Alb (2)

Ettlingen stellt sich als Portal und “Pforte zum Lebensraum Albgau” dar. Die Alb ist deutlich präsenter als im benachbarten Karlsruhe, sie berührt und prägt das historische Zentrum, Hochwassermarkierungen an Gebäuden sprechen von Überflutungen vom 16. Jahrhundert bis heute, und der Albtäler, ein Wind, der auf den Seufzer eines Riesen zurückgeführt wird, weht hartnäckig das Flüßchen entlang durch die Stadt. Als Schutzpatron der Rathausbrücke, der wohl am häufigsten frequentierten unter den Ettlinger Albbrücken, wirkt, wie an zahlreichen Stellen des Rheins und seiner Nebenflüsse, der heilige Nepomuk.

Am “alten romantischen Albwehr” mit dem der Fluß einst für den Kanal der Zwingelmühle gestaut wurde, steht, hinter der rückwärtigen Fassade eines Großkaufhauses versteckt und splitternackt, “Der Fischerjunge” auf einer Art Surfbrett und hält seinen Fang, einen nicht näher definierten Fisch, in die Höhe.

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Die Anzahl der Paare, die ihre Liebe mit einem Schloß an einer Albbrücke besiegeln, auf daß die Beziehung so lange halten möge wie der Flußgrund den von der Brücke geworfenen Schlüssel bei sich behält, ist marginal – aber es gibt sie. Ein Vorfall wie auf der Pariser Seinebrücke Pont des Arts, deren Geländer vergangenes Jahr unter der Last unzähliger Metallschlösser einbrach, steht in Ettlingen vorerst nicht zu befürchten.

Die junge Alb

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Die junge Alb nach einem Entwurf Karl Albikers. Die fläzende Flußfrau sollte ursprünglich direkt in die Ettlinger Alb gebettet werden – “wasserbaurechtliche und finanzielle” Probleme verhinderten den Standort. Mehrfach zog die Skulptur innerhalb Ettlingens um, verschwand für einige Jahre, büßte einen Zeh ein, der durch eine Prothese ersetzt wurde, seit 1986 räkelt sie sich als Brunnenfigur gegenüber der Stadthalle.

Auf den Spuren Willy Brandts (2)

Digital StillCameraZur diffusen, vom Hörensagen an uns herangedrungenen Theorie, daß Orte, Straßen, Plätze, die nach Willy Brandt benannt wurden, stets von ausgesuchter Trostlosigkeit bis Häßlichkeit geprägt seien, fiel uns zuletzt angesichts der Avenue Willy Brandt in Lille/Frankreich, die mitten im Stadtzentrum von der riesigen Shopping Mall Euralille und diversen besprayten Gebäuderückseiten flankiert in ein stark befahrenes Übergangsgebiet mündet, auf, daß das Benennungskonzept, so es denn tatsächlich existiert, nicht auf Deutschland beschränkt, sondern grenzüberschreitend, womöglich einer wenig bekannten EU-Vorgabe folgend, ausgerichtet sein könnte. Was wirklich an der Theorie dran ist, können wir nur stichprobenhaft überprüfen und hier ausschließlich für Orte entlang des Rheins dokumentieren. So stießen wir in Ettlingen auf eine Willy-Brandt-Straße. Sie wird verlängert von einer vornamenlosen Schröderstraße und reiht sich in ein Straßenensemble mit Altkanzlernamen. Die ästhetische Bewertung fällt schwer. Parkplätze dominieren. Linkerhand befinden sich ein stattlicher Schulkomplex mit geometrisch betonierten Wasserflächen, sowie ein Bürogebäude mit noch mehr Parkflächen; rechterhand reihen sich durch Privatwege abgetrennte Wohnblöcke. Der Blick am Ende der Straße geht übers freie Feld in Richtung der Bundesautobahn 5.

