Stromkilometer 814

oder: Vesalia…est hospitalis

Durch das Zugfenster des von Süden
einfahrenden RE 5 zeigt sich
am Weseler Bahnhof
links eine Gruppe Hochhäuser, vierzehnstöckig;
rechts der Gleise der Schriftzug eines Geschäfts „Wohnen und mehr“
und beim Ausstieg ein Warteraum (ungewartet) auf dem Bahnsteig.

Würde man zur Niederrheinhalle wollen,
nähme man den östlichen Ausgang Friedensstraße,
Treppe einerseits und eine barrierefreie
buschgesäumte Serpentine andererseits,
für Fahrräder, Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren,
und bemerkte, einsetzende Dämmerung vorausgesetzt,
Ecke Fusternbergerstraße einen blau erleuchteten
Schriftzug „Dreams“, sich bei näherer Betrachtung
als Dönertraum herausstellend.
Daneben ein bungalowartiges Gebäude mit
Granit, Grableuchten und künstlichem Efeu im Schaufenster:
„Grabsteine & Küchenarbeitsplatten“ kündet ein
grünes Schild auf gelber Fassade, Marmor seit 1882.
Nebenan eine Heißmangel,
eine Trinkhalle mit erleuchtetem Stauder-Schild
und Wein und Wodka im Regal.
Dann ein Musikcafe „Quo Vadis“ und ein Schild
mit lorbeerbekränztem, gleichwohl nachdenklich schauenden Cäsar
in einem dreigeschossigen Backsteinziegelhaus von 1894.
Vis-à-vis der Park & Ride-platz.

Wollte man stadteinwärts (was so ist),
findet sich westlich der Bahngleise der Busbahnhof,
Bussteig 4 Richtung Sonsbeck, Kevelaer, Xanten, Alpen, Geldern, Rheinberg, Moers,
Bussteig 3 Richtung Emmerich, Hünxe, Hamminkeln, Bocholt, Schermbeck, Dorsten,
Bussteig 2 Richtung Voerde, Wittenberg,
Bussteig 1 Richtung Rees sowie innerstädtische Ziele.
Unterhalb der sich auf einer Eisenstange befindenden Bahnhofsuhr
wird geworben: “MPU-Beratung + Suchtberatung“.

Der Panoramablick über den Franz-Etzel-Platz fällt auf die
LBS, eine Tapasbar, den Eingangsbereich zur City, im Hintergrund der Fernsehturm.
Im Vordergrund, unweit des Bahnhofsgebäudes aus den 1950er Jahren
ein gepflegt wirkender Briefkasten, Leerung Mo-Fr 16.00 Uhr, Sa 10.00 Uhr
und ein (mittlerweile seltener anzutreffendes) Wetterschutz-Telekomhäuschen.
Daneben zwei Bänke, Sitzfläche aus Holz in Beton eingefasst –
Vorgeschmack auf viele weitere Sitzgelegenheiten Richtung Willibrordi-Dom.

Zum Durchbrausegeräusch eines langen Güterzugs
gesellt sich das Lachen einer Gruppe junger Damen
mit Primarkpapptüten und McDonaldsbechern.
In einem Beet des Parks bzw. der Vorbahnhofswiese
zwischen winterkahlen Pflanzenästen tatsächlich ein Büschlein Rosmarin.

Unweit eine Gedenkstele für die „Gefangenen und Vermissten“.
Gegenüber eine Metallskulptur (Edgar Gutbub) „Zwei gleich groß“ von 1991,
außen silbern, innen blau,
darin an diesem Dezembernachmittag 2015 die obere Brötchenhälfte
eines Cheese- oder Hamburgers und ein „Stop TTIP“ -Aufkleber,
die Kehrseite der Skulptur innen gelb, aktuell gefüllt mit trockener Laubverwehung.

Das Hotel Kaiserhof eingangs der Wilhelmstraße
beherbergt ein Steakhaus, darüber
vier Stockwerke, erblickbar pro Etage je sieben in sich dreiteilige Fenster
plus Treppenhaus, ca. 1950er / 60er-Jahre.
Schräg gegenüber weist das Scala-Kulturspielhaus
auf seinen Facebook-Auftritt hin.
Flyer für den Poetry Slam „The Lower Rhine“ liegen aus.
Tattoo-Shop, Smartphone-Shop. Gegenüber die Verbraucherzentrale.

