Paris, 25. August 1943

Später stieg ich noch in das Zimmer des Präsidenten hinauf. Aus Köln zurückkommend, erzählte er, daß man in den Ruinenkellern rheinische Trinkstuben findet, in denen die Ausgebombten sich treffen und eine intensive Gemütlichkeit herrscht. Dort werden von den Zechern die alten Karnevalslieder gesungen – besonders beliebt sei: “Ja, das sind Sächelchen!” Das erinnert an die Lektüre des “König Pest” von E. A. Poe, den man ja überhaupt neben Defoe mit seiner “Pest in London” als einen der Autoren unserer Zeit betrachten kann.

(aus: E. Jünger – Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher III, Strahlungen II)

Dank für das Zitat an Roland Bergère. Jegliche Zeit ließe sich als unsere Zeit betrachten, da die Zeit ja eine stets nur leicht verändert auftretende Emulsion ihrer selbst (dh ihrer eigenen Zutaten) darstellt, und London und Paris, bliebe anzumerken, sind rheinische Städte, zweifellos, vielleicht die rheinischsten, die es gibt, oder zumindest idealisierte Rheinmetropolen, wie sich überhaupt weltweit viel mehr rheinische Städte und Gegenden finden, als der gemeine Daheimgebliebene vermuten mag – ein erweiterter Rhein(land)begriff ist also vonnöten und längst überfällig. Weiters in Karlsruhe (im typisch trockenen, hart am Drögen schrabbenden Stil, den sich die dortige Lokalpresse über Jahrzehnte erhalten hat) noch von den Bombardierungen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs gelesen, wobei von Trinkstubengemütlichkeit und Karneval (respektive Fastnacht) keine Rede war, wohl aber von Tagen gereizter Stimmung und Tagen ungemeiner Solidarität. Als zeit- und volksmundtypische Figur blieb der “Bombenkarle” haften, ein einzelner Alliierter, ein Bomberpilot, der offenbar Überstunden schob und auch außerhalb der organisierten Verbandsflüge hartnäckig die Stadt im Alleingang angriff und den die Karlsruher mit “Karle” attributierten, was soviel wie eine Mischung aus “Kerle” und “Karl Arsch” bedeutet, weil es so einen erdigen (und lokal/real häufig vorkommenden) Namen darstellt – auch in meiner Schulklasse war einst ein Karle und potenzierte das badentypische in seinem Ruf- wie Nachnamen, noch dazu in seiner Person. Der Bombenkarle wurde also durch seine Karlsruheisierung zu einem der “Hiesigen” gemacht und dadurch entschärft, wenn auch nicht gleich bewundert. Über seine Abschußerfolge stand nichts zu lesen.

Roter Rhein (2)

Auwaldhütte, 14. April 1940
Am frühen Morgen weckten mich die Maschinengewehre vom Panzerwerk »Roter Rhein« – das neue in der oberen Scharte des Panzerturmes und das überschwere, das unseren rechten Flügel flankiert. Ich rief Erichson an und gab ihm Feuerbefehl. Dann fuhr ich, nachdem ich mich hastig angezogen hatte, mit dem Rade durch den Auwald nach vorn.
Kurz vor dem Stand geriet ich in eine Garbe, die in die Pappelstämme klatschte, und suchte eilig den Verbindungsgraben auf. Spinelli, der bereits an Ort und Stelle war und mit der Besatzung hinter der Betonwand des Bunkers stand, winkte mich richtig ein. Ich ließ zwei schwere Gewehre auf die Scharten richten und teilte Scharfschützen ein. Dann ging ich, um noch einen guten Richtschützen zuzuziehen, zu Erichson, in dessen Kampfraum ich den Krankenträger fand. Er war damit beschäftigt, Erichson zu verbinden, der stark am Halse blutete, auch hatte er drei Schützen, die durch Splitter verletzt waren, mit Jod betupft. Sie waren alle benommen wie Fische, die plötzlich an die Luft gezogen worden sind.
Ich hörte, daß ein Schartentreffer mit lautem Knall und einem Feuerstrahl im Raum auseinandergeflogen war. Andere Geschosse hatten das Maschinengewehr am Lauf getroffen und das Zielfernrohr gekappt, das auf dem Tische lag. Zum Glück war auch Erichson nur leicht verletzt, so daß ich mich gleich wieder zu jenem Stande begeben konnte, der unser Brennpunkt ist.
Die Garben strichen noch durch den Wald, in dem mir der Verbindungsgraben zustatten kam. Freilich war er noch nicht durchlaufend ausgebaut, so daß es auch Stücke zu überspringen gab. Sehr gut die Kalkulation an Strecken, an denen es so über Deckung geht. Der Geist stellt immer eine scharfe Wahrscheinlichkeitsrechnung an, ehe der Körper springt.
Vor dem Stande hatte Spinelli schon alles aufgebaut. Ich ging noch einmal an das Scherenfernrohr und visierte die Scharte an, aus deren Schlitz ein neues und stärkeres Gewehr als jenes vor unserer letzten Räucherung hervorragte. Nachdem ich den Richtschützen eingeschärft hatte, daß es von ihnen abhänge, ob der Beschuß ernsthaft erwidert würde oder nicht, gab ich das Feuer frei. In diesem Augenblick strichen drüben, wie vor einer Zauberhandlung, zwei Elstern mit leuchtend weißem und erzgrünem Schimmer von den Bäumen über die Kuppel ab.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Roter Rhein