Neptunstein

Digital StillCameraZur Geschichte des Ettlinger Neptunsteins kursieren zahlreiche Versionen. Der obere Teil aus Buntsandstein ist römischer Herkunft, die Inschrift “IN H(ONOREM) D(OMUS) D(IVINAE) / D(EO) NEPTUNO / CONTUBERNO / NAUTARUM / CORNELIUS / ALIQUANDUS / D(E) S(UO) D(EDIT)” besagt, daß Cornelius Aliquandus den Neptun und dem Kaiserhaus geweihten Stein für die Albschiffer gestiftet hat. Daß es einst eine Albschifffahrt gab, mutet heute beinahe sagenhaft an. Leichter vorstellbar ist jedenfalls Albflößerei. Die Herkunft des Steins wird auf das zweite oder dritte Jahrhundert nach Christus datiert. Gefunden wurde er 1480 nach einem Albhochwasser vom Ettlinger Bürger Andreas Hauer, wovon der Sockeltext auf hellem Sandstein, ursprünglich geschrieben von Kaspar Hedio (1494-1552), einem Ettlinger Humanisten und Reformator, erzählt: “Es geschah im Jahres des Erlösers Jesus 1480, daß die Alb wie eine Sintflut über die Ufer trat und Ettlingen und die umliegenden Felder unterspülte und zerstörte. Als die Ländereien wieder trockneten, wollte Andreas Hauer ein Stadion unterhalb der Stadt, unweit der Ruinen des Lagers Fürstenzell, jetzt Burgstall genannt, den Teich reinigen. Da fand er dieses Neptunbildnis mit einigen anderen weiblichen Statuen, die vielleicht Thetis, seine Gattin oder Wassernymfen darstellen sollten.” Der Fundort läßt sich heute nicht mehr sicher zuordnen, wahrscheinlich handelt es sich um Busenbach, ein wenig talaufwärts.
Für Spekulationen sorgte vor allem Hedios Eingangssatz, in dem er behauptet, daß Ettlingen 1111 v. Chr. gegründet worden sein soll. Seither wird ein Trojaner namens Phorzys in unbelegten Quellen als Stadtvater angeführt*, dieweil die Passage “ANTE MCXI ANTE CHRISTUM NATUM ETTLINGIACUM CONDI PRIMUM ET INHABITARI COEPIT, SED MULTUM VETUSTATIS INTER RHENUM ET NICRUM, AC INTERMEDIIS LOCIS, BADENAE, DURLACI, PHORCENAE QUUM INVENIAS” glaubwürdig mit “Im Jahre 1111 vor Christi Geburt wurde Ettlingen zuerst gegründet und fing an, bewohnt zu werden; aber ein hohes Alter hatten auch die zwischen Rhein und Neckar liegenden Orte Baden, Durlach und Pforzheim” übersetzt werden kann. Trojanische Wurzeln lassen sich daraus nur mit reich blühender Fantasie ableiten. Neben Ettlingen wird im Übrigen auch Xanten bisweilen als Trojanergründung behauptet, eine “rheinische Trojaklammer” Ettlingen-Xanten fehlt jedoch in der Literatur, ein Indiz für jeweilige lokalpatriotische Geschichtsklitterung.

*Die Behauptung stammt ursprünglich, soweit bekannt, von Franziskus Irenicus, einem weiteren Ettlinger Humanisten und Zeitgenossen Hedios, sodaß sich gut vorstellen läßt wie die beiden Schriftkundigen gemeinsam Ideen ausheckten, die Stadtlegende aufzuhübschen.

Oberrheinische Seenplatte

Der Karlsruher Autor Matthias Kehle ist dieser Tage als Hochwassertourist in der eigenen Stadt an der Alb entlanggewandert und erinnert sich dabei auf seinem Blog einfach wandern zurück an das Jahrhunderthochwasser im Mai 1978:

„Als Kind habe ich sie erlebt, die Oberrheinische Seenplatte, Ende Mai 1978. Meine uralte Großtante Martha wohnte im 9. Stock in Ettlingen, wenige Tage noch und sie würde mit 88 Jahren nach Amerika auswandern. (…) Gewaltige Wasserflächen bedeckten die Felder: Bis nach Rüppurr, bis zum Rhein, bis zum Rheinhafen, bis nach Baden-Baden, bis nach Mannheim. Die A5 war gesperrt, auf der Autobahn paddelten Schlauchboote.“

