Verworrene Bewohner eines Landes, in dem alle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden

Aus Feldkirch fuhren wir sogleich auf einer Brücke über die schäumende Ill, und bald darauf öfnete sich ein Rückblick, der alle wilde Schönheit des hohen Alpenstyles vereinigte. Der grünliche Felsstrom drängt sich durch ein enges Nebenthal, und die jenseitige Öfnung desselben ist durch zwei prachtvolle Bergprofile bezeichnet, die mich plötzlich an den Aufgang ins Thal von Grindelwald im bernischen Oberland erinnerten. Links ab vom keilförmig gestellten Berge eröfnet sich eine erhabene Bergferne über eine verschleierte Tiefe (ich glaube das Rheinthal) hin (*).
— Es fehlt uns leider an einer guten Charte, und die Bewohner des Landes antworteten so unwillig und verworren auf jede Frage, dass ich immer nur das Land errathe. Auch zogen Wolken und Nebel so magisch um Berg und Fels, dass ich mich geduldig der Gegenwart hingab, ohne weiter wo? und wie? zu fragen: wir fahren an Berggehängen über sanftgesenkten einförmigen Wiesengründen. Plötzlich steigt links ein gewaltiger Berg mit nackten Klippenkämmen aus dem Wolkenrauch empor! Ein Dörfchen lag wie ein Ameisenhaufen von ihm überhängt zu seinen Füssen; wir fuhren hindurch: «Wie heisst der Berg da?« »Weiss nicht!« S’ist halter ä Berg! Mit dieser laconischen Zusicherung wurden wir von drei Bauern abgefertigt; das Dorf aber hiess St. Johann, und wir benahmten den Berg darnach.
Eine halbe Stunde von Vaduz kömmt man in ein ofenes Thal; der Rhein ströhmt zwischen wolkigen Bergen, wie von unbekannten Quellen herab, schon mächtig durch sein erlenumkränztes Kieselbett. Wir erkennen nun das über ihm aufsteigende Schweizergebirg rechter Hand; zur linken steigt auf sonnebeschienener Buchhöh das Schloss Lichtenstein, in dessen Gränzen wir seit Feldkirch fahren; über einer leichten Krümmung des Rheins liegt das Städtchen Vaduz, und höher auf einem Felsenvorsprung die Ruine des alten Schlosses, beides äusserst malerisch. Nie sah ich ein bunteres Wolkenspiel als die Gewölke hier um das von dreifachen Bergschichten und Reihen umdrängte Rheinthal treiben; indem sie diese Waldpyramiden, Wiesenberge und phantastischen Felszinken umgaukeln; ganze Heere derselben ziehen von der Rechten zur Linken, quer über das Rheinthal von den Schweizerbergen an die Lichtensteiner hin; hier wird ein Felshaupt gekrönt, dort ein Riese gegürtet; da kollert eine runde Wolke wie eine Lavine von schroffer Höhe hinab, bis sie in Tannenspitzen fest zu hängen scheint; bald ragt eine Klippenschulter, dann steigt ein geröthetes Bergantlitz hervor, oder eine hohe Waldscheitel sticht durchs Gewölk. Dort sinkt Wolke auf Wolke wie zu einem weichen Baumwollenlager zusammen; hier dampft’s wie Rauch aus einem volkanischen Schlunde empor; dieser droht vom über hängenden Felsblock über den Weg hinab zu stürzen; — allein plötzlich wird ein runder Zirkel mit Regenfarben geschmückt, wie aus einem ungeheuren Brennspiegel, an jene hohe bräunliche Felswand geworfen; ein heller Hintergrund lächelt im abendröthlichen Glanz. Balzers erscheint auf seinem Hügelreihen, der sich wie ein Riegel vor den Rhein lagert und das Thal schliesst, über welchem geheimnisvolle Berggestalten sich thürmen.
Wir logirten diese Nacht in Gott, von einer bunten Engelglorie umgeben. Das Quartier war elend, allein die Wirthsleute freundlich, und eine Schüssel selbstbereiteter Zuckererbsen und frischer Bergforellen genügte den zufriedenen Reisenden vollkommen; allein in der Nacht liessen uns die Insekten keine Ruh, und alle Macht der schützenden Engel scheiterte an diesen leichtfüssigen Legionen.-
Den 4. schon mit dem Morgengrau war ich munter, und genoss vor dem offenen Fenster den Segen der Frühe in der erhabenen Stille dieses tief gesenkten Grundes. Das Dörfchen Balzers liegt tief im grünen Bergbusen, doch auf einem Hügel; unmittelbar vorher sieht man noch den Rhein, nun ist er, ich begreife ganz und gar nicht, wohin? geschwunden; und zu schwach um ihm nachzugehen, unfähig mich diesen guten Vorderösterreichern verständlich zu machen, und sie zu verstehen, reise ich durch dieses wunderbare Land, wo аlle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden; und alles zieht wie an einer Laternamagikawand mir vorüber. Ein enger zartbegrünter Wiesengrund vertieft sich vor unserm abwärts liegenden Häuschen; drei lieblich bewaldete pyramidalische Hügel treten freundlich aus der Tiefe, und der mittelste trägt die Ruine des Schlosses Guttenberg. — Nach einem blauen Gedankenraum (dessen Tiefe vielleicht der Rhein durchströmt) steigen schneebesprenkelte Felsen. Zu beiden Seiten erheben sich zwei furchtbare Bergriesen, aufwärts das tiefe doch steigende Wiesenthal begrenzend. Eine muntere Ziegenheerde zieht beim Ton der Hirtenflöte auf die Weide. Kleine Dörfchen ruhen kindlich schüchtern in die Falten der Tannengewänder geschmiegt, die von den Hüften der Gebirge abwallen! Dies sind die Umrisse des Alpengemäldes, welches mein erstes Erwachen begrüsste, — auch war alles farbenlos, — allein bald prangt jene erhabene Felsenstirn im reinen Morgenstrahl! Wie ragt jener Felsgipfel aus dem blendendweissen Wolkenbette hervor, während sein starrer Klippenfuss tief ins Thal tritt, und vom jungen Lichte erweckt, majestätisch fortzuschreiten scheint.