Auwaldhütte, 29. März 1940
Die Dinge lagen so, daß kurz nach Mittag ein Wachtmeister und ein Gefreiter von der nahen Artilleriebeobachtung gekommen waren, beide Neulinge am Ort. Der Wachtmeister äußerte den Wunsch, die von Geschoßeinschlägen besäte Stirnwand des Bunkers zu photographieren, und ohne auf die Warnungen des Unteroffiziers zu hören, stieg er, gefolgt von dem Gefreiten, über den hohen Aufwurf des Werkes zum Rheinufer hinab. Im gleichen Augenblick begann von drüben aus dem Panzerwerke »Roter Rhein«, in dem rabiate Burschen hausen, ein Maschinengewehr zu spielen, und die beiden Artilleristen blieben auf der grünen Böschung liegen, die weithin sichtbar ist. Der eine hatte noch gerufen, vom anderen hatte man nichts mehr gehört.
Nachdem ich den Ort besichtigt hatte, beschloß ich, die beiden zu bergen, was freilich auf dem Wege, den sie genommen hatten, unmöglich war. Vielmehr mußte links von dem Bunker ein breiter Drahtverhau zur Annäherung durchschnitten werden, und zwar derart, daß die Arbeit durch einen Saum von dürrem Gras getarnt wurde, das zwischen den Uferbäumen wuchs.
Inzwischen war auch Spinelli angekommen, und wir folgten den Leuten, die kriechend die Gasse schnitten, bis nach einer guten halben Stunde der Weg geöffnet war. Zwischen den Bäumen hingen noch einige Tarnmatten aus gelbem Rohr, die gegen den gröbsten Einblick deckten, dann waren bis zu den beiden liegenden Gestalten noch etwa fünfzehn Schritte zu tun. Die Feste »Roter Rhein« war gegen vierhundert Meter weit entfernt.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Azolla

Bei Greffern, 18. November 1939
Seit vorgestern Hochwasser. Der Rhein schießt mit großer Geschwindigkeit dahin. Der Strom führt Balken, Flaschen, Kanister, tote Tiere mit. Wo er den Drahtverhau erreicht, setzt sich in Gürteln eine kleine Wasserpflanze an, deren zartgrüne Oberfläche durch angeperlte Luft versilbert wird. Es ist die amerikanische Azolla, die zu den Wasserfarnen zählt und bei uns an manchen Stellen in Massen verwilderte. Im Freien begegne ich ihr in Deutschland zum ersten Mal.
Zuweilen treiben auch Pontons und große Brückenteile den Strom hinab und ziehen von beiden Ufern lebhaftes Feuer an. Man merkt, daß in der Gegend an Waffen nicht Mangel herrscht. Wenn man sich auf der Erde auch sorglos zeigen darf, sind doch das Wasser und die Luft tabu.
Verschiedene Bunker vor dem Hochwasserdamm sind fast abgeschnitten und drohen zu versaufen, wenn das Wasser weiter steigt. Ich halte daher Floßsäcke und Schlauchboote bereit. Auch bauen die Pioniere Laufstege, die freilich den Nachteil haben, daß sie von drüben einzusehen sind. Sie werden daher mit Schilf getarnt. Ich benutze die Gelegenheit, mir beim Pionierdepot Schnittholz zu bestellen, da ich mir eine Hütte als Einsiedelei erbauen lassen will. Man muß sich einrichten.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Ernst Jüngers Rheinvergleich

