Louis Lourmais durchschwimmt den Rhein

rheinschwimmer louis lourmais

Der Bretone Louis Lourmais startete Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre einige Aktionen als Extremschwimmer – darunter die Durchschwimmung des Rheins der Länge nach. War zuletzt im Rahmen ähnlicher Projekte von Ernst Bromeis und Andreas Fath auch der vor zwei Jahren verstorbene Linzer Klaus Pechstein wieder ins Rampenlicht gerückt, der als erster Mensch den Rhein komplett der Länge nach durchschwommen haben soll, grub Thomas Förster für seinen Dokumentarfilm Flussgeschichten – Der Rhein, für den er Pechstein interviewte, auch Archivmaterial aus, das Louis Lourmais beim Rheindurchschwimmen zeigt. Lourmais soll erst bei Schaffhausen, also weit unterhalb der Quellen, in den Rhein gestiegen sein, somit auch die Bodenseequerung vermieden haben, wodurch ihm der an sich fragwürdige Rekord “Komplettdurchschwimmung” (denn der Rhein ist nicht ein Rhein und in Passagen der Quellregionen, auch unterhalb des Tomasees unschwimmbar) aus heutiger Sicht verwehrt bleibt. Rund 1000 Rheinkilometer absolvierte Lourmais, teilweise schwimmerisch begleitet von seiner Frau Liliane, bevor er in Rotterdam von der niederländischen Schwimmmeisterin Cocky Gastelaars und einer Abordnung Froschmänner in Empfang genommen wurde. Lourmais ist somit der früheste, bisher bekannte Rheindurchschwimmer, was ihm einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie dieser Spezies einbringen sollte.

rheinschwimmer louis lourmais_2 (Bilder: Screenshots)

Presserückschau (August 2014)

Indem die Berichterstattung über die Krisenherde Ukraine, Israel/Gaza und Syrien/Irak das diesjährige Sommerloch stopfte, hatten Flußmonster und Konsorten kaum Chancen auf mediale Öffentlichkeit. Die Meldungen des Augusts handeln von den Erfolgen der beiden Rheindurchschwimmer, alten Straßenkurvennamen und Lachsen, einer rasenden Plattform und einem Wärememodell:

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Eine 40 Tonnen schwere schwimmende Bauplattform mit zahlreichen Geräten (Hebebock, Generator, Seilwinde) hat sich in Rossboden bei Chur bei starker Strömung aus ihrer Stahlseil-Verankerung gelöst und trat eine unaufhaltsame Reise mit rund 15 Stundenkilometern Richtung Bodensee an: “Auf ihrem Weg zwischen Chur und Hard touchierte sie mehrere Brückenpfeiler. Auf Schweizer Seite kam es laut der St. Galler Kantonspolizei zu fünf Kollisionen. Dabei verlor der Ponton einige Geräte.” (Südostschweiz) Von Passanten erstellte Videos im Netz zeigen wie das 9 mal 15 Meter messende Geschoß die Pfeiler der Vaduzer Holzbrücke ohne Berührung passiert, dafür mit gewaltigem Rumms auf andere Brückenfüße prallt. Die für den Brückenrückbau eingesetzte Plattform erreichte schließlich den Bodensee, wo Seepolizei und Feuerwehr die Bergung einleiten konnten.

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Die Kehren des San Bernardino-Passes erhalten Namensschilder. Dies berichten einige Schweizer Zeitungen, am ausführlichsten jedoch die Website des Parc Adula: “Wie die Hinterrheiner Häuser alle ihren Namen haben, so von früher her auch die Kehren auf der Passstrasse, welche ehemals für die Existenz der Tal- und Dorfbevölkerung von äusserster Wichtigkeit war. Man musste sich genau darüber verständigen können, wovon man sprach, wenn man zum Beispiel als Ruttner oder Postpferdehalter etwas weiterzuleiten hatte – eine Schwierigkeit auf dem Weg, die Meldung über einen Unfall, ein Unglück. Der Unterhalt der Strasse war gerade im Winter eine grosse Herausforderung, manchmal ein Wagnis. Ein Lawinenunglück ereignete sich im Winter 1939 zwischen dem Obersten und dem Tschensch-Cheer. Der vordere Schlitten der passierenden Pferdepost wurde mitgerissen und verschüttet, der Postillion und ein Pferd verloren beim Unglück ihr Leben. Die herbeieilenden Helfer konnten nur eine Person lebend bergen.”

