Rheinische Revolution: die RBTA

Die Revolution findet im Internet statt. Nicht nur, aber auch. Der lange so genannte “virtuelle Raum” hat die Realität längst absorbiert. Innerhalb der Virtualität des Netzes bilden sich indessen reale und virtuelle Subkategorien und verbinden sich wiederum mit prä-, semi- und vollelektronischen Lebensformen der Erstwelt. Enno Stahl führt nun die seit Jahren vermutete rheinische Revolution auf allen Ebenen fort: rundumdieuhr via Hector Pandotero auf seinem neuen Blog und, wie es sich für eine zünftige Revolution hierzulande gehört, auch pünktlich und höchstselbst zu festgesetzten Uhrzeiten (inklusive Sommerpause) im Zentrum der Bewegung in Neuss:

2pac-amaru-hector

“auf diesem blog wird commandante hector pandotero, anführer der “rheinischen bewegung 2pac amaru” (rbta), regelmäßig über bevorstehende aktionen berichten. wir fordern die deutsche bevölkerung auf, sich aktiv an diesem blog zu beteiligen. wir werden jeden kontakt ernstnehmen und fragen zu unserem vorgehen offen beantworten. wer wir sind und wie unsere aktionen verlaufen erleben sie am sa.6.7.(premiere) / fr.12.7. / sa.13.7. / fr.6.9. / sa.7.9. / fr.13.9. / sa.14.9., jeweils um 20 uhr im kulturforum “alte post”, neuss.”

Mein Rhein

für Stan Lafleur und Enno Stahl

Das Wort „erschlagen“ machte nie zuvor
mehr Sinn. Schwitzend stand ich schon
fünf Kilometer südwärts der Potemkin-

schen Treppen am Schwarzmeerstrand
fühlte nicht dasselbe, auch nicht als ich
in Lima den gewundenen Pfad nach unten

nahm, die achtzig Meter, der Pazifik
plusterte sich vor mir auf, die Neo-
prensurfer glänzten in der Abend-

dämmerung und selbst am weißen Strand
hinter der Hochhauszeile, Ipanema,
Rio, dieses Stelldichein der Straßenverkäufer,

und Badenixen, vielleicht auch die ein oder
andere weltbekannte Schönheit, die ich nicht
erkannte, auch am Ende Europas

am Cabo de Roca, wo Portugal den Atlantik
küsst, verspürte ich nicht dasselbe, meine
Freunde, wie an diesem verregneten Scheiß-

Tag in Düsseldorf, im verkaterten Nachgang
zu einem runden Geburtstag, an dem ich irrte
wie ein nichtgebriefter Tourist aus Fernost

durch die Gassen der Amüsiermeile. Froh
bin ich, da der Fluss nichts abverlangte und
mich mit einer alleeartigen Promenade

empfing, nass wurde ich trotzdem, doch
glücklich trocknete ich Knochen im grie-
chischen Café jenseits der Kaufmeile

ich dachte an die Glücklichen deren Portemonnaie
locker sitzt und an die Freunde, das Wasser
das ewig und drei Tage, den Fluss hinunter-

fließt, unbeeindruckt, vom Werk der Menschen,
den Knieproblemen, dem Hafenaushub, dem Turm,
dessen Beton erste Risse an den Tag legt

sich über alles andere schwingt oder den Elstern,
die Laute von sich geben, nicht singen, oder
demjenigen, der durchnässt einen Punkt setzt.

(Ein Gastbeitrag von Timo Berger, rheinsein dankt!)

Rheintor Linz – Anno Domini 2011

Die diesjährigen Aktionen im Linzer Rheintor sind nun zu einem Katalog zusammengefaßt in der Edition Das Labor erschienen. Bestellwünsche werden von rheinsein umgehend weitergeleitet. Der Text zum Katalog stammt von Matthias Hagedorn:

“Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks: „Ich lade gern mir Gäste ein!“

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Artisten dieses Projekts keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden der existentiellen Werkzeuge lässig hinter sich läßt. Diese Artisten wagen – jeder auf seine Art und Weise – eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. So zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Diese Artisten eröffnen eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drücken sie die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Mitmenschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.”

