Genius von Westen

Buhlst du noch immer neu um unsre Knaben
Mit Schmeichelgirren und gemalter Huld,
Mit deinen Künsten, giftig schönen Gaben?

Vergessen ward nicht deine Mörderschuld,
Wir wissen dich auf unsre Söhne lauern,
Die töricht heilige unsres Volks Geduld,

Wähnst du, sie werde unausschöpfbar dauern?
Dein künstlich Werk, es wird zu schanden werden.
Denn auf der Warte stehen wir gleich Bauern,

Die ihres Hofes Grund und ihrer Herden
Gegen den ewigen Werwolf verteidigen,
Mit dem noch niemals Friede war auf Erden.

Vergebens sind die Flöten, die geschmeidigen,
Der süße Falsch, der dir im Auge glimmt,
Du wirst das Liebste uns nicht mehr beleidigen,

Denn es will Gott, der auch in uns ergrimmt,
Daß Jeglicher in eigner Seele wohne.
Geh! Diese Seelen sind dir nicht bestimmt,

Und nimmermehr hebst du im Rhein die Krone.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram, München: Georg-Verlag 1922.)

Xanten. Heimat des Helden

Eh es versinkt, hebt noch einmal das Land
Zu allen Heiligen sich läutend auf,
Vor unerbittbar bleiernem Firmament
Sind einmal noch die Türme adelgrün.

Eh sichs zum Fisch und feisten Fischer neigt,
Entsendet es aus grau gewordner Stadt
Den kindlichsten der Helden, drin die Welt
Abscheidend von sich selber Abschied nimmt.

Stadt aller Heiligen und Eines Helden:
Du sahst des Starken klare Kinderstirn,
Die schöne Glut des Jünglings, aufgeflammt
Im Drachensieg des männlich ersten Kampfs,

Und sahst den Auszug, muttertränenlos
Unstillbar wissend, in die Königswelt,
Ahntest das klarste Haupt, dem Todfeind gläubig,
Am Untreuquell verröcheln in den Blumen.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München: Georg-Verlag 1922.)

Worms. Der Hort

Eh sie dich rauben, eh mit dem Lindwurmblick
Das wehrlos blonde sie flecken, das heilige Gold;
Eh die verseuchte sich, die braune Hur,
Den firmamentenen Mantel unsrer Könige
Um ihre Schwären zerrt; blaumaulicht eh
Grinsend der Mohr den Ring durchs Ohr sich bohrt,
Der unsre Eide siegelt: ehe soll
Die reine Welle strömenden Vergessens
Unsres geborstnen Schildes letzte Weihung
Von uns empfangen. Heiliger Rost verzehre
Das letzte edle Schwert. Mit unserm Kleinod
Bekröne sich das schuppige Gesipp.
Die gläserne Undene wirre plump
Ins schilfene Haar den Gürtel unsrer Fraun.
Auf unsres Helden Goldhorn rufe dumpf
Fischblöden Blicks der odemlosere
Fürst der Koralle die unwissend ach
Schaurige Trauer aller Kreatur,
Daß von des Hornes nächtigem Albenruf
Aufbeben schwer im satten Träume die Völker
Unter dem Niblungenschrei. Und dass der Fluch uns
Werde, bleibe Gesang, gleite nun Goldner,
Hort der Ahnen, hinab. Empfang im Schaume
Unser adliges Erbe,
Reine, reißende Flut.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München 1922.)

Der Fiedler von Alzey

Kurz eh das Letzte kommt – o rote Not –
Ruft Gott aus seinem Volke den Gesang
Schon sterbenden herauf, daß er die Nacht
Verherrliche zum Sternbild Melodie,
Fiedler vorm Untergang. Noch einmal horcht
Gezücht gesanglos wimmelnd, rattengrau,
Im Abenddunst der leeren Steppe zu,
Wie er die Helden tönt. Dann stillen Blicks
Zerbricht er seines Bogens Glück und weiß:
Nun kommt der Brand im Saal. Sie trinken wild
Das warme Blut des Freunds. Die Welt wird Schrei,
Rache, Gelächter, Qualm. Die Welt erlischt.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München: Georg-Verlag 1922)

Otfried von Weißenburg

Die ihr aufredet Gott so goldnen Munds
In euren jauchzenden und strengen Zungen,
Pauli Athen und der Apostel Rom:
Sollt ihr allein denn Ihm so hoch aufbeten,
Und nicht auch wir? Des Gottes drittes Reich,
Ziemt Römerhauch ihm und Hellenenton?

Soll endlich nicht volldonnernder zum Ohr
Gewappnet nahn in Brünne unsres Worts
Der neue Heiland? Nicht waldnächtiger Ruf,
Beschwörend antlitzloser Götter Seele,
Im Rabenwildschrei und Gestöhn der Fichten
Den Geist ersausen lassen Nikodems?
Soll nicht Jehovah, wütender Jäger, blau
Speerschüttler reiten nachtendem Wasgenwald?

O Christ, den Hagens Speer am Kreuze stach,
O Herr, Allvater wissenden Rabenrufs,
O Geist, du altarloser im Waldgestöhn:
Ja ruf ich euch am frühsten mit unsrem Spruch,
Ja red ich euch mit Rätselrunenkraft,
Euch, Führergötter, Volkerlöser ihr,
In unsrer Zunge, die aus Mitternächten

Des Geists fernzuckend grollt, ja schrei ich euch
Den neuen Lobgesang. Verwandeln will ich
In unsre Raben Jordans helle Taube,
In unser Wälderohr den milden Reim,
In unser altes Wort den jungen Christ.

(Ernst Bertram: Straßburg. Ein Kreis, Insel-Verlag, Leipzig 1920)