die Freude eines ausgebrochenen Sommers

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Die zerstörte Weseler Eisenbahnbrücke

Den Überresten der Ludendorff-Brücke in Remagen haftet seit dem Spielfilm “The Bridge at Remagen” (von 1969) über die Ereignisse in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs ein gewisser Hollywood-Glanz an – ihre dunklen Brückenköpfe, die bis heute an beiden Ufern (in Remagen und Erpel) stehen, haben schaurige Berühmtheit erlangt. Anders, als die Filmhandlung nahelegt, war die von den Alliierten eroberte Ludendorff-Brücke nicht der letzte unzerstörte Rheinübergang im Dritten Reich. Unter den unversehrten Übergängen befand sich Anfang März 1945 unter anderen die Weseler Eisenbahnbrücke: heute ebenfalls eine Ruine, allerdings von weit geringerem Ruhm, sodaß wir ob des

eindrucksvollen Trums (auf Xantener Seite) nicht übel staunten, als wir unverhofft auf der Weseler Rheinpromenade (die ein gutes Stück außerhalb Wesels liegt) auf ihren Anblick stießen.

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Eine Schautafel am Weseler Brückenende informiert: “Von 1872 bis 1874 wurde die aus 107 Landpfeilern und drei Strompfeilern bestehende und mit 1950 Metern längste Rheinbrücke erbaut. Die Brücke, die als Teil der Eisenbahnlinie Hamburg-Venlo Norddeutschland mit Westeuropa verband, erhielt 1927/28 über dem Strom eine neue Stahlkonstruktion, am 10. März 1945 wurde die Brücke nach dem Rückzug auf das rechte Rheinufer von deutschen Soldaten gesprengt. Da ein Wiederaufbau aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nicht in Frage kam, wurde 1958 der in der Strommitte stehende Pfeiler entfernt.”

wesel_brücke bei hochwasser_hans-rudolf kremer_2Die alte, noch vollständige Brücke bei Hochwasser: Widergabe eines Aquarells von Hans-Rudolf Kremer

Erpel

Von Unkel weiter südwärts streunend erreichen wir Erpel, die nächste Ortschaft mit ulkigem Namen. Anders als in Unkel begegnen uns in Erpel keine Touristen. Die Menschen auf der Straße grüßen. In den vergangenen Jahrhunderten scheint sich eine eigenartige Dunkelheit auf oder unter dem Boden des Städtchens destilliert zu haben, die nun die Straßenfluchten des Zentrums grundiert, das dem Fluß den Buckel zuwendet. Die mittelalterliche Substanz fügt sich in Blätterndes, Wesendes, langsam vor sich hin Arbeitendes – wo Unkel wie Kulisse wirkt, wirkt Erpel echt. Auf der Terrasse seines Restaurants “Om Maat” versorgt der dicke Pitter, der wie die Hauptglocke des Kölner Doms heißt, seine Kundschaft mit Bier und Speisen, ein Ort, der genuin rheinisches Flair besitzt, auch wenn der Fluß, vielleicht 200 Meter entfernt, von hier nicht zu erblicken ist.

Die Brücke von Remagen (2)

remagen_brückeDie Brücke von Remagen (in Ermangelung ihrer selbst als unvollständiges Wunschbild von der Geschichte neu gespiegelt), aufgenommen auf der Fähre von Remagen, im Rahmen der Serie Remagen gegen Remagen

remagen_fährticketFairer Fährpreis

remagen_brücke_schauspiel“Auf Grund der großen Nachfrage wird das Theaterstück “Die Brücke” bereits im siebten Jahr im Eisenbahntunnel in Erpel aufgeführt. Geschichte am Originalschauplatz zu erleben, wird hier möglich gemacht, denn die Ereignisse vor 70 Jahren werden den Zuschauern in authentischer Kulisse von hervorragenden Schauspielern in Erinnerung gebracht.”

