In Rotterdam

I
I gaze upon a city,—
A city new and strange,—
Down many a watery vista
My fancy takes a range;
From side to side I saunter,
And wonder where I am;
And can you be in England,
And I at Rotterdam!

II
Before me lie dark waters
In broad canals and deep,
Whereon the silver moonbeams
Sleep, restless in their sleep;
A sort of vulgar Venice
Reminds me where I am;
Yes, yes, you are in England,
And I’m at Rotterdam.

III
Tall houses with quaint gables,
Where frequent windows shine,
And quays that lead to bridges,
And trees in formal line,
And masts of spicy vessels
From western Surinam,
All tell me you’re in England,
But I’m in Rotterdam.

IV
Those sailors, how outlandish
The face and form of each!
They deal in foreign gestures,
And use a foreign speech;
A tongue not learn’d near Isis,
Or studied by the Cam,
Declares that you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

V
And now across a market
My doubtful way I trace,
Where stands a solemn statue,
The Genius of the place;
And to the great Erasmus
I offer my salaam;
Who tells me you’re in England,
But I’m at Rotterdam.

VI
The coffee-room is open—
I mingle in its crowd,—
The dominos are noisy—
The hookahs raise a cloud;
The flavor, none of Fearon’s,
That mingles with my dram,
Reminds me you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

VII
Then here it goes, a bumper—
The toast it shall be mine,
In schiedam, or in sherry,
Tokay, or hock of Rhine;
It well deserves the brightest,
Where sunbeam ever swam—
‘The Girl I love in England’
I drink at Rotterdam!

(Thomas Hood)

Warum ein Basler “Basiliskenbrünnli” nach Neuenburg am Rhein kam

Vorweg: Basler und Neuenburger Bürger sind stolz auf ihr hervorragendes Trinkwasser, was sie auch mit ihren vielen Brunnen in den jeweiligen Stadtgebieten zum Ausdruck bringen.

basiliskenbrunnenSeit dem Jahr 1993 gibt es in Neuenburg am Rhein einen “Basler Platz”. Dieser befindet sich vor dem Eingang des früher so genannten Doktorhauses an der Basler Straße 3. Die offizielle Einweihung vollzogen Bürgermeister Joachim Schuster und der damalige Basler Regierungsrat Dr. Christof Stutz, der von der “Basler Zeitung”, zu einem der zehn einflussreichsten Basler der Gegenwart gewählt wurde. Als Gastgeschenk hatte der Eidgenosse ein Basler Original im Voraus-Gepäck, ein “Basiliskenbrünnli”. Seit 120 Jahren findet man diese etwa sechs Zentner schweren Fantasiebrunnen in der Schweizer Stadt am Rheinknie. Mit Hilfe der originalen Holzmodelle, diese lagern unter Verschluss bei den “Industriellen Werken Basel” (IWB), werden von Zeit zu Zeit streng limitierte Nachgüsse hergestellt. Für die urnenförmige Säule und das reich verzierte Becken wird Grauguss verwendet. Der pro Tag ca. 2,5 Kubikmeter wasserspeiende Basilisk, ein im Mittelalter gefürchtetes Mischwesen aus Hahn und Schlange, ist aus Bronze gefertigt. Am Brunnenfuß ist ein zierliches Trinkschälchen angebracht, welches stets frisches Wasser für Vierbeiner bereithält. Interessant ist die Positionierung der Brunnen: bis auf eine Ausnahme am Basler Münster blicken alle Untiere in Richtung Rhein. Unter der Leitung des Basler Brunnenmeisters Rudolf Kämpf, werden die aktuell 28 “Basiliskenbrünnli” mit großer Liebe und Sorgfalt gewartet. Um Funktionalität und Aussehen zu erhalten, werden jährlich zwei der Brunnen komplett ausgetauscht und aufwändig restauriert. Es stehen immer mindestens fünf Ersatzbrunnen im Depot des Brunnenmeisters, werden es weniger erfolgt ein baldiger Nachguss. Nicht so komfortabel hat es sein Kollege in Neuenburg am Rhein, Wassermeister Wilhelm Kößler, der mit seinen Mitarbeitern das fast 20 Jahre alte “Basiliskenbrünnli” gut in Schuss hält, obwohl auch er schon mit Vandalismus-Schäden konfrontiert wurde. In aller Regel wird der vor zwei Jahren neu lackierte Brunnen einmal pro Woche gereinigt. Der Grund zur damaligen Schenkung war eben die passende Ausgestaltung des neu angelegten Basler Platzes, aber auch um der einstmals engen Beziehungen beider Städte zu gedenken. Beispielsweise daran, dass sich 1272 die Neuenburger Bürger in den Schutz des Basler Bischofs begaben, weil sie die Grafen von Freiburg nicht als ihren Stadtherren akzeptieren wollten. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Belagerung Basels. Etwa 20 Jahre später wurde Mathias von Neuenburg geboren, ein bedeutender Chronist des Mittelalters, der später auch als Rechtsberater in Basel wirkte. Erwähnt wurde auch das Jahr 1527, als der Basler Ratsherr und Jurist Bonifacius Amerbach, Martha Fuchs, die Tochter eines Neuenburger Bürgermeisters heiratete. Als Gäste dabei waren der berühmte Basler Stadtarzt Paracelsus, sowie der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam. Es war in der Zeit, als die Neuenburger ihr prächtiges Münster in den Rheinfluten versinken sahen, um trotz allem, wenige Jahre später, dem Basler Domkapitel als Tagungsort zu dienen. Fast wehmütig wurde daran erinnert, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, eine wöchentliche Schiffsverbindung zwischen Neuenburg und Basel existierte. Die Hauptinitiative, sowie die mehrjährige Vorarbeit zur Realisierung der Platzeinweihung, gingen vom Neuenburger Stadtchronisten Winfried Studer aus, der bis heute die Kontakte nach Basel pflegt. In Deutschland besitzen nur die Gemeinde Hausen im Wiesental, als Geschenk der Basler Hebelstiftung, und eben Neuenburg am Rhein einen dieser exklusiven Brunnen. Die baseltypischen Wasserspender wurden in der Vergangenheit aus historischen Gründen und darum mehrheitlich im lokalen Umfeld vergeben. Eine weltweite Verbreitung erfahren sie erst, seit dem die Kantonsverantwortlichen erkannten, dass die Brunnen perfekt in die Philosophie der “Basel. City of Vision” passen. So findet man heute die “Basiliskenbrünnli” sogar in China und aktuell auch in Russland.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Rijngedichten