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“Zwei schwere Wintersalme, die 1881 oberhalb von Rees gefangen wurden, kamen (…) in Berlin bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., auf den Tisch” schreibt die Rheinische Post in Folge 21 ihrer vorbildlichen Sommerserie “Unser Rhein” mit Geschichten und geschichtlichen Rekursen über den Niederrhein im Großraum Düsseldorf und stromabwärts, in diesem Fall über die Umgestaltung des “Schnellen Brüters Kalkar” zum Vergüngungspark: “Wo Besucher im “Wunderland Kalkar” Achterbahn fahren und Pommes essen, gingen die legendären Rheinfischer bis vor circa 100 Jahren ihrer harten Arbeit nach. Häfen wie Grieth, heute Ortsteil von Kalkar, lebten von Fischerei und Schifffahrt. Der Name Grieth geht zurück auf “Gritt”, was Kies bedeutet. Und eben jene Kiesbänke, die zur Rheinmitte abfallen, waren ideale Fanggebiete für die Fischer, die ihre langen Netze dort leicht auslegen und einholen konnten und meist stattliche Lachse, genannt Salme, aus dem Rhein holten. Auf Stromkilometer 834,6 befand sich eine der besten Lachsfangstellen am Rhein. In Körben mit Eisstücken wurden die schönsten Exemplare an die Herrscherhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland geliefert.”

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“Der Schweizer Extremsportler und „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis hat es geschafft: Innerhalb von 44 Tagen – einschließlich Ruhezeiten – durchschwamm der 46-Jährige den gesamten Rhein. (…) Gestartet war er am 7. Juli im Lago die Dentro am Lukmanierpass (Kanton Graubünden), dem von der Nordsee am weitesten entfernten Punkt des Rheins. Mit seiner Schwimmaktion über 1247 Kilometer warb der Schweizer für die Umsetzung des Menschenrechts auf sauberes Wasser. Im Mai 2012 hatte er einen ersten Versuch nach rund 400 Kilometern aufgegeben – unter anderem weil ihm die seinerzeit niedrigen Wassertemperaturen zu schaffen machten. Zudem erwiesen sich die damaligen Tagesetappen von 40 Kilometer als zu anstrengend.” (Hessische/Niedersächsische Allgemeine)

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Und auch der zweite Rheinschwimmer, Andreas Fath, hat im August seine letzte Etappe durchschwommen und die Nordsee erreicht: “Bei 17 Grad Wassertemperatur und neun Grad kalter Luft war er (…) zunächst zehn Kilometer bis zum Rotterdamer Hafen geschwommen und dort auf ein Boot der Hafenbehörde umgestiegen. Bei Hoek van Holland legte er dann die letzten fünf Kilometer bis zur Nordsee schwimmend zurück. Ende Juli hatte der 49 Jahre alte Chemieprofessor (…) seinen Schwimm-Marathon begonnen. In den 28 Tagen hatte ihn ein Team auf Booten auf der 1.231 Kilometer langen Strecke von der Quelle bis zur Mündung begleitet und Wasserproben entnommen. “Kein Tag war wie der andere”, sagte Fath nach seiner Ankunft. Überall hätten ihm Menschen zugejubelt und ihn ermutigt. Aufgeben sei für ihn nie eine Option gewesen: “Manchmal musste ich mich extra motivieren, aber das muss man ja manchmal auch, wenn man morgens zur Arbeit geht.”" (SWR) “Fath schilderte auch Eindrücke vom Rhein, die den meisten verborgen bleiben. “Unheimlich laut” sei der Strom, vor allem unter Wasser. Fortwährend rausche der Kies auf dem Grund, das klinge wie ein riesiges Glas voll Murmeln.” (Schwarzwälder Bote)

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“Ein neues Wärmemodell für den Rhein von Basel bis Köln soll ein massenhaftes Fischsterben wie im Jahr 2003 verhindern. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellte (…) in Karlsruhe ein entsprechendes Gemeinschaftsprojekt mit Hessen und Rheinland-Pfalz vor. “Wassertemperaturmanagement” nennt sich das Vorhaben, mit dem bei Bedarf steuernd eingegriffen werden soll bei zu hohen Temperaturen. Für den Neckar gibt es ein solches Monitoring bereits seit Sommer 2005, für den Oberrhein bis Worms seit 2011″, schreibt die Badische Zeitung. Kühlere Wassertemperaturen sollen dabei durch Drosselungen der Kraftwerke und Auflagen für die Großindustrie entlang des Rheins erreicht werden. So könne allein die BASF Ludwigshafen als größter Wärmeeinleiter in Rheinland-Pfalz die Rheintemperatur um ein Grad Celsius beeinflussen.