Den Blickfang, das Berliner Tor,
- Relikt der alten Stadtbefestigung und
dem preußischen Barock zugerechnet, eines der Wahrzeichen der Stadt -
flankieren Wilhelm-Ecke-Friedrichstraße
südlich die Sparkasse und nördlich Deutsche und Sparda
(städteübergreifendes Phänomen, dass Banken
sich oft in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befinden).
Im gewölbten hinteren Innenraum des Berliner Tors
ein Generator, der die im Advent dem Wahrzeichen vorgelagerte Eisbahn betreibt,
welche von Glühwein- und sonstigen Getränkeständen umgeben ist.

Auf dem Berliner-Tor-Platz die -wohl bronzene- Skulptur eines Esels.
Eine junge Dame, mit Töchterchen an der Hand, befragt,
was der Esel bedeute, sagt sie freundlich, sie sei zwar hier geboren,
wisse es aber nicht: “Der steht schon immer hier.“

Die Hohe Straße ist auch breit.
Als Fußgängerzone konzipiert und realisiert
(durch Bombenangriffe Mitte Februar 1945 waren,
so die offizielle Zahl, 97 % der Innenstadt zerstört gewesen).

Zahlreiche Holzbänke in Betonquader eingelassen und weitere
einladende Sitzgelegenheiten
(Gedankensprung:…gastfreundlich!…Weseler Protestantismus
kein reiner Leistungs-Protestantismus…sympathisch!…).

Interessanter als die Weihnachtsmarkthäuschen und -beleuchtung
sind für die Aufmerksamkeit des Besuchers die
in den Boden eingelassenen grauen Platten mit Städtenamen-Reliefs.
Mit Kuli ins Notizbuch
(und angenehmerweise frei von jedweden Argwohnfragen, was man notiere…
sonst seit der Smartphonisierung, welch Ironie!, eher übliches Phänomen…)
der Reihe nach,

- ab Poppelbaumstraße / Wallstraße:
Weliki, Ustjug, Totma, Wologda, Belozersk,
Twer, Torzhok, Tikhvin, Smolensk, Weliki (doppelt?),
Nowgorod, Vitebsk, Polozk (bei Regen sammelt sich Wasser in den O’s),
Kingissepp, Pskow, Iwangorod, Narva, Tartu,
Viljand, Koknese, Valmiera, Cesis, Straupe, Tallinn,
Limbazi, Pärnu,

- ab Am Blauen Hahn / Heuberg:
Riga, Kaunas, Turku, Kuldiga, Ventspils,
Kaliningrad, Olsztyn, Kraków, Braniewo, Frombork,
Elblag, Gdansk, Torun, Chelmno, Visby,
Strzelce, Opolskie, Lebork, Slupsk, Wroclaw,
Nyköping, Slawno, Darzowo, Kalmar, Koszalin,
Bialogard, Kolobrze (darauf weißes Fahrrad mit Bastkorb),
Stargard, Szczecinski, Goleniów, Slubice,
Frankfurt/Oder, Szczecin, Werben/Elbe, Anklam, Greifswald,
Stralsund, Demmin (leider leider Hundekacke),

- ab Kreuzung Hohe Straße / Tückingstraße:
Skanör-Falsterbo, Brandenburg/Havel, Kyritz, Pritzwalk,
Rostock, Havelberg, Merseburg, Tangermünde,
Hall[darauf Esel einer bekannten Drogeriekette]e/Saale, Stendal,
Perleberg (darauf Esel eines Schuhgeschäfts), Naumburg/Saale,
Osterburg/Altmark, Seehausen, Magdeburg,
Wismar (weißer Esel mit Weihnachtsmütze), Gordelegen,
Quedlinburg (darauf Esel einer Modekette), Salzwedel,
Helmstedt, Lübeck, Uelzen, Braunschweig, Mülhausen/Thüringen,
Goslar, Lüneburg, Duderstadt, Osterode, Kiel,
Bockenem, Hamburg, Hildesheim, Göttigen, Einbeck,
Alfeld/Leine,

- ab Viehtor:
Gronau/Leine, Buxtehude, Uslar, Stade, Höxter,
Hameln, Marienmünster, Brakel, Warburg, Nieheim,
Minden, Lemgo, Korbach, Marsberg, Bremen,
Paderborn, Mei[Notizbuch nicht leserlich],
Herford, Brilon, Geseke, Rüthen, Warstein,
Lippstadt, Melle, Rheda-Wiedenbrück, Schmallenberg, Meschede,
Soest, Arnsberg, Osnabrück, Bad Iburg, Beckum, Warendorf,