(*) Diese durch die Flüsse abgesonderte, und gleichsam durch die Natur terrassirte Position begünstigte die tapfre Gegenwehr des edlen General Hotze ungemein; und war vielleicht der mächtigste Damm, den Gott in der Natur des Landes den wilden Usurpatoren entgegenstellte. Anm. v. 1799.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Durch den Breisgau (2)

Freistehender Akzent als Besonderheit des jambisch orientierten Rödelreims

Landstraßen und Agrarwege des Breisgaus stehen im Juni im Zeichen der Erdbeere, der Kirsche und des badischen Golds, des Spargels. So wehen zerschlissene und frisch gestylte Erdbeerflaggen von Höfen und in Vorgärten, skulpturale Spargelbündel aus Hartschaum ragen fallisch als Pfeiler von Orts- und Toreinfahrten in den Himmel, und die Kirsche symbolisiert das vergessene Auge, das sehnsüchtig in der Dunkelheit pulsiert, bevor es platzt. Hartheim, einst direkt am Rhein gelegen, woran die vollständige Ortsbezeichnung Hartheim am Rhein erinnert, ist im Talgrund von Altrhein und Rheinseitenkanal auf Kilometer an seinem mythenumrankten Leuchtturm, dem “Harten Gustav” auszumachen. Im Ort selber verschwindet der Turm bis zur völligen Unsichtbarkeit hinterhartheim_fischerzunftErinnerungen an die Zeiten des Salmenfangs. Der Salm, die regionale Bezeichnung für den Lachs, der den Rhein bis zur Industrialisierung übervölkerte, wird heuer bei der Iffezheimer Fischtreppe videodokumentiert und gezählt, um die 100 Exemplare konnten dort nachgewiesen werden, erste Erfolge der Neubesetzung – denn zwischenzeitlich war der Lachs aus dem Oberrhein verschwunden. Die Gaststätten des Breisgaus benennen sich weiterhin gerne nach dem einstmals regionaltypischen Fisch. In Schaukästen neben der Eingangstür präsentieren sie, so sie auf sich halten, Flaschen mit ihren Hausbränden und Weinen aus den Lagen nebenan. In Feldkirch, nicht zu verwechseln mit dem vorarlbergischen Städtchen gleichen Namens, trifft sich die Landwelt im Bohrerhof, einem für die Ortsgröße bombastischen Landmarkt, dessen Restaurant an ein umfunktioniertes Treibhaus erinnert. Am Ortseingang schrillte uns die rote Johannisbeere entgegen, am Ortsausgang schrillte sie uns hinterher. Wir erreichten Schlatt und ergaben unsschlatt_kaninchenschauschließlich bedingungslos der am Straßenrand sich aufbauenden Niedlichkeit.

Alpenrhein und Konstanz: Alda ist der allerwunsamst see

Costnitz ist ein statt teuetscher land nit fast groß sunder habehaftig vnd wolgestalt. Bey diser statt fleueßt der Rhein auß dem See vnd kuembt wider in seinen fluss. Alda ist ein prugk von der statt pforten vber den rhein. Jhenßhalb derselben prugken am andern gestadt des fluss sind vil gepewe. Alda ist der allerwunsamst see. der hatt allenthalben an seinen gestadten vil castel vnd zufart. auch ein lawters wasser durchsihtig bis auff den stainigen grund. darinn sind mancherlay vnd vil fisch. Aber nach groeße des wassers nicht fast vberfluessig. Diser see ist .xxm. schritt lang. vnd ettwo .x. vnd ettwo .xvm. schrit prayt. dann der Rhein fleueßt durch die curiensischen gegent vnd so er in die Costnitzischen