Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).

Rheinische Seher und Propheten

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. „Zweite Gesicht“, d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die „Vorgesichte“ – in Westfalen und am Niederrhein „Vorgeschichten“ genannt – sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen, stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten, Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten) Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt, sieht er starr vor sich hin. „Es giebt wenig Städte am Rhein,“ – wird 1822 berichtet – „wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären, und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden“. (…)

Schon im Jahre 1668 trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie brachte. Von erster Kindheit an – erzählte er – habe ich Geister geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche, welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen, öfter aber „schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll verfahren“ hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. (…)

In der Vaterstadt eines Rheinländers lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, „Kälber-Gerhard“, seiner Gesichte halber aber meist „Geisterseher“ nannte. Gewöhnlich um Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden und sein Bett nicht verlassen; da aber – so erzählte er – sei ihm zur Strafe seines Ungehorsams der „Geist“ reitend auf die Schultern gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe, die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um 12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten durfte. (…)

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: „Hier hast du deinen Rock!“ geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge. (…)

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten. (…)

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage: „Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird“; auch Johann Peter Knopp meint: „Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.“

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp auch Rembold, Jasper und ein anderer westfälischer Spökenkieker als Schauplatz einer großen Schlacht bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung: „O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.“ (…)

Gerade in bedrängten Zeiten tauchen prophetische Stimmen am ehesten auf, und so erschienen Anfang April 1761 plötzlich auch in Köln zwei alte Männer von ehrwürdigem Aussehen, die auf eine sonderbare Art gekleidet und barfuß waren und nur Wasser und Brot genossen. Sie verkündeten auf öffentlichen Gassen den Zorn Gottes über die Menschen und weissagten, daß im Jahre 1765 sich in allen vier Weltteilen ein allgemeiner Krieg entzünden, 1766 Konstantinopel zerstört werden, 1767 England im Wasser untergehen, 1768 die ganze Welt den wahren Gott erkennen und 1769 ein großer Mann ein wichtiges Zeugnis davon ablegen, 1770 ein allgemeines Erdbeben stattfinden, 1771 Sonne und Mond samt den Sternen vom Himmel fallen, 1772 die Welt in Flammen untergehen und endlich 1773 das allgemeine Weltgericht einbrechen werde. Man verbot ihnen sogleich, ihre Mission fortzusetzen; sie aber widersetzten sich diesem Befehle und gaben sich für Propheten aus, die der Himmel abgesendet, die Menschen zu schleuniger Buße zu ermahnen. Dieserhalb gefänglich eingezogen, wurden sie von den Jesuiten einem Verhör unterworfen; sie antworteten in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer und anderer Sprache und gaben vor, 700 Jahre alt und aus der Gegend von Damaskus gebürtig zu sein. Mit Erlaubnis der Obrigkeit von den Jesuiten gefesselt nach Rom geschickt, wollten sie dort die Richtigkeit ihrer Mission erweisen.

(Rheinische Seher und Propheten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Dr. Paul Bahlmann, Münster 1901)

Neger am Rhein

Im Rheinland saugen die Neger den Boden aus. Sie schwängern die Frauen in Kompagnie, gehen straflos aus, lachen über alle Proteste der Bevölkerung. Die Haltung der Bevölkerung ist in Deutschland vorbildlich: es gibt keine Meldung von Mord und Totschlag. Diese Leute, denen die Frauen kaputtgemacht werden, sind von Lynchjustiz himmelweit entfernt. Sie knirschen mit den Zähnen, aber dazu gehen sie auf den Abtritt, daß es niemand hört. Sie nageln die Neger nicht an die Türen, sie sägen die Neger nicht entzwei, sie ballen die Fäuste im Sack und onanieren nebenbei. Sie beweisen, daß ihnen Recht geschieht. Sie sind die Überreste des großen Krieges, der Abschaum der Bevölkerung, die niedergehauenen Mäuler, das entmenschte Massenvieh, deutsche Bürger von 1920.