- ab Brückstraße:
Sundern, Quakenbrück, Werl, Attendorn, Ahlen,
Balve, Olpe, Hamm,Telgte, Neuenrade,
Drolshagen, Unna, Fürstenau, Kamen, Werne,
Münster, Schwerte, Lün[blauer Riesenrucksack eines Trekking-Ladens],
Haselüne, Dortmund, Breckerfeld, Rheine, Wipperfürth,
Meppen, Hattingen.

Am Leyens-Platz ist das Straßenschild untertitelt:
„Alteingesessene jüdische Kaufmannsfamilie bis 1938
Förderer der Stadt in Krieg und Frieden”.
Inmitten des Platzes eine übermannshohe Holzskulptur;
ein Zusammenhang mit dem Ort ihrer Aufstellung
mehr erahn- und interpretierbar als augenfällig.
Späteres Nachschlagen in der Stadtbroschüre „Wesel entdecken“
verweist auf Victoria Bell, Kölner Künstlerin, und dass
die Plastik eine Schutzhütte nachempfinde und
Vesalia Hospitalis benannt ist.

Dieses Attribut, gastliches Wesel, hatten 1578
Glaubensdissidenten aus dem Flämischen, die vor den Spaniern geflohen waren,
der Stadt ausgestellt – Wesel hatte sich Ostern 1540 durch Stadtratsbeschluss
der Reformation angeschlossen, wobei laut Überlieferung
das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert wurde.

In einem nach einem Weidetier benannten
Waffen- und Jagdausrüstungsgeschäft am Leyensplatz
beantwortet eine freundliche ältere Dame
frei von jeder Ungeduld oder Ruppigkeit
(womöglich, da kein Mittelgebirge in der Nähe ist,
die Menschen vielmehr seit Jahrhunderten gemeinsam, solidarisch
und dahingehend folglich konkurrenzfreier
das Wasser von Rhein und Lippe
u.a. durch Deichbau und Hochwasserschutz zu domestizieren hatten)
mit wohlwollend-gelassener Höflichkeit
die an sich naive Frage des Ortsfremden
nach der Bedeutung der Städtenamen in der Fußgängerzone:
„Das sind die Hansestädte. Die besuchen einander ja immer.“
Ein auf dem Rückweg zum Bahnhof entdeckter Hinweis unweit des Berliner Tors
weist das Hanseband von 1407 und den Stand von Juni 2010 aus.

Richtung Westen, dem Willibrordi-Dom zu, lauten die steinernen Einlassungen
- Brückstraße weiter:
Haltern am See, Coesfeld, Solingen, Dorsten, Oldenzaal,
Vreden, Duisburg, Neuss, Wesel, Groningen,
Ommen, Kalkar/Grieth, Emmerich/Rhein, Zutphen,
Deventer, Doesburg, Zwolle, Hasselt, Hattem,
Roermond, Kampen, Elburg, Harderwijk, Bolsward,
Stavoren, Bergen, Brügge, King’s Lynn, La Rochelle,
Aberdeen, Hafnarfjördur, Stykkishólmur.

Kornmarkt und Großer Markt benachbart,
steht auf Zweitgenanntem unweit des
2011 mit Steinfassade in flämischem Stil restaurierten Rathauses
aus dem 15. Jahrhundert
ein Denkmal.
Mit dem Fingernagel an dieses schnippend
ergibt sich eine Klangharmonie zum Kirchturmgeläut.
Das Denkmal erinnert an Konrad Heresbach (1496 – 1576),
einem – die offizielle Geschichtsschreibung wird zutreffen –
auf Ausgleich zwischen den Konfessionen bedachten Humanisten.
Und damit womöglich exemplarisch wie symbolisch für die Gegend.

Wenn da nicht, Stachel in der Historie fast jeder deutschen Stadt,
ein weiteres Denkmal stünde, westlich des Doms, vom 09.11.1988.
Für die jüdische Schule und Synagoge,
“aus Hass zerstört” 09/10.11.1938.

