Neusser Heimatlied

Als ich noch ein kleiner Junge war,
sagte Mutti einst zu mir:
schau dir uns’re schöne Stadt mal an
und dann merke dir,
schöner kann’s woanders auch nicht sein,
zieht es dich ins fremde Land,
einmal treibt das Heimweh dich doch heim
und du hast erkannt:

Refrain:
Dort, wo die Erft den Rhein begrüßt
einst meine Wiege stand.
Wo stolz Quirin den Himmel mißt,
da ist mein Heimatland.
Ich grüße dich Novesia
mit Herz und frohem Sinn
und singe dir ein Gloria,
weil ich ein Neusser bin
und singe dir ein Gloria,
weil ich ein Neusser bin.

Römer zogen einst durch unser Land,
bauten eine schöne Stadt,
die auch heute noch in junger Zeit
einen Namen hat.
Stolz und groß ist die Vergangenheit,
die aus deinen Mauern spricht,
Gott beschütze dich für alle Zeit,
Dich vergeß’ ich nicht.

Heimatstadt, Du mein Novesia,
Du liegst mir doch nur im Sinn.
Treu sein will ich Dir ein Leben lang,
wo ich immer bin.
Grüßt von weitem dann das Obertor
und ich seh’ mein Elternhaus,
sing vor Freude ich ein Lied Dir vor
in die Welt hinaus.

Text und Musik: Hubert Derrez (1922-1996)

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

ritualpaddel. circa papua. für thomas kling

ehestens mönchisch. aber immer so klein / klein
hinschwittern “daß”: von eulen geweckt / bißchen
erschreckt man nächtelang die schnüren füchse spür-
te. tags lagen häher in der luft (ausgezeichnete sup-

penvögel) und harter rock hing übers knie. revolte
war dergestalt thema wie jederzeit drin. äußerstes neuß.
lyrisches gegengesäus. wegtritt. chemischer ausritt. von
xanten über kleve nach goch. hoch ragte der erftmais.

anheisch bis abspeis. urkreisch: eher verläßt du die welt
als den langvers / den silber. lyrikfreunde aufgepaßt:
echter textmolch (auch antebikini benannt). das lastet.
lies also quer. herrschaft der khmer. schleppende loops

wie “erklecklicher blinky im umkreis”. kanuten stand
stark zu vermuten. hochmögende männer im rinden-
gespinst. flasche absinth. gepreßt in der sache / ungut
im ton. so findet man sein idiom. bezichtigt sich selbst

eines minderen dichtens. etwa: über jahre weitgehend
verweisfrei geschrieben. ganze auflagen liegengeblie-
ben. untergepflügt. da wachsen heute rüben. brüten
wachteln. einfach locker drüberspachteln. klittern und

zwittern. den leser syntaktisch erschüttern. dieser rat-
schlag wäre erteilt. daraufhin satzbau. strophischer
anhau. oder final: krummklapp ahoi! es braucht im-
mer drei: stummelchen pummelchen trutz-nachtigall.

(Das Gedicht schrieb vor ein paar Jährchen Ulf Stolterfoht, es stammt aus seinem bei Urs Engeler erschienenen Band fachsprachen XX. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen und (somit) Einweb des Textes in gesamtrheinische Kontextualitäten!)

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.