art raicht so macht er zwen see. der einer haißt der podensee vnd ist der oeber. den andern nennt man den vndern oder celler see. Zwischen den ligt costnitz am vndern ort des obern sees. Zu anzaygung des alters vnd vrsprungs diser statt find man ein marmorstaynine tafel mit alten buochstaben daselbst. auß den erscheint das dise statt von Constantio. des Constantini vater der von Dyocletiano vnnd Maximiano kaiser genant ist den namen empfangen hab. die dauor Vitudura genant worden sey. Dieselben tafel kuenden wenig Costnitzer lesen. Das gemain volck helt dieselben tafel fuer ein heylthumb. die frewlein vnd das ander vnerfarn volck hat mit beruerung irer hend vnd mit bestreichung irer antlitze dieselben buochstaben yetzo schier gantz von der tafel abgetilgt. wiwol doch daselbst geschriben sind die namen nit der heilligen cristi. sunder der verfolger cristenlichs glawbes. Alle iar wirdt einer auß den burgern erkorn der hat oebersten gewalt vnd macht. der wonet nit an eim gemainen ende sunder in seiner aignen sundern behawsung. Wenn er durch die statt geet so hat er bey ime die zuechtiger ruoten in der hand tragende. Diser hat gewalt vnd macht ein yeden zestraffen. So man von todschlag. diebstal. rawberey. eebruch vnd andern vbeltaten handelt so sitzen bey ime die die ime die statt zugeordnet hat. vnd so denn die schuldigen fuergefuert werden so gibt man den anclagern vnd beschirmern erlawbnus wider den schuldigen vnd fuer ine zereden. vnd nach verhoerung alles fuerbringens wirdt denn vrteil gefelt. Die kunnst vnnd schicklichkeit der redsprechlichkeit ist an dem ennde fast achtwirdig vnnd angeneme. Also wo ettwen treffenlich redner gefunden werden. die werden daselbst zu aduocaten vnnd beystenndern in burgerlichen vnd ernstlichen sachen auffgenomen vnd in großen wirden vnd eren gehalten. Dise gantz statt ist in zway volck getailt. Ettliche sinnd eins rewterischen erbern stands. ettliche der gemaynde. die der gemaynde geprauchen sich der kawfmanschaft vnd handwercke. die erbern betragen sich irer erblichen gueetere. vnnd handhaben iren stand. also wo einicher auß der gemaynde zu reichthuemern vnd guoter narung koeme vnnd in die zal der erbern geschlecht zekomen begeret so maynen sie ime solchs in keinen weg zegezymen. also ist yeder stand lang zeit in seinem zil bliben. Aber gemayne statt wirdt von beden stennden gemaynclich geregirt.
Syben meyl von Costnitz vnd .xxm. schrit von dem gepirg ligt ein habhaftige vnd huebsche statt. Veldkirchen genant. die hat schoene wolgestalte gepew. weingewachs vnd pawmgarten. Der Rhein entspringt in dem gepirg nicht weit von demselben ende so man auß welschen landen zeueht zur lingken hand. aber er fleueßt alßpald zur rechten hand. vnnd wirdt mit seinselbs vnd auch mit andern darein fallenden flueßen sere groß vnd starck. vnd lawft zwischen dem orient vnd mitternacht in seinen gestrackten wassergang hinab. Diser fluoß hat die mittel zwischen schwertzelter vnnd gruener farb vnd einen schnellen zuckenden lawff vnd einen sandigen poden. der ist doch also fest das man keinen fuoßtrit darinn mercken kan.

