wandeln wir über die vollgeschissenen Gehsteige, manche von uns grüßen einander, andere halten das längst für überflüssig, meist erkennen wir uns nicht, weil wir eh in Belanglosigkeit aufgegangen sind. Unter feuchtkaltem Himmel bläht der Teig der Tage. Ich verschiebe meine Position, die frustriert mahnenden Wände wechseln von Block zu Block die Farbe oder blättern mit ihr rum. Hin und wieder eine Gestalt, die mittels Jogging versucht, dem persönlichen Verfall entgegenzuwirken, zu spät, zu spät, innen ist sie schon angefault, das Blut schießt in ihren angestrengten Kopf, es will hinaus in die Welt, von der es nichts weiß, die Gestalt produziert am laufenden Meter Bilder jener letzten Lächerlichkeit, die sich zum Kloß in unseren Hälsen auswächst, dort führt ein Geschichtsloser seine Kampfhunde aus, d.h., er läßt sie frei herumrennen, sieht ihnen im großen und ganzen sehr ähnlich, kontrolliert aber den eigenen Speichelfluß besser, dort ein Alter mit Zierhund, und da hinten zwei Schülerinnen mit Grauemausgesichtern, da hilft die billige Schminke auch nicht, im Gegenteil. Manche von den Alten hat man lang nicht mehr gesehen, wenn einer stirbt wird er ohne großes Aufhebens abtransportiert, ein junger neuer Nachmieter ist schnell gefunden, die Wohnschachteln recyceln ihre Inhalte selbsttätig, Individualität und schöne Wünsche spielen keine Rolle, ich schreite durch utopielose Landschaften, und erst die Flora, Kölns gepflegtester Park, deutlich jenseits der Kalkarer Straße, bricht dieses Bild mit gärtnerischer Opulenz – und dazu passend: benerzte Damen, botanisierende Pärchen, Halbwelt vor Kamelienblüte. Hier existiert einer der wenigen direkten Durchstiege in die Tropen, ein überdachter Dschungel schwitzt seine Luftfeuchtigkeit mitten in die Reihenhausseele, ringsum sprießen Stachelannone, Papaya, Vanille, Karambole, grellgelbe Kakaofrüchte leuchten durchs dichte Blattwerk, Hirschgeweihfarne tentakeln nach betongewohnten Schädeln, der Bambus rauscht und ächzt und knarzt, in den Pfützen lauern bösartige ausschleimende Welse mit nesselnden Tastschlingen, der plötzliche Ruf des Aras zerfetzt das Trommelfell, dort im Gebüsch springen zwei halbnackte Malaiinnen davon, sie sind mit giftigen Lanzen bewaffnet und tragen schicke Röckchen aus dem schlankmachenden Fächer der Loulo-Palme. Bromelien und Epifyten haben sich durch mein Ohr gefressen und geben meine verschlungenen, von Puderquastmimosen gedämpften Gedanken an die Außenwelt weiter, es ist ein sattes Grün und Rot, von Strelitzienpfeilen durchschossen, die Dreieckspalme markiert den Notausgang, raus hier, nur raus in ein anderes Grau, Geranien, das reicht doch, das ist doch genug, und ein Balkon aus Waschbeton, daran angebracht eine Satellitenschüssel mit direkter Verbindung ins Weltall, Google Maps, ein beruhigender Blick in landschaftliche Vergangenheit, dort fließt er, der Rhein, es gibt ihn noch, irgendwo da draußen, hinter anthropofagen Hausreihen mit strahlenden Geranien am Revers.