Vis-à-vis des Marienhospitals ist
St. Mariä Himmelfahrt überraschend schlicht eingerichtet,
harmonische Konzession an die überwiegend protestantische Umgebung wohl.
Zur Messezeit kniet ein Mann am Portal,
die Innenseite seiner Baseballkappe bittend ausgestreckt.

Am evangelischen Willibrordi-Dom, Südseite,
benachbart einem Parkhaus in Gestalt eines glasgekachelten Rundbaus (ca.1950er)
eine Gedenktafel
„Dem Diakon dieser Kirche und spaeteren Gruender von New York
Peter Minuit zum Gedaechtnis“
Konrad Duden, Sohn Wesels, würde wohlwollend auf die Orthographie blicken.
Von dem Bedachten ist überliefert,
um 1626 das heutige Manhattan
für 60 Gulden von Indianern gekauft zu haben,
woraus dann Nieuw Amsterdam entstand.

Der Fußgänger betrachtet Wesel von außen
am besten von der Rheinbrücke;
links des Rheins Ruinen der 1945 zerstörten Eisenbahnstrecke von 1874,
während unter seinen Füßen z.B. ein gigantisches niederländisches Schubschiff
mehrere Etagen voll fabrikneuer Automobile stromaufwärts landeinwärts schafft.
Aufs rechte Rheinufer zuflanierend zeigt sich
ein Pegelhäuschen (angestrichen im rot-weißen Wechsel,
was davon unabhängig auch die Farben der Hanse sind)
und die Skyline von Wesel:
die Türme von Willibrordi, St. Mariä, Fernseh- und Wasserturm
stehen – tatsächlich wie symbolisch- im Hintergrund der ufernahen
großen Raiffeisen-Anlage mit Silos, Halle und Turm.

Die Lippemündung überquerend geht es
auf die Zitadelle zu
bzw. die heutigen Relikte der ab den 1680ern errichteten Festung
(ursprünglich in Form eins fünfzackigen Sterns).

Beiderseits der stadteinwärts führenden Schillstraße
Wohngebäude, häufig Doppelhäuser aus rotem Backstein
in der Tradition des niederrheinischen Ziegelhandwerks.

Zur Geschichte Preußens am Niederrhein zählt
die Erschießung der elf Schillschen Offiziere
durch Napoleon unterstellte Soldaten im September 1809,
die in Wesel zu Volkshelden wurden.
Vorausgegangen war ab Frühjahr 1809 ein
vom preußischen Königshaus nur bedingt gedeckter,
auf eigene Faust betriebener Aufstandsversuch des Korps
um den Husarenmajor Ferdinand von Schill
gegen die napoleonische Besatzung
hauptsächlich im Königreich Westfalen
und eine Reiterodyssee durch deutsche Lande.
Das Unternehmen scheiterte mit Schills Tod bei
Straßenkämpfen in Stralsund Ende Mai 1809.
Seine Leiche wurde enthauptet
und der Kopf, in hochprozentigem Alkohol eingelegt,
dem König von Westfalen, Jérome, einem Verwandten Napoleons,
überreicht.
Die Truppen mussten als Gefangene nach Frankreich.
Im Juni 1809 wurden in Braunschweig
aus den westfälischen Staatsangehörigen des Schillschen Korps
14 ausgelost (!)
und stellvertretend als Deserteure hingerichtet.
Elf Offiziere kamen als Gefangene
in die Zitadelle Wesel und wurden am 16. September 1809
nach Urteil durch ein napoleonisches Kriegsgericht
auf den Lippewiesen erschossen.
Ihr Mythos wurde später freilich auch missbraucht,
insbesondere durch die Nazis für ihre Propaganda.
Nur knapp entging deshalb die Schillstraße
nach 1945 zu Zeiten alliierter Verwaltungsaufsicht
einer Umbenennung.
Heute ist die Historie von 1809 museal kanonisiert
und im Gebäude der Zitadelle zu besichtigen.

Architektur ist häufig auch Symbol.
Die Fußgängerzonen, entstanden
im Zuge der Wirtschaftswunderjahre in den 1950er/60er Jahren
sind heute urbane Realität
ebenso wie gewissermaßen Ausdruck eines
Geschichtswogenruhens.

Dankbar in einem tieferen und vielschichtigeren Sinn
darf man daher sein auch für selbstverständlich scheinende
Annehmlichkeiten wie Sitzgelegenheiten.
Neben Bänken z.B. hier sogar
- unweit der Wegkreuzung Am blauen Hahn/Heuberg und Hohe Straße –
Wippen in Form von Wieseln (dem Wappentier)
die zum Verweil einladen.