reno di lei

kostbare druppel
italiaans water
hield zich sterk

overleefde de val
liet zich niet drinken
droeg naar vermogen

passeerde
passeerde
passeerde

ronde
de drachenfels
liet zich wijden
ging weer te water

druppel
danste de rijn af

bereikte de hoek
dreef af

meed de zeeschoot
rolde het duin in

minde

***

vergeten de alp
vergeten de rotswei
valt
valt

loonwater ploetert plichtmatig
schopt schepen voort

loreleyt niet
nibelingt niet
stookoliet
het rheingold

halverwege
is het alleen met de nacht
voedt zich met angsten

wat bevatten die vrachten
drenk ik al die steden
verdrink ik al dat vuil
vul ik al die havens en monden

welke stroom nog te kiezen
welke takken te mijden

ik hunker zo diep naar een schoot
wacht die zee wel op mij?

verward stormt het water
naar voren
dolt zich vast
in tolkamers
wijkt furieus terug

kalmeert
gaat te rade in bingen
biecht op te xanten
ontvangt teerkost
ten eeuwigen reize

achter hem
hurkt het rijndal
verheffen zich münsters en torens

voor hem
ligt open de delta

weidelijk
herstelt zich het water
verneemt al een zweem
van de zee

vloeit over
ooij

berent
belvédère
noviomagus

passeert
bommel en
waarden

passeert
grotius
slot

daar wenkt
een nauw voelbare
vloed

stroomt onder
desiderius
brug

daar trekt
een gebiedende
eb

nadert
botlek licht op

scheur en maas
vatten het water

de zee zwemt genadiglijk op
biedt haar schoot

verkwikt zoet haar het water

***

zéér oude rijn
verliet zich ten einde
op theems
ijzer maas schelde
bereikte calais

stuitte op ijswal graniet
keerde ten oosten

onvermoeibaar opnieuw
rijn zingt een wolgalied

***

het veer is verlaten
zwerfkeien troffen de veerlui

de stuurstand is foetsie
overvaarten verzonken

zee zuigt aan de monden
water glijdt over leegte

(Ein Gastbeitrag von B. Zwaal. rheinsein dankt!)

