Rolandseck (von August Kopisch)

Von Spanien kam die Kunde, wie jener Held von Stahl,
Roland, gefället worden im Thal von Roncesval.

Da nahm den frommen Schleier die schöne Hildegund,
Gelobte Gott die Seele mit todesbleichem Mund.

Doch bald viel andre Kunde sandt’ aus der grüne Rhein:
Kein Schwert konnt’ ihn besiegen, die Liebe nur allein!

Es ward die schärfste Lanze ihm durch das Herz gerannt,
Als Hildegund, die Schöne, er Gott vermählet fand!

Auf hohem Felsen thät er sich eine Klause baun,
Von da zu ihrem Kloster im Rhein hinab zu schaun.

Da scholl von grüner Insel der Nonnen Sang empor:
Die holde Stimme wähnt’ er zu hören aus dem Chor.

Wie Blumenseim die Biene, sog er den süßen Schmerz.
Bis Minne ihm gebrochen das tapfre Heldenherz.

(aus: Rolands-Album, herausgegeben von Ferdinand Freiligrath, Köln 1840)

Unkel (2)

unkel_willy brandt gedenktafelPetrifizierter Bundeskanzler (Holozän)

Von Unkel war uns bis dato hauptsächlich bekannt, daß Willy Brandt (auf dessen Spuren wir uns für rheinsein gelegentlich begeben) (1) dort seinen letzten Wohnsitz nahm. Wir erreichten das Städtchen, dessen Name nach einer märchenhaften Mischung aus Unke und Onkel klingt, von Rheinbreitbach kommend über den lauschigen Fußpfad entlang des Flußufers, der in Unkel in ummauerte Parkanlagen und die lokale Rheinpromenade mündet. Kurz vor Erreichen Unkels fielen zahlreiche wild an Bäume und Pfähle geklebte Fahndungszettel ins Auge, die ohne nähere Begründung zu Informationen über eine durchschnittlich aussehende, durchschnittlich alte Frau mit normal aussehendem Schäferhund aufriefen, die einen Tag zuvor am Rheinufer erblickt worden sein soll. Auf Unkeler Gebiet wurden die sauber angefertigten, privaten Denunziationsaufrufe ergänzt um städtische Schilder voller Eigenlob für die Um- und Weitsicht der Lokalpolitik. Auf der Unkeler Promenade fand gerade ein Kunst-Handwerk-Design-Markt statt, stark bevölkert von durchschnittlich aussehenden Frauen durchschnittlichen Alters. Die Promenade, mithin die schönste Passage Unkels, ist, das war auffällig, nicht nach Willy Brandt benannt, sondern nach Konrad Adenauer, der während der NS-Herrschaft ebenfalls für einige Monate in Unkel wohnte. Eine Willy-Brandt-Straße fanden wir in Unkel nicht, wohl aber ein Willy-Brandt-Forum, eine Willy-Brandt-Gedenktafel vor dem Rathaus und den Beethoven-Freiligrath-Brandt-Brunnen mit Bronzeschädeln der genannten, wobei Beethoven für Universalität, Freiligrath (2) für Freiheit und Brandt für Frieden einstünde. Ein wenig Fachwerk, gelecktes Pflaster, Petunien auf den Fensterborden und die Speisekarten der Gastronomie vermittelten den schnellen Gesamteindruck, daß Unkel mit seiner gepflegten Kulisse, dem Von-allem-nicht-zuviel-und-nicht-zu-wenig, dem zeitnah aktualisierten, in gedeckten Farben transportierten Geschmack eine ganz feine Nuance oberhalb des Massengeschmacks womöglich ein in der Brigitte-Redaktion entworfenes Städtchen vorstellen könnte, eine von störender Individualität (3) und Gegenwart befreite Gesamtfassade für einen perfekten Tag neutralen Glücks, am besten abgerundet mit dem Genuß einer Raffaello-Kugel. Als Ort, den man gesehen haben, an dem man gewesen sein muß, wurde Unkel noch in den Jugendjahren unserer Eltern bezeichnet – womöglich die letzte Generation mit dieser Einstellung.
unkel_gefängnisturm Laminierte Zeichnung am Gittertor des historischen Gefängnisturms, der in den Sommermonaten alle zwei Wochen für zwei Stunden zur Besichtigung geöffnet wird