“Im wundersamsten Buch der Welt, in der »Tausendundeinen Nacht«, finden wir eine Reihe von Geschichten, die nach dem Muster der Erzählung von den zehn Einäugigen angelegt sind und in denen sich eine Figur ersten Ranges verbirgt. Es handelt sich darum, daß man den Schlüssel zu einem bestimmten Raum erhält, den man jedoch nicht betreten darf, wenn man nicht in ein Abenteuer verwickelt werden will, bei dem man das Licht eines Auges verliert. Zwar ist jedes dieser Abenteuer in sich von unendlicher Mannigfaltigkeit und durchaus von den anderen verschieden, doch allen gemeinsam ist der Punkt des Unheils, auf den sie unfehlbar zustreben und der sich eben durch den Verlust des Auges kennzeichnet.
Ganz ähnlich war es hier: ein jeder, der sich eines Abends heimlich durch das Tor der Kaserne davongemacht hatte, konnte nicht verhehlen, daß er nach einigen Tagen, von zwei Feldjägern wohl behütet, vor eben demselben Tore wiedererschienen war. Ich hatte diese Aufzüge, die in der Arrestzelle endigten, wohl gesehen; man veranstaltete sie gern recht öffentlich, und es gab dabei jedesmal ein großes und schadenfrohes Hallo. Und jeder, der auf diese Weise wiedererschienen war, wußte zu berichten, wie fein er alles eingefädelt hatte, bis auf den kleinen, unscheinbaren Punkt, an dem er unvorsichtig gewesen war. Der eine hatte von einem überwachten Brunnen Wasser geholt, der andere war in ein Dorf geschlichen, um Brot zu kaufen, der dritte hatte schon im Angesicht der Grenze nicht mehr die Nacht erwarten können und war auf eine berittene Streife gestoßen, und jeder beklagte sein ganz einzigartiges Mißgeschick.
Mir nun erging es wie dem Neuling, der in den betrübten Kreis der Einäugigen gerät: ich hielt sie alle für ausgemachte Dummköpfe. Es schien mir, daß der Einzelne in einer so unermeßlichen und fast unbewohnten Landschaft sicherer als die bekannte Stecknadel auf dem Heuboden verborgen sei; und ich bildete mir ein, daß ich nur hierher gekommen wäre, um den anderen einmal zu zeigen, wie ein solches Unternehmen durchzuführen sei.
Damit befand ich mich in einem jener Irrtümer, die keine Belehrung je beseitigen wird. Immerhin läßt sich sagen, daß man auf diese Weise das, was man an Aussichten verliert, an Einsichten gewinnt; und auf die Schilderung dieses Vorganges zielt unsere Erzählung ab. So begriff ich seitdem, wie unsere Vorväter nach der Schlacht im Teutoburger Walde römische Senatorensöhnchen an die vierzig Jahre lang als Kuhjungen beschäftigen konnten, ohne daß einem von ihnen die Rückkehr zum linken Rheinufer gelang, wie man das bei Tacitus nachlesen kann. In diesem Falle nannte sich der Fluß, der zu erreichen war, zwar nicht der Rhein, sondern die Muluya; aber es ist zu bedenken, daß solche Unterschiede wohl in der historischen, nicht aber in der magischen Geographie von Bedeutung sind, in welcher die Geschichte von den Einäugigen spielt.”
(aus: Ernst Jünger: Sämt. Werke, 3. Abteilung – Erzählende Schriften I, Band 15 – Erzählungen: Afrikanische Spiele. Mit Dank an Roland Bergère für die Quelle.)