Presserückschau (Juli 2014)

Die Rheinmeldungen des Juli-Sommerlochs handeln von Rückständen und Schwimmern im Fluß, sowie saisontypisch von Tieren, darunter einem selten gesehenen Besucher:

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Den Rhein auf kleinste Plastikpartikeln untersucht der Basler Student Thomas Mani: “”Es gibt Hochrechnungen, laut denen täglich mehr als vier Tonnen kleinste Plastikteile via Donau ins Schwarze Meer gelangen. Mit meiner Masterarbeit will ich prüfen, ob es dieses Problem auch im Rhein gibt.” In einer 15-tägigen (…) Reise mit einem Kleinbus wird er an zehn Stellen zwischen Basel und Rotterdam rund 4,5 Millionen Liter Rheinwasser filtern und die darin enthaltenen Schwebestoffe zurück ins Labor bringen. Dort werden die winzigen Plastikteile Stück für Stück unter dem Binokular untersucht, fotografiert und gewogen. Danach wird ein externes Forschungsinstitut mittels Infrarot-Spektroskopie ermitteln, von welchen Produkten der Mikroplastik möglicherweise stammt.” (20 minuten)

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Noch ein Probenentnehmer kündigt sich in der Presse an: der Chemiker Andreas Fath möchte den Rhein ab Ende Juli der Länge nach durchschwimmen. “So will man erforschen, wie sauber der Rhein wirklich ist und was darin so alles schwimmt. Unter anderem erwarten die Wissenschaftler zu finden: Spuren von der Droge Crystal Meth, Psychopharmaka, Pestizide sowie einen Wirkstoff aus der Anti-Baby-Pille. Ein Fokus liege auf Mikroplastik, erläutert Fath, also mikroskopisch kleinen Plastikteilchen, etwa von PET-Flaschen. Die Ergebnisse könnten laut dem Chemiker dabei helfen, Verfahren zu entwickeln, bestimmte Stoffe aus dem Abwasser zu filtern. Der Wissenschaftler sieht es auch als sportliche Herausforderung: Vor ihm hat nur der Bonner Klaus Pechstein den Rhein bezwungen, in 30 Tagen, 1969 war das.” (Morgenweb)

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Dieweil Andreas Fath (siehe 2) mit der Ankündigung seiner Rheindurchschwimmung die deutsche Presselandschaft des Sommerlochs im Sturm erobert, ist Ernst Bromeis bereits mit seiner “Expedition 2014″ im Rhein unterwegs. Im Mai 2012 hatte Bromeis einen ersten Versuch gestartet, den gesamten Rhein zu durchschwimmen – kurz hinter Basel gab er damals auf. Im Vorfeld hatte die Presse seinerzeit ausführlich berichtet. Dieses Mal hält sich deutsche Presse im Vorfeld und auch während der laufenden Aktion (mit Ausnahme eines längeren, lesenswerten Artikels in der FAZ) vornehm zurück, während die Schweizer Presse auch Bromeis’ zweite Expedition begleitet: “Zu Beginn der dritten Expeditionswoche erlebte das Team um Ernst Bromeis (…) eine unangenehme Überraschung: Am Stauwehr des Kraftwerks Laufenburg (Aargau) wurde ihnen mitgeteilt, dass bis auf weiteres keine Boote passieren können, weil der Hochrhein für den Schiffsverkehr teilweise gesperrt sei. Grund dafür sind die ergiebigen Niederschläge der letzten Tage und Wochen vor allem im Einzugsgebiet der Aare, die weiter oben in den Rhein mündet. «Ohne Begleitboot kann ich im Moment nicht weiterschwimmen,» fasst Bromeis die Situation zusammen. Er war mit seiner «Expedition 2014» am 7. Juli an der Rheinquelle im Lago di Dentro gestartet, um zur Rheinmündung in Holland zu schwimmen. Die ersten sieben Tage hatten ihm die sehr tiefen Wassertemperaturen zu schaffen gemacht.” (Südostschweiz)