(GrIngo Lahr mit einem Gastbeitrag zur niederrheinischen Hansestadt Wesel)

Zwischenbilanz (6)

Die Schnapszahl von 444 Kommentaren, die gestern erreicht wurde, veranlaßt uns zu einer weiteren Zwischenbilanz. Seit der letzten Bilanz vor bald zwei Jahren hat sich rheinsein ruhig und beständig erweitert. Die geplante theoretische Auseinandersetzung mit Bedingungen und Werkzeugen rheinseins, sprich: dem Publizieren im Netz, vollzieht sich seither schleichend und weit überwiegend im Hintergrund. Es gab kaum noch Live-Auftritte, nicht zuletzt, weil wir unsere Zentrale (Arbeitsstätte plus Laptop) in der Zwischenzeit häufig jenseits rheinischer Gefilde aufgeschlagen hatten. Echtwelt-Auftritte werden künftig wieder zunehmen, zumal das nächste zum rheinsein-Kosmos gehörige Buch in Arbeit ist.

Auf die in Gesprächen häufig auftauchende Frage, was rheinsein sei, lautet unsere erste Antwort in der Regel, daß es sich mittlerweile in der Publikumswahrnehmung vermutlich in erster Linie um ein virtuelles Museum handle. Dafür spricht u.a. die oben genannte, für ein Blog eher geringe Anzahl von Kommentaren, die selten Konversations- oder Meinungscharakter besitzen, dafür häufig die Artikel um konkrete Informationen ergänzen oder auf Fehler hinweisen: eine Ausrichtung und Qualität, die wir in hohem Maße schätzen. Treffender als “Museum” wäre allerdings der leicht paradoxe Begriff einer “gemeinfreien Privatsammlung”. Und auch die Besucherzahlen und -motivationen ähneln, unseren Analyseinstrumenten zufolge, denjenigen eines mittelgroßen “realen” Museums.

Die Schlagwortwolke, die sich als Suchliste innerhalb der Seite gleichwie als Referenz- und Lockliste (für im Netz nach Informationen Suchende) verstehen läßt, ist im Laufe des vergangenen Sommers auf deutlich über 4000 Begriffe angewachsen: zu rund 90 Prozent Namen und Orte, die mit dem Rhein und seinen Kulturen in direktem Zusammenhang stehen. Zigtausende Besuche kommen über Suchmaschinenanfragen zustande, bisweilen in hochgradig kuriosen Konstellationen. Unsere seit anderthalb Jahren zaghaft/gelegentlich auf Facebook verlinkten Einträge sind in diesem Kontext mit bisher rund tausend Aufrufen als Lockmittel mit äußerst marginaler Resonanz zu betrachten.

Allerdings greift die ad hoc-Charakterisierung rheinseins als “virtuelles Museum” zu kurz. Zahlreiche künstlerische Interventionen, realitätsverschiebende Faction, die gleichberechtigt neben rein dokumentarischen Beiträgen und als literarisch gekennzeichneten Einträgen stehen, hebeln zumindest klassische Museumsvorgaben aus. Verschwindet für das klassische Museum das Original aus seiner Originalumgebung, geht im elektronischen Widergabeverfahren rheinseins das Original, wenn es denn überhaupt eines ist, in unbegrenzt abrufbaren Kopien auf, die über Bildschirmeinstellungen, Downloads und Ausdrucke häuslich verfügbar werden. Im Grunde verstehen wir rheinsein als selbstordnende Matrix, als modernes Mosaik, ein interdimensionales, ausuferndes Gebilde, Speicher und Werk zugleich, das verschiedenste Techniken, Stilrichtungen und Formen vereint und über das Netz, in dem es sich festkrallt, hinaus in die Erstwelt reicht. Ein Ende ist nicht abzusehen und der Anfang, der erste Eintrag, gleichsam der Quellartikel, behandelt die Mitte des Stroms. Die üblichen Kategorisierungen nach geografischen oder politischen Maßstäben sind in rheinsein gesprengt, das Werk ist im Fluß, dessen Fließrichtung häufig wechselt.