Gregorovius am Rheinfall

Hotel Witrig, Dachsen, am Rheinfall, 23. Juli
Am 16. von Luzern nach Basel. Von Olten ab waren die Bahnhöfe wegen des Schützenfests in La Chauxdefonds mit Emblemen und Nationalfahnen verziert. Ich sah auch den deutschen Reichsadler und die deutschen Farben an jeder Station, zur Begrüßung der deutschen Schützen. Eine Inschrift sagte irgendwo: Freiheit den Völkern und ihrem Verkehr, Keine Despoten und Zollschranken mehr. Abends in Basel. Ich ging zum Münster hinauf, welches noch einige Teile romanischen Stils besitzt. Das Museum daselbst bewahrt Andenken an Erasmus, Überreste von Holbeins Totentanz, Fresken aus der ehemaligen Franziskanerkirche. Die Schweizer haben einen besonderen Sinn für diese tristen Gegenstände.
In mehreren Kirchen hier zu Lande sah ich die Heiligen als Gerippe über den Altären sitzen, in prachtvolle goldgestickte Gewänder gehüllt.
Nichts Sehenswertes sonst in dieser grauen, monotonen Stadt.
Am 17. auf der neuen badischen Eisenbahn, über Waldshut, nach dem Rheinfall beim Schloß Lauffen.
Ich wollte weiter nach Konstanz; aber die Einsamkeit der Station Dachsen reizte mich. Ich blieb diese Tage über hier, zehn Minuten vom Rheinfall, eine halbe Stunde von Schaffhausen entfernt. Nach dieser Stadt gehe ich in der Regel morgens. Sie liegt sehr schön am Rhein, in Laub und Weinreben. Die Statue Johannes von Müllers ist oben auf dem Spaziergang aufgestellt, in einer parkartigen Anlage. Sehenswert ist der Munoth, ein Kastell aus Saeculum XVI, ein Rundturm, wie jener der Caecilia Metella und vielleicht nach ihrem Muster gebaut.
Gestern ging ich über den Rhein in das Badische, nach Rheinau, ein altes, von den ersten Welfen gegründetes Benediktinerkloster, welches die Züricher Regierung im vorigen Jahr aufgehoben hat. Nur zehn Mönche sind hier übrig geblieben, Elentiere oder Elendtiere einer aussterbenden Zivilisation.
Die Schweiz bietet im Sommer den Anblick eines ewigen Festes dar; alle Welt ist auf Vergnügungsreisen. Hierher kommen täglich Hunderte, den Rheinfall zu sehen; ganze Schulen reisen; vorgestern hielt eine wandernde Schule, 380 Mädchen und Knaben, ein Fest. Sie singen nicht, sie johlen oder brüllen; sie schmausen nicht, sie verschlingen. Gestern kamen die Züricher Eisenbahnbeamten und Arbeiter, 400 Mann stark, anjubiliert.
Täglich brausen an mein Fenster zehn Bahnzüge heran.
Ich habe hier acht Tage schöner Ruhe verlebt. Acht lyrische Gedichte sind die Frucht davon. Der Rhein, die Rebenberge, die friedlichen Dörfer und ihre freundlichen Menschen, all dies versetzte mein Gemüt in eine dichterische Stimmung.

(Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852-1889)

But in Holland activity destroys, in Germany indolence nourishes, romance

“Our travellers arrived at Rotterdam on a bright and sunny day. There is a cheerfulness about the operations of Commerce, – a life, a bustle, an action which always exhilarate the spirits at the first glance. Afterwards they fatigue us; we get too soon behind the scenes, and find the base and troublous passions which move the puppets and conduct the drama.

But Gertrude, in whom ill health had not destroyed the vividness of impression that belongs to the inexperienced, was delighted at the cheeriness of all around her. As she leaned lightly on Trevylyan’s arm, he listened with a forgetful joy to her questions and exclamations at the stir and liveliness of a city from which was to commence their pilgrimage along the Rhine. And indeed the scene was rife with the spirit of that people at once so active and so patient, so daring on the sea, so cautious on the land. Industry was visible everywhere; the vessels in the harbour, the crowded boat putting off to land, the throng on the quay, – all looked bustling and spoke of commerce. The city itself, on which the skies shone fairly through light and fleecy clouds, wore a cheerful aspect. The church of St. Lawrence rising above the clean, neat houses, and on one side trees thickly grouped, gayly contrasted at once the waters and the city.