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Von “Teufelszeug auf dem Vormarsch” berichtet die Frankfurter Rundschau und meint das oben (siehe 2) angesprochene Crystal Meth. Ein verwandter Artikel derselben Ausgabe schildert womöglich erste Auswirkungen der Droge: “Äußerst aggressiv sollen zwei Männer in Bingen reagiert haben, als sie von Wachleuten beim Nacktbaden im Rhein gestört wurden. Die Sicherheitsleute hatten sie am Freitagabend auf dem Gelände der Landesgartenschau erwischt und zum Verlassen des Parks aufgefordert (…). Daraufhin hätten die unbekleideten Schwimmer die Wachleute wüst beschimpft und mit der Faust zugeschlagen.”

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Am Oberrhein, wo sie entlang des Rheins am häufigsten vorkommen, heißen die Stechmücken Schnaken (Dialekt: Schnooke bzw in diversen Schreibweisen). Ihre Brutgebiete liegen in den dümpelnden Altrheinarmen. Seit 1976 werden sie Jahr für Jahr vom Menschen bekämpft, die Kriegstaktik ging dabei von anfänglich massiven Einsätzen der chemischen Keule zu biologischen Kampfstoffen über: “Monsunartige Regenfälle in Kombination mit tropischen Temperaturen: Das ist eine Wettermischung, die den Stechmückenbekämpfern am Rhein gar nicht gefällt. Vor wenigen Tagen erst sind die Hubschraubereinsätze zu Ende gegangen, bei denen der für Schnakenlarven tödliche Eiweißstoff Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) aus der Luft über einer Fläche von rund 6000 Quadratkilometern abgeworfen wurde. Da rollt schon die nächste Hochwasserwelle den Fluss hinab. So dass in den Brutgewässern links und rechts des Stroms, in denen die dort abgelegten Eier durchaus bis zu zehn Jahre auf den für sie „richtigen Moment“ warten können, abermals neue Plagegeister heranwachsen” schreibt die FAZ. Die Kampfeinsätze finden vom Kaiserstuhl bis Bingen statt, neben Helikoptern sind ganze Hundertschaften Infanterie mit Sprühgeräten im Einsatz. Veterane der Anti-Schnaken-Bewegung erinnern sich noch an die Zeit vor 1976, als viele Rheinanwohner die Sommerabende im eigenen Garten nur in Neoprenanzügen überstehen konnten.

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Zum ersten mal habe sich ein Seeadler im niederländisch-deutschen Grenzgebiet dauerhaft niedergelassen, schreibt derwesten: “Mit einer Flügelspannweite bis 2,40 Meter gleitet der Seeadler fast geräuschlos am Himmel, elegant und immer aufmerksam auf der Suche nach Nahrung. Der Seeadler gehört zu den größten Raubvögeln in Mitteleuropa und in diesem Jahr ist er zum ersten Mal auch ein Sommergast in der deutsch-niederländischen Grenzregion. Ornithologe Bert Beekers beobachtet den Vogel seit ein paar Monaten am Kaliwaal bei Kekerdom in der Millinger Waard, im Ooijpolder, entlang der Altrheinarme in Lobith und in der deutschen Düffel.”

Der Rhein von oben (2)

Auf Arte läuft seit gestern und noch bis Freitag um jeweils 19.30 Uhr eine fünfteilige, jeweils dreiviertelstündige neue Rheindoku: Der Rhein von oben. Der Sender verspricht „das wohl ausführlichste Bild des europäischen Stroms, das je gezeigt wurde“. (Aus der Luft mit der Cineflex-Kamera gefilmt mag das sogar zutreffen – Ausführlichkeits-Interessenten empfehlen wir nichtsdestotrotz das Vergleichsstöbern in mittlerweile deutlich über 1200 rheinsein-Einträgen.)

Die erste Teilfolge, Der Alpenrhein, widmet sich, logisch, den Quellen des Vorder- und Hinterrheins und endet beim Einfluß in den Bodensee. Die Macher (Regie: Luzia Schmid) verfahren nach zuletzt bei Rheindokumentationen bewährtem Strickmuster: beeindruckende Luftaufnahmen zu seicht-pathetischer Musik wechseln mit Kurzportraits bzw -interviews von/mit Anwohnern.