(1) “In Unkel, wo Anfang der fünfziger Jahre Rotbäckchen, der erste Kinderfruchtsaft der Nation, erfunden wurde und bis heute weit über das Rheinland hinaus getrunken wird, hatte Willy Brandt am Rheinufer sein Häuschen. “Unkel Willy”, so nannte man Brandt am Ende seines Lebens.” (Gisbert Baltes: Rheinland, Hamburg 2012)
(2) “Fahr am Rheine auf und nieder / geh’ zu Fuße kreuz und quer; ein Unkel findest du nicht wieder – / ein solches Plätzchen gibt´s nicht mehr.” (Freiligrath)
(3) Affirmative Individualität: Beim Kleen, ehemals guinessbuchoffiziell kleinste Kneipe der Welt

Vision

Am Weg, der nußbeschattet
Zum Rheinfels führt empor,
Da trat ich jüngst ermattet
Hin an ein eisern Tor.
Die Pforte war’s zum Acker,
Der abtut alle Not;
Drauf seiner Garben wacker
Hinwirft der grimme Schnitter Tod.

Die Dämm’rung kam verstohlen;
Ihr Wehn in Gras und Baum,
Der Rhein, die Nachtviolen -
Es gab mir alles Traum.
Bis jach ein langsam Schreiten
Mich weckte, da ich sann;
Im Festkleid andrer Zeiten
Trat auf mich zu ein eigner Mann.

Sein Hut war breit von Krempe,
Sein Mantel reich an Staat;
Am Gurt hing ihm die Plempe,
Doch schien er nicht Soldat.
Sein Antlitz war wie Erden;
Sein Auge matt doch stet.
Ich dachte: “Was will werden?”
Da sprach er leise: “Grüß Gott, Poet!

“Ich war in meinen Tagen
Ein Dichter weit genannt;
Ich habe frisch geschlagen
Die Leier durch das Land.
In wüsten Kriegesläuften
Mut singend stand ich da,
Ach, in der blutersäuften
Der zitternden Germania.

“Als sie zur Gruft mich brachten
Nach sturmgetriebner Fahrt,
Da war zu Gang das Schlachten,
Das dreißigjährig ward.
Mir fand ich Kampf beschieden,
Dir fiel die Ruhe zu:
Im dreißigjähr’gen Frieden
Übst deine freud’gen Saiten du.

“Dich stört kein Schwedenjagen
Bei Lied und bei Sonett,
Kein springender Pulverwagen,
Kein krachend Falkonett!
Dich irrt auf deinen Wegen
Kein wallensteinisch Volk!
Dir kreuzen nicht die Degen
Der Weimar und der wilde Holk!

“Doch in die Zukunft spähen
Die Schläfer in der Gruft;
Ein Wechsel wird geschehen,
Und Krieg ist in der Luft!
Gleichwie von zieh’nden Heeren
Erbebt mein Grab schon heut!
Nicht lang mehr wird sie währen,
Die überlange Friedenszeit!

“Schon geht ein feindlich Scheiden
Und Sondern durch die Welt;
Bald suchen sich die Schneiden
Wohl auch im offnen Feld!
Ade dann träumend Sinnen!
Ade, zwei Banner wehn!
Im Kampfe mitten drinnen
Wirst dann auch du bei einem stehn!

“Ich sang in jenem Streite:
Drum gehet tapfer an!
Trittst du auch auf die Seite
Der Freiheit als ein Mann!
Kriegsweisen wolle schmettern!
Was Tod, was Acht, was Bann!
Sing’ in den kommenden Wettern -
Auch du: drum gehet tapfer an!” -

Ich sprach: “Nah ist die Fehde,
Und kampfbereit bin ich!
Doch du, mit dem ich rede,
Zinkgref wohl hieß man dich?
Wo du dein Weib erworben
In diesem Sankt Goar
Bist nachmals du gestorben.” -
Er sprach zurück: “Du redest wahr!”

Da wollt’ ich rasch ihm fassen
Die Hand, doch er entwich;
Hinschwebend in dem blassen
Stromdunst verlor er sich.
Er schwebt’, als hätt’ er Flügel.
Nachließ er keine Spur,
Wie längst sein grüner Hügel
Spurlos verloren ging der Flur.