(aus Bertolt Brecht: Werke: Journale I (1913-1941), Tagebücher 1913-1922)

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In England sowohl als in Italien ist der Zwiespalt in den Anschauungen der besseren bodenständigen Staatskunst und dem Wollen des jüdischen Weltbörsentums klar, ja manchmal kraß in die Augen springend.
Nur in Frankreich besteht heute mehr denn je eine innere Übereinstimmung zwischen den Absichten der Börse, der sie tragenden Juden und den Wünschen einer chauvinistisch eingestellten nationalen Staatskunst. Allein gerade in dieser Identität liegt eine immense Gefahr für Deutschland. Gerade aus diesem Grunde ist und bleibt Frankreich der weitaus furchtbarste Feind. Dieses an sich immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas. Denn die Verpestung durch Negerblut am Rhein im Herzen Europas entspricht ebensosehr der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes unseres Volkes wie der eisig kalten Überlegung des Juden, auf diesem Wege die Bastardisierung des europäischen Kontinents im Mittelpunkte zu beginnen und der weißen Rasse durch die Infizierung mit niederem Menschentum die Grundlagen zu einer selbstherrlichen Existenz zu entziehen.
Was Frankreich, angespornt durch eigene Rachsucht, planmäßig geführt durch den Juden, heute in Europa betreibt, ist eine Sünde wider den Bestand der weißen Menschheit und wird auf dieses Volk dereinst alle Rachegeister eines Geschlechts hetzen, das in der Rassenschande die Erbsünde der Menschen erkannt hat.
Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die Verpflichtung, unter Zurückstellung aller Gefühlsmomente, dem die Hand zu reichen, der, ebenso bedroht wie wir, Frankreichs Herrschgelüste nicht erdulden und ertragen will.
In Europa wird es für Deutschland in absehbarer Zukunft nur zwei Verbündete geben können: England und Italien.

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

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Zyklisch kehren Ängste sich in Pogromschwangerschaften. Sprache dient als Mittel der Aufstachelung, die politischen Lager ergehen sich in Fehleinschätzungen, begleitet von Propagandalügen (das rechte) sowie zynischer Ironie (das linke) und steuern gemeinsam, als befänden sie sich in einer unlösbaren Situation, auf die Katastrofe zu. Für den ungeschulten Leser sind die Geisteshaltungen hinter beiden Texten kaum zu unterscheiden. Weder Brecht noch Hitler haben sich in ihren Texten häufig zum Rheinkomplex geäußert, doch gehören beider Äußerungen definitiv zu den unpoetischsten, die wir bisher gesammelt haben.

die Freude eines ausgebrochenen Sommers

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Ein gewaltiges, geschlossenes Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo

“Rein territorial angesehen, verschwindet der Flächeninhalt des Deutschen Reiches vollständig gegenüber dem der sogenannten Weltmächte. Man führe ja nicht England als Gegenbeweis an, denn das englische Mutterland ist wirklich nur die große Hauptstadt des britischen Weltreiches, das fast ein Viertel der ganzen Erdoberfläche sein eigen nennt. Weiter müssen wir als Riesenstaaten in erster Linie die amerikanische Union, sodann Rußland und China ansehen. Lauter Raumgebilde von zum Teil mehr als zehnfach größerer Fläche als das derzeitige Deutsche Reich. Und selbst Frankreich muß unter diese Staaten gerechnet werden. Nicht nur, daß es in immer größerem Umfang aus den farbigen Menschenbeständen seines Riesenreiches das Heer ergänzt, macht es auch rassisch in seiner Vernegerung so rapide Fortschritte, daß man tatsächlich von einer Entstehung eines afrikanischen Staates auf europäischem Boden reden kann. Die Kolonialpolitik des heutigen Frankreichs ist nicht zu vergleichen mit der des vergangenen Deutschlands. Würde sich die Entwicklung Frankreichs im heutigen Stile noch dreihundert Jahre fortsetzen, so wären die letzten fränkischen Blutsreste in dem sich bildenden europa-afrikanischen Mulattenstaat untergegangen. Ein gewaltiges, geschlossenes Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, erfüllt von einer aus dauernder Bastardisierung langsam sich bildenden niederen Rasse.”

