der berühmte Rheinfall fängt allmählig an zu schäumen

Jenseits vom St. Gotthardt entspringt der Rhein auf drey verschiedenen Bergen, aus drey ärmlichen Quellen, welche der Vorder=, Mittel= und Hinter=Rhein genannt werden. Er wächst schnell durch eine Menge Bergströme an, stürzt sich in den Bodensee, durch welchen er auf einer Strecke von drey Deutschen Meilen mit großem Ungestüm seinen Weg nimmt, und zwischen den Dörfern Stygen und Eschentz wieder heraustritt und seinen vorigen Namen annimmt. Unter Schaffhausen fängt eigentlich erst die bequemere Schiffbarkeit des Stroms an, indeß gibt es Schiffe, welche sich über den Rheinfall unterhalb dieser Stadt hinabwagen. Sie sind aus leichten Tannendielen zusammengeschlagen, weswegen sie auch, in der dortigen Mundart, Lauer=Tannen genannt werden, haben flache Böden, stumpfe, nur wenig erhöhte Vorder= und Hintertheile, und geradelaufende Seitenwände, ohne die mindeste Ausbeugung. Gewöhnlich werden sie da verkauft, wo die Ladung abgesetzt wird.
Schaffhausen zählt ohngefähr 9000 Einwohner, und ist lebhaft durch Fabriken und Zwischenhandel. Johannes von Müller wurde hier geboren, und der Rath hat seine bedeutende Bibliothek an sich gekauft. Auch sind hier noch zu bemerken: 1. Die Fischersche Gußstahl=Fabrik; 2. das Casino; 3. das reiche Conchylien=Cabinet des Dr. Ammann; 4. die Pflanzensammlung des Dr. Stockar; 5. der Münster; 6. die nahe Veste Munoth, auf dem Emmersberg. – Schöne Aussichten auf dem Schießplatz, auf der Enge und im Garten zum Füße=Stab, wo sich die Mitglieder des Casino versammeln. (…) Die schöne Rheinbrücke, welche vor wenigen Jahren noch die Stadt mit dem jenseits gelegenen Flecken Feuerthal verband, und im August 1799 von Oudinet zerstört wurde, war in ihrer Art ein Meisterstück, ein Hängewerk, welches, außer den Ufern, nur auf einem einzigen Pfeiler ruhte. Sie maß, in ihrer Ausdehnung, 364 Englische Fuß. – Gasthöfe: 1. Krone, 2. Schiff, 3. Schwerdt.
Eine Stunde unter Schaffhausen, bey den beyden Laufen, wovon das eine (ein Dorf und Schloß), dicht am Rhein, auf der Schweizerischen Seite, und das andre, ein altes Schlößchen, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der berühmte Rheinfall. Nachdem der Strom, ohngefähr 500 Schritte oberhalb, sein Gewässer zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, sehr eng zusammenziehen mußte, fängt er nun allmählig an zu schäumen und zu wirbeln, schießt dann, bey immer zunehmendem Abhang, in unzähligen Buchten und Scheidungen, von Fels auf Fels hinab, und gerät endlich an den Rand der ungeheuern Masse, wo ein Abgrund von beynahe 80 Fuß Höhe sich darstellt. Sein Sturz über diesen Rand geschieht mit einem in der Nähe betäubenden, und bey stiller Nacht auf 2 Meilen weit hörbaren Getöse, in drey Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, welcher zwischen zwey Felsenpfeilern Statt hat, der gewaltamste ist.
Laufen gehörte ehemals einem alten Geschlecht dieses Namens, welches längst erloschen ist. In dem Ort Laufen ist eine Camera obscura von einem Schaffhauser Künstler ausgestellt, welche gesehen zu werden verdient.

(aus: Alois Wilhelm Schreiber: Handbuch für Reisende am Rhein)