Moderne trifft Moderne

Und zwar am Sonntag, den 28. November um 11 Uhr im Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen eines Festakts. Gefeiert werden 20 Jahre Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland e.V. und 10 Jahre An-Institut “Moderne im Rheinland” an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dafür wird, leider wohl nur für dieses eine Mal, die Idee der legendären Morgenfeiern des führenden Dichters der rheinischen Moderne Herbert Eulenberg wiederbelebt: Arbeitskreis und Institut zur Erforschung der ehemaligen Moderne präsentieren bei der Jubiläumsmatinée auch künstlerische Kostproben der aktuellen Moderne vom Rhein, das Programm beinhaltet: Gedichte von Else Lasker-Schüler, für den Festakt neu komponiert von Manfred Trojahn, vorgetragen von Julie Kaufmann, ein Papiertheater von Barbara Räderscheidt, eine Lesung von Rheinsein-Gastautor Enno Stahl, Filmszenen von Pina Bausch, Rhein-Fotografien von Schiko (die teils bereits auf Rheinsein zu finden sind), Texte von Gustav Landauer, vorgetragen vom Ensemble des Schauspielhauses, die Kunsthochschule für Medien Köln wird etwas noch nicht näher benanntes beitragen, von dem anzunehmen ist, daß bis in die letzte Sekunde an der Technik gebastelt werden muß und schließlich werden wir Rheinsein dort vorstellen. Abgerundet wird die Veranstaltung von der “Regionalia”, einer Instant-Messe zur Kultur der Region.
Für die Matinée sind keine Karten mehr erhältlich.

Das Schiff, das nicht mehr da ist

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Wiesen und Auen als leise wogende Fläche: wie der Fluss, der sie durch­strömt – hier, wo der Rhein an Fahrt verliert und an Breite gewinnt, bei Überschwemmung zum See gerät und die Landstraße schluckt, einen Weg, der abbricht im nassen Nichts…
Hier säumen im Sommer Weiden die Ufer, deren Zweige Wasser nippen und Schafe fluten als lebender Teppich die grasigen Böden… Hier am nördlichen Niederrhein lag es einst: ein gestrandetes Relikt, weltversetzt, als hätte das Meer selbst es bei einer frühen Sturmflut zurückgelassen – ein Schiff, das rostige Schiff bei Rheinberg, damals inmitten grüner Ozeane…

Heute finden wir nichts mehr davon, keine Spur – allein im Gedächtnis, das diese Schönwettergeschichten fortspinnt: diese kleinen Ausritte zu siebt im 2CV mit Punk-Musik (Dead Kennedys und Tote Hosen sogar), die blanken Füsse aus dem offenen Verdeck gereckt, der Sonne entgegen… Und dann über diese Schafswiesen hin zum verzauberten Kahn, der Namenloses flüstert: lyrische Prosa von Pira­ten- und Schmuggelaktionen, Rheinromantisches, Weltkriegsthriller… Darauf rumkrabbeln… Späte Abenteuerträume ausleben, sie anschließend mit Pernod und Purpfeifen kühlen und verschwinden machen…

Einmal verstauchte ich mir den Fuß, humpelte zurück durch die blökenden Wollknäuel – zugleich vom Haschisch tierisch mitgenommen, musste geschlagene zwei Stunden im Auto ausharren: zu mir kommen, während die andern sich in der Kneipe vergnügten. Das war auch so ein Ende dieser Geschichte, physischer Schlusspunkt, spät-pubertäre Ausrufe- oder Fragezeichen?

***

Das Schiff, das nicht mehr da ist ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.

Rheinfahrt.

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Niemand mag die Deutsche Bahn, aber bei dieser Strecke werd’ ich jedes Mal mild: erst durch die Kölner Bucht (hinten raucht die Ville im Dunst), nun das linksrheinische Tal entlang auf Mevissens alten Schienenwegen… Gelassen räkelt sich der Strom, darüber wacht the castled crag of Drachenfels…

Remagen mit seiner Brücke, Koblenz vorbei und dann stößt man ins Wunderhorn: verwittert die Basalte, trümmernd die Burgen… Ein schwarzer Vogel stürzt sich freudig hinab, wo der Rhein den Fuß der grünen Berge küsst, schießt eine Handbreit über der Wasserlinie entlang… Terrassenförmige Talflanken, lange Schlingen, enge Kehren, weißliche Sonne gleißt überm Fluss: Spiegelblitze von Zauberinnen… Etwas Unwirkliches bemächtigt sich unser auf den schmutzigen Polstern des ICE-Bistros… Vergangenheit spricht und Nebenwelt…

Halb geflutete Inseln, Kribben wellen Minipli… Wolkengas über den Hügeln: eine Möwe schwebt verloren in der plötzlichen Suppe – die Wetterscheide ein weiteres Geheimnis dieser Sagenwelt, die Frachtschiffe drosseln die Geschwindigkeit >>eingeschränkte Sicht!<<, die Krüppelbäume im Uferbereich sehen jetzt tatsächlich aus wie tot, Stille, Starre, Ende, überwucherte Materialbuden der Bahn, verlassener Parkplatz, verfallener Bauplatz (Raab Karcher), Yachthafen, alles hört auf, Stille, Starre, Bingen, aus.

