Wutachschlucht (2)

Die Baar liegt arschknapp unterm Himmel, teilweise sogar darüber, Zuckerwattewolken flocken langsam durch die Gegend, in den sanft geschwungenen Matten zirpts, schnurpts und wächsts. Über Ewattingen an die Wutach mit ihren vielen endemischen Arten. An der Wutachmühle steht die Bergwacht, beobachtet, fotografiert und zählt entschlossene Wanderer, die sich kopfüber in den Eingang zur Schlucht stürzen. Nicht jeder kommt wieder hinaus. Schon nach wenigen Metern ergeben sich erste sensationelle Ausblicke auf frühere Zwergen- und Geisterpaläste, die heute von seltenen Flugwürmern und insektoiden Kleinsauriern bewohnt werden, vorzeitliche Wesen, die sich in Spalten und Mikroklima der Schlucht über hunderttausende Jahre halten konnten, ohne sich maßgeblich fortentwickeln zu müssen: Blindschleichen und Zahnwürmer finden sich ebenso häufig im Schlamm der ausgetretenen Pfade und Stiegen wie der endemische Hosenbeinschleicher, ein pfeilförmiges, desorientiertes Wesen, das sich meist hospitalistisch auf der Stelle wiegt und alle paar Minuten in unvorhersehbaren ruckartigen Ausfällen über den Boden kreucht. Noch weniger angenehm: Zweirüßlige Stechmücken, der Gemeine Saugschlauch und der Mehrstachelige Wadenhader, die es allesamt auf die zahlreich einherhetzenden Wanderer abgesehen haben. Schwärme winziger Kamerafliegen behindern die digitale Dokumentation des pittoresken Naturwunders, indem sie durch pures Auftauchen zu Bildstörungen führen. Drei Arten Fischfrösche. Das Badische Leberle als unikes Amfibium. An Käfern wären hunderte zu nennen, die touristische Vermarktung der Schlucht erfolgt weitgehend über „die raren Drei“: Spackenläufer, Blasser Gottfriedkäfer und Faulrüßler, welch letzterer vor allem den omnipräsenten Pestwurz bekaut. An Vögeln der bis zur Unsichtbarkeit getarnte Weidenziesling und der beinahe ausgestorbene Bollenschnapper, der, auf Kirschgehölze und Trachtenfeste spezialisiert, außerhalb der Saison sein Rückzugsgebiet an die Wutach verlegt. Das ganze Huschen und Pfuschen lebendig kommentiert von der blubbernden plätschernden Wutach. Mitten in ihrem tiefsten Innern liegt der inexistente Kurort Bad Boll, der einst den aristokratischen Fliegenfischern des Londoner „Fishing Club“ gehörte. Neben einer verrottenden Kapelle entspringt die für solcherlei Orte angemessene Heilquelle und steht das ebenfalls angemessene touristische Hinweisschild. Für einen Nichtort wirkt Bad Boll recht ansprechend, sogar die Römer sollen hier bereits auf Lachs, Bachforelle, Äsche und Weißfische ausgegangen sein. Bevor sich die Straße bemerkbar macht, auf der die Sahnetanklaster das Rohmaterial für die gigantischen Schwarzwälder Kirschtorten der österreichisch geführten Schattenmühle transportieren, noch ein letzter Blick auf Holzschläger, Zumsel und Türkenbund, die sich am Wegrand ständig zwischen einem Dasein als Pflanze und Tier umentscheiden.