„Den Rhein möcht ich noch einmal machen“ hören wir zu Beginn Ernst Bromeis, der im und vor dem Tomasee posiert und dessen gescheiterter Versuch den Fluß der Länge nach zu durchschwimmen vergangenen Mai für öffentliches Aufsehen (und ein paar rheinsein-Notizen) sorgte. Sogleich beschleicht uns Furcht, daß wir den x-ten Aufguß allzu bekannter Anekdötchen aufs Auge gedrückt bekommen sollen. Eine unnötige Furcht, wie wir erfreut feststellen dürfen. Die Bodenbeiträge erweisen sich als wohlgewählt, erfrischend und kompetent und das Team scheut bei seinen alpinen Erkundungen keine Seitenpfade in selten geschaute Nebentäler, die doch von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Alpenrheins und somit des gesamten Rheinsystems sind und bei vergleichbaren Gelegenheiten gerne übersehen werden.

Zwischen dem energiewerkenden Ex-Abt von Disentis und der tauchenden Archäologin in Sipplingen findet sich Platz für kleine Erkenntnisse über hunderte Schmelzwässer, den italienischen Rheinanteil, historisch bedingte Kuriositäten und den unterseeischen Wasserfall der Bodenseeeinmündung, in deren Hintergrund wir für einen Augenblick sogar Paradise Island zu entdecken glaubten, wenngleich die kontroverse Insel in Der Rhein von oben (noch) keine Rolle spielte.

der rhein von oben_rheinalpen_04(Pressebild: © WDR/Vidicom)

Der vergleichsweise gediegene Zeitrahmen jedenfalls scheint dieser Dokumentation zu bekommen wie auch der allenthalben eingefangene Respekt und das Staunen vor der Kraft des Wassers. Einziger Wermutstropfen bleibt die musikalische Untermalung. Die gestern ausgestrahlte und die kommenden Folgen sind rheinsein eine Empfehlung wert.

Die erste Folge ist derzeit in der Arte-Videothek verfügbar.

Wiederholungen der ersten Folge auf Arte:
Montag, 18.03.2013 um 12:05 Uhr
Samstag, 30.03.2013 um 12:30 Uhr

Expedition zur Rheinquelle (4)

Wie schwierig oder wenig schwierig der Aufstieg einzuschätzen ist, läßt sich am besten daran ermessen, daß ca fünfjährige Kinder ihn problemlos bewältigten. Schweizer Kinder, wohlgemerkt, welche kaum der Mutterbrust entrissen in die Seinswelt der Berge geschleudert werden, wo sie gemsische Fähigkeiten entwickeln, die dem Flachländer je nach Gemüt und Fitness Bewunderung oder Skepsis abringen. Der erwachsene Schweizer schleppt Unmengen Ausrüstungsgegenstände auf seinem Rücken den Berg hinan, um sie und sich am See zu entfalten: Zelte, Campingausrüstung, Angeln (im Tomasee sollen Forellen und Saiblinge vorkommen, weil Gott oder einige seiner treuen Exekutivkräfte sie einst dorthinein entließen), Schweizer Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht auf eigenen Beinen in die Höhe steigen können/sollen/dürfen, imposantes Kameraequipment (wieviele hunderttausende hochaufgelöste Bilder muß es von diesem Bergsee geben!), Nachtsichtgeräte, Unterhaltungselektronik und weitere Gegenstände, welche seinen Rucksack aufs Äußerste dehnen, als befände sich darin ein gefährlicher lebender Organismus kurz vor dem Ausbruch. (Nur Tauchausrüstungen haben wir erstaunlicherweise nicht unter die Augen bekommen.)

Glück mischte sich mit Geschick: denn wir waren absichtlich früh losgezogen und bekamen von den beladenen Massen zunächst wenig mit. Stiegen und schauten stattdessen taumelnden Schwalbenschwänzen nach, ließen den Blick auf kürzlich geschmolzenen Schneefeldern ruhen, auf denen mitten im Hochsommer die Frühjahrsblüte ausbrach in Form von Gelber Alpenkuhschelle und Frühlingsenzian. Die Hochamsel lästerte. Wir fanden Stinkwurz und Saxifraga, notierten, notierten, umrauscht von Wasserläufen, den Geräuschen der Motorräder in den nah-fernen Serpentinen, der Kühe, Insekten und nach ein wenig Tändelei schließlich doch auch der kernigen Wandergruppen, die mit gefletschten Zähnen im Gänsemarsch von unten nachrückten und uns, falls wir weitertändelten, auf dem schmalen Pfad zu überrennen drohten. Die Schönheit der Berge, sie existiert in diesem Ausmaß erst seit sie käuflich ist, der Wohlstand hat sie sich herangezüchtet, zur Abwechslung von Bürozimmern.