Erstaunlicherweise gab es in bald sechs Jahren weitgehend kontinuierlichen Sammelns und Produzierens kaum Fasen der Rheinmüdigkeit. Begriffen haben wir, daß rheinsein sich prinzipiell ein Leben lang fortschreiben ließe. Ernsthafte Sorge, der Stoff könne einmal ausgehen, trugen wir nie. Bei all dem bleibt unklar wie lange rheinsein fortgeführt werden kann, welche Notwendigkeiten dafür bestehen oder noch aufscheinen werden und ob es als befriedigend zu betrachten wäre, rheinsein als definiertes “work in progress”, als ewiges Fragment, tatsächlich eines Tages abzubrechen oder in andere Hände zu übergeben.

Der Rhein im und aus dem Weltall

Seit Ende Mai und noch bis Mitte November ist Alexander Gerst “unser” Mann im All auf der internationalen Raumstation ISS. Seine Astronauten-Ausbildung absolvierte Gerst in Köln beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC). Auf seiner Mission fotografiert er immer wieder aus rund 420 Kilometern Höhe die Erde mit ihren Landschaften und Wetterfänomenen sowie Szenen aus dem Alltagsleben auf der Raumstation und stellt die Bilder mit knappen Kommentaren auf Facebook, wo sie sich einer riesigen Fangemeinde erfreuen. Auch rheinsein ist begeistert von Gersts täglichen Facebook-Einträgen und den durchweg großartigen Aufnahmen. Gersts Kommentare zeugen vom Glück gleichwie von Demut und Bescheidenheit anbetrachts seiner privilegierten Blickwinkel auf unseren Planeten. Vor einigen Tagen gestand die Mission dem Astronauten zu, eine halbe Stunde lang Fragen der Erdlinge zu seiner Mission auf Facebook zu beantworten. Unseren Lesern möchten wir Gersts Facebook-Präsenz wärmstens empfehlen. Besonders gefreut haben wir uns natürlich über Gersts Fotoeinträge zu Köln und zum Rhein und möchten sie an dieser Stelle gerne teilen:

alexander gerst_alpen mit rhein bodensee_klRheinursprünge in den Alpen, Bodensee, Hochrhein, Oberrheintal

alexander gerst_tatort im weltall_klKöln im Weltall: Tatortfolge mit Wurstbraterei, Groß St. Martin, Rhein und Dom auf der ISS; ESA-Maus aus Die Sendung mit der Maus als Maskottchen

Köln aus dem Weltall: Alexander Gersts flickr-Präsenz bietet fantastische Aufnahmen von der ISS. Durchklicken! (Am besten via voranstehendem Link zu flickr!)

“Es gibt keine Worte dafür, wie es sich anfühlt durch eine Aurora hindurch zu fliegen. / Words can’t describe how it feels flying through an aurora. I wouldn’t even know where to begin…” kommentierte Gerst jüngst zwei seiner Fotos, die von der Erdatmosfäre in den Weltraum abstrahlende Polarlichter zeigen. In den vergangenen Jahrzehnten rangen die vorwiegend naturwissenschaftlich ausgebildeten Astronauten immer wieder staunend um Worte, die Fänomene des Alls adäquat zu beschreiben und so dürfte die Zeit für den/die erste/n WeltraumdichterIn näherrücken.

Alexander Gerst stellt seine Bilder im Übrigen unter der Creative Commons-Lizenz zur freien unkommerziellen Verbreitung ins Netz. Das Copyright der Fotos bleibt bei ihm.

rheinsein wünscht Alexander Gerst weiterhin eine inspirierende Zeit in der Erdumlaufbahn und eine sichere Heimkehr!

BuchBasel (2)

In Basel herrscht nebst der am Bahnhofsvorplatz ausgeflaggten BuchBasel Jahrmarktsbetrieb: die Herbstmesse mit ihren kunstlichtblinkenden Menschenbeschleunigungs- und -schüttelmaschinen, Chässchüblig- und Biberliständen. Unterm Münster fließet im Mondschein großherzig-gemäßigt der Rhein. Ihm statten wir den ersten Pflichtbesuch ab, den zweiten dem Tinguely-Brunnen, verpassen aufgrund dieser zwingenden Antrittsvisiten sämtliche Abendveranstaltungen. (Gerne hätten wir Navid Kermani mit seinem Tausendseiter gesehen.)

