Essen (2)

essen_watching things go byEin zentraler und recht beliebter Aussichtspunkt Essens befindet sich direkt hinter dem Hauptbahnhof.

Digital StillCameraBedeutungsverschiebung: den Schriftzug “Mythos RWE” assoziierten wir umgehend mit dem Energieversorger Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk, der seinen Sitz in Essen hat und dessen Verwaltungsgebäude gemeinsam mit der Stadtautobahn das Areal hinter dem Hauptbahnhof dominiert. Der Claim des Unternehmens, voRWEg gehen, schließt das in NRW allgegenwärtige Kürzel RWE ein. Erst später fiel uns Rot-Weiß Essen ein, Deutscher Fußballmeister 1955 und Klub zahlreicher bekannter Spieler, allen voran Helmut Rahn und Ente Lippens. Nach zahlreichen Tiefschlägen spielt dieses früher unverwechselbare RWE derzeit in der Regionalliga West, der vierthöchsten deutschen Spielklasse.

Essen

essen_rheinischer platz_2essen_rheinischer platz

Wieweit Essen rheinische Identität besitzt (nämlich nahezu keine) hatten wir zum Anlaß der Präsentation eines Gedichts von José Oliver geklärt. Nun stießen wir in Essen, einer angenehm gesichtslosen Stadt mit beachtlicher Flächenausdehnung und breiten Autotrassen im Zentrum, deren historische Bauten von Industrieverwaltung und Kaufhäusern überwuchert wurden und die am Bahnhof mit dem Slogan “Einkaufsstadt” für sich wirbt, auf einige Berührungspunkte mit rheinischer Kultur wie etwa den augenfälligen Rheinischen Platz mit seinem U-Bahn-Zugang im Amfitheaterstil.

Einst wurde uns eine Theorie unbekannter Herkunft zugetragen, derzufolge Orte (Straßen und Plätze), die nach Willy Brandt benannt wurden, stets für trostlose Anblicke stünden. Der Willy-Brandt-Platz in Essen bestätigt diese Theorie. Als wir ihn passierten, begann dort gerade die Präsentation eines BMW-Modells. Promoter beschallten über Lautsprecher die öffentliche Fläche mit einstudierten Werbedialogen (“Schauen Sie mal, was wir Ihnen Neues aus München mitgebracht haben!”), addierten ihre mitgebrachte heruntergeleierte gleichsam der lokalen in situ-Trostlosigkeit, welche Passanten und Leute, die am Platzrand im Sonnenschein ihre Arbeitslosigkeit diskutierten mit einem breit angelegten Gleichmut ignorierten, der langjähriger Gewohnheit zu entspringen schien.

Presserückschau (Juni 2014)

Die Pfingsthitze brachte schwere Unwetter mit sich, die das Rheinland verwüsteten und in Köln, Düsseldorf, Krefeld und Essen sechs Menschenleben forderten. Neben der Hitze und hitzebedingten Unwettern beschäftigte über die Pfingsttage zudem ein 50 Kilometer langer Ölfilm Medien, Behörden und Krisenkräfte – Nachrichten, die sich in unregelmäßigen Abständen wiederholen. Aus der Reihe üblicher Katastrofenmeldungen fiel im Juni lediglich die Debatte über ein drohendes Gänsedebakel:

Weil die niederländische Provinz Gelderland diesen Sommer 30.000 Wildgänse zum Abschuß freigibt, befürchten Jäger des Kreises Kleve eine Massenflucht der Tiere über die Grenze. Gänse seien hochintelligent, nach dem ersten Schuß würden sie Reißaus nehmen, 30.000 Vögel abzuschießen sei somit unrealistisch, verlauten die Klever Jäger und befürchten, ihre Kollegen jenseits der Grenze wollten die Gänse einfangen und vergasen, wenn sie in der Mauser flugunfähig seien: ein Vorgehen, daß die Niederlande erlauben, Deutschland jedoch nicht. Auch die niederrheinischen Bauern und Badeseegäste betrachten die Sommergänse mit Sorge: “Sie richten auf den landwirtschaftlichen Flächen große Schäden an: Sie sorgen für Ernteausfälle und verdrecken die Felder. (…) Auf den Liegewiesen (der Badeseen) liegt alle zehn Zentimeter Kot, und die Tiere halten sich auch am See auf, wenn Gäste da sind.” (Rheinische Post)