(Ferdinand Freiligrath, 1843)

Ein Flecken am Rhein

Gruß dir, Romantik! – Welch ein prächtig Nest!
Mit seines schlanken Mauerthurmes Zinnen,
Mit seiner Thore moosbewachs’nem Rest!
Mit seiner Burg, so schartig und so fest,
Wie reißt es sieghaft meinen Geist von hinnen!
Gruß dir Romantik! Träumend zieh´ ich ein
In deinen schönsten Zufluchtsort am Rhein!

Drin weilst du noch! Im schlichten Nonnenkleid
Blickst Du mich an durch die bemalten Scheiben.
Es hat geächtet dich die Nüchternheit,
Ach, und die Klugheit dieser hast’gen Zeit;
Sie möchten gern dich ganz und gar vertreiben.
In kleinen Ufervesten, morsch und grau
Birgst du dich zitternd, wunderbare Frau!

Doch – ach, in Kirchen, die des Schmuckes baar,
Dort ist die Statt, wo deine Seele jammert!
In öden Kirchen, mit zerwehtem Haar,
In öden Kirchen knie’st du am Altar;
Und hälst mit Weinen brünstig ihn umklammert,
In seines Schattens ewigheil’ger Ruh’
Suchst eine Freistatt deinem Schmerze du.

Und bist dieselbe doch, die einst mit Lob
Und trunkner Scheu des Volkes Beste nannten;
Die Ludwig Tieck einst auf den Zelter hob,
Die keck den Forst der Poesie durchstob,
Arnim, Brentano deines Zugs Trabanten.
Die Waldung glühte, silbern sprang der Born,
Und wie ein Mährchen scholl das Wunderhorrn.

Das war vordem! – Jüngst ging ich am Gestad;
Grün floß der Strom: nicht Volker sah ihn reiner.
Ein Dampfboot zog vorüber seinen Pfad,
Tief in die Wellen griff es mit dem Rad,
Und auf dem Deck stand deiner Priester Einer:
Der jüngste wohl – und doch schon grauen Haars
Um die gewölbten Schläfen: Uhland war’s!

Wir kannten uns – wir grüßten uns. Vorbei
Mein einsam Städtchen schwamm er zu den Dänen.
Auf uns hernieder sah die Lorelei,
Im Hals erstickt’ ich einen Freudenschrei,
Doch in den Augen hatt’ ich helle Thränen.
Trüb klang ein Lied in meiner Seele Schrein;
Das hieß: „Drei Bursche zogen über’n Rhein!”

Ja, dieß der Rhein! Die Woge mit dem Hort,
In dessen Strahl sich Uhlands Wimper sonnte!
Und dort er selbst! die Sängerlippe dort,
Romantik, ach, die mit gefeitem Wort
All’ deinen Zauber noch verkünden konnte!
Das Auge dort, das tief im Elfenbusch
In deiner Bronnen Spiegel klar sich wusch!

Du wußtest es, daß er vorüberzog!
Aus Burg und Felsriß durch des Morgens Nässe
Sahst du hernieder, und ein Lächeln flog,
Ein sonnig Lächeln, als das Schiff sich bog,
Durch deiner Züge kummervolle Blässe.
Mit trüber Freude sahst du auf den Knie’n
Auf deinem Strome deinen Dichter ziehn.

Da flog er hin, der letzte Rauch verschwamm!
Da flog er hin, dein jüngster, reinster Kämpfer!
Dein Lächeln floh, trüb stand der Berge Kamm,
In meinem Herze pocht’ es wundersam:
Dein letzter Ritter – ach, und auf dem Dämpfer!
Dahingerissen von der neuen Zeit
Des Mittelalters fromme Trunkenheit!

Ein Gleichniß nur! – Doch kam es über mich,
Und nicht vermocht’ ich’s trotzig abzuweisen;
Daher die Trauer, die mich überschlich.
Du Stille, Bleiche, ja verhülle dich!
Die Zeit, o Herrin, ist für dich von Eisen!
Kalt unterwühlt sie dein vermorscht Asyl –
Ach, nicht allein mit ihrer Dämpfer Kiel!