Kehle führte, im zarten Alter von elf Jahren, Tagebuch über die Ereignisse seines Lebens. Erst vor Monatsfrist erinnerten wir an die Schlauchboote auf der Autobahn bei Rüppurr. Sogar Windsurfer sollen dort gesichtet worden sein. Auch der Spiegel konstatierte seinerzeit die Überschwemmungen: „Der Bodensee nahm in zwanzig Stunden um 60 Millionen Kubikmeter Wasser zu. Die Autobahn in der Rheinebene bei Karlsruhe glich einer Seenplatte; Fahrer und Beifahrer mußten bisweilen Stunden auf den Dächern ihrer Fahrzeuge zubringen, ehe sie von Schlauchbooten abgeholt werden konnten. Auf Neckar und Rhein dagegen fuhr schon lange kein Schiff mehr.“

Die alte Kinzig-Murg-Rinne war mit Wasser vollgelaufen, die sonst wiesengrüne, weizenbleiche bzw. brachenbraune Landschaft schien sich zum Ozean zu weiten. Ein älterer Junge aus der Nachbarschaft hatte Zugriff auf ein Kajak. Damit paddelten wir Slalom durch den vollgelaufenen Wald vor unserer Haustür und übten Übers-Wasser-Gehen auf den zurückgelassenen Laubhaufen des vergangenen Herbstes, die einen fragilen Steg in die beginnenden Mangrovensümpfe boten. Die Schwereren von uns brachen ins Wasser ein, es gab dramatische Szenen: aufregende Tage für einen Viertklässler im ansonsten recht beschaulichen Rüppurr. Nur wenige Tage stand das Wasser, dann zog es sich wieder zurück.

Das diesjährige Hochwasser reichte daran nicht heran. Matthias Kehle übermittelte uns dennoch Zeugnisse von der bei Flaneuren entlang der Alb beliebten Kleinkatastrofe.

maske_rüppurr_hochwasser 2013

Das Bild zeigt überflutete Felder der Alt-Rüppurrer Landwirtschaft. Im Hintergrund die Auferstehungskirche, deren Friedhof die Alb durchfließt. Dahinter die letzten Schwarzwaldausläufer.

maske_saufmohn

Kehle schreibt auf seinem Wanderblog von Kreuch- und Fleuchtieren, die er bei seinen Erkundungen beobachten konnte wie sie sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen trachteten. Auch von einem Feuerwehrfahrzeug, dessen Scheinwerfer braune Brühe weinten. Diese narzißtische Mohnblüte hingegen scheint der neuen Situation willentlich zugeneigt.

(Bilder: Matthias Kehle. Mit freundlicher Genehmigung. rheinsein dankt!)

An der Alb

an der alb

Die Alb entspringt im Schwarzwald an der Teufelsmühle. Weit mehr noch als der Rhein, in den sie mündet, ist sie der Fluß unserer Kindheit und Jugend. Von einer engen Landstraße flankiert fließt sie von Bad Herrenalb, vorbei an der imposanten Klosterruine Frauenalb und am kuriosen Marxzeller Verkehrsmuseum durch ein schmales grünes Tal vorbei an Busenbach auf die Spinnerei Ettlingen, durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne (welche nach Tulla einst den “Ostrhein”, “Bergrhein” bzw “Deutschen Rhein” unterhalb der Schwarzwaldhänge bildete), um in Karlsruhe teilweise unter der Erde zu verschwinden und am Ölhafen im kanalisierten Oberrhein aufzugehen. Das leicht übersteuerte Foto entstand bei Rüppurr, wo der Graureiher auf fette Beute hoffen darf. Unter den Schottern am Grund des normalerweise flachen Alblaufs bilden indes Legionen von Blutegeln ein sich windendes, wenig gelesenes Zeichensystem. Bei der großen Überschwemmung in den 70ern Jahren flächte sich die Alb samt der ihr zufließenden Bächlein und Gräben zum See, sodaß die einmalige und sogleich ergriffene Möglichkeit bestand, auf der A5 Schlauchboot zu fahren.