Ein neues Panorama für Remagen

Ein irritierendes Bauschild steht am Remagener Rheinufer und weist auf „Ein neues Panorama für Remagen“. Der Bildbeweis (siehe unten) eignet schockierend-futuristische Elemente, insofern, als es sich um einen Futurismus-Stil der Vergangenheit handelt, der bis in die Gegenwart reicht, etwa bei der Architektur des nur wenige Meilen nördlich sich befindenden Sea Life Königswinter. Und so stand ich vor dem Schild und fragte mich reflexhaft: „Meinen die das ernst?“ Dann deflexhaft: „Und wer zur Hölle wären die?“ Bei näherem Durchforsten der wenigen schriftlichen Informationen nach Autorschaft und eventueller Verantwortlichkeit stach an geeigneter Stelle das Wort „Künstler“ hervor. Thomas Huber der Name dahinter. Zum Glück nur Kunst das ganze, also künstlich, also schon vorhanden, aber halt eher imaginativ, und doch Grund genug für rasenden wie aussetzenden Puls, Groll und Respekt. Immerhin, in Remagens dunkelsten, dreckigsten, ruppigsten Straßen finden sich gar Graffiti und Tags, das Kunst-Bauschild hingegen wies nicht einmal Tomatenflecken auf.

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Was die Erpeler am rechten Ufer wohl zu den gewagten stadtplanerischen Vorschlägen für ihren trotz moderner Verkehrstrassen immer noch so romantisch müffelnden Flecken meinen würden? Die Antwort steht natürlich im Internet: „Sie fühlten sich bzw. ihr Erpel in der von Thomas Huber dargestellten Vision “Ein neues Panorama für Remagen” verunglimpft, ja beleidigt und sie sahen die so geliebte historische Ortsansicht Erpels verunstaltet.“ Selbst der rheinischste Humor hat seine Grenzen. Direkt neben dem Bauschild geht übrigens die Fähre „Nixe“. Eine Namenswahl aus Selbstironie, Aberglaube oder Ignoranz? Wer schreibt auf eine Fähre „Nixe“ drauf? Der Eigentümer und kein freier Künstler. Was in jedem Fall besser ist für die allgemeine Akzeptanz.  (Foto: Roland Bergère)

Remagen-Essenz

In einem englischen Dokumentarfilm, der die kurze, aber heftige Geschichte der Brücke von Remagen beleuchtet, gibt es zu Beginn eine Vogelperspektive auf die Stadt und sinngemäß etwa folgenden Satz zu hören: „Remagen, eine typische deutsche Kleinstadt am Rhein ohne weitere Bedeutung, außer für die Leute, die in ihr leben.“ Was macht nun eine Stadt, deren Bedeutung mittlerweile auf einer bis auf die Köpfe nicht mehr vorhandenen Brücke fußt? Sie dümpelt vor sich hin im Niesel. Gleich beim Bahnhof gibt es eine Seelenstraße, und es gefällt mir, das Unfaßbare hier so praktisch banalisiert zu sehen. Der Promenadenblick wird beherrscht von der Erpeler Ley und einem künstlerischen Entwurf für ein neues Rheinpanorama, von dem man, wie bei fast allen auffälligen Dingen in Remagen, kaum zu beurteilen vermag, ob es sich um Ernst oder Ironie, um reales oder irreales Machwerk handelt. So auch bei den verbliebenen Brückenpfeilern und -ansätzen rechts und links am Rheingestade. Denn so etwas wie ein Stück Bahntrasse verläuft mehrere Meter nördlich der eigentlichen Brückenführung und bricht dann über dem Strom ab. Relikt eines ersten Brückenbau-Fehlversuchs? In einem der markanten Pfeiler, die wie riesige verkohlte Beinstümpfe an beiden Ufern ragen und somit ein hervorragendes Mahnmal abgeben, ist das Friedensmuseum untergebracht, welches die weltberühmten und weniger berühmten lokalen Ereignisse gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dokumentiert. Im Gemäuer eingelassen eine tresorartige Sprachbox, die gegen Münzeinwurf „historische Informationen“ auf deutsch, englisch und französisch ausspuckt. Im Museum selbst befindet sich eine Fliegerbombe, die mittlerweile als Musikinstrument genutzt wird. Hinter der Brücke: Brennesseln, Brombeergestrüpp, Brachland und ein dadaistischer Dreitürenanbau. Sehr historisch sieht das eigentlich alles garnicht aus. Ein buschiger Fuchs huscht durchs Gebüsch, auf einer weiteren Infotafel gibt der Remagener Verschönerungsverein einige seiner Daten preis, schon ist das sogenannte Supermarktviertel in Sicht, das aus einem großen Parkplatz und vier Supermärkten besteht, zahlreiche Schilder weisen Richtung Innenstadt, die nach wenigen Sekunden Fußmarschs erreicht ist: Beim Remagener Szenetatauisten kann man sich die Relikte der Brücke auf Brust und Oberarme stechen lassen. Die „Top Fleisch“-Metzgerei bietet Nierengulasch auf Stampfkartoffeln. Die Leute auf der Straße wirken unecht, aber es wäre vermutlich nicht höflich, sie nach diesem Umstand zu befragen. Vielleicht wirkt auch nur die Straße unecht, was natürlich auf die Leute abfärbte. Wären Straße und Leute beide unecht, würde sich der Zweifel an der Echtheit entweder der Leute oder der Straße nicht aufheben? Der Brunnen am Rathausplatz steht unter Gottes Schutz, die Verbotsschilder am selben sind auf deutsch und türkisch verfaßt. Der Niesel verstärkt sich, der Wind weht Richtung Bahnhof.