“I like this place,” said Gertrude’s father, quietly; “it has an air of comfort.”

“And an absence of grandeur,” said Trevylyan.

“A commercial people are one great middle-class in their habits and train of mind,” replied Vane; “and grandeur belongs to the extremes, an impoverished population and a wealthy despot.”

They went to see the statue of Erasmus, and the house in which he was born. Vane had a certain admiration for Erasmus which his companions did not share; he liked the quiet irony of the sage, and his knowledge of the world; and, besides, Vane was at that time of life when philosophers become objects of interest. At first they are teachers; secondly, friends; and it is only a few who arrive at the third stage, and find them deceivers. The Dutch are a singular people. Their literature is neglected, but it has some of the German vein in its strata, – the patience, the learning, the homely delineation, and even some traces of the mixture of the humorous and the terrible which form that genius for the grotesque so especially German – you find this in their legends and ghost-stories. But in Holland activity destroys, in Germany indolence nourishes, romance.”

(Edward Bulwer-Lytton, The Pilgrims Of The Rhine, Kapitel V: Rotterdam, London 1834)

Rotterdam

Rotterdam ist ein architektonisches Irrenhaus. Nie zuvor sahen wir so viele Baustile in einem einzigen Stadtraum wild durcheinandergewürfelt. Klassisch holländische Reihenhauszeilen (Puppenhäuschen) spreizen sich einträchtig in mannigfaltige Kuben des sozialen Wohnungsbaus. Die calvinistische Idee des öffentlichen Wohnzimmers wird in der modernen Architektur Rotterdams so sehr auf die Spitze getrieben, daß zahlreiche Bewohner von Gebäuden neueren Datums ihre Fenster von innen mit blickdichter Farbe abdecken oder gleich vor der Haustüre wohnen. Bekiffte Hochhäuser schauen auf Kanäle hinab, in denen englischsprachige Schriftzüge aus Luftblasen emporsteigen. Rien sans Dieu, verkündet ein alter Segler, heute Hausbootadresse. Die Straßen stauen Unmengen Kontraste in allen vorstellbaren Kombinationen aus Häßlichkeit und Schönheit, ein permanenter architektonischer Schrei voll mutiger, eigenwilliger Laute und Klangfarben. Wiederum je ganz eigene Hochhäuser stehen in lockeren Gesprächsrunden beieinander und scheinen in ihrer Vielfalt die Ethnien der Stadt, das Beharren des Fremden und sein Verwachsen zum neuen Eigentlichen zu repräsentieren. Die alte Rotte, der die Stadt ihren Namen verdankt, sahen wir wohl nicht. Grachten und Hafenbecken sorgen für starke Wasserpräsenz, der Rhein heißt Maas und wird von der Erasmusbrücke mit ihrem strahlend weißen Knickpylon überspannt. Die meisten Bilder (ein paar folgen noch in Fortsetzung) entstanden beim Cruisen als Drive-by-Shots aus dem Autofenster.

irrenhaus

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De Rynstroom (5)

O suivre en blancke Rynmeermin,
Die my tot stervens toe kunt kittlen,
Ghy helpt veel sielen aen gewin,
En menigh Graef aen eeretittlen,
En landen aen een` hoogen naem.
Hoe menigh heeft u overtogen,
En met uw rand bepaelt syn faem?
Hoe dickwils saeght ghy met uw oogen
Het hooghgeboren Hollandsch bloed,
En voelde in `t water synen gloed?

Het sy ick dan mijn ooghen sla
Op uw bisschoppelijcke torens:
Of met een lent van vaersen ga
Bevlechten uwe silvre horens:
Of volgh uw` wuften ommeswaey:
Of sing op `t ruisschen van uw baeren:
Of huppel op mijn Keulsche kaey:
Of koom door Bazel afgevaeren,
Daer ghy Erasmus grafste kust,
En wenscht het wijs gebeente rust.

Het sy ghy `s Keysers vierschaer schaeft
Te Spier, dat swart van pleiters grimmelt,
Daer Themis, grijs en afgeslaeft,
Bekommert sit, en `t pleit beschimmelt:
Het zy ghy brult in `t Binger loch:
Of Neerland drenckt met volle vaten,
En groeien doet van wijngersogh,
En ydle en sotte sorgen haeten:
Uw vocht bestelt mijn veder inckt,
Tot datse in zee met u verdrinckt.

