Neues Flußalter

Bisherige Einschätzungen, die wir zum Alter des Rheins finden konnten, widersprachen sich teilweise vehement. Als zehnmillionsten Flußgeburtstag setzten wir daher mit Georg Joachim Schmitt den 23. September 2009, ein in seiner Willkürlichkeit dem Rhein und seiner (Prä)Historie überaus angemessenes Datum, wobei sich “die Fachliteratur” in den letzten Jahren, soweit zu uns vorgedrungen, tatsächlich bei einem Flußalter von ca. zehn Millionen Jahren einpendelte. Das blauäugige Verhalten der Fachwelt in Hinsicht auf die Rheinlänge, einer ähnlich dem Rheinalter letztlich wohl kaum präzise bestimmbaren Größe, sollte jedem Zahlengläubigen Anlaß genug sein, von Experten ausgemachten Wahrheiten in gesundem Maße zu mißtrauen.
Nun stießen wir in den gut gemachten, uns jüngst erst zugeflogenen Rheinische Heimatpflege-Heften des Rheinischen Vereins, einer Publikation, die der Öffentlichkeit leider vorenthalten bleibt, in der Ausgabe 4/2012 auf einen Beitrag von Bruno P. Kremer, der davon spricht, daß das “von der Fachwelt” bei zehn Millionen Jahren angesiedelte Alter des Rheins nun überraschenderweise nach oben korrigiert werden müsse:
“”Steine des Anstoßes” zur neuen Einschätzung der Altersstellung des frühesten nachweisbaren Rheins waren die vergleichende Untersuchung von Fossilfunden. (…) Zum Fundgut (…) gehören neben einem hornlosen Nashorn mehrere Vertreter der Elefantenartigen (“Rheinelefanten”) (…). Von Belang für die stratigraphische Einordnung der Fundschicht mit den Großsäugerresten sind Funde von verkieseltem Holz aus der Verwandtschaft der Zypressengewächse. In deren Erhaltungszustand zeigt sich ein bedeutsamer Wechsel im Sedimentationsgeschehen, der in das Mittel-Miozän (vor etwa 15 Mio. Jahren) anzusetzen ist. (…) Die Basis der Dinotheriensande (Eppelsheim-Formation) repräsentiert damit die ersten bekannten Flussablagerungen und somit die ältesten Rheinsedimente. Wegen deren Altersstellung muss der Beginn des Proto-Rheins, der das Fließwassersystem des Oberrheingrabens erstmals mit der Niederrheinischen Bucht verknüpfte, um rund 5 Mio. Jahre auf einen Zeithorizont um 15 Mio. Jahre vorverlegt werden.”
Wie lange sich diese Einschätzung halten wird, bleibt, womöglich über Generationen hinaus, abzuwarten. Ein paar weitere Gedanken zum Rheinalter lassen sich unterdessen hier verfolgen.

Rheinhessens Bevölkerung im Miozän (inkl. Gastauftritt)

Fossilienfunde erzählen von früheren Rheinanwohnern. So lebten am Ur-Rhein, welcher in der heute rheinhessischen Gegend deutlich westlicher verlaufen sein soll, fünf verschiedene Rüsseltierarten, darunter der massive Rheinelefant Deinotherium giganteum (auch: Schreckenstier, Hauerelefant). Bekannteste Fundstelle ist Eppelsheim im Alzeyer Raum, dort wurde auch erstmals ein Knochen des Menschenaffen Paidopithex rhenanus entdeckt. Ein weiterer Menschenaffe, Dryopithecus, trägt in seinem Namen (Eichenwaldaffe) bereits prädeutsche Eigenschaften. Weitere frühe und längst ausgestorbene Uferbewohner waren die löwengroße Säbelzahnkatze Machairodus, das bizarre krallenfüßige Huftier Chalicotherium goldfussi, die Bärenhunde Agnotherium und Amphicyon, die Hyäne Ictitherium, sowie der Katzenbär Simocyon. Gorrh hätte sich in solcher Nachbarschaft (weil sie grob war, ehrlich, direkt und dem Tode geweiht) wohlgefühlt, verstandener gefühlt jedenfalls als in der Postmoderne, doch so unwahrscheinlich das angesichts seiner prähistorischen Eigenschaften klingen mag: Gorrh konnte nur als kollektivvorgestellte Geburt im Medienzeitalter auf die Welt kommen. Daß er sich die terrestrische Geschichte (und wer weiß, vielleicht nicht nur die?) in irrem Tempo rückwärts anverwandelte, daß er die Wandel der vergangenen Jahrmillionen und Abermillionen mittels übermenschlicher Konzentration in seinen Gencode einschrieb, vermag unsere gegenwartsversessene Spezies im besten Fall intellektuell zu fassen, in der Praxis aber nicht umzusetzen. So sagen wir denn auch: Eppelsheim, Alzeyer Raum, Rheinhessen, als wären dort schon immer Eppelsheim, Alzeyer Raum und Rheinhessen gewesen. Gorrh, der Umgebung, also dies Gespinst aus Raum und Zeit, von Grund auf wesentlich flexibler faßt, dem bei jedem Blick die Gegenwart ins Kontraktiv-Extensive zerfließt, dessen Basisspiritualität ihm jedoch nichts als Unverständnis und Ablehnung einbringt, hören wir ein Basisgeheul anstimmen, welches den Rhein bergauf fließen läßt, die Zeiten aufrollt, Städte, Dörfer, Wehrsiedlungen, Sandsteinhöhlen, Baumnester verzwirbelt in einem rachitischen Ton mit Noten von Meteoriteneinschlag, Sonnenverbranntheit, Mondrückseitenkälte und dem Sogknirschen eines Schwarzen Lochs beim sondierenden Hervortänzeln aus dem eigenen materieschweren Nichts.