Chur (5)

Über die Christenmenschen (in aufsehenerregenden Fällen nicht selten politisch interessierte Gottesmänner) Churs weiß der Antiquarius die ein oder andere Anekdote, trockener wird’s beim Auseinandersetzen der kompliziert errechneten Stadtverwaltung und ihren Geflechten mit dem Klerus, die im hundertfußnotigen Anhang eher zerstreuselt denn entwirrt wird. Lassen wir die profanen Dinge außer acht und wenden uns einem (wenn auch schwer erwerblichen) Christenwunder zu, das mit der Kultur des alpinen, von der Kirche bekämpften Aberglaubens durchaus zu konkurrieren vermag: „Gleich über dem bischöflichen Schloß an jenem Berge, so mit Weinreben besetzt ist, erblikt man das schöne Kloster Sanct Lucii premonstratenser Ordens. Im Jahr 1453. ward es zu einer Abtey erhoben, auch hernach vom Pabst Eugenio dem IV. bestätiget, in welchem Stande es hernach beständig geblieben, bis ums Jahr 1529. der damalige Abt Theodor Schlegel, weil er an einem wider die Stadt gemachten heimlichen Verbindniße Theil gehabt, enthauptet worden. Hierauf haben die Mönche nach und nach abgenommen, und der Gotteshausbund hat sich damit um eine gewisse Summe Gelds im Jahr 1538. abgefunden, da denn endlich das Kloster gänzlich zerfallen und öde gelassen worden, bis im Jahr 1630. Johannes Coppius solches wieder aufrichten lassen und daselbst zu residiren angefangen, von welcher Zeit an es von einem insulirten zeitligen Abt verwaltet und von vier Ordensbrüdern bewohnet wird. Seit wenig Jahren ist dieses Kloster neuer Dingen stattlich erneuert worden. Gleich über dem Kloster auf eben dieser Höhe in einer Kluft ist eine Kapelle zu Ehren des heil. Lucii erbauet, zu welcher man über Berge und felsigte Klippen, wohl eine Viertelmeile hoch, hinauf steigen muß. Es ist diese Kapelle ohngefehr zehen Fuß hoch ins Gevierte gewölbet, worinnen ein Altar befindlich, auf welchem bey hohen Festtagen Messe gehalten wird. Etwas höher darüber ist eine im Felsen von der Natur zubereitete Grotte anzutreffen, welche eine Einsiedlerskapelle zu seyn scheinet, und ist in solcher eine kleine Quelle, woraus ein Wasser quillt, so, der Papisten Vorgeben nach, wie ein Oel so fett seyn, und von GOtt eine heimlich verborgene Kraft zu Heilung der Augen haben soll, welches aber von unpartheyischen Leuten als falsch befunden worden.“