Dein Reich ist aus! – Ja, ich versteh’ es nicht;
Ein andrer Geist regiert die Welt als deiner.
Wir fühlen’s Alle, wie er Bahn sich bricht;
Er pulst im Leben, lodert im Gedicht,
Er strebt, er ringt – so strebte vor ihm keiner!
Ich dien’ ihm auch und wünsch’ ihm frohen Sieg –
Doch warum dir, Verbannte, deßhalb Krieg?

Dir, deren prächtig Banner ohnehin
Einsam nur weht noch auf zerfallner Mauer!
Dir, der Entthronten! – Mit bewegtem Sinn
Zu deinen Füßen werf’ ich still mich hin,
Ein ernster Zeuge deiner Witwentrauer!
Ein Kind der Neuzeit, fiebernd und erregt,
Das um die alte fromm doch Leide trägt!

Nicht wie ein Knabe! – Diese Stunde nur
Zu deinen Füßen klagend will ich sitzen!
Der frische Geist, der diese Zeit durchfuhr,
Er hat mein Wort, ich gab ihm meinen Schwur,
Noch muß mein Schwert in jungen Schlachten blitzen.
Nur eine Stunde! Aber die auch ganz
An deiner Brust, in deiner Glorie Glanz.

(Ferdinand Freiligrath)

Die Linde bei Hirzenach

Nur leis bewegt vom lauen Uferwinde,
Roth noch vom Abend, dem erst halb verglühten,
Dein friedlich Dörfchen friedlich zu behüten,
Wie stehst du schön am Rheine da, o Linde!

Nun wird es Nacht! Nun eilt mit ihrem Kinde
Die junge Bäurin unter deine Blüthen!
Nun kühlst du auch, die sich am Tage mühten,
Den alten Winzer und sein Hausgesinde!

Der Gute spricht von längst verfloss’nen Jahren;
Er hat als Kind den Freiheitsbaum umsprungen,
Und der warst du – so melden die Berichte.

Nun spielt dein Wehn zahm mit des Greises Haaren
Abtrünnige! Noch hast du nicht geschwungen
Dein letztes Laub! Vorwärts geht die Geschichte!

(Ferdinand Freiligrath, 1843)

Abschied von Sankt Goar

(Abschiedsworte an Ferdinand Freiligrath)

Wie flog im Land des Rheines
So rasch die Sommerzeit,
Schon dunkelt blauen Scheines
Die Traube weit und breit;
Es färbt das Laub sich gelber,
Der Kranich zieht dahin;
Mit zieh’ ich, weil ich selber
Ein Wandervogel bin.

Fahr wohl, von Walnußbäumen
Umrauscht mein Sankt Goar!
Das war ein süßes Träumen
In deinem Schoß, fürwahr,
Wie oft im Tal der Grindel
Ward mir die Luft Gesang,
Wenn die kristallne’ Spindel
Der Wasserfei erklang!

Fahr wohl, du Lei der Lore
An wilder Strudel Schwall!
Noch tönt in meinem Ohre
Gedämpft dein Klagehall;
Er rief mir tief im Sinne
Die düstre Sage wach
Vom Herzen, das die Minne
Mit ihrer Falschheit brach.

Ihr Türm’ und Burgen droben,
Ich grüß’ euch tausendmal;
Von euerm Grün umwoben,
Wie schaut’ ich gern zu Tal!
Ich sah mit trunknem Geiste
Die Sonne dort verglühn,
Und mein Gedanke kreiste
Wie euer Falk’ so kühn.

Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
Mein Bacharach so traut,
Wo um Sankt Werners Pfeiler
Voll Glanz der Himmel blaut;
Und Kaub voll rosiger Dirnen,
Und Wesel grün von Wein;
Ich denk’ an euern Firnen
Fürwahr noch weit vom Rhein.

Und du, fahr wohl, mein Dichter,
Du Mann so jugendgrün,
Und mag dir immer lichter
Das Herz von Liedern blühn!
Wohl sänge dir Besseres gerne,
Der dieses sang und schrieb:
Doch sei’s – und halt auch ferne
Wie hier am Rhein ihn, lieb!