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

Captain Picard (The Robbers of the Rhine)

For many hundreds of years the valley of the Rhine itself, and the various valleys adjacent, were the haunt of numerous bodies of rapacious and desperate banditti. The rugged, mountainous nature of the country naturally made lawlessness the more easy there, and till so late as the beginning of the nineteenth century these gangs of robbers were a constant menace to the traveller in Rhineland. At the time of the French Revolution, indeed, and for some decades thereafter, the district was literally infested with thieves; for the unsettled state of Europe at this date perforce tended to bring desperadoes from far and near, and for a while the inhabitants of the different villages on the banks of the Rhine endured a veritable reign of terror.

But almost from the outset the brigands realized that they would soon be undone if they grew too numerous. They knew that, in that event, strong military measures would probably be taken against them; so they made every effort to practise that union which is proverbially strength, and to prevent the enlisting in their ranks of anyone likely to prove cowardly or perfidious. In some cases, too, they actually had a well and capably organized system whereby one of their number could escape quickly, if need be, from the scene of his crime; for, like the French prisoners described in Stevenson’s St. Ives, they had a line of sanctuaries extending perhaps into Austria or Italy, the retreat in most instances being an inn whose keeper was sworn to hide and protect his robber guest at all costs. In short, there was honour among these thieves, and even a certain spirit of freemasonry; while, more important still, the captain of a band was very often in league with the few police officials of the neighbourhood.

The great highwaymen of Stuart and Georgian England — for example, that gallant Beau Brocade of whom Mr. Austin Dobson writes — were mostly content with waylaying a chance passer-by; while their contemporaries in France usually worked on this principle also, as witness the deeds of the band who figure in Théophile Gautier’s story Le Capitaine Fracasse. But the robbers of the Rhine were of different mettle from these, and often it was almost a predatory warfare rather than mere brigandage which they carried on. Frequently they had an agent in each of the villages on the river, this agent being usually a member of the scattered remnant of Israel; and the business of this person was to discover a house containing especial wealth, and then to inform the robbers accordingly. Having gleaned the requisite information in this wise, the gang would sally down from the mountains at dead of night; and it was customary, as they drew near to their prey, for the captain to call his henchmen to attention and see that each was ready for the imminent fray. Then, having gagged the village watchman and muffled his bell, they would proceed to surround the house they intended to rifle, and, should resistance be offered, to batter in the door with a log or other instrument. Sometimes it would transpire that the Jewish agent had misinformed them, telling them of booty where booty there was little, and woe betide him should this prove the state of affairs. Moreover, unlike the brigands in Gil Blas, these scoundrels of the Rhine would not be encumbered by prisoners, and they were wont to slay outright all who were minded to show fight.

Yet to their own brotherhood the robbers were invariably loyal, seldom failing to carry away with them such of their confrères as were wounded in the assault; for each was sworn to support his fellows under all circumstances, and awful was the fate of the marauder who violated this compact. It is told of a band commanded by one Picard, a cruel but brave leader, that one of its members chanced to be captured, and with a view to purchasing his freedom he gave information about the whereabouts of his chief. The next night, as the captive lay in his dungeon, a masked face suddenly appeared at the barred window, and in awestruck tones the prisoner asked the new-comer to declare his identity. “I am Picard, your captain,” came the answer. “As in duty bound, I have risked my life to set you free,” and having spoken thus, he proceeded to file through one of the bars, which being accomplished, the reprobate was drawn out of his cell by the aid of a rope. He breathed freely now, finding himself once more among some of his old comrades, but a moment later Picard addressed him again. “Traitor,” he snarled, “do not think that your perfidy has failed to reach our ears; you must pay the full penalty.”

“Mercy,” cried the unfortunate one; “at least let me die in action. Lead on against some foe, and let me fall at their hands.”

“Cowards,” retorted Picard, “deserve no such gallant fate,” and with these words he drove his sword deep into the heart of the traitor.