Tulla über den Rhein (2)

(…) Bey der Wiederaufgrabung der Ruinen bey Ettlingen, im Jahr 1802, nahe an der Straße von Ettlingen nach Durlach, fand man vor dem untern, etwas kleinen Thor, eine schiefe mit Quadern hergestellte Britsche, deren starke Neigung weder das Fahren noch das Gehen erlaubte. Diese Britsche, so wie der weitere Umstand, daß die Ruinen am ehemaligen Flußufer liegen, und daß in der Nähe desselben das Bild des Neptuns, welches die Stadt Ettlingen besitzt, gefunden wurde, werden die Behauptung rechtfertigen, daß gedachtes Thor für die Ausladung der Schiffe bestimmt, und jene sogenannte Villa, eigentlich eine Ausladestätte der Römer war.

Zu Muggensturm, welches in dem Bette des deutschen Rheins liegt, dürften die Römer eine Wasserburg, oder ein Castell, oder wenigstens ein Landungsplatz zwischen der Mündung des Thals, in welchem die Stadt Baden liegt, und zwischen der vorgedachten Ausladestätte unterhalb Ettlingen gehabt haben, und es ist dieses um so mehr wahrscheinlich, als die Entfernung von gedachter Mündung bis Ettlingen groß ist, und von Rauenthal bis diesseits Malsch das Flußbett äußerst wenig veränderlich und ungetheilt, folglich zur Anlegung eines Landungsplatzes ganz geeignet war.

Zu Durlach dürfte ebenfalls ein solcher Landungsplatz für die Schiffe bestanden haben, und es ist wahrscheinlich, daß bey genauen Nachforschungen, längs dem deutschen Rhein noch mehrere Ueberreste von römischen Anlagen gefunden, und ihre Landungsplätze bekannt werden dürften.

Oberhalb der Spitze des Kaiserstuhl-Gebirges hat der Rhein seinen Lauf mannigfaltig geändert, wie das zwischen den Hochgestaden liegende Spielraums-Gebiet beweist. Altbreysach, welches zum Theil auf Felsen steht, lag in verschiedenen Zeitperioden auf dem rechten, auf dem linken Ufer und auf einer Insel.

Mehrere Zusammenwirkungen, Verkürzungen des Laufs des großen Rheins und zugekrümmte Eingänge in den deutschen Rhein, dürften verursacht haben, daß sich die Wassermasse mehr in den großen Rhein warf, die Mündung des deutschen Rheins verschüttet, und durch die Natur, oder vielleicht auch der Natur nachhelfend, durch Kunst, geschlossen wurde.

Nach diesem Ereigniß war der deutsche Rhein nur noch der Strom der Gewässer des Schwarzwaldes von der Dreysam abwärts. Vermindert in seiner Wassermasse, konnte er das früher bestandene Bette nicht mehr ganz behaupten, und es mußten sich die Anschwemmungen, Moräste, Sümpfe und Brücher vermehren, und die Bewohner der Ufer in eine unangenehme Lage setzen. Eine entgegengesetzte Wirkung hatten die vorgedachten Stromänderungen auf den großen Rhein, dessen Wassermasse und Vermögen sich so vergrößerte, daß er dadurch in den Stand gesetzt wurde, sich ein tieferes und geräumigeres Bett zu verschaffen.

Die Ueberschwemmungen, die Brücher, Moore etc. im ehemaligen Spielraums-Gebiete, und die üppige Vegetation auf den angeschwemmten Inseln des deutschen Rheins, die nicht allzuausgedehnte Breite der zwischen ihm und dem großen Rhein gelegenen großen Insel und der aus lockerem Kies und Sand bestehende Grund derselben, die augenfällige tiefere Lage des großen Rheins, und vielleicht auch eine von Zeit zu Zeit entstandene leichte Uebertretung der Gewässer des deutschen Rheins in den großen, haben die Uferbewohner des erstern dahin führen müssen, durch möglich kurze, oder zur Ersparung der Kräfte, kleinen Vertiefungen folgende, Abzugs-Gräben, dem deutschen Rhein einen Abzug in den großen Rhein zu verschaffen, und sein Ueberschwemmungsgebiet trocken zu legen.