Rheinmägen

Weise Vorausschau ist oft Rückschau, z.B. in den Rheinischen Antiquarius von Dielhelm, der sich bei Google Books sogar nach einzelnen Suchbegriffen durchforsten läßt. Doch die Suche nach Burg Rolandseck bzw Rolandsbogen zeitigt kein Ergebnis. Vor der Romantik hatten romantische Burgruinen offenbar so etwas wie landschaftlich-kulturhistorischen Müllhaldenstatus und als solche, weit vor der Ära des Trash, noch keinen literarischen Mehrwert. Immerhin gibt es ein paar schwungvolle Passagen über die Gegend: „Von Linz rauschet der Rhein fort auf Rheinmägen, Rymagen oder Rimögen, einen Flecken so unter andern zu den jülichischen Landen gerechnet wird. Er liegt gleich unterhalb Zinzig auf einem Hügel am Rhein, und wie M. Freher in Orig. Palat. Part II. C. 8. p. 32. berichtet, soll Rheinmägen oder Regiomagum mit der Zeit auf verketzerte Art Regiomagium seyn genennet worden. Desgleichen sagt man, daß bey diesem Städtgen noch verschiedene alte römische Ueberbleibsel an Häusern, Steinen und Säulen mit unterschiedlichen Figuren gezieret hin und wieder zu sehen wären. Es werden auch von den Einwohnern noch allerhand guldene und eherne Münzen, so allda gefunden worden, ausgewiesen, wie erwähnter Freher berichtet. Das Kloster bey diesem Orte steht auf einem Felsen, und ist mit vier starken Thürnen versehen. Dieses Rheinmägen hält auch zwey Märkte, den ersten montags nach Oculi, und den zweyten auf St. Barbarä. Gleich unterhalb Rheinmägen am Rhein liegt der sogenante St. Apollinarisberg, auf welchem im Kloster das Haupt gedachten Heiligen verwahret wird, welches, der Catholiken Vorgeben nach, wider die fallende Seuche helfen soll. Nebst diesem wird auch der S. Chuno, so Bischof zu Regenspurg und Abt zu Siegeberg gewesen, darinnen verehret. Bey diesem Orte zwischen dem Gebürge heißt man es in der Arsbrücke, welches ein schlimmer und gefährlicher Paß ist. Von Rheinmägen begiebt sich der Rhein auf das ohnweit von dannen liegende churcölnische Städtgen Erpel, allwo zu oberst auf dem Berge das Hochgerichte zu sehen ist. So dann benätzet er das auf einer Insel gelegene Nonnenkloster Nonnenwerth, cisterzienser Ordens, und ohnweit diesem das churcölnische Städtgen Unkel, von dem weiter nichts merkwürdiges zu melden ist, als daß sich unterhalb demselben im Rhein ein Felsen zeigt, auf welchen oftermals ein in einer lustigen Gesellschaft munterer Reisender vornen aus dem Schif springt, ein Glaswein auf Gesundheit der Reisegefehrten darauf ausleeret, und sodann hinten ins Schif wieder hineinsteigt. Es wird dieser Felsen von der Stadt, weil er nahe dabeyliegt, gemeiniglich der Unkelstein benamet.“ Marquard Frehers Origines Palatinae allerdings sind leider nicht verfügbar.