Rheinsein unterwegs (2)

„Jetzt 79 Kilometer geradeaus fahren“, empfahl der Bordroutenplaner. Es mußte sich um eine fantastische Abkürzung der ursprünglich avisierten Fahrtstrecke handeln. Unsere Kühlerhaube tauchte ein in sanfte Hügel, die vielleicht gar keine waren, so übergangslos wellten sie sich in die herbstgraue, von Fahlheit strotzende Gegend, die aus weitläufigen Feldern grauer Muttererde eintönige Panoramen strickte. Mitten in den Feldern standen schwarze Türme, in der Bauart jenen aus öffentlichen Schwimmbädern sehr ähnlich, nur daß sie lediglich ein einziges Sprungbrett in ca viereinhalb Metern Höhe boten. Für den Bungeesport war das deutlich zuwenig Fallhöhe, für den Wasserspringsport fehlte das Eintauchbecken am Fuße des Turms. Wir vermuteten ergo Stätten archaisch inspirierter Männlichkeitsriten der rheinhessischen Freiwilligen Feuerwehren in neuem Fungewand („Ackerjumping“, “Dunghupfen”, dergleichen), der Sog der Landstraße zog uns gen Süden, und ließ solcherlei Spekulation hinter der Heckscheibe zurück. Jenseits der Äcker deuteten gelegentliche McDonald`s-Minarette kleinere Weiler an, die zwischen dem rundumverglasten Großraumspeisesaal besagter Restaurantkette und dem jeweils gegenüberliegenden Baumarkt zu liegen kamen. Auch wenn die schnurgerade Straße nicht danach aussah, führte sie uns durch jedes dieser aus der täuschenden Autoperspektive so verstreut anmutenden Dörflein. Wir notierten ihre Namen und Besonderheiten, soweit die Eile der Landstraße dies zuließ: Flemmborn (kurzfristige Heimat der Deutschen Weinkönigin 1973), Flümborn (mehrere Tage Heimat der Deutschen Weinkönigin 1982), Flornborn (Heimat der Großdeutschen Weinkönigin 1940, die 1954 rehabilitiert wurde und die Krone ehrenhalber zum zweiten Mal aufgesetzt bekam), Flomborn (hier gab es einmal einen schwer zu erklärenden Vorfall mit einem Schwein, das aus eigenem Antrieb auf die Fleischwaage stieg), Esselborn (für eine Festwoche Heimat der Deutschen Weinkönigin 2005), Esselkessel, Esselkressel (ursprünglich eine britische Siedlung, von der niemand mehr weiß wie sie ins Rheinhessische gelangte), Restel (Heimat der Deutschen Fleischfachverkäuferinnenprinzessin 1999), Würstel (eine Weile lang Heimat der Deutschen Weinkönigin 1961) und Süppel (in dessen aktiver Heimatdialektgemeinschaft die ganzjährig hängenden Ausfahrtsbanner für die Weinfestareale der gesamten Region beschriftet werden: „Kummen gut häm!“). So fuhren wir und fuhren Stunde um Stunde stur geradeaus, sahen all diese Orte und die Windräder drunt in nicht allzufernen, doch unerreichbar scheinenden Senken, die der berühmte Rhein entlang der Autobahn durchfließen mochte, bemerkten wie die Äcker sich dem Himmel mengten in braunem Einheitsgrau und versuchten uns in den Riesling zu versetzen, der auf diesen Fluren zum Gedeih gezwungen uns eine gänzlich neue Perspektive auf sich als traubendes Lebewesen vermittelte. Wir fuhren und fuhren und die Bilder schienen sich zu gleichen, Ortschaften mit uns bekannt vorkommenden Namen wie Oberflomborn, Hinterflemmborn oder Westesselkressel zeigten uns ihre schönsten Rückseiten, dieweil wir sie, von der unerbittlichen Landstraße getrieben, der Länge nach in gradem Strich durchquerten. „Diese ganze Strecke muß man zu Fuß machen, nicht mit dem Auto“, ging es uns durch den Sinn, „ihre Schönheiten bekommt man vom Fahrzeug aus doch garnicht zu sehen und auch nicht bei den kurzen, Fischmords Limonadenkonsum verdankten Pausen am Landstraßenrand, wo der Wind so kräftig pustet, als stünde hier noch irgendwas, das er umblasen könnte.“ Wir mußten wohl eingenickt sein. Denn wir erwachten. Von Gepolter. „Was ist das?“ Reusch: „Kartoffeln.“ Tatsächlich: aus dem rückwärtigen Seitenfenster ließen sich vereinzelt dichtfliegende Kartoffelschwärme erblicken. Fischmord: „Wir haben es geschafft, wir sind raus aus Rheinhessen, wir haben eben die Pfälzer Grenze gequert.“ Die Straße war zwar noch dieselbe, hieß nun aber offiziell Deutsche Weinstraße. Von Kartoffelschwärmen eskortiert glitten wir mitten in die einsetzende Dunkelheit.