 

Essen, Kopstadtplatz, mittagsschwere

1 nieselpalaver & abblätternder rost‐
punkpelz, eigentlich ausfärbendes strähnenhaar
& an den haaren nicht herbeigezogen die dumpfe lautlosigkeit

des himmels & wie ein frustgebet vom himmel fällt
1 wolkenszenarisches vorm aprilverregneten & vom himmel fällt
das wort nicht fällt / ist

aufzulesen am namedroping der grau‐in­‐grau­‐auslagen
das pfeifengeschäft & das billiglohnlandgetränkte ROT &
BLAU, nicht vom HIMMEL & grün wird heuer das frühjahr & pink

orange & stemmen sich ein paar HARTZLER kapuzenbehauptet &
in trainingshosen kippe inne hand zwischen den fingern so
daherrinnt daherschweigt & davon-

bröselt das lebensfieber aus der kälte gehobene stummstille, ganz
anders die frage der kettungsweite so angekettet beim gehen beim
sich kreuzen 1 coitusKIK zwischen straßenbett & bettelgebet, hopps!

(José F.A. Oliver)

februarnotat in Essen, Hbf.

1 taschentuch in taubennähe
des reisens müde
auf dem bahnsteig not-­

gewürfelt mensch & koffer
die spuren aufgerieben
aus den augen wiederwährend, welch

w:ort und welche worte noch die über rom
die redensarten führten
wer´s glaubt wird abschied, wurm-­

beatmet. Es schlängelt sich, es raupt
das altbild „Zeit“, einst tempus fugit, & das memento
reimt sich doch auf den entwurfsballast des todes.

(José F.A. Oliver)

Inwiefern Städte als “rheinisch” oder “rheinländisch” zu charakterisieren sind, bleibt eine an den Rändern offene Frage. Die Einzugsgebiete des Rheins reichen bis in Länder, die sein Lauf nicht berührt und es gibt Städte mit rheinischem Selbstverständnis, die seinen Ufern deutlich ferner liegen als andere Städte wie Essen, deren Selbstverständnis kaum auf rheinischen Gegebenheiten beruht. Dennoch sind die ehemaligen Kohle- und Stahlstädte des Ruhrgebiets ohne ihre Kanäle und Zuflüsse zum Rhein als Transportweg undenkbar. Letztlich lassen sich, zumindest von Rheinländern, an beinahe allen Orten, die von einem Wasserlauf durchzogen sind, “rheinische” Elemente entdecken. Essen gehört gegenwärtig zur am Verwaltungsschreibtisch ersonnenen Metropolregion Rhein-Ruhr, klassischerweise mit deutlich prägnanterem Ruhranteil. Wir wollten Materialien zu Städten des Ruhrgebiets, die nicht direkt an den Rhein grenzen, ursprünglich von rheinsein aussparen, bis uns José Oliver seine wunderbaren Essen-Gedichte schickte; das zweite folgt morgen. Mehr von José Oliver gibt es unter anderem in der edition suhrkamp, wo seine Bände Mein andalusisches Schwarzwalddorf und fahrtenschreiber erschienen sind.

Berliner Rhein (3)

Solange sie nicht unter offiziellem Humta und Fähnchenschwenken von US-Präsidenten besucht wird, müssen wir der Rheinstraße in Berlin, immerhin eine gediegene Einkaufs-, Wohn- und Ausgehstraße von sicher einem Kilometer Länge und guter Berliner Breite (inkl begrüntem Mittelstreifen), eine gewisse Gesichtslosigkeit und Öde attestieren. Das Rheinische an der Rheinstraße ist dem