(Aus der Schedel’schen Weltchronik von 1493)

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Feldkirch

Im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein, in dem jedoch zureichend Feldwege zur Verfügung stehen, begleiten die Vorarlberger Hauptstraßen auffallend taugliche Fahrradspuren. Hinzu`s gehts gegen den Wind durchs Unterland und ein Weniges hügelan. Gleich hinter der Grenze entbieten stramme Asiaten, welche hier Kaufmannsläden und Verpflegungsstationen mit umfassendem heimatlichen Sortiment betreiben, herzhaft: „Grüß Gott!“ Aus dem Augenwinkel nehmen wir eine weltweit grenztypische Baracke wahr, in welcher der Snackman frühe Würschtl brät. Die Läden der angestammten Vorarlberger, ob deren Namen auf althergebrachte Poetiken zurückgehen oder neo-asiatischem Einfluß unterliegen (oder ob beides seine Rolle spielt), heißen knackig „fleisch & brot“ oder „klein & fein“ – das kaufmännische „&“ sowie Kleinschreibung jedenfalls scheinen Pflicht. In der Feldkircher Innenstadt suchen und finden wir den Briefkasten des Theaters am Saumarkt, um gerade noch fristgerecht vier neue Gedichte für einen lokal verankerten, schmal dotierten Provinzlyrikpreis mit Weltruf einzureichen. Feldkirch pflegt sichtbar seine literarische Vergangenheit und Gegenwart (evtl erledigt das aber auch die ÖBB für „die Stadt“ wie Feldkirch in Liechtenstein der Einfachheit halber genannt wird): im Bahnhof zeigt ein feuerwehrroter