Sélestat – Bibliothèque humaniste (2)

Aus der Eigenauskunft der Bibliothek: “1441 ernannte der Schlettstädter Magistrat den Westfalen Ludwig Dringenberg zum Leiter der städtischen Lateinschule, einen begnadeten Lehrer, der mit viel gesundem Menschenverstand den Unterricht lebendiger und anziehender gestaltete. So entstand am Oberrhein die erste Schule humanistischen Geistes. Unter seinen Nachfolgern Kraft Hofman (1477-1501), Hieronymus Gebwiler (1501-1509) und Hans Sapidus (1510-1525) wuchs das Ansehen der Schule weiter. Gegen 1510 zählte sie 900 Schüler; sozusagen die komplette erste Generation elsässischer Humanisten ging aus ihr hervor. Natürlich brauchte eine solche Schule auch ihre Bibliothek. Die Anschaffung von Büchern war damals jedoch eine äußerst kostspielige Sache: Handschriften waren selten und Wiegendrucke sehr teuer. Da die Schule nicht über zureichend Finanzmittel verfügte, war sie auf Schenkungen angewiesen. 1452 vermachte ihr Stadtpfarrer Johann von Westhuss seine Handschriftensammlung, bestehend aus rund 20 dicken Bänden. 1470 schenkte der Kaplan Johann Fabri zwölf Bände. Kurz vor seinem Tod vermachte Dringenberg seiner Schule alle seine Bücher. Sein Schüler Jakob Wimpfeling schenkte ihr jedesmal kostbare Druckwerke, wenn er seine Heimatstadt besuchte. Stadtpfarrer Martin Ergersheim vermachte ihr seine reiche Privatbibliothek, die aus mehr als 100 prächtigen Bänden bestand. Die Schulbibliothek war in einem Extraraum über dem südlichen Seitenschiff der Pfarrkirche untergebracht, die meisten Bände lagen auf Tischen oder Pulten, an denen sie, um Diebstähle zu verhüten, angekettet waren. Einige Tage vor seinem Tod im Jahre 1547 überließ der berühmte Gelehrte Beatus Rhenanus seiner Vaterstadt sein kostbarstes Erdengut: seine Bibliothek. Öffentliche Büchereien waren damals unbekannt, jeder Gelehrte bedurfte daher zwingend einer Privatbibliothek. Bereits als Schüler in Schlettstadt besaß Beatus Rhenanus ungefähr 60 Werke. Während seines vierjährigen Aufenthalts an der Sorbonne erwarb er 188 Werke. Es folgten Jahre fruchtbarer Tätigkeit in Straßburg, Basel, Schlettstadt. Allmählich füllten sich die Regale seines Studierzimmers. Sein beträchtliches Privatvermögen erlaubte es ihm, alle Werke zu kaufen, die er für seine literarischen und historischen Studien benötigte. Andere wurden ihm von ehemaligen Schülern und befreundeten Humanisten geschenkt. Viele stammen vom Basler Drucker Froben, bei dem er als Korrektor angestellt war. Die komplette (ungefähr 670 ledergebundene Bände), für jene Zeit äußerst ungewöhnliche Sammlung (zumal mancher Band zehn bis 20 unterschiedliche Werke umfaßt), ging also 1547 an Schlettstadt. Ihr Wert wird noch dadurch vergrößert, daß es sich um die einzige Humanistenbibliothek handelt, die beinahe unversehrt die Zeiten überstand. Die reichen Bibliotheken von Erasmus, Reuchlin und Spiegel wurden zerstört. Die Rhenana bleibt einziger Zeuge aus jener für das europäische Denken so maßgeblichen Zeit.”

