Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (4)

“(…) Mit den Grians kam ich über das in der Zeitung erblickte, preisgekrönte Werk leicht ins Gespräch. „Et ma Rhin“, ”Und mein Rhein”, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, meinte tatsächlich „Emma Rhein“. Die Arbeit war also eine Liebeserklärung, dachte ich. Doch Monsieur Grians erklärte weiter: man solle den Titel elsässisch lesen: Emmele Rhin, dabei aber wie folgt aussprechen: „émé le Rhin“, d.h. aimer le Rhin (den Rhein lieb haben), eine Subtilität, welche seine Kollegen nicht mitbekommen hätten, als sie sich über den Titel lustig machten.

Von den Grians sollte ich auch erfahren, daß die Mitglieder des Comités Vrais zugleich die Künstler waren, die am Wettbewerb teilgenommen hatten. Sonderlich viele Künstler gab es in der Gegend eben nicht. Und so bekam jeder von ihnen einmal, einer nach dem anderen, beim halbjährlich stattfindenden Wettbewerb den Preis. Diesmal war Schàrel Grians dran gewesen. Wettbewerbsthema waren die Bunker der Ligne Maginot gewesen. Überbleibsel davon gab es genügend auf den nahe liegenden Dämmen: kleine und große, heile oder halb zerstörte, im Gebüsch versteckte oder auf freiem Feld stehende, verlassene oder als Rumpelkammern dienende, usw… Diese Betonklötze hatten Schàrel Grians jedoch kaum inspirieren können.

Als Wettbewerbsthema waren die Bunker der Maginotlinie bereits öfter an der Reihe gewesen. Das Thema ”Rhein” übrigens auch. Mit letzterem konnte Schàrel Grians allerdings deutlich mehr anfangen. Diesmal hatte er sich richtig etwas einfallen lassen. Als Kind hatte er stets gerne Flüsse, den Rhein sowieso, am Fließband sozusagen, gemalt. Mit Hilfe eines Pantographen zeichnete er deren Läufe nach, Azur, mit etwas Miloriblau verdunkelt, auf hellocker Hintergrund.

Einen ganzen Atlas hatte er auf diese Weise geschaffen, nur mit den Flußläufen aller Länder. Wie gern hätte er daraus ein richtiges Buch gemacht! In diesem Sinn hatte er einen Brief an den Straßburger Verlag Treuttel et Würtz verfaßt, dessen Name er in einer alten Nummer einer Gazette (6) gefunden hatte, welche sein Vater sammelte. “In dieser Gazette“, erzählte Grians, „ging es um eine kleine sargförmige Schatulle, in der eine Haarlocke, ein Zahn, eine Silberstecknadel und zwei Knöpfe sich befanden, Reliquien des „Ersten Grenadiers der Republik“, die auf recht mysteriöse Weise in den Räumlichkeiten des Verlags deponiert lagen. Die Adresse des Verlags kopierte ich aus einem Buch meines Vaters, “Rues de Strasbourg” oder so ähnlich (7). Meinem Brief fügte ich einen meiner “Flüsse” bei. Antwort bekam ich nie (8).”

Für den Wettbewerb hatte Monsieur Grians also den verstaubten Pantographen vom Dachspeicher gekramt, und war nach Epfig gefahren, um Karten zu besorgen. Zwei historische Werke (Theodor de Bry, Carte du cours du Rhin (1595) und Simon E…, Carte du Cours du Rhin depuis Schaffhouse à Rotterdam (1840)) erstand er im dortigen Antiquariat – Faksimiles, versteht sich. Aus den daraus gewonnenen Zeichnungen wollte er in Straßburg einen dreidimensionalen Kunststoff-Ausdruck des Flußlaufs anfertigen lassen. (…)” (Fortsetzung folgt)

(6) Gemeint ist die Pariser Gazette anecdotique, littéraire, artistique et bibliographique n°15 vom 15 August 1889, in die Schàrel Grians mir später Einsicht gewährte
(7) Vieux noms et rue nouvelles de Strasbourg. Causeries biographiques d’un flâneur avec une préface, par Rodolfe Reuss (Strasbourg, 1883)
(8) Der Verlag wurde 1914 von einem Schweizer Verleger aufgekauft und behielt seinen Firmennamen bis 1927