Der Auftrittstag fügt sich in Dauerregen. Das BuchBasel-Programm bietet viele Gleichzeitigkeiten, am Morgen haben wir die Qual der Wahl zwischen Péter Nádas und Arno Camenisch. Von letzterem erhoffen wir eher Rheinbezüge, was schließlich den Ausschlag gibt. Die Entscheidung wird prächtig entlohnt. Camenischs aktuelles Buch Ustrinkata (was soviel wie das Leertrinken einer Beiz am Abend ihrer Schließung bedeutet, gleichzeitig auf den Begriff Osteria und den Richtung Reduktion ausschlagenden Strukturwandel in den Bündner Bergdörfern weist) spielt direkt am Rhein in Tavanasa, in der Bahnhofs-Gaststätte Helvezia, bietet gleich mehrere Flußszenen (“wie eine Kuh frißt der Rhein die Traktoren”), bündnerisch-derb und poetisch zugleich. Camenischs Vortrag besteht in immer gleichgestimmten, Schwung auf Schwung holenden (Halb-)Satzschüben, wodurch eine tranceartige Melodielinie entsteht, auf der die Texte bis hin zur Fantastik sich ausleben. Zum Ende der Lesung trägt Camenisch noch einige wunderbar-lakonische Gedichte auf Sursilvan und Deutsch vor.
Am Nachmittag die litblogs.net-Lesung, gemeinsam mit Hartmut Abendschein und Publikumseinbindung. So sprachen wir über die Stellungskriege der Freundschaft auf Facebook und erhielten dank eines Lesungsgasts Kunde von Ernst Friedrich Löhndorff, einem einstmaligen Abenteurer und Bestsellerautor von Abenteuerromanen, der seine letzten Lebensjahre in Laufenburg verbrachte, wo, bis er im Jahre 1908 gesprengt wurde, der zweite Rheinfall fiel. Im Hof der Galerie Beyeler indessen fiel ahorngold das Herbstlaub und beleuchtete stimmungsvoll die Regenschlieren.

Am Abend der zweite Auftritt, diesmal gemeinsam mit Roger Monnerat, im selten geöffneten Barockzimmer des Museums der Kulturen direkt am Münsterplatz. Es ging um Basler und Kölner Badegewohnheiten, das Grab des Rheins im Rotterdamer Hafenbecken und eine geheimnisvolle Frau, die ein Fisch ist und daher schwer zu verstehen.

Zum Resummee des Tagesgeschehens gings ins Kafka am Strand, das Cafe des Basler Literaturhauses, wo sämtliche Bedienungen unsere Bestellung “ein Appenzeller Holzfaßbier, bitte” mit kräftigem Staunen quittierten.

Zurück im Hotel irrten wir durch dessen weitläufige Flure, welche zusammengenommen sicherlich dem Wegenetz einer mittleren Kleinstadt entsprechen dürften. In der 18. oder 19. Etage stießen wir auf einen vitrinierten Rauchersalon, der nach einer dereinst in Flammen aufgegangenen “Hexe” benannt war (das Hotel schien einen christlichen Hintergrund zu besitzen), traten ein, gerieten in blauen Dunst und das Kreuzfeuer einer von Lichtschranken ausgelösten Wechselbeleuchtung, wie wir sie aus Raucherzimmern bisher noch nicht kannten. In der einen Ecke des Salons stand hinterm Zigarettenqualm sehr einsam ein geheimnisvoll verschlossener Holzschrank, aus der anderen wurden wir freundlich angesprochen: ob wir nicht Platz nehmen wollten? Tatsächlich, dort lugte ein Tischlein aus dem Dunst, dort saßen leibhaftig, nicht nur in Konturen, ein Mann und eine Frau, rauchten und tranken ein pinkfarbenes Gemisch, wobei uns die Frau entfernt bekannt vorkam und schon kurz darauf als Birgit Vanderbeke entpuppte, welche uns von ihrem selbsterfundenen Vanderbeke (ein Mischgetränk moitié moitié aus südfranzösischem Roséwein und rosa Grapefruitsaft) anbot, das spätsommerliche Zitrusnoten in den Rauchersalon hinein entfaltete, während es draußen kräftig plästerte und der mit Ahornlaub schmeißende Herbst wie eine gigantische Wegschnecke dem Winter entgegenkroch, dieweil im Dunkel der Stadt, genau können wirs aufgrund einer gewissen Nachtblindheit allerdings nicht bezeugen, florale Fluggeräte, dh raketenförmige Titanwurzgebilde um das Spalentor schwebten.