feldkirch_litbahnhof

Literaturautomat unter dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ in seinem eigenen Automatenrhythmus Texte und Biografien Vorarlberger AutorInnen an, deren Namen zudem gut sichtbar rund um die Bahnhofshalle angeschrieben stehen. Zudem wird James Joyce, recht dramatisch, zitiert: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.“ Nicht minder dramatisch dürften gut drei Jahrzehnte später weit fleischlichere Schicksale entschieden worden sein: falls die Erinnerung an Zuckmayers Autobiografie “Als wär’s ein Stück von mir” uns nicht trügt, galt Feldkirch zu Zeiten von Ostmark und Großdeutschem Reich als wichtiger Fluchtpunkt (nicht nur) für Schriftsteller, die Heimat in sicherere Gefilde zu verlassen. In der Stadt schreiten dann auch, nebst der allerorten auffallenden, die Möglichkeiten des Lifestyle bis an die äußeren Grenzen des Mainstreams auslotenden sonnenbankgebräunten Wasserstoffblondine mit Puschelhund, legerere Touristinnen mit offenkundig literarischen Bändchen vor der Nase einher, jeden Meter und Winkel Historizität zu erspüren/abzufotografieren. Kurzes Ruhen mit Illblick: kalkig-türkis zieht dies frische Flüßchen auf den Rhein, zu Baulärm, der bald von der Sonne und mit ihr auftrumpfenden gemischten Singvogelchorälen beruhigt wird. In dieser Strahlesonne, die Menschheit ringsum bricht nun bekatzte Weidenzweige, beginnt die Selbstheiligung aller Umstände.

Chur (3)

Der Rheinische Antiquarius weiß allerhand Vages über Chur und wirft damit zugleich die Frage auf, ob die Präzision geschichtlichen Wissens mit zeitlichem Abstand steigt oder sinkt. Beides, lautet sicherlich die weiseste aller Antworten. Und das war der Wissensstand zur Geschichte Churs im Spätbarock: „An dieser Plessur, eine kleine Viertelmeile vom Rhein, zwey starke Meilen von Meyenfeld und viere von Feldkirch liegt Chur, lateinisch Curia Rhaetorum, und französisch Coire, die Hauptstadt der drey freyen Bünde in Graubündten, wie auch der Hauptort des Gotteshausbundes. Ihren Ursprung und Namen wollen einige von dem Kaiser Constantio, Kaisers Constantini Magni Sohn, herleiten, und zwar dergestalten, daß, als selbiger mit dem allemannischen Könige Chonodomaro oder Vadomaro ums Jahr 375. oder, nach anderer Meynung 355. Krieg geführet, er sich, nach Endigung desselbigen, nach Mailand in die Winterquartiere begeben hätte; bald hernach aber wäre er aufs neue mit ihm zerfallen, worauf er sich in diese Gegend Räthiens gezogen, sein Lager in dasigen Feldern, Campi Canini genant, und seine Hofhaltung in den darinnen sich befindenden alten und festen Schlössern aufgeschlagen, auch daher dieser Stadt ihren Ursprung und Namen gegeben habe; massen selbige ganze Gegend Rhätia Curiensis genennet worden. Wie denn ausser den dreyen Festen Marsoila, Spinoila, und Ymburg, keiner andern daherum gelegenen namhaften Oerter oder Gebäude einige Meldung geschehen, obschon Ammianus Marcellinus alle zu seiner Zeit dem Rhein hinunter gelegene Städte fleissig angemerkt hat. Andere wollen Constantio mehrers nicht, als nur die Erweiterung und Benamsung dieses Orts zuschreiben, und behaupten zugleich, er hätte schon lange vor dessen Zeiten allda gestanden, und wäre Ymburg genennet worden. Auch sey dieses eben der Ort, den Ptolomäus Alexandrinus, nach Art der griechischen Schriftsteller, mit einiger Veränderung der Buchstaben, Ebodurum betitele. Dem sey nun, wie ihm wolle, so ist doch ganz wahrscheinlich, daß schon vor Christi Geburt dieser Ort als einer der gelegensten und fruchtbarsten von den alten Räthiern bewohnet worden, auch nach und nach an Volk und Gebäuden zugenommen habe; Daß ferner die Stadt bey der Feste Ymburg, auf deren Platz das heutige Rathhauß stehet, durch Darzuziehung der festen Schlösser Marsoila, und Spinoila entstanden; endlich daß diese Schlösser oder Höfe erstlich den vornehmsten räthischen Herren, hernach den römischen Landpflegern, endlich aber dem Kaiser Constantio selbst zur Wohnung gedienet, und dahero, sobald sie zur Stadt geworden, den Namen Curia erhalten, so im deutschen Hof bedeutet. Solchergestalt haben auch nachgehends die Bischöffe allezeit ihre Hofstatt in dem Schloß Marsoila und in den dabey aufgerichteten Gebäuden gehabt. (…)“ Die Namen Spinoila und Marsoila führen auf dünne Spuren, das rätselhafte Ymburg bleibt rätselhaft, während mit Ebodurum über Dielhelm hinaus auch liechtensteinische Flecken in Verbindung gebracht werden.