Nach etwa anderthalb Stunden steten Steigens ist die Nähe des Sees zu spüren, der Weg geht streckenweise über nackten Fels und plötzlich steht der Pilger in einer Blickschneise, wie sie für ein Heiligtum nicht besser inszeniert sein könnte und schaut auf den nur von diversen Hinweisschildern verstellten, in einer schönen Bergmulde enthaltenen See, wie er flach und tiefblau und durchaus von einem gewissen Etwas gesättigt darniederliegt, während ihn Wiesenstreifen zieren und flechtengrüne helle Felsen umragen, am Himmel kein Wölkchen. Ein Abfluß ist erstmal nicht zu sehen, dafür zweieinhalb reins oder uals, die aus den Höhen herbeiströmen, den See zu speisen. Sind das? Ist einer? (Ein halber davon?) Müssen wir jetzt doch weiterlaufen? Es soll doch angeblich die Quelle im See sich befinden, also ein unterseeischer Wasseraustritt sein, auch wenn wir dafür noch keinen (etwa filmischen) Beweis finden konnten. Nun kommen aber diese Wasser aus der Höhe, genau auf der gegenüberliegenden Seite, während wir auf der unsrigen den Abfluß vermuten (den der Rheinschwimmer Ernst Bromeis nicht nahm, sondern von hier bis Disentis zu Fuß wanderte, was auch erstmal geschafft sein will). (Fortsetzung folgt)

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (3)

Vor vier Tagen wurde in der Presse bekanntgegeben, daß Ernst Bromeis sein Projekt auf Höhe Breisach abgebrochen hat. Selber hatte Bromeis womöglich nie Rekorde angekündigt, die Presse schrieb davon, daß derartige Aussagen vielmehr von seinem Sponsor Schweiz Tourismus laut wurden, der Bromeis auch aus marketingstrategischen Gründen dazu angehalten haben soll, noch vor der Sommersaison in den Rhein zu steigen – wodurch der Schwimmer mit allzu kaltem Flußwasser konfrontiert wurde. Kurz nach Bromeis` Start sei außerdem “bekannt geworden”, daß im September 1969, wenige Wochen nach der ersten Mondlandung, der heute 71jährige Klaus Pechstein aus Linz am Rhein “nach eigenen Angaben und Medienberichten” den Fluß durchschwommen habe – also knapp 43 Jahre vor Bromeis.

Bezeichnend, wie mittels nachlässig recherchierter bis großspuriger Bewerbung ein eigentlich sympathisches heimatabenteuerliches Projekt zu einem Produkt aus Marketinggefasel und resultierendem Medienhype funktioniert wird, das im Grunde über den Schwimmer (ist er noch einer oder vielmehr bereits Kajakfahrer? wie lange muß er für Marketingzwecke durchhalten? bis zu welchem Punkt kauft die Presse aufgebauschte Slogans ab?) hinweg variiert. Der sportliche Aspekt weicht der täglichen Rechtfertigung, die Leistung hechelt vom ersten Tag nahezu chancenlos ihrer Ankündigung hinterher.

Uns stellte sich gar die Frage: brauchte es für dieses Projekt wirklich einen Menschen oder wäre Schweiz Tourismus mit einer rheindurchschwimmenden Quietscheente besser beraten gewesen? Durchaus denkbar, daß eine Marketingkampagne auch die Kräfte des Rheinstroms, als dessen Spielball Bromeis sich in Interviews betrachtete, zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen imstande wäre. Irre Behauptungen besitzen oft erstaunliche Qualitäten.

Die Behauptung, die uns nunmehr jedoch am meisten interessiert, ist diejenige diverser Blätter über Klaus Pechstein. Denn die Informationen zu diesem Schwimmpionier blieben spärlich: wo genau der Mann seinerzeit ins Wasser gestiegen ist und wo er wieder herausstieg, wie er welche Hindernisse überwunden hat, mit oder ohne Neopren und sonstige Hilfen, auf welche Weise die Presse damals berichtete und wie Klaus Pechstein seine damalige Aktion selber einschätzt – auf harte Fakten wurde bisher bei der Berichterstattung weitgehend verzichtet.