(Emanuel Geibel)

Wispertal und Loreley

“Adelheid war die liebenswürdigste Wirtin, die Gäste in der besten Laune, und so fragt sich’s, ob die Kammermühle im Wisperthal je wieder eine fröhlichere, poetischere Gesellschaft unter ihrem Dache beherbergt hat. Aber der Abend sollte allem erst noch die Krone aufsetzen. Von Lorch aus fuhr die Gesellschaft, der sich auch Adelheid angeschlossen, im Nachen stromunter. Es war einer der heißesten Tage dieses heißen Sommers gewesen, und nun sank die Sonne in einem Glutmeer von unbeschreiblicher Pracht. Himmel, Berg und Strom, der Nachen und die Menschen drin, die Tropfen, die von den Hudern fielen, alles war eitel Purpur; dahin glitt der Kahn durch die goldne Herrlichkeit, und in andachtsvoller Stille schauten alle hinein. Dann aber machte sich die Begeisterung in lautem Jubel und Gesang Luft. Die Dichter wurden aufgefordert, zu Ehren des unvergleichlichen Abends etwas zu improvisieren und diesem Wunsche wurde auch bereitwillig entsprochen, und Longfellow begann, worauf F. fortfuhr: Die Gläser klangen, und „hoch, hoch!” tönte es von der Lurlei nieder, deren riesige schwarze Masse jetzt über dem kleinen Boote ragte, und da die goldige Beleuchtung längst erloschen war und der mächtige Fels einen unheimlichen Schatten auf den Strom warf, so ergriff es manch zaghaftes Herz im Boote, wenn auch nicht mit „wildem Weh,” so doch mit stillen Grauen. Fest hielt Frau Ida die Hand ihres Gatten, denn für ihn fürchtete sie die Tücke der Lurlei. Aber unbeschädigt stiegen sie alle in St. Goar ans Land, und unvergeßlich blieb ihnen der Tag.“

(Ida Freiligrath über einen Dichterausflug Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann Ferdinand und dem amerikanischen Gast Longfellow im Nachen rheinab. Diegleiche Passage bereisten wir im Oktober vergangenen Jahres, weniger dichterisch umgeben und abenteuerlich, doch bietet die berühmte Strecke bis heute prägnante, bleibende Eindrücke.)

Von unten auf!

Ein Dämpfer kam von Bieberich: – stolz war die Furche, die er zog!
Er qualmt’ und räderte zu Thal, daß rechts und links die Brandung flog!
Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut:
Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut!

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt!
Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt!
Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin
Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin!

Nach allen Seiten schaut’ umher und winkte das erhabne Paar;
Des Rheingau’s Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar!
Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: – wie war das Schifflein doch so nett!
Es ging sich auf den Dielen fast, als wie auf Sanssouci’s Parket!

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimmenden Pracht,
Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht;
Da schafft in Ruß und Feuersgluth, der dieses Glanzes Seele ist;
Da steht und schürt und ordnet er – der Proletarier-Maschinist!

Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein –
Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein!
Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er steh’n,
Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Weh’n!

Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und Alles geht und Alles paßt;
So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast.
Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck;
In seiner Fallthür steht er da, und überschaut sich das Verdeck.

Das glüh’nde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme roth erhitzt,
Mit der gewölbten haar`gen Brust auf das Geländer breit gestützt –
So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu:
“Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst Du!

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoos,
Tief unten, von der Noth gespornt, da schür’ und schmied’ ich mir mein Loos
Nicht meines nur, auch Deines, Herr! Wer hält die Räder Dir im Takt,
Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt?

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, 0 König, ein Titan!
Beherrsch’ ich nicht, auf dem Du gehst, den allzeit kochenden Vulkan?
Es liegt an mir; – Ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist,
Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem Du die Spitze bist!

Der Boden birst, aufschlägt die Gluth und sprengt Dich krachend in die Luft!
Wir aber steigen feuerfest aufwärts an’s Licht aus unsrer Gruft!
Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!

Dann schreit’ ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit
Ein neuer Sankt Christophorus, trag’ ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin’s, durch den zum Siegesfest
Ueber den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!”

So hat in seinen krausen Bart der grollende Cyklop gemurrt;
Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr, und stocht und purrt.
Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm in’s Gesicht,
Der Dampf rumort; – er aber sagt: „Heut, zornig Element noch nicht!’

Der bunte Dämpfer unterdeß legt vor Kapellen zischend an;
Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan.
Der Heizer auch blickt auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht,
Lacht er: “Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!”

(Ferdinand Freiligrath)

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

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(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)