Die Goldene Boos

Frauenstimmrecht gibt es in Liechtenstein seit 1984. Drei Jahre später wurde die Todesstrafe abgeschafft. Die letzte in Liechtenstein zum Tode verurteilte und hingerichtete Person war am 26. Februar 1785 Barbara Erni, bekannt als die Goldene Boos. Am 15. Februar 1743 kam sie in Feldkirch als Tochter eines heimatlosen Paares zur Welt. 1779 heiratete sie den weithin als Verbrecher bekannten Tiroler Franz. Vier ihrer fünf Kinder starben noch im Kindesalter. Um der Armut zu entkommen, faßte Barbara schließlich einen Plan wie sie auf Kosten anderer zu Geld gelangen konnte. Innerhalb von sechs Jahren gelangte sie mit ihren Methoden zu Ruhm und bekam dank ihres rotblonden Haars den Spitznamen Goldene Boos verpaßt. Ihr wurden eine riesige Gestalt und übermenschliche Kräfte nachgesagt. Mit einer großen hölzernen Brustlade wanderte sie durch die Landeam jungen Rhein. Wo immer sie übernachtete, verlangte sie, die Holzlade, die einen wertvollen Schatz enthalte, solle im besten Zimmer des Hauses aufbewahrt werden. Statt eines Schatzes barg die Lade ein Geheimnis: in ihr war ein kleiner Mann versteckt. Ob es sich dabei um den Tiroler Franz oder einen anderen handelte, verschweigt die Geschichte. Zu nachtschlafener Zeit kam das Männlein aus seinem Versteck hervor und räumte die Wertsachen der Gasthäuser ab. Auf diese Weise sollen beide zu einigem Vermögen gekommen sein. Dieser waghalsige Trick, der neben Körperkraft sicher nicht weniges an mündlicher Überzeugungsarbeit gefordert haben mußte, ging über lange Zeit immer wieder neu auf, bis Barbara in Eschen (wo heute eine Gasse nach ihr benannt ist) damit aufflog und auf Schloß Vaduz für 276 Tage in eine winzige Zelle ohne Tageslicht gesteckt wurde. Ein anonym verfaßtes „Gefangenenlied der Goldenen Boos“ („ach ist doch kein Mensch auf Erde / der mich noch erlösen werde“) fand Eingang ins lokale Volksgut. Bei ihrem Prozeß gestand Barbara Erni mindestens 17 Diebstähle. Am 7. Dezember 1784 wurde sie zum Tode verurteilt, vornehmlich wohl, um eine abschreckende Wirkung auf die Ganoven des Umlands auszuüben, denen Liechtenstein mehr und mehr als sichere Zufluchtsstätte galt. Schließlich wurde sie auf den Rofenberg geschleppt, wo sich eine Menge von über tausend Schaulustigen versammelt hatte. Der Landammann brach den Stab über sie. Weil Liechtenstein keinen eigenen besaß, mußte ein Henker von außerhalb bestellt werden. Im Alter von 42 Jahren wurde Barbara Erni professionell enthauptet. Das weitere Schicksal ihres kleinen Komplizen ist nicht überliefert.

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.