Eine Teilantwort immerhin bietet das Fachmagazin swim: “”Er (Klaus Pechstein, Anm.: rheinsein) ist damals Mitte September gestartet und die ganze Strecke in 30 Tagesetappen ohne Flossen bis nach Hoek van Holland gekrault”, erzählt seine Tochter Christiane Pechstein (…). Dass niemand von dem Rekord etwas wusste, findet Pechstein nicht verwunderlich, schließlich gab es damals noch kein Internet und die Medienberichterstattung war auch nicht so detailliert. Aber immerhin hätte es ihr Vater zu Dieter Kürten ins “aktuelle Sportstudio” geschafft.”

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (2)

Auch im fortgeschrittenen Jahr 2012 nach Christi Geburt (falls diese Rechnung denn stimmt) dürfen wir dem großen imaginären Fragesteller, der die Themen der Zeit aufwirft und kritisch beäugt, auf sein Begehr zu wissen, ob es einem Erdenbürger möglich sei, den Rhein von der Quelle bis zur Mündung zu durchschwimmen, mit gutem Gewissen antworten, daß a) die Frage einen Tick zu unpräzise gestellt sei und b) wie auch immer, ein solcher Mensch vermutlich erst noch geboren werden müsse.

Probiert hat es dieser Tage einer der Unsrigen, Ernst Bromeis (wir berichteten), und er ist immer noch dabei, obgleich seine Ankündigung im Grunde vom ersten Tag an als verfehlt angesehen werden darf. Trotz Hilfsmitteln wie Neopren- und sonstigen Spezialanzügen wie dem Hydrospeed, trotz Lotsendienst eines vorausfahrenden Kajaks, ist der Wildheit, der Kälte, den Launen des Rheins vor allem in seinen jungen Regionen allein mit Schwimmen (noch) nicht beizukommen. Ernst Bromeis (bzw ein Schreiber aus seinem Team) gibt das in seinem Begleitblog zur Aktion auch offen zu.

Kaum jemand dürfte ernsthaft erwartet haben, daß Bromeis z.B. den Rheinfall hinab schwimmt. Zwar existieren im Internet Beweisvideos von Kajakfahrern, die dieses Wagnis in ihren schützenden Bootsschalen angingen und vor Freude und/oder Furcht schreiend in den Weißschaum hinabstürzten, doch ist das Befahren des Rheinfalls sowohl ein Grenzfall für die menschliche Vernunft, als auch schweizseits verboten – etwaigen Delinquenten drohen bei Überleben empfindliche Geldbußen.

Über Geldbußen für Schwimmer wissen wir nichts, Bromeis jedenfalls schwamm den Rheinfall nicht hinab. Die Überlegung, sich stattdessen über den Fels abzuseilen, wurde laut Blog vom Wasserstand davongetragen. Bromeis und sein Team unternahmen stattdessen, was in der Sprache der Kajakfahrer „umsetzen“ heißt. Sie stiegen aus dem Fluß und umgingen das Hindernis.

Die Probleme für das Gesamtunterfangen bestanden in den vergangenen Tagen laut Blog aber vor allem in der für Mai deutlich zu niedrigen Wassertemperatur. Mehrmals stieg Ernst Bromeis aus dem Wasser und setzte seine Rheinaktion im Kajak fort. (Eine Liechtensteiner rheinsein-Späherin konnte Bromeis bei Wind und Wetter überhaupt garnicht ausmachen, dafür aber zwei Biber.) Als Juri Gagarin, oder treffender, aber trauriger: Roald Amundsen des Rheinschwimmens wird der Bündner damit kaum in die Annalen eingehen. Auch wenn das Rekordziel nicht aufrechterhalten werden kann: die Schwimmtour soll fortgesetzt werden. So werden wir bis Rotterdam wohl noch einige rheinische Eindrücke aus Schwimmersicht erhalten. Was ja nicht gerade wenig wäre. rheinsein wünscht Ernst Bromeis gutes Durchkommen (ob er bei den Schleusen die Fischtreppen nutzen darf?) und bessere Wassertemperaturen (die Industrie ist nicht mehr fern)!

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“