In general it was a point of honour among these bandits that none should reveal to a woman anything about the doings of his band, and one story relates how a young brigand, on the eve of setting out on his first predatory expedition, was rash enough to inform his sweetheart whither he and his mates were bound. Their commander was a Captain Jikjak, reputed something of a wit; and betimes, after the brigands had marched forward silently for a while, this worthy called upon them to halt. They imagined it was but the usual inspection of arms which was about to take place, but Jikjak, speaking in stentorian tones, told them that a traitor was in their midst, and pointing to the culprit, he bade him step forth. The young man pled his youth as an excuse for his fault, and he told the captain that, could he but get a chance to show his prowess once, they would soon see that he was as gallant a robber as any of them. But Jikjak laughed scornfully, saying he was anxious to find out which was stronger, the young man’s legs or a pair of trees. The culprit quailed on hearing the verdict, and implored a less ghastly fate; but Jikjak was obdurate, and smiling blandly, he bade his followers bend a couple of stout branches to the ground and tie their tops to the ankles of the offender….

Such, then, were the robbers of the Rhine, and such the code of honour which existed among them. A romantic institution they no doubt were, yet it was a form of picturesqueness whose disappearance can scarcely be regretted.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)

Jonathans Selbstmord

„Ich bin der einzige Engländer“, sagt Jonathan.
Wir sitzen seit zehn Minuten gemeinsam an einer Theke am Alter Markt. Es ist 2 Uhr – nachmittags natürlich, denn um 2 Uhr nachts kann man sich nicht mehr vernünftig unterhalten. Jedenfalls nicht über Selbstmord.
„Du meinst, der einzige Engländer in diesem Pub hier?“ frage ich.
„Nein“, sagt Jonathan, „der einzige Engländer in Köln. Ich wäre auch der einzige Engländer in England.“
Jonathan erinnert ein wenig an John Cleese – Ironie, Hypochondrie, konstruktiver Fatalismus. Was er ernst meint und was nicht, ist schwer zu trennen.
„Man hat mir meinen Führerschein weggenommen. Mein Konto ist gesperrt. Und heute Morgen haben mich die Cops eingesackt. Eine Prügelei, frag mich nicht.“
„Ich frag nicht.“
Direkt vor uns zapft die Kellnerin ein neues Guinness hoch. Sie hat hat lange, schöne Finger, die auch Jonathan auffallen. Er will wissen, warum ich hier bin. Ich sage:
„Ich mach Pause. Und du?“
„Ich denke darüber nach, mich gleich im Rhein zu ersäufen.“
„Ist ein guter Fluss dafür.“
„Ich weiß“, sagt Jonathan. „Aber die Themse wär mir lieber.“
Jonathan wohnt in Nippes. Er wirft ein paar Worte aus, von denen er glaubt, sie klingen Kölsch. Außerdem hat er die Idee für ein Theaterstück: Im Bauch der sinkenden Titanic; sechs Todgeweihte, was sie denken, was sie tun in ihren letzten Minuten. Womit wir wieder beim Wassertod wären.
„Meine Ex ist ein Biest“, sagt Jonathan.
„So ist das“, antworte ich, mittelwitzig, „mit Echsen.“
Statt der avisierten drei Kölsch bin ich inzwischen beim achten. Da kann man nicht mehr nur Goldtaler ausspucken.
„Und meine Kinder sind 8 und 6. Ich bin ein später Vater.“
Ich nehme einen tiefen Schluck, und das eiskalte Bier stanzt einen letzten Dukaten aus meinem benebelten Sprachzentrum.
„Dann sieh wenigstens zu, dass du´s noch eine Weile bleibst.“
Jonathan sieht mich zum ersten Mal geradeheraus an, starrt dann eine Weile in sein Bier, grinst unsicher und sagt: „Vielleicht bin ich ja doch nicht der einzige Engländer.”

(Ein Gastbeitrag von Bernd Imgrund, rheinsein dankt! Der Text erschien zuerst in der Reihe Thekentänzer (Nr. 74) auf Bernd Imgrunds Köln-Blog beim Emons-Verlag. Jeden Mittwoch gibt es dort neue Geschichten, Gedichte, Anekdoten, Zitate und Interviews zum Thema Köln, sehr häufig in Nahdistanz zu einem der zahllosen Tresen der Stadt.)