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Augenschein nach nonexistent. Lediglich die Rhein-Apotheke identifiziert sich mit dem Straßennamen, womöglich aber nur deshalb, um auf einer veritablen Apothekenmeile ein sicheres Unterscheidungsmerkmal anzubieten. In der ansonsten stark von Normfreaks jeglicher Konvenienz  bevölkerten Hauptstadt mit ihren provinzbürgerlich-flippigen Ladennamen (“Schuhtanten”, “SchubLaden”, “Saftschubser”, um nur kurz aus der Schu-Sparte zu zitieren) zeigt die Rheinstraße eine angenehm zurückhaltende, höchst durchschnittliche, ihrem Angebot angemessene, metropol-über den Dingen stehende  Nomenklatur: nicht ein einziger bescheuerter Friseurladenname (in Kreuzberg hingegen: “Verlockung”), am gewagtesten noch der “Asia-Nudel-King” (selbsterschließend) und “die heiße Wahre” (eine Currywurstbude). Vermutlich unbewußt bis ungewollt rheinische Anklänge bieten “bad & baden”, in dessen Auslage wir die erst jüngst hier besungenen Raum-Zeit-Quietscheentchen

raumzeitquietsch

in artgerechter Massentierhaltung erblicken und “vom Fass”, das Bodensee-Apfelsaft im Fünfliterpack offeriert. Das wars denn aber auch an rheinischen Zugeständnissen. Wohl zeigt die Straßenführung grob in Richtung Rheinland, was einst Anlaß zur Namensgebung gewesen sein mag. Wir können uns allerdings nicht erinnern, jemals über die Rheinstraße in Berlin eingefallen zu sein. Auf der nun flaniert wird von Aldi zu Lidl und retour. Berlinerisch herrscht auf halber Straßenhöhe die Kaisereiche. Wir stellen uns, eine leichte Übung, die Straße als

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Kanal vor. (Bald dümpelte er stahlgrau-stahlblau dahin mit benzinösen Ausblühungen und zögen zweiundzwanzig zuckerwatteweiße Schwäne schwanhalsig-attraktiv an seiner schlierig-schmuddeligen Oberfläche in Richtung ihnen hingeworfner Dönerbröckchen.) Fazit: einen Rhein bzw enklaviert-integrierte Rheinischkeit gibt in dieser Stadt scheints rein garnichts ab und das ist, wie so vieles in Berlin, gut so. (Die Ständige Vertretung mit ihrem geradezu überrheinisch formulierten Kult-Anspruch lassen wir an dieser Stelle höchstwillkürlich außen vor.)

Deutsche Fußballmeister

Wieviele rheinische Teams, drängt sich an einem durchschnittlichen Bundesligasamstag unvermittelt die Frage auf, schafften es zur Deutschen Fußballmeisterschaft der Männer? Natürlich werden darüber Listen geführt, wir exzerpieren:

1907 Freiburger FC
1909 Phönix Karlsruhe
1910 Karlsruher FV
1933 Fortuna Düsseldorf
1949 VfR Mannheim
1955 RW Essen (lassen wir großzügig als rheinisch durchgehen)
1962 1. FC Köln
1964 1. FC Köln
1970 Borussia Mönchengladbach
1971 Borussia Mönchengladbach
1975 Borussia Mönchengladbach
1976 Borussia Mönchengladbach
1977 Borussia Mönchengladbach
1978 1. FC Köln

Das ergibt, für das riesige Einzugsgebiet des Rheins, ein eher mäßiges und bis auf die drei Kölner Meisterschaften, die dieser größten und wohl bedeutendsten, zugleich schlampigsten rheinischen Stadt angemessen erscheinen, auch erstaunliches Bild. Offiziell werden die DFB-Meisterschaften seit 1903 ausgespielt, mit fünf Pausenjahren in den beiden Weltkriegen. Heraus stechen aus rheinischer Sicht die Provinzstädte Mönchengladbach mit fünf Titeln und Karlsruhe, das gleich zwei Meistervereine in den Anfangsjahren, die einige erstaunliche Anekdoten bevorraten, stellt. Weiterhin bemerkenswert: von den acht bisherigen rheinischen Deutschen Fußballmeistern stammt die Hälfte aus Baden, die andere, gewichtigere, vom Niederrhein.