Quelle: Wikisource

Oberrheingedicht

Dieser Tage ist der neue Gedichtband Scherbenballett von Matthias Kehle erschienen. Kehles Gedichte lesen sich als ruhige, essenzenfilternde Blicke auf seine Sujets. Hier erklimmt der Leser mit dem Autor die nördlichen Schwarzwaldausläufer, der Blick schweift gen Norden übers weite Rheintal bis zum Odenwald. Die beruhigende bis erhebende Wirkung des Innehaltens auf der Höhe schwingt in den Zeilen, aus denen gleichberechtigt mit den Türmen des Speyrer Kaiserdoms die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg ragen, welche die ansonsten wie aus der Zeit gefallene Stimmung in die Gegenwart rücken:

Blick über die Rheinebene
(Kreuzelberg, Ettlingen)

Geh langsamer
es ist noch früh

der Huflattich kommt
mit seinen Lockstoffen

von weitem heisere
Glocken bleib stehen

von hier siehst
du die Kühltürme

den Dom und rechts
den Melibokus

aus: Matthias Kehle: Scherbenballett, Gedichte, Verlag Klöpfer&Meyer, 128 Seiten, 16 Euro.  rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Textes!
Auf der Verlags-Website finden sich weitere Textproben, das Buch kann direkt dort geordert werden.

Von Ettlingen nach Mühlburg

Was weiß Dielhelm über Ettlingen? (Der Rheinische Antiquarius ist übrigens derzeit um rund 600-800 Euro antiquarisch per ZVAB zu haben. Das liegt etwas außerhalb meines Budgets. Ich werd mir das vorerst weiter über Googles Scan-Bibliothek am Bildschirm gönnen. Muß ohnehin bald mal wieder meine Augen checken lassen.) Nun, viel weiß er nicht, aber was er vermutet, hat es doch in sich, zumal sich unbeweisbare Geschichten von angeblichen Trojanergründungen am Rhein hartnäckig halten: „Ettlingen ist eine kleine Stadt und Amt in der marggrafschaft Baadenbaaden. Anfangs war sie nur ein Dorf, und soll lange vor Christi Geburt schon von einem Trojaner, namens Phorcys, der es Posidonopolis genennet, mit Pforzheim seyn erbauet worden. In ersten Zeiten gehörte es dem Abt zu Cronweissenburg; ist aber nachgehends vom Kaiser Otto dem III. dem Marggrafthum Baaden einverleibet worden, daher es auch noch kommen soll, daß die Weissenburger durch Ettlingen zollfrey sind. Inzwischen ist es das Vaterland Francisci Irenici, welche unter dem Kaiser Maximiliano dem I. gelebet hat, und dessen Exegelis Germaniae oder Beschreibung von Deutschland in 12. Büchern den Gelehrten wohl bekant ist. (…)“ Wohl wohlbekannt war, ist hier anzumerken. Dielhelm beschreibt dann noch das Ettlinger Stadtwappen und nennt die vier Markttage („auf Matthias, Jacobi, Martini und vor Christag“) und zieht dann, ohne Rüppurr und sonstige Siedlungen, die eigentlich dazwischen liegen mußten, zu streifen, weiter nach dem heutigen Karlsruher Stadtteil Mühlburg, das einen der schönsten nichtssagenden Einträge erhält, die ich aus zahlreichen Rheinbeschreibungen kenne: „Mühlberg ist ein kleiner Ort, und liegt etwas einsam, zwey Stunden von Durlach und eine kleine vom Rhein, vormals hat es ein schönes und festes Schloß gehabt.“