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Rheinfahrt. ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.

Heiße Quellen

Ein plötzliches und wunderbares Quellenaufkommen bescheren Rheinsein derzeit einige, unter Zusicherung von Anonymität zugespielte Auszüge aus der mächtigen Isteiner Ortschronik. Nachdem Rheinsein bereits aus einer Schicksalslaune mit dem Ortschronisten (einem bemerkenswerten Mann, sowohl an Geist als auch an Gestalt) des Istein benachbarten Kleinkems am dortigen Dorfbrunnen zusammentraf, verschärft sich nun die Informationslage zu diesem stark an Eden erinnernden Gebiet und dringt weiter in geschichtliche Tiefen – gar bis auf Adams Zeiten und tiefer. Als frappierend erweist sich dabei sowohl die ungeheure Kenntnis der Isteiner Chronisten um lyrische und sonstwie literarische sowie bildnerische Bearbeitungen ihres Heimatfleckens, als auch solcher Werke zahlreiche und tatsächliche Existenz. (Wobei: der Isteiner Klotzen und der auf alten Stichen noch direkt an ihn langende Rhein, selbst die heutigen, harmlos wirkenden Schwellen auf dem Restrhein und die surrenden Auen – das alles steht der Loreley samt Hügel und Vorhof in nichts nach. Nur daß der hebelsche Zundelfrieder nicht ganz an der Sirene Popularität zu kratzen vermag. Und Scheffel im Vergleich mit Heine nicht ganz dessen Tiefgang und Spritzigkeit erreicht.) Wie auch immer, es riecht geradezu danach, als müßten diese Informationen ins Große Elektronische Myzel gerettet werden, bevor die letzte gedruckte Chronik als Grabbeigabe des letzten Isteiner Lesers im dortigen Heimatboden aufgeht. Die Rheinsein verfügbaren Materialien datieren auf die frühen 1960er, der Einstieg zu einer kurzen (zumindest blatt)goldenen Ära der allgemeinen Volksbildung und historischer Nachfragen, offenbar. Und beinahe zeitgleich mit dem postalisch angelangten Isteiner hot stuff schwemmt aus dem Internet ein letztes Jahr via ddp losgeschickter Artikel unseres Kölner Dichterkollegen Markus Peters, in dem der rheinisch-romantische Mord an Stemmeler aus Enno Stahls jüngstem Gastbeitrag rückwirkend zu weiten Teilen aufgeklärt wird.

Rheinradeln.

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Dieser Pfad birgt Geheimnis: so sehr ihn des Sonntags Spaziergänger, Skater und Radfahrer bevölkern… Links und rechts nimmt sich die Natur ihr Recht, wuchert mit Farnen und Nesseln: schafft ein Dickicht aus Hinterhalt… Es ist das Jahr 1758, den 6ten Februar, und Stemmeler aus Brühl geht munter pfeifend seines Weges; viel zu sorglos durch die Düsternis, die sich ausbreitet mit dem anbrechenden Abend…

Vielleicht pfeift er (Stemmeler) auch nur, um die Beklemmung nieder zu zwingen: zu der hat er allen Grund, denn die Mordbuben lauern hinter der Kehre… Kaum dass er dort anlangt, springen sie heraus aus dem dichten Gestrüpp, machen sich über ihn her mit Messern und Knüppeln… Stemmeler will noch schreien: obwohl ihn hier doch niemand hörte… Selbst das lassen sie nicht angehen: drücken ihm die Kehle zu mit grober Faust, ein letztes Röcheln, bis er nicht mehr strampelt. So morden sie ihn hin wegen zweier oder dreier Goldstücke…

Der Wald breitet seine grünen und moosigen Decken darüber und bloß ein Wegestein gedenkt dieser Tat, die wenngleich und sicherlich hinein verwoben ist in Wachsen und Werden des Gehölzes, dieses Uferdschungels, der den Strom begleitet… Am Ende atmet man doch auf, wenn man hinaus rollt aus diesem humiden Dunkel. Man saugt die würzige Luft der Felder und Weiden tief hinein in die Lungen: und sieht wieder weit, sieht Sürth.

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Rheinradeln. ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.