Sélestat – Bibliothèque humaniste

Die Humanistische Bibliothek in Sélestat hatte Rheinsein sich „irgendwie anders vorgestellt“: menschenleer, grau in grau, im Grunde wohl wie einen seit Jahrhunderten nicht mehr gefegten, von Papierstapeln überlasteten Speicher. Tatsächlich trifft der willige Bibliotheks-Besucher in einem etwas kuriosen Vorraum ein, der einiges Gerümpel beherbergt, das sich bei näherer Betrachtung als lokalhistorische Ausstellungsgegenstände entpuppt, auf wie grad nicht benötigte Wäscheständer beiseitegeschobenen Klappstellwänden tut die aktuelle Sonderausstellung mit Illustrationen des Genji Monogatari ihr bestes, mit den einheimischen Werken zu korrespondieren, zwischendrin hocken auf kirchenbankartigen Studiervorrichtungen mit Kameras bewehrte Wissenschaftler und filmen die nackten Innereien alter Bücher. Der gemeine Besucher wird auf samttuchbedeckte Vitrinen im Hauptsaal verwiesen. Darin befinden sich die aufgeschlagenen Schmuckstücke der Sammlung, welche großteils dem Lokalhumanisten Beatus Rhenanus zu verdanken ist: Merowingisches Lektionar (7. Jh.), ein liturgisches Werk mit Texten aus dem Alten Testament, der Apostelgeschichte sowie einer apokryfen Schrift, das Kapitularbuch Kaiser Karls des Großen (9. Jh.), Vitruvs de architectura libri X (also der zehnte Band über Baumaschinen, mit Bauzeichnungen, 10. Jh.), das Wunderbuch der heiligen Fides (karolingische Minuskel, 11./12. Jh.), Pergament-Abschriften der Werke Ovids und Horaz mit Leserglossen aus dem Mittelalter, Macrobius In Somnium Scipionis (13. Jh.), eine illustrierte lateinische Bibel (13. Jh.), Otto von Passaus Die minnende Seele, 1430 vom Schlettstädter Schuhmacher Jakob Leistenmacher (!) abgeschrieben und selber illustriert. Dem Heute inadäquat bis konträr: der Schreiber Versenkung in der Aufgabe (Selbstaufgabe), ablesbar an der überwältigenden Ausstrahlung über hunderte und tausende Seiten gestochener, dem Werk gebührender Schönschrift, während Briefe etwa deutlich nachlässiger verfaßt daherkommen. Ab den 1450 Jahren betrieb Mentel dann seine Druckerei in Straßburg: auch diese Inkunabeln zeichnen sich, ganz in der Tradition der Handschriften, durch eine geradezu anmaßende Schönheit des Satzes aus. Darunter: die Constitutiones von Papst Clemens V. (1471). Jakob Wimpfeling, Vertreter des Humanistendramas, Adolescentia (1500). Die Cosmographiae introductio von Matthias Ringmann und Martin Waldseemüller mit der ersten schriftlichen Erwähnung der neuen Welt als „America“ nach Vespucci (1507). Erasmus Lobgedicht auf Schlettstadt „Encomium Selestadii Carmine Elegiaco per Erasmum Roterodamum“ (1515) und desselben Opera Omnia, geschätzte zwanzig Kilo schwer (1540). Sebastian Münsters Kalendarium Hebraicum, aufgeschlagen mit Holzschnitten zu den Fasen der Sonnenfinsternis (1527). Jakob Spiegels Zivillexikon (1538). Johannes de Sacroboscos Allstudien de Sphera, mit Glossen von Beatus Rhenanus. Dessen Rerum germani carum und Kollegheft an der Sorbonne (das von äußerster Disziplin beim und Achtung gegenüber dem Schreibvorgang zeugt). Die unglaubliche Cosmographia Universalis von Münster, ein wahrer Brocken vor dem Herrn (1554). Natürlich enthält die Bibliothek auch die seinerzeit wichtigsten Schriften etwa von Augustinus oder Thomas von Aquin, sowie Meßbücher, Karten und ein Dokument, das die erste schriftliche Erwähnung des Weihnachtsbaums enthält. Eine besonders hübsche Zeichnung des Wald-Sanikels (als Sanickel). Gerahmt das ganze von Heiligenkrust und alten Stadtmodellen, sowie Zellen, in denen ehrfurchtsgebietend dunkel eingebundene Folianten in Regalen schnarchen, hin und wieder geweckt vom schrillen, und wie das Sicherheitspersonal jovial versichert, selbstauslösenden Alarm. Nur vordergründig erstaunlich, daß so viele Menschen sich Bücher hinter Glas anschauen wie in der Humanistischen Bibliothek von Schlettstadt, denn wer diese Bücher einmal gesehen hat, weiß fortab um ihre Attraktivität, und kaum auszudenken, was passieren könnte, falls die Stadt einmal zu einer Größe heranwächst, welche U-Bahn-Baupläne aufs Tablett bringen könnte.