Ettlingen

Ettlingen ist Karlsruhes kleine Nachbarstadt, vor allem bekannt aus dem Rundfunk („am Autobahndreieck Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen stockender bis zähflüssiger Verkehr“) und für seine Schloßfestspiele. Minna von Barnhelm im Ettlinger Schloßhof, die Zuschauer unter Plastikcapes, auf die strömender Regen prasselt und die Silben der Schauspieler in tausend Stücke schießt – ein einmaliges Erlebnis, das mich seinerzeit erstmals bewußt auf die Nanoebene der Sprache verleitet hat, Lessing vs. Natur, was blieb, war differenziertes Rauschen, eine Musik aus tropfenartigen Hackstückchen, reduzierten Klangperlen, Sprach-DNS, gelöste Helix, frei im Universum schwebender Wille zum Ausdruck, das menschliche Hirn suchende Energie, unter hunderten Schädeln hat es sich ausgerechnet den meinen als Wirt erwählt. Ettlingen im Regen. Ich starre auf die Alb, wie sie von gleichmäßigem Tropfenschlag getroffen kleine, bereits im Anwachsen verfallende Wasserkreise wie angenehmen Ausschlag produziert und über groben Schotter hüpfend, in gedankenloser Kamikaze, dem Rhein zustrebt. Unter den Brücken stehen wie an Knastwänden abgestrichene Tage die Forellen, kaum mehr als fingergroß. Das Wasser ist dunkel und klar und es führt heraus aus dieser Gegend. Ettlingen im Regen. Das unfaßbarste DFB-Fußballmatch aller Zeiten. Der Platz im Ettlinger Stadtteil Spessart, oben im Schwarzwald, weist von Tor zu Tor im Durchschnitt fünf Prozent Gefälle aus. Von Strafraum zu Strafraum hat sich eine Flußrinne gebildet, deren Ausläufer im Grau der Niederschläge verschwimmen. Im Niemandsland des Mittelfelds schlammige Lachen, die an Wildschweinsuhlen erinnern. Wir spielen in der ersten Halbzeit bergab und mit dem Wind, der den Ball davonträgt, am gegnerischen Tor vorüberhuschen läßt, ein ums andere Mal. Das Spiel kann hier nur in eine Richtung gehen, wenn wir gewinnen wollen (so sicher sind wir uns dessen nicht, der enorme Regen beschäftigt uns aktuell deutlich stärker als unsere Tabellensituation), ist dies einzig mit Treffern in der ersten Halbzeit möglich. Denn in der zweiten geht es bergan, gegen den mittlerweile zum Sturm ausgewachsenen Wind, der den dichten Regen diagonal, also parallel zum Hang, direkt durch die Trikots auf die Haut treibt. In der zweiten steht unser Strafraum komplett unter Wasser, ein natürlicher Schutz gegen die Spessarter Angriffe. Einsam kreist der Ball in den Lachen, als hätte ihn jemand weit hinaus auf einen See geschossen. Die Spieler waten hangauf und hangab, dreschen das Leder in die Luft, um ihm etwas Atem zu verschaffen, es hat sich mit Wasser vollgesogen und platscht dumpf zurück in irgendeine Pfütze, die letzten Streifen trockenen Landes gehen bedrohlich zurück, die ersten von uns versinken bereits wadentief im Morast, da pfeift der Schiedsrichter, mit kulanter Miene, plötzlich ab, zehn Minuten vor der Zeit, das Spiel können wir werten, sagt er, es endet null zu null. Ettlingen im Regen. Nachts stapft ein einsamer Mann auf den Bohlen der Straßenbahnschienen das Albtal entlang. Die Richtungen drehen sich um ihn herum wie in wilder Kamerafahrt. Er sucht den zentralen Einstieg in den Schwarzwald. Neben dem lästigen Kreisen nimmt ihm auch ein verwirrender, äußerst unregelmäßiger Regen die Sicht. Der Mann hat eine Portion Spitzkegeliger Kahlköpfe zu sich genommen und die Situation selbst heraufbeschworen. Aus dem Schotter kriechen Blutegel hervor und haften sich sanft an seine Waden. Der Mann kämpft, gekitzelt von schwarzen Tannenspitzen, mit der weltuntergangshaften Schönheit der Umgebung. Irgendwo dort im Dunkel plätschert, von Regen gelabt, die Alb. Aus dem Strömen der Dinge erklingt eine Zeile von